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Gandhi in Südafrika. Welche Rolle spielte das Kastensystem im Exil?

Hausarbeit 2016 19 Seiten

Geschichte - Afrika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Kastensystem
2.1. Definition: Das Kastensystem
2.2. Relevanz des Kastenwesens für die religiöse Praxis
2.3. Die Unberührbarkeit

3. Historischerüberblick - Inder in Südafrika
3.1. Beweggründe der Migration
3.2. Hinduismus und Kastensystem in Südafrika
3.3. Die Rolle der Kasten

4. Fazit

5.Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das indische Kastensystem blickt auf eine mehr als 2000 Jahre alte Geschichte zurück und prägt bis heute noch die indische Gesellschaft. In dieser Arbeit soll die Rolle des Kastensystems in Südafrika zu Zeiten Gandhis im Vordergrund stehen. Die Präsens Mahatma Gandhis in Südafrika zwischen 1893-1914 spielt in dieser Zeit eine besondere Rolle für die Bedeutung des Kastensystems. 1893 kam Gandhi als Anwalt nach Südafrika, um anfänglich einen indischen Kaufmann in einem Rechtsstreit zu verteidigen. Es dauerte nicht lange bis Gandhi zur Erkenntnis kam, dass die Diskriminierung von Indern und Afrikanern in Südafrika zur Tagesordnung gehörte. Gandhi entschied sich zu bleiben und wurde später zu einem politischen Anführer der indischen Minderheit in Südafrika. Die ersten politischen Aktivitäten gegen die diskriminierenden Gesetze für Inder in Südafrika blieben erfolglos. Es wurden leere Versprechungen gemacht oder Zusagen gemacht, die später nicht eingehalten wurden. Dies führte dazu, dass Gandhi seine politischen Aktivitäten stärkte und sie weiter entwickelte. Diese Entwicklung mündete in der Satyagraha. Die Satyagraha war ein Gemisch aus Askese, multireligiöser Spiritualität und Aufrichtigkeit. Mit der Satyagraha Kampagne soll es Gandhi gelungen sein, eine Mehrzahl aller in Südafrika lebenden Inder zu einer politischen Gruppe zu instrumentalisieren. Es sollen nicht nur die Anfänge eines neuen politischen Mittels gegen die diskriminierenden Gesetze gewesen sein, sondern auch der Anfang einer indischen Gemeinschaft, die hinwegüber Kastengrenzen agiert haben soll.[1] Eine zentrale Frage, die Gandhi in Südafrika entwickelte, war die Frage der Identität der Inder. Außerhalb von Indien gelang es ihm einen schärferen Blick auf die Identitätsfrage der Inder zu werfen. Schließlich stellte er sich die Frageüber die Einheit aller Inder und versuchte diese Einheit herzustellen. Gandhi sah für die Identität der Inder die gemeinsame kulturelle Identität als ausschlaggebend abseits der religiösen und sprachlichen Differenzen. Die kulturellen Gemeinsamkeit lagen für ihn folglich nicht in der hinduistischen Religion. Die Gemeinsamkeiten lagen für ihn in einer langen indischen Tradition, welche eine Zivilisation etablierte, die Moral in den Vordergrund stellte anstelle eines materialistisch orientierten Westens. Gandhi sah die Einheit aller Inder zunächst in einer moralischen und sozialen Umgestaltung.[2] Um die Frage beantworten zu können, ob das Kastensystem weiterhin eine Rolle spielte, soll die Frage untersucht werden, ob die Inder tatsächlich als eine einheitliche Gruppe im gemeinsamen Kampf agiert haben.

Außerdem soll die vorliegende Arbeit einenüberblick darüber verschaffen, ob Gandhi es tatsächlich schaffte, die Inder unabhängig von religiösen und sprachlichen Hintergründen zusammenzuschließen und sie für einen gemeinsamen Kampf zu bewegen.

Es gibt zahllose Schriften von Gandhi, die in verschiedenen Zeitungen zu seiner Zeit in Südafrika entstanden sind. Wichtig ist die Zeitschrift Indian Opinion, die von Gandhi 1903 gegründet wurde, um die Interessen und Themen der Inder in Südafrika anzusprechen und wöchentlich erscheinen sollte. In der Zeitschrift wurden Meinungen und Nachrichtenüber Inder in Südafrika veröffentlicht sowie Berichteüber die diskriminierenden Gesetze für Inder und Leserbriefe von der lokalen Presse sowie Berichteüber wichtige Geschehnisse in Indien und Beiträge zu sozialen, moralischen und intellektuellen Themen.[3] Es gibt eine große Bandbreite von gesammelten Schriften, die zu Gandhis Lebzeiten erschienen sind. Hierzu sollen die mehrere Schriften von 1891-1914 untersucht werden, die im Band ,,Collected works“ veröffentlicht wurden, um die Frageüber die Präsenz des Kastensystems zwischen 1893-1914 in Südafrika zu beantworten.

2. Das Kastensystem

2.1. Definition: Das Kastensystem

Der Begriff ,,Kaste“ stammt aus dem Portugiesischen (casto) und bedeutet etwas, das nicht vermischt ist. Der entsprechende Begriff aus dem Sanskrit ist ,,varna“, was so viel wie Farbe bedeutet und imübertragenen Sinn für Gattung oder Art steht. Der Varna umfasst die Regelung aller gesellschaftlichen Bereiche: Zivilrecht, Sitte, Beruf und Religion. Diese Bereiche sind in hohem Maße kastenspezifisch konzipiert.[4] Der Varna gliedert die Gesellschaft in vier soziale Schichten ein: die Brahmanen (Priesterklasse), die Ksatriya (Krieger), die Vaisya (Kaufleute und selbstständige Bauern) und die Sudras (Handwerker und Dienstleistende). Als fünfte Schicht wurde eine Gruppe bezeichnet, die aufgrund verschiedener Gründe kastenlos war. Jene aus nicht erlaubter Kastenmischung und jene, die aufgrund einer Schandtat aus ihrer Kaste ausgeschlossen wurden, zählen zu der Gruppe der Kastenlosen.[5] Ein Großteil der Kastenlosen arbeitet als abhängige Landarbeiter und macht die unreinen Aufgaben wie das Beseitigen von Kadavern, Säubern von Toiletten, das Häuten von Tieren, Gerben von Leder und Herstellen von Schuhen.[6]

Eine Gliederung der Gesellschaft nach verschiedenen Gruppen und Schichten lässt sich im heutigen Indien erst um ca. 300 v. Chr. nachweisen. Das Varna-Modell entstammte aus dem Versuch der Brahmanen, die Gesellschaft in Nordindien, eine Region, die von Ariern besiedelte war, nach Kategorien zu ordnen. Im Laufe der Zeit wurde dieses Verfahren verfeinert und nahm an religiöser sowie normativer Bedeutung an.[7] Das heutige Kastenwesen kann nicht einfach auf das alte Varna-Modell zurückgeführt werden. Heute kann man in Indien ca. 3000-4000 Kasten unterscheiden. Die Kastenzugehörigkeit regelt den gesellschaftlichen Umgang miteinander, was besonders im Bereich des Heiratsmarktes zum Ausdruck kommt und in vielen Bereichen gesellschaftlicher Hierarchie. Offiziell wurde das Kastenwesen von der indischen Regierung abgeschafft, faktisch hat es aber weiterhin eine große Bedeutung.[8]

2.2. Relevanz des Kastenwesens für die religiöse Praxis

Die Zugehörigkeit zum Hinduismus ergibt sich aus der Geburt in die Kastengesellschaft. Das Kastensystem ist durch religiöse Werte strukturiert[9], wonach der soziale Status eines Einzelnen nach dem Ausmaß seiner rituellen Reinheit bestimmt wird. Dies regelt den Umgang und bestimmt ihn für die Durchführung von religiösen Ritualen. Somit ist der soziale Status an die Rituale gebunden, wobei beide sehr stark miteinander verbunden sind, sodass der soziale Status sehr stark von der religiösen Identität abhängt.[10] Folglich wird der Hinduismus durch den Ritualismus der Brahmanen, der Priesterklasse, gesteuert. Die Zugehörigkeit zur sozialen Schicht erfolgt nicht allein aus dem Maße der rituellen Reinheit, sondern der Lehre des karman und der Wiedergeburt. Die Rituale alleine ermöglichen es, dass der Mensch sozial positioniert wird und in die Gesellschaft eintreten kann.[11] Die brahmanische Tradition betrachtet die Zugehörigkeit zu einer jeweiligen sozialen Schicht aufgrund der positiven oder negativen Qualität im vorherigen Leben.[12] Somit ist das jetzige Leben das Ergebnis der Verdienste, die man im vorherigen Leben verdient oder nicht verdient hat. Das Erfüllen der Pflichte im Diesseits kann es den Hindus erlauben, sich auf das nächste Leben vorzubereiten und somit auf eine Geburt in eine bessere soziale Schicht zu hoffen. Daher soll jeder Einzelne Hindu das beste draus machen und seine Pflichten erfüllen, die ihm das Dharma vorlegt. Dies wird von der Mehrheit der Hindus praktiziert, sodass wenige versuchen ihrem Schicksal zu entkommen, da sie durch die Erfüllung ihrer Pflichten im Diesseits sich eine bessere Geburt im nächsten Leben erhoffen. Die Karman Lehre wird von den Hindus nicht als Argument für soziale Diskriminierung angesehen.[13]

2.3. Die Unberührbarkeit

Am Rande der hinduistischen Gesellschaft leben die sogenannten Unberührbaren, die sich mit all den Dingen abgeben müssen, die von den Kastenhindus ausgeschlossen werden, damit sie ihre ,,Reinheit“ bewahren können, wie bereits erwähnt, mit dem Beseitigen von Kadavern und anderen Arbeiten, die dazu führen unrein zu sein. Die Randgruppe der Unberührbaren ist der sozialen Ausgrenzung und Diskriminierung somit aufgrund ihres Dharmas ausgesetzt. Zwar sind sie kein Teil des Kastensystems, da sie keiner Kaste angehören, dennoch kann das Kastensystem nur aufgrund des Vorhandenseins der Unberührbaren funktionieren, damit die Angehörigen der vier Kasten ihre Rituale durchführen können, ohne dabei gegen das Reinheitsgebot zu verstoßen.[14] Die Gruppe der Unberührbaren ist keine homogene Gruppe und verfügtüber weitere Unterteilungen innerhalb der Kastenlosen, die miteinander nicht immer solidarisch sind.[15] Zwar wurde gesetzlich die Praxis der Unberührbarkeit verboten, dennoch wird sie in der Realität noch angewandt. Zu den diskriminierenden Tatsachen zählen unter anderem das Verbot der Benutzung des Dorfbrunnens sowie das freie Betreten des Dorfes. Sie leben in den meisten Fällen in eigenen Siedlungen und sind vom sozialen Geschehen deutlich ausgeschlossen. Auch sind sie bestimmten Kleidervorschriften unterworfen, die durch die höheren Kasten bestimmt werden.[16] Es wurde bereits erwähnt, dass die Kastenzugehörigkeit in den brahmanaischen Konzepten durch das sogenannte Karman bestimmt wird, das dafür sorgt, dass die Menschen aufgrund ihrer positiven oder negativen Anstrengungen früherer Leben in eine bestimmte Kaste hineingeboren werden. Jedoch gibt es viele Unberührbare, die dieses Gesetzt nicht als gerecht betrachten und ihr gegenwärtiges Leben nicht als Strafe für das vorherige Leben ansehen. Viel mehr glauben sie daran, dass es sich um einen fatalen Fehler in der Geschichte handelt, der dazu führte, dass eine gleichgestellte Gesellschaft verfiel.[17] Zwar wird der eigene Status beklagt, dennoch wird das System nicht kritisiert. Im Rahmen von Reformierungsversuchen des Hinduismus war das Thema der Unberührbaren immer an der Tagesordnung. Verschiedene politische Bewegungen kamen zusammen, die sich für die Abschaffung der Unberührbarkeit einsetzten. Einer der wichtigsten Personen zum Thema Reformation und Abschaffung der Unberührbarkeit war Bimrao R. Ambedkar. Er kritisierte den Hinduismus scharf und forderte alle Unberührbaren auf, zum Buddhismus zu konvertieren.[18] Er wurde durch die Auseinandersetzungen mit Gandhiüber die Quotenfrage bei den Wahlen für die Unberührbaren bekannt und kritisierte ihn stark für seine Bezeichnung der Unberührbaren als ,,Harijans“ (Geschöpfe Gotttes). Heute kann man davon ausgehen, dass die politischen Kampagnen es ein Stück weit geschafft haben, dass die Unberührbaren in der hinduistischen Gesellschaft Aufstiegschancen haben, dennoch werden sie weiterhin, vor allem in den ländlichen Gebieten, von den höheren Kasten diskriminiert.[19]

3. Historischerüberblick - Inder in Südafrika

Die Migration von Indern nach Südafrika fand zwischen 1860 und 1911 statt. Es gab zwei signifikante Gruppen unter den Migranten: Die ,,indentured Indians“ und die ,,passenger Indians“, also die Vertragsarbeiter und die Gruppe derer, die als freie Kaufleute nach Südafrika kamen. Unter diesen waren es 152.184 Vertragsarbeiter, die durch Arbeitsverträge für eine bestimmte Zeit an einem bestimmten Ort arbeiten mussten. Der größte Teil der indischen Auswanderer waren die sogenannten ,,indentured migrants“. Der andere Teil, also die ,,passenger Indians“, kam als freie Arbeitergruppe nach Südafrika um die eigene wirtschaftliche Situation zu verbessern und neue Geschäfte zu gründen. Die ,,indentured migration“ brachte den Vorteil mit, dass man nach Ablauf dieser vereinbarten Arbeitszeit als unabhängiger Migrant galt.[20] Manche, die ihre Vertragszeit beendet hatten, stiegen in die Landwirtschaft ein. Unter diesen erlangten wenige ein Stück Land, wo sie landwirtschaftlichen Anbau trieben. Doch viele Inder machten als Gemüseanbauer weiter und trieben vor allem Handel in Durban und Pietermaritzburg. Jene die nicht in die Landwirtschaft oder in den Gemüseanbau einstiegen, arbeiteten in Fabriken der schweren Industrie oder für den Zuckeranbau. Die Geschäftstüchtigen konnten sich selbständig machen und arbeiteten im Juwelierbereich, als Klempner, Schmiede oder Tischler. Die Mehrzahl der unabhängigen Inder wurde jedoch als Arbeiter oder Handwerker tätig. Die meisten Inder ließen sich in Natal nieder.[21] Das Schiff ,,Truro“ brachte am 16. November 1860 die ersten ,,indentured Indians“ von Madras nach Durban. Insgesamt gab es 340 Menschen an Board, unter ihnen 87 Christen, 94 Malabars, 27 Muslime und 132 Gentoos. Die Bezeichnung Gentoo beschreibt jene, die zur unteren Kaste angehören und die Sprache Telegu sprechen wobei Malabar jene bezeichnet, die Tamil sprechen. Beide genannten Bezeichnungen tauchen allerdings in keinen Büchern auf, die auf das Kastensystem oder auf hinduistische Lehren zurückführen. Jedoch sind beide Bezeichnungen geläufig von den Menschen selbst benutzt worden, als sie auf dem Schiff zu ihrer Kastenzugehörigkeit gefragt wurden.

[...]


[1] Marx: Südafrika, S.129.

[2] Brown: Gandhi and South Africa, S.26-27.

[3] MKGandhi: History of Indian Opinion

[4] Stietencron: Der Hinduismus, S.96.

[5] Ebd., S.97.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Malinar: Hinduismus, S.186-187.

[9] Malinar: Hinduismus, S.184.

[10] Ebd.

[11] Ebd., S.187.

[12] Ebd., S.186.

[13] Ebd.

[14] Malinar: Hinduismus, S.192.

[15] Ebd., S.193.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd., S.194.

[19] Ebd., S.195.

[20] Bhana: Setting down roots, S.14.

[21] Ebd., S.17.

Details

Seiten
19
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668395602
ISBN (Buch)
9783668395619
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v352770
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Historisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Gandhi Südafrika Kasten Hinduismus

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