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Interkulturelles Lernen. Eine kritische Untersuchung des Interkulturellen Lernens im Rahmen des Freiwilligendienstes "weltwärts"

von Neema Li (Autor)

Hausarbeit 2015 43 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärungen

3. Modell der interkulturellen Sensibilität nach M. Bennett

4. Untersuchung der Freiwilligenberichte anhand des Modells zur Messung der interkulturellen Sensibilität
4. 1 Untersuchung des Anfangs – und Abschlussberichts eines weltwärts – Freiwilligen (I)
4.1.1 Anfangsbericht
4.1.2 Abschlussbericht
4. 2 Untersuchung des Anfangs – und Abschlussberichts eines weltwärts – Freiwilligen (II)
4.2.1 Anfangsbericht
4.2.2 Abschlussbericht

5. Zusammenfassung und abschließende Reflexion
5.1 Auswertung der Analyse – Sind entsprechende Lernfortschritte im Erwerb interkultureller Sensibilitätüber den Verlauf des Freiwilligendienstes zu erkennen?
5.2 Eignung des Modells für die Untersuchung der Freiwilligenberichte

6. Ausblick

7. Literaturverzeichnis

ANHANG:
Bericht 1
Bericht 2
Bericht 3
Bericht 4

1. Einleitung

Junge Menschen in Deutschland haben ein großes Interesse, nach der Schule oder der Ausbildung in die Welt zu ziehen und eine Zeit im Ausland zu verbringen, verbunden mit dem Interesse, sich sozial engagieren zu können. Eine Möglichkeit hierzu besteht darin, einen Freiwilligendienst in Entwicklungsländern zu absolvieren (vgl. Scheller & Stern, 2012, S. 1). 2008 wurde der entwicklungspolitischen Freiwilligendienst weltwärts durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufen, an welchem seitdem rund 20.000 Freiwillige teilgenommen haben (vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung [BMZ], 2013). In den Medien wird immer wiederüber diesen Freiwilligendienst berichtet und dessen Sinnhaftigkeit divers diskutiert. Die zu vernehmenden Stimmen reichen vonüberschätzten Lobeshymen bis hin zu scharfer Kritik des Freiwilligendienstes als Pauschaltourismus. Außerdem beschreibt ein Großteil der Medienberichte die Ausreisenden als Entwicklungshelfer in armen Ländern (vgl. Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V. [VENRO], 2009, S. 6), obwohl als Hauptziel das Globale Lernen der Freiwilligen im Vordergrund steht (vgl. GIZ, 2014, S. 12). Entsprechend lautet das Motto des Freiwilligendienstes Lernen durch tatkräftiges Helfen und verfolgt dahingehend verschiedene Ziele: Zum einen die direkte Unterstützung der Partnerländer, im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe, zum anderen die Entwicklung von Bewusstsein und Wertschätzung für die Vielfalt des Lebens und schließlich die Bildung eines Verständnisses für die Abhängigkeit des eigenen Lebens im globalen Kontext. Außerdem sollen Impulse für die entwicklungspolitische Inlands – und Bildungsarbeit im Sinne des globalen Lernens in der Arbeit mit den zurückkehrenden Freiwilligen gegeben werden (vgl. Scheller & Stern, 2012, S.2).

Aufgrund der divergenten Bewertungen des Freiwilligendienstes soll in der vorliegenden Hausarbeit mit dem Titel Interkulturelles Lernen mit weltwärts? – Eine kritische Untersuchung des interkulturellen Lernens im Rahmen des Freiwilligendienstes weltwärts die Wirksamkeit des Ziels des interkulturellen Lernens untersucht werden. Um eine Verständnisgrundlage zu schaffen, sollen zunächst wichtige Begriffe geklärt werden, bevor das Modell der Entwicklung interkultureller Sensibilität erläutert wird. Das Modell dient als Basis zur Untersuchung der Entwicklung interkultureller Sensibilität von Freiwilligen anhand der Bericht, zu Beginn und nach Abschluss des Freiwilligendienstes. Es folgt eine Zusammenfassung mit abschließender Reflexion in welcher die Auswertung der Analyse und die Beurteilung der Eignung des verwendeten Modells erfolgen. Das Ende der Hausarbeit bildet ein weiterführender Ausblick.

2. Begriffserklärungen

Um die Untersuchung der interkulturellen Sensibilität einordnen zu können, müssen zunächst einige Begriffe geklärt werden. Die Definition der interkulturellen Kompetenz wird maßgeblich bestimmt durch die Definition der Kultur, weshalb der Kulturbegriff als Erster zu klären ist.

Bennett und Bennett (2004, S. 150) definieren Kultur als Zusammenwirken von Glauben, Werten und angelernten Verhaltensweisen, die beim Interagieren einer Gruppe von Personen geteilt und praktiziert werden. Diese Definition hebt sowohl die sichtbare Seite (Verhaltensweisen) als auch die unsichtbare Seite (Glauben, Werte) der Dimension der Kultur hervor. Weiter definieren sie interkulturelle Kompetenz als die Fähigkeit, in interkulturellen Situationen wirksam zu kommunizieren und sich innerhalb verschiedener Kulturen angemessen zu verhalten (vgl. ebd.). Interkulturelle Kompetenz wird dabei bestimmt durch das Zusammenwirken von verschiedenen Fähigkeiten, welche sich in drei Dimensionen der affektiven, kognitiven und verhaltensbezogenen Dimension unterteilen lassen. Diese ermöglichen eine wirksame und angemessene Interaktion in unterschiedlichen kulturellen Kontexten (vgl. ebd.).

Herbrand (2000) nimmt eine ähnliche Unterteilung dieser drei Dimensionen bei der Defininition der interkulturellen Kompetenz vor:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: eigene Darstellung nach Herbrand, 2000, S. 43

Unter interkulturellem Wissen versteht Herbrand das Wissen um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen. Dieses Wissen trägt dazu bei, die Komplexität einer Kultur besser zu verstehen. Als interkulturelle Sensibilität bezeichnet er die Fähigkeit, interkulturelle Situationen zu durchschauen. Dabei spielen vor allem die Eigenschaften der Empathie, Offenheit, Toleranz und Geduld, aber auch die persönliche Einstellung zu interkulturellen Kontakten eine bedeutende Rolle (vgl. Herbrand, 2000, S. 43). Interkulturelles Wissen und interkulturelle Sensibilität alleine reichen jedoch nicht aus, wenn sie nicht im Verhalten manifestieren und sich in praktische Handlungskompetenz umsetzten. Diese beiden Dimensionen des interkulturellen Wissens und der interkulturellen Sensibilität müssen durch bestimmte Fähigkeiten auf der kommunikativen Ebene und der Verhaltensebene ergänzt werden, um eine wirksame Interaktion mit Menschen einer anderen Kultur stattfinden zu lassen und um die möglichen Konflikte, welche aus der kulturellen Andersartigkeit resultieren bewältigen zu können beziehungsweise gar nicht erst entstehen zu lassen (vgl. ebd.).

3. Modell der interkulturellen Sensibilität nach M. Bennett

Das Development Model of Intercultural Sensivity (DMIS) wurde entwickelt, um die unterschiedliche Verarbeitung der interkulturellen Interaktion von Schülern und Studenten einzuordnen und zu erklären (vgl. Bennett & Bennet, 2004, S. 152). Das DMIS bezieht sich somit speziell auf die persönliche Entwicklung der interkulturellen Sensibilität. Die Auseinandersetzung mit kultureller Verschiedenheit ist dabei maßgebend für die Entwicklung einer differenzierten Weltsicht (vgl. Bennett, 2004, S. 62). Bennett entwickelte dafür sechs Stufen, welche sich hauptsächlich auf die Entwicklung kognitiver Strukturen bezieht und weniger auf Einstellungen und Verhalten. Je fortgeschrittener die Persönlichkeitsentwicklung, desto eher ist ein differenzierter Umgang mit kulturellen Unterschieden möglich (vgl. Bennett & Bennett, 2004, S. 152). Die Persönlichkeitsentwicklung vollzieht sich von einem anfänglich ethnozentrischen Weltbild, welchem die ersten drei Entwicklungsstufen Verleugnung, Abwehr und Minimierung zugeordnet werden, hin zu einem ethnorelativen Weltbild, welchem die letzten drei Entwicklungsstufen Akzeptanz, Adaption sowie Integration zugehören. Unter einer ethnozentrischen Weltsicht versteht Bennett, dass die eigenen kulturellen Standards als zentral gelten und die eigenen Werte und Normen universelle Gültigkeit besitzen. Dementsprechend werden kulturbedingte Unterschiede verleugnet, herabgebrochen oder abgewertet. Beimübergang zu einer ethnorelativen Weltsicht wird die eigene Kultur nicht mehr universell in den Mittelpunkt gestellt, sondern es werden die verschiedenen kulturellen Kontexte berücksichtigt sowie kulturelle Unterschiede erkannt und respektiert: Sie werden als gleichberechtigte Realitäten wahrgenommen. Das Modell der interkulturellen Sensibilität nach M. Bennett geht nicht nur von einem schrittweisen Erreichen höherer Stufen aus, sondern auch von Rückschritten in niedrigere Stufen (vgl. ebd., S. 153).

Die erste Stufe der Entwicklung interkultureller Sensibilität entspricht der Verleugnung. Personen, welche sich auf dieser Entwicklungsstufe befinden, nehmen ihre eigene Kultur als absolute Wahrheit und einzige Realität wahr. Sie sind nicht in der Lage, kulturell relevante Unterschiede zu erfassen, da sie kaum Erfahrung mit Diversität aufweisen können. Wenn kulturelle Unterschiede wahrgenommen werden, so werden sie durch einfachste Stereotypisierung undifferenziert kategorisiert (vgl. Bennett, 2004, S. 63).

Die Distanz zum Fremden zeichnet die folgende, zweite Stufe der Abwehr aus. Dabei wird die eigene Kultur mit deren Werte und Normen noch stärker als die einzig wahre und richtige Lebensweise aufgefasst. Personen, welche sich auf dieser Stufe befinden sind eher in der Lage kulturelle Unterschiede wahrzunehmen, als noch auf der vorhergehenden Stufe. Die kulturellen Unterschiede werden als fremde Realität wahrgenommen, was sich durch eine wir hier – die dort – Haltung ausdrückt. Das Fremde wird nicht mehr ignoriert, sondern aktiv als Bedrohung der eigenen, als universell gültigen Wirklichkeit wahrgenommen. Die Abwehr kann in Form von Abwertung oder einemüberlegenheitsgefühl der anderen Kultur gegenüber zum Ausdruck kommen. Ebenso wird die Verdrehung der Stufe der Abwehr zugeordnet. Hierunter wird verstanden, dass die fremde Kultur idealisiert und die der eigenenüberlegen wahrgenommen wird (vgl. ebd., S. 66).

Auch in der dritten Stufe der Minimierung steht die eigene Kultur noch im Zentrum des eigenen Weltbildes. Auf dieser Stufe werden besonders kulturelle Gemeinsamkeiten erkannt und hervorgehoben, wodurch die immer noch wahrgenommenen kulturellen Unterschiede in den Hintergrund rücken. Die Personen auf dieser Stufe gehen davon aus, dass sich alle Menschen physiologisch ähneln und somit auch gleiche Bedürfnisse teilen (physischer Universalismus) oder gemeinsame, grundlegende Werte teilen da sie alle Kreaturen einer spirituellen, philosophischen Schöpfung sind (transzendenter Universalismus). Der Umgang mit kulturellen Unterschieden auf der Stufe der Minimalisierung kann einen weltoffenen und toleranten Eindruck erwecken. Die Fokussierung auf die kulturellen Gemeinsamkeiten ist jedoch kein Ausdruck von Weltoffenheit, sondern von der unzureichend ausgebildeten Fähigkeit der differenzierten Wahrnehmung der Kulturen sowie einem mangelndem eigenen Kulturbewusstsein (vgl. ebd., S. 67).

Die Personen, welche sich auf der vierten Entwicklungsstufe der Akzeptanz befinden, zeigenüberwiegend Anzeichen einer ethnorelativen Weltsicht. Sie sind in der Lage, anderen Kulturen und fremden Lebensformen Wertschätzung entgegen zu bringen. Die fremden Lebensformen werden als gleichberechtigte Alternative akzeptiert und in einer respektvollen Haltung wahr – und angenommen. Die Akzeptanz der Andersartigkeit darf jedoch nicht verwechselt werden, weder mit völligerübereinstimmung oder Bevorzugung, noch gar mitübernahme der fremden Kultur, sondern als Akzeptanz der unterschiedlich wahrgenommenen Realität unterschiedlichen Kulturen. Allerdings werden die erkannten kulturellen Unterschiede nur als wahr in den unterschiedlichen Kontexten akzeptiert, jedoch nicht ausreichend reflektiert (vgl. ebd., S. 69).

In der fünften Stufe der Adaption findet die Auseinandersetzung mit der fremden Kultur bewusst statt. Personen, welche sich auf der Stufe der Adaption befinden, zeichnen sich durch die Fähigkeit der Empathie und des Perspektivenwechsels aus. Durch die intensive Erfahrung der fremden Kultur wird das eigene Handlungsrepertoire und kulturelle Verständnis erweitert, was zu einem angemessenen Verhalten und Erleben dieser fremden Kultur führt. Die Veränderung auf dieser Stufe manifestiert sich nicht nur kognitiv, sondern insbesondere durch die Veränderung im Verhalten. Voraussetzung für die Entwicklung interkultureller Sensibilität ist hauptsächlich der bewusste Umgang mit kulturellen Unterschieden wie auch deren differenzierte Reflexion (vgl. ebd. S. 71).

Die sechste und damit letzte Stufe des Modells hin zu einer voll ausgeprägten interkulturellen Sensibilität ist die Integration. Das Erreichen dieser Stufe hängt nicht von kognitiven oder praktischen Fähigkeiten ab, sondern allein von der eigenen kulturellen Identität. Die Personen auf der Stufe der Integration erweitern die eigenen kulturellen Erfahrungen durch verschiedene vielfältige Facetten anderer kultureller Weltsichten, wodurch sie ihre eigene kulturelle Identität erweitern. Sie verfügenüber ein großes Handlungsrepertoire und umfassendes kulturelles Verständnis. Diese Stufe wird erreicht von Personen, welche in einer anderen Kultur aufgewachsen sind oder für eine längere Zeit in einem anderen kulturellen Kontext gelebt haben. Aufgrund ihres multikulturellen Kontextes sind sie einerseits Teil der anderen Kultur, wie sie sich jedoch genauso von dieser auch abheben. Sie lassen sich keinem kulturellen Kontext eindeutig zuweisen, wodurch jedoch auch ein Zustand derüberforderung hervorgerufen werden kann (vgl. ebd. S. 72).

4. Untersuchung der Freiwilligenberichte anhand des Modells zur Messung der interkulturellen Sensibilität

Um die Entwicklung der interkulturellen Sensibilität nachvollziehen zu können, sollen insgesamt vier Berichte von zwei Freiwilligen untersucht werden. Es handelt sich dabei um jeweils den ersten und letzten Bericht, um Aussagenüber die Entwicklung während der Zeit des Auslandsaufenthaltes treffen zu können.

4.1 Untersuchung des Anfangs – und Abschlussberichts eines weltwärts – Freiwilligen (I)

Zunächst soll der Anfangsbericht, darauf folgend der Abschlussbericht stufenweise nach dem Modell der Entwicklung interkultureller Sensibilität nach M. Bennett untersucht werden. Es wird außerdem der Hauptinhalt der jeweiligen Stufen zum besseren Verständnis erneut knapp zusammengefasst.

4.1.1 Anfangsbericht

1. Stufe: Verleugnung

Personen auf dieser Stufe sind unfähig, kulturell relevante Unterschiede wahrzunehmen. Gründe dafür können die fehlende Erfahrung mit anderen Kulturen oder schlicht die Ignoranz interkultureller Unterschiede sein (vgl. Bennett & Bennett, 2004, S. 63).

„Das Leben hier war so normal, keine Menschen in Lehmhütten in der Steppe, Kinder mit glasigen, treuen Augen und Blähbäuchen wie Afrikaüberall beschrieben wird. […] Es war irgendwie normaler als ich dachte.“ (Bericht 1, S. 18)

Dieser Abschnitt kann der ersten Stufe der Verleugnung zugeordnet werden, da die fremde Kultur nicht (an)erkannt wird. Außerdem sind extreme Kategorisierungen wie normal und anders Anzeichen eines stark ausgeprägten ethnozentrischen Weltbildes.

2. Stufe: Abwehr

Personen, die sich auf dieser Stufe befinden, realisieren dass es eine fremde Kultur gibt, diese wird jedoch als eine Bedrohung der eigenen Wirklichkeit aufgefasst. Abwertung oder Idealisierung der fremden Kultur sind typische Kennzeichen (vgl. ebd., S. 66).

„Die einzige Straßenregel, die man meinte, aus dem Chaos, welches dort herrschte erkennen zu können war, dass die meisten Autos sich an den Linksverkehr hielten.“ (Bericht 1, S. 17)

Dieser etwas ironisch formulierten Aussage kann eine wertende Absicht unterstellt werden. In Formulierungen wie „Chaos“ oder „einzige Straßenregel“ kommt die versteckte Abwertung zum Vorschein.

„Fremdes Land, fremde Sprache, fremde Situation, fremde Menschen.“ (Bericht 1, S.17)

Durch die Wiederholung und damit Hervorhebung des Wortes „fremd“ kann dem Schreiber unterstellt werden, sich in der Auffassung seiner eigenen Wirklichkeit bedroht zu fühlen.

„Auch wenn es vielleicht nicht unbedingt bewusst passiert, so sind die Tansanier meiner Meinung nach, was das Teilen und damit das Schaffen der Gemeinschaft angeht weit näher dem Beispiel Jesu zu folgen, als wir es sind.“ (Bericht 1, S. 20)

In diesem Abschnitt wird die Idealisierung der fremden Kultur besonders deutlich. Das Verhalten der Deutschen wird klar wertend dem Verhalten der Tansanier, was die Fähigkeit des Teilens angeht untergeordnet.

3. Stufe: Minimierung

Kulturelle Gemeinsamkeiten stehen im Mittelpunkt für die Personen, die sich auf der Stufe der Minimierung befinden. Es wird davon ausgegangen, dass im Grunde alle Menschen gleich sind.

„Dass hier auch Menschen leben, die ziemlich ähnliche Verhaltensmuster an den Tag legen wie ich es aus Deutschland gewohnt bin, hat mich irgendwie trotz allemüberrascht.“ (Bericht 1, S. 18)

Die Gleichheit der Menschen wird erkannt, ist jedoch zunächst eine oberflächliche Beobachtung und scheint noch nicht vollständig internalisiert, da eine Begründung, wie beispielsweise „alle Menschen sind gleich“ fehlt.

4. Stufe: Akzeptanz

Personen, die sich auf dieser Stufe befinden, werden sich bewusst, dass die eigene Kultur nicht das Zentrum der Welt und auch nicht die beste Referenz ist. Das Interesse an anderen Kulturen steigt, wie auch der Wunsch, zu verstehen wie andere Kulturen funktionieren (vgl. ebd., S. 69).

„ Die anfänglicheüberraschungüber die Gleichheit und Andersartigkeit habe ichüberwunden und das zunächst fremde Leben und die fremden Leute sind mir vertraut und lieb geworden.“ (Bericht 1, S.19).

Dieser Abschnitt zeugt von einer Auseinandersetzung, Reflexion und Verarbeitung der anfänglich im Fokus stehenden Beobachtung von Gleichheit und Andersartigkeit. Das Fremde ist dem Schreiber vertraut geworden. Daraus kann einübergang zum ethnorelativen Weltbild vermutet werden, welcher sich ab der vierten Stufe verorten lässt.

4.1.2 Abschlussbericht

2. Stufe: Abwehr

„Es ist eine Gelassenheit, die die Tansanier auszeichnet. Genau diese Lebenseinstellung bzw. diese Lebenshaltung vermisse ich hier bei uns und stelle immer wieder fest, wie festgefahren undübertrieben pedantisch wir Deutschen oft sind und wie wir uns damit so oft nur selber im Wege stehen.“ (Bericht 2, S. 23)

Aus dieser Beschreibung ist eine Idealisierung der fremden Kultur, verbunden mit der Abwertung der eigenen herauszulesen.

3. Stufe: Minimierung

„ Nur weil man sich ein paar tausend Kilometer von zu Hause befindet, sich mal etwas von dem alt Gewohnten und Vertrauten entfernt, trifft man – wer hätte es gedacht, auch nur auf Menschen die im Großen und Ganzen dieselben Probleme beschäftigen wie uns in Deutschland auch. Deren Bedürfnisse, Gefühle und Gewohnheiten sind ja keine völlig anderen.“ (Bericht 2, S.23)

Diese Formulierung trifft die Beschreibung der Stufe der Minimalisierung. Die Einordnung der Aussage zu einem ethnozentrischen Weltbild scheint mir jedoch nicht ganz gerechtfertigt. Es wird dabei nicht von völliger Gleichheit der Menschen ausgegangen, sondern nur von den grundlegenden Bedürfnissen, welche die Menschen teilen, die sich unabhängig von dem kulturellen Kontext, in welchem sie sich befinden, ergeben.

6. Stufe: Integration

Durch differenzierte und reflektierte interkulturelle Interaktion verändert sich auch die kulturelle Identität einer Person. Gewisse Elemente verschiedener Kulturen werden in die eigene Identität integriert (vgl. ebd., S. 72).

„Menschen sind in der Lage aufeinander zuzugehen, Kompromisse zu schließen und auch ohne die gleiche Sprache zu sprechen in Kontakt miteinander, in Austausch zu treten. Wir sind in der Lage zurückzustecken und uns gegenseitig zu bereichern in Gegensätzlichkeit und Gleichheit.“ (Bericht 2, S. 23)

In diesem Abschnitt wird der Wert der (kulturellen) Diversität betont, nach dem Prinzip Einigkeit in der Vielfalt macht uns erfolgreich betont. Es wird nicht direkt die Erweiterung der kulturellen Identität beschrieben, jedoch besteht eine Bereitschaft dahingehend.

„Eine der Hauptlektionen, die ich erst lernen bzw. viel mehr einfach zulassen musste war, mich von dem ständig Ziel- und Zweckgerichteten, das uns anerzogen wurde, teilweise distanzieren zu können.“ (Bericht 2, S. 24)

Die eigenen Erfahrungen werden durch die Erfahrung anderer kultureller Weltsichten erweitert. Die als wertvoll wahrgenommene Eigenschaft der Gelassenheit wurde zum Bestandteil der eigenen kulturellen Identität. Personen auf der Stufe der Integration zeichnen sich durch ein umfassendes kulturelles Verständnis aus. Ob den Verfasser des Berichts tatsächlich ein umfassendes kulturelles Verständnis auszeichnet ist aus diesem einen Abschnitt nicht herauszulesen.

4.2 Untersuchung des Anfangs – und Abschlussberichts eines weltwärts – Freiwilligen (II)

4.2.1 Anfangsbericht

1. Stufe: Verleugnung

„ Außerdem ist Tansania schon sehr viel mehr von westlichen Einflüssenüberflutet, als ich gedacht hätte: An jeder Straßenecke kann man Coca Cola und Handyguthaben von Vodacom kaufen, aus den Lautsprechern vor den kleinen Läden dröhnen Lieder aus den europäischen oder amerikanischen Charts […].“ (Bericht 3, S.25)

Dieser Abschnitt ist der Stufe der Verleugnung zuzuordnen, da kulturelle Unterschiedeübergangen werden und das eigene Weltbild im Zentrum des Beurteilungsmaßstabes steht.

2. Stufe: Abwehr

„Dass Männer ihre Frauen schlagen, scheint nichts Außergewöhnliches zu sein. […] Wie kann eine ganze Gesellschaft so etwas dulden? Warum sehen die Leute nicht, wie unmenschlich viele Frauen behandelt werden? Wie kann man vor solchen Verbrechen an den Frauen die Augen verschließen?“ (Bericht 3, S. 26)

In diesem Abschnitt ist eine Abwertung der fremden Kultur zu erkennen. Man kann dem Schreiber unterstellen, sich bewusst oder unbewusst von der fremden Kultur bedroht zu fühlen.

„Die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen – wenn man nach dem Weg fragt, lassen die Leute oft alles stehen und liegen und bringen einen direkt hin, und so oft habe ich schon ein paar Kartoffeln, Tomaten oder Mangos von mir völlig unbekannten Menschen geschenkt bekommen.“ (Bericht 3, S. 27)

Hier ist eine Idealisierung der fremden Kultur zu erkennen.

4. Stufe: Akzeptanz

„Für mich ist das schwer nachvollziehbar. Aber wenn man bedenkt, wie wenig Gehalt die Lehrer bekommen […] und dass viele einfach enttäuscht sind von der Regierung des Staates, für den sie arbeiten […] dann kann man schon erahnen, warum Lehrer keine Motivation zum Unterrichten haben.“ (Bericht 3, S. 29)

Der Verfasser des Berichts versucht sich in die Situation der Menschen hinein zu versetzten und die Kultur von innen heraus zu verstehen, weshalb dieser Abschnitt der Stufe der Akzeptanz zugeordnet ist. Jedoch ist einübergang zu einer ethnorelativen Weltsicht fraglich, da die eigene Kultur weiter als Wertemaßstab herangezogen wird.

[...]

Details

Seiten
43
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668391048
ISBN (Buch)
9783668391055
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v352731
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
interkulturelles lernen eine untersuchung interkulturellen lernens rahmen freiwilligendienstes

Autor

  • Neema Li (Autor)

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Titel: Interkulturelles Lernen. Eine kritische Untersuchung des Interkulturellen Lernens im Rahmen des Freiwilligendienstes "weltwärts"