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Natürliche Sexualität. Voraussetzungen für Eltern als Vorbilder bei der Vermittlung von Sexualität

Seminararbeit 2015 19 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretisches Wissen
2.1. Eigene Reflexion
2.2. Über Sexualität
2.3. Psychoanalytischer Ansatz
2.4. Bindung - Beziehung
2.5. Einflüsse von außerhalb
2.5.1. Schule und Peer-Groups

3. Lernen am Modell – Vorbildwirkung
3.1. Innere Haltung
3.2. Empathie / Wertschätzung / Echtheit
3.3. Geschlechterrollen
3.4. Partnerschaft
3.5. Kommunikation
3.6. Vermittlung von (Lebens-)Lust

4. Resümee / Fazit

5. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

In dieser Arbeit geht es nicht nur darum, wie dem Schlimmsten – nämlich dem sexuellen Missbrauch – vorgebeugt werden könnte, sondern auch und vor allem um die Voraussetzungen zur Vermittlung eines natürlichen, lustvollen Umgangs mit dem eigenen Körper, der körperlichen Liebe und der Sexualität im Allgemeinen. Die Fragestellung „Was ist im Sinne einer Vorbildwirkung in Bezug auf eine natürliche Entwicklung von Sexualität im Kontext der Familie zu beachten?“ sucht nach Antworten, Beispielen und Ideen, inwiefern die engsten Bezugspersonen (für diese Arbeit wurde der Familienkontext gewählt, somit von Mutter und Vater) ihrer immensen Bedeutung als Vorbilder gerecht werden können.

In seinem Buch „Vorbilder und Vorbildhandeln“ meint Holger-Ludwig Riemer, dass sich in der Regel mit den Eltern als den frühesten Bezugspersonen im Leben des Menschen ein emotionaler und zwischenmenschlicher Austausch auf intensivster Ebene entfalte. Die Nachahmung der Eltern von Seiten der Kinder beginne schon nach wenigen Monaten. Die Eltern dringen somit durch ihre Verhaltensweisen, Einstellungen und Gefühle in der engen sozialen Interaktion stärker zu ihren Kindern durch als durch wortreiche Instruktionen oder gezielte Erziehungsmaßnahmen. Das Nachahmen und somit Lernen von Vorbildern hat speziell in den ersten sieben Jahren, aber auch in späteren Entwicklungsphasen einen hohen Stellenwert (vgl. Riemer 2011, S. 40).

Dieser sexualpädagogische Teil der Erziehungsarbeit von Eltern soll Kinder und Jugendliche in ihrem Prozess unterstützen, sich verantwortungsbewusst und selbstbestimmt Sexualität anzueignen, diese zu entwickeln und entsprechend zu leben. Sexualität umfasst hier die Identität des Menschen, nicht ausschließlich technische Fragen, sondern vor allem die Beziehungsgestaltung und Lustaspekte der körperlichen Liebe. Dermaßen umfassend gesehen hat die Sexualerziehung eine präventive Wirkung in Hinblick auf ungewollte Schwangerschaften, sexuell übertragbare Krankheiten und sexuelle Gewalterfahrungen. Intentionen der Sexualpädagogik sind Toleranz für sowie Respekt vor der Mannigfaltigkeit menschlicher Ausdrucksweisen und Lebensformen und die Reflexion von Geschlechterrollen bzw. Machtverhältnissen, die auf Partnerschaft und Sexualität Einfluss haben (vgl. Thömmes & Brand, 2013).

Aus Gründen der Umfangsbeschränkung kann in dieser Arbeit auf einige wichtige Aspekte wie beispielsweise Kommunikationsmethoden oder wissenschaftliche Hintergründe nicht oder nur sehr kurz eingegangen werden. Die Auswahl der umfassender behandelten Punkte geschah unter anderem aufgrund der vorhandenen Fachlektüre beziehungsweise im Sinne der Ausgewogenheit der Arbeit.

2. Theoretisches Wissen

2.1. Eigene Reflexion

So wie in jeder Phase des Eltern-Seins werden die Erwachsenen auch in Sachen Sexualerziehung an ihre eigene Kindheit und Jugend erinnert - jeder Erzieher ist schließlich gleichzeitig einstmals Erzogener. Unreflektierte Erfahrungen von früher bestimmen zu einem großen Teil, wie Eltern zur Sexualität stehen, was „erlaubt“ und was „peinlich“ ist, worüber zu reden in Ordnung geht und wo die eigenen Grenzen der Eltern liegen. Den Kindern zuliebe ist eine Reflexion der eigenen Erfahrungen angebracht, um übernommene Anschauungen und Einstellungen zu überdenken und somit nicht unwillentlich etwas zu vermitteln, das im Grunde gar nicht zum heutigen Standpunkt der Eltern passt.

Die früheren Möglichkeiten, Informationen über die Liebe, den Körper und die Sexualität zu erfahren waren im Vergleich zu heute äußerst gering. Fast unbeschränkt ist heutzutage der Zugang dazu, sei es durch das Internet, das Fernsehen oder andere Medien. Diese Voraussetzungen in Hinblick auf Informationserhalt sind allerdings so gut, dass Erwachsene oft mit Unverständnis auf die Tatsache reagieren, dass Jugendliche diese Chancen der freien Kommunikation nicht ausreichend wahrnehmen (vgl. Schröder 2005, S. 343). Wollen Erwachsene dies tatsächlich den Medien überlassen?

2.2. Über Sexualität

Ein profundes Wissen von dem zu lehrenden Thema ist die Grundlage jeglicher Wissensvermittlung. Nicht nur sollten die Inhalte fachlich korrekt sein, auch weiterführende, ins Detail gehende Fragen sollten so gut wie möglich beantwortet werden können. Es bietet sich beispielsweise an, Literatur zu diesem Thema zur Verfügung zu haben beziehungsweise besorgen zu können (z.B. in Bibliotheken etc.) und mit dem Kind oder der/m Jugendlichen entweder gemeinsam zu lesen oder ihnen dies zur Selbstlektüre zu überlassen. Es ist keine Schande, etwas nicht zu wissen – den Kindern sollte aber die Möglichkeit geboten werden, ihr Wissen zu vertiefen.

Laut Amann und Wipplinger ist die „richtige“ Sexualerziehung eine

… systematische, konzeptgeleitete und flächendeckend durchgeführte Sexualerziehung, die nicht nur die biologische, sondern auch die soziale Dimension von Sexualität betont und die nicht nur zu einem Zeitpunkt im Laufe der Entwicklung angeboten wird, sondern mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung wiederholt stattfindet. (Amann & Wipplinger 2005, S. 761)

Allerdings sind weder die Eltern alleine dafür verantwortlich, noch handelt es sich dabei um ein punktuelles Ereignis. Sowohl Schule als auch Beratungsstellen und Ärztinnen und Ärzte stehen ebenfalls in der Verantwortung, Kinder und Jugendliche über die Jahre hinweg mit ausreichend Informationen zur Sexualität zu versorgen. Die Aufgabenbereiche verteilen sich auf die Art, als dass die Eltern hauptsächlich für die erste Vermittlung von Rollenbildern (siehe Punkt 3.3), kommunikativen Fähigkeiten (siehe Punkt 3.5) und Handlungskompetenzen zuständig sind und für ein biologisches Basiswissen (Regelblutung, Geschlechtsverkehr, Verhütung …) sorgen. Die Bereitschaft der Jugendlichen, sich von den Eltern diesbezüglich etwas sagen zu lassen, sinkt naturgemäß mit den Jahren. Weitere Informationen zum theoretischen Teil gibt es dann in der Schule - je nach Engagement der Lehrkraft kann der Umfang jedoch stark variieren. Handelt es sich um besonders intime Themen (sexuelle Praktiken, Selbstbefriedigung etc.), wenden sich die Jugendlichen nur ungern an Eltern oder Lehrer. Anonyme Beratungsstellen oder Fachärzte können hier die gewünschten Informationen bieten (vgl. Weidinger, Kostenwein, & Dörfler 2007, S. 2ff.).

2.3. Psychoanalytischer Ansatz

Das Verstehen der einzelnen Phasen der psychosexuellen Entwicklung eines Menschen und deren Einflüsse auf die Erwachsenensexualität kann schon lange vor einer verbalen Sexualaufklärung dazu genutzt werden, den Grundstein für einen gesunden, lustvollen Umgang des zukünftigen Erwachsenen mit der Sexualität zu legen.

Im ersten Lebensjahr befindet sich der Mensch in der oralen Phase, in welcher die Sinne und Organe der Nahrungs- und Kontaktaufnahme (u.a. Mund, Sinnesorgane und Haut) als Lust- und Trostspender dienen. In dieser Phase geht es um Geborgenheit und Sicherheit – das sogenannte „Urvertrauen“ wird gebildet, das in Folge auch für das Selbstwertgefühl und die Frustrationstoleranz zuständig ist. Wird diese Phase positiv erlebt (z.B. durch angenehme Nahrungsaufnahmesituationen und viel ganzheitlichen Kontakt), resultiert daraus der Grundstein von Beziehungs- und späterer Lustfähigkeit sowie dem Vertrauen in sich selber und in andere, außerdem eine Ich-Stärke, die die Fremdartigkeit anderer aushält (als Basis jeder zukünftigen Beziehung). Bleiben zu viele orale Bedürfnisse ungestillt, können daraus z.B. mangelndes Selbstwertgefühl, argwöhnische Eifersucht, zu hohe Ansprüche an andere und auch die Unfähigkeit, dem Partner/der Partnerin zu geben, was er/sie braucht, resultieren (vgl Loewit 1998, S. 49-59).

Die anale Phase umfasst das zweite bis dritte Lebensjahr – ein Zeitraum, in dem die Kontrolle über die Ausscheidungsvorgänge erlangt wird und die Selbständigkeit, das Gefühl von Macht und das Loslassen-Können wichtige Themen sind. Die Zwiespältigkeit dieser Fähigkeiten (Macht hat ihren Preis, Anpassung an Erwartungen anderer, das eigene Produkt wird als schmutzig angesehen …) führen zu Anspannungen innerhalb des Kindes. Hier liegen die Wurzeln von zukünftigem Leistungsdruck, vom Betrachten des Partners / der Partnerin als Besitz, von der Sexualität als Mittel zur Macht uvm. Auch Versagensängste, Minderwertigkeitsgefühle, Impotenz und Anorgasmie können ihren Ursprung in der „Dressur“ bei der Sauberkeitserziehung haben (Loewit 1998, S. 60-64).

Das sexuelle Interesse für die eigenen Geschlechtsteile und für Geschlechtsunterschiede verstärkt sich deutlich in der phallisch-ödipalen Phase vom dritten zum fünften Lebensjahr. Die gegenseitige Begutachtung (Doktorspiele) und Fragen zu Heirat und Kinderkriegen sind wichtige Themen bei Spielen, vor allem bei Rollenspielen. Die Reaktion der Eltern auf solche, zum Teil sexuell getönten Verhaltensweisen der Kinder, ist von großer Bedeutung. Bestrafung oder Zeichen von Abscheu können zu Belastung der Sexualität mit Schuldgefühlen führen, in Folge zu massiven Störungen der Potenz und der sexuellen Erlebnisfähigkeit im Erwachsenenalter. Ein Ignorieren ist ebenso wenig hilfreich; der Dialog ist gefragt, ein verständnisvolles Umgehen mit dem kindlichen Forschungsdrang. Auf die Gleichwertigkeit der Geschlechter sollten Eltern in dieser Phase speziell achten: die nun erkannten anatomischen Geschlechtsunterschiede haben ausreichend Potenzial für Neid und Minderwertigkeitsgefühle von Seiten der Mädchen (in weiterer Folge u.U. für sexuelle Funktionsstörungen). Die ödipale Thematik dieser Lebensphase (Kind nimmt eine nähere und bewusstere Beziehung zum gegengeschlechtlichen Elternteil ein) führt zu einem für spätere Partnerschaften bedeutungsvollen Austesten des Eheverhaltens mit Vater/Mutter. Hier wird das „Urbild“ von Mann bzw. Frau geboren. Die in dieser Phase unvermeidlichen Dreieckssituationen führen wiederum zu Schuldgefühlen und Ambivalenzen – lieben die Kinder doch auch den gleichgeschlechtlichen Elternteil, den sie allerdings zu ersetzen versuchen. In diesen Jahren wird auch die Über-Ich-Instanz (das Gewissen) gebildet. Sehr strenge Eltern lassen das Kind ein sehr strenges Gewissen entwickeln, das Angst machen und lähmende Schuldgefühle entstehen lassen kann, welche auch lange Jahre später noch wirksam sein können. Ein größeres Problem als zu strenge Eltern sind heutzutage allerdings Eltern, die nicht greifbar sind – entweder, weil durch Trennung ein Elternteil nur mehr sporadisch zur Verfügung steht oder weil sich die Eltern dieser Auseinandersetzung schlicht nicht mehr stellen wollen (Loewit 1998, S. 64-72).

In der Latenzzeit (von Schuleintritt bis zum Einsetzen der Pubertät) ist das sexuelle Interesse kein Themenschwerpunkt mehr, dennoch sollten anfallende Fragen geduldig beantwortet werden – auch damit der/die Pubertierende zu gegebenem Zeitpunkt weiterhin offen für Gespräche mit den Eltern ist. Durch die enormen physischen und psychischen Veränderungen in der Pubertät verbunden mit Hormonschwankungen, Freiheitsdrang und dem Wunsch, ein Kind zu bleiben, ist der/die Jugendliche komplett hin- und hergerissen, alles in Aufruhr. Besondere Brisanz erhält in dieser Phase der Entwicklung die Autoerotik. Hier geht es um einiges mehr als nur um Selbstbefriedigung – die liebevolle Beziehung zu sich selbst, zur eigenen Sexualität. Als Eltern kann man seine Kinder in dieser Zeit gut insofern unterstützen, als dass man ihnen hilft, an ihre Stärken und Fähigkeiten zu glauben, aber auch ihre Schwächen und Unsicherheiten anzunehmen (Loewit 1998, S. 72-79).

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Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668393288
ISBN (Buch)
9783668393295
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353083
Institution / Hochschule
Fachhochschule OberÖsterreich Standort Linz
Note
Sehr Gut
Schlagworte
natürliche sexualität voraussetzungen eltern vorbilder vermittlung

Autor

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Titel: Natürliche Sexualität. Voraussetzungen für Eltern als Vorbilder bei der Vermittlung von Sexualität