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'Reale Welt' und 'poetische Welt' im "Goldenen Topf". Narrative Verfahren der Darstellung und Verknüpfung

Hausarbeit 2016 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. ÄKunst, aber Märchen; Märchen, aber Kunst“ - Eine Einbettung des Kunstmärchens in die Epoche der Romantik

3. Realität und Poesie - Die verschiedenen Ebenen im Goldenen Topf
3.1. Wer ist real und wer nicht? Reale und poetische Figuren
3.2. Dresden
3.3. Atlantis

4. Analyseteil
4.1. Hoffmann der Erzähler: Erzählerposition und Erzählebenen im Goldenen Topf:
4.2. Die Zeit als narrativer Faktor: Ordnung, Dauer und Frequenz
4.3. Erzählschema:

5. Fazit

Bibliografie

1. Einleitung

Das Leben läuft selten so, wie man es sich erhofft: Ohne Probleme, ohne Sorgen oder Kummer. Doch aus großem Leid entstehen manchmal wundervolle Geschichten. So auch in Der goldene Topf1 von E.T.A. Hoffmann. Die Lebensumstände, unter denen er das Märchen als Teil der ÄFantasiestücke in Callots Manier“, zwischen 1813 und 1814 schrieb, waren katastrophal. Leid, Krankheit, Armut, Hungersnot; unter diesen Bedingungen brachte E.T.A. Hoffmann das Werk Der goldene Topf hervor. Dabei Äspiegelt [sich] fast nichts von seiner persönlichen Bedrängnis“2 in dem Märchen wider. In einem Brief an seinen in Bamberg lebenden Verleger, Carl Friedrich Kunz, schildert E.T.A. Hoffmann seinen Kummer, gleichzeitig aber auch die Kraft, die er daraus zieht und in seinem neuen Werk verewigen will.

ÄIn keiner als dieser düstern verhängnißvollen Zeit, wo man seine Existenz von Tage zu Tage fristet und ihrer froh wird, hat mich das Schreiben so angesprochen - es ist, als schlösse ich mir ein wunderbares Reich auf, das aus mein[em] Innern hervorgehend und sich gestaltend mich dem Drange des Aüßern entrückte […]“3

Zu dieser Zeit kam ihm die Idee zum Goldenen Topf, dessen Protagonist, der Student Anselmus, aus den Zwängen des Alltags und der realen Welt ausbricht, indem er, geführt vom Archivarius Lindhorst, in die Welt der Poesie flieht. Während dieser Reise zwischen Wirklichkeit und Poesie Äentwickelt[…] sich die Handlung auf zwei miteinander verschlungenen Erzählebenen“4. Zum einen gibt es die Äreale Welt“, die sich in Dresden zuträgt, wo Hoffmann derweil 1814 selbst lebte. Zum anderen eröffnet sich gleich in der Ersten Vigilie stückweise die poetische Welt, als Äein altes häßliches Weib“5 Anselmus mit einem Fluch belegt, der ihn Äins Krystall“6 stecken soll. Die poetische Welt dehnt sich im Laufe des Märchens aus und endet in der Zwölften Vigilie mit E.T.A. Hoffmanns persönlichem Besuch in Atlantis, bei dem Hoffmann sich von Anselmus‘ Wohlergehen selbst überzeugen kann. Der goldene Topf ist ein Musterbeispiel für narrative Verfahren zur Verknüpfung verschiedener Welten in der Epoche der Romantik. Deshalb lautet die Forschungsfrage dieser Hausarbeit: Welche narrativen Verfahren wandte Hoffmann an, um die poetische Welt und die reale Welt darzustellen und miteinander zu verknüpfen?

2. ÄKunst, aber Märchen; Märchen, aber Kunst“ - Eine Einbettung des Kunstmärchens in die Epoche der Romantik

Als Reaktion und Renitenz zur Epoche der Aufklärung 7entstand die Romantik Anfang des 18. Jahrhunderts. Literarisch und poetisch betrachtet, war es ein Ausbruch oder auch eine Flucht aus der Regulierung der Poesie: Ein reiner Bildungsanspruch sollte nicht länger das höhere Ziel von Büchern und Geschichten sein, sondern die Unterhaltung und der Blick in eine fantastische Welt. Vielleicht auch deshalb ist das Motiv des Eskapismus bei romantischen Schriftstellern wie Novalis und Hoffmann so stark vertreten.

ÄEs war, als erinnerte das altgewordene Geschlecht sich plötzlich wieder seiner schöneren Jugendzeit, und eine tiefe Erschütterung ging durch alle Gemüter […]. Von Grund aus verjüngt aber wurde insbesondere die Poesie, und gewann einen überraschenden Reichtum an Gehalt und Formen[…].“8

So beschreibt Joseph von Eichendorff die Epoche der Romantik. In dieser Zeit erfindet sich auch die Gattung des Märchens neu. Gründe, warum die Romantiker so beliebt waren, gibt es zahlreiche. Sie können Ädem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein“9 geben. Hierin liegt auch die Begründung für das plötzlich populär werdende Märchen. Es forcierte schnell zu einem beliebten Lesewerk, insbesondere bei dem weiblichen Adel. Die Gründe dafür sind einfach erklärt. Die Romantiker boten nun eine Plattform für gesellschaftskritische Themen, die durch Stilmittel wie Parodie und Allegorie vereinfacht und amüsant dargestellt und somit gesellschaftsfähig gemacht werden konnten.10 Man konnte sich nun, als gesellschaftliche Unterhaltungsmöglichkeit, im Salon über Geschichten und Märchen austauschen, diskutieren und sie teils neu erfinden. Es lässt uns auch heute noch zum einen Äaus der Zeit herausfallen“ und bietet zum anderen eine Äpoetische Leiter“ um uns zurückzuholen.11 Das Volksmärchen und das Kunstmärchen erfanden sich in der Romantik also neu und weisen, neben den Unterschieden, auch Einheitliches auf. Sowohl Mythoskonzept als auch Ironiekonzept sind ihnen gleich, aber unterschiedlich ausgerichtet.12 Da es sich bei E.T.A. Hoffmanns Der Goldene Topf um ein Kunstmärchen handelt, wird im Folgenden genauer auf diese Form des Märchens und ihre typischen Eigenarten eingegangen. Das Kunstmärchen ist, darauf weist Volker Klotz bereits hin, eine Zusammensetzung aus zwei Begriffen: Kunst und Märchen. Das Vorzeichen Kunst ergänzt die Definition des Märchens zum einen, zum anderen schränkt es selbiges auch ein.13 Die Auffassungen und Meinungen über die wahre Bedeutung des Kunstmärchens und die Abgrenzung zum Volksmärchen sind zur Zeit der Romantik schon sehr geteilt gewesen. Wer die negativ formulierte Definition des Kunstmärchens nimmt und Kunst mit künstlich gleichsetzt, der wird den Ansprüchen an ein Kunstmärchen aber nicht gerecht. Der Begriff künstlerisch, der gleichzeitig einhergeht mit poetisch, bezieht sich eher auf eine Wissensmythologie, die ironisch und selbstreflexiv ist.14 Die Säulen der romantischen Literatur sind ÄNatur - Dichter - Gott“15, je nach Autor unterschiedlich gewichtet. Auch im Goldenen Topf finden sich diese Säulen wieder. Beliebte Stilmittel wie das Doppelgängermotiv und der Dualismus sind in dem Märchen ebenfalls vertreten. Hoffmann transformiert dort die Welt nämlich nicht völlig. Die poetische Welt, die sich in seinen Werken entwickelt, wächst und besteht neben und in der realen Welt, sie bildet eine Fluchtmöglichkeit Äaus der Tristess der Alltagswelt in eine Phantasiewelt“16. Gleichzeitig enthält Der goldene Topf sowohl individuelle Entwicklungsgeschichten, als auch Geschichten der Schöpfung, Natur und der Welt, ausgedrückt durch den Atlantis-Mythos. Und obwohl häufig gelesen, ist das Märchen nicht ein reiner Eskapismus aus der Realität. Hoffmann greift die antinapoleonischen Kämpfe, die um 1814 in Dresden wüteten, in Kampfdarstellungen, wie die von Phosporus und dem Drachen17 und dem Todeskampf zwischen Lindhorst und Äpfelweib18 auf. Allerdings sind sie Ähermeneutisch eingehegt in Idealismus einerseits und Märchenpoetik andererseits“19. Dabei verschwimmen die Linien im Kampf von Gut und Böse, was ebenfalls ein Merkmal des romantischen Kunstmärchens ist und dem romantischen Volksmärchen mit seinen plakativen Charakteren entgegensteht.

[...]


1 Erläuterung für die Schreibweise Der goldene Topf aus: Deterding, Klaus: Hoffmanns Erzählungen. Eine Einführung in das Werk E.T.A. Hoffmanns. 1. Aufl.. W: Wönigshausen & Neumann, 2007. S. 60ff: ÄWas nun den Goldenen Topf betrifft, so verwendet Hoffmann in der Tat mal die eine, mal die andere Form des Adjektivs: mit oder ohne Äe“ in der Mitte. In der zweiten Auflage der Fantasiestücke von 1819 lautet der Titel des Märchens plötzlich ÄDer goldne Topf“ ohne e im Stamm. Das war der entscheidende Anstoß, […]. - Zu Recht? Ich meine: nein. […] Ich vermute: Sie ist ohne [Hoffmanns] Zutun entstanden, ist eine Eigenmächtigkeit des Verlegerns C.F. Kunz […]. Das ist ganz eindeutig! Hoffmann wollte, daß die Erzählung ÄDer goldene Topf“ heißt; so und nicht anders sollte der Titel lauten.“ Auf Grund dessen werde ich fortwährend die Schreibweise mit Äe“ benutzen, ausgenommen sind Zitate mit der Schreibweise ohne Äe“.

2 Wührl, Paul W.: Das deutsche Kunstmärchen : Geschichte, Botschaft und Erzählstrukturen. 3. Ergänzte Auflage.. Hohengehren: Schneider-Verlag Hohengehren, 2012. S.158

3 Hoffmann, E.T.A.: E.T.A. Hoffmanns Briefwechsel: Königsberg bis Leipzig 1794-1814. Erster Band. Bochum: Winkler, 1967. Brief 446 an Kunz in Bamberg, 19. August 1813, S. 408

4 Wührl, Paul-Wolfgang: E. T. A. Hoffmann, Der goldne Topf. Die Utopie einer ästhetischen Existenz. M: Schöningh, 1988. S.22

5 Hoffmann E.T.A.: Der goldene Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit. 5. Aufl.. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2012. S.9

6 Ebd. S.9

7 Vgl. Klotz, Volker: Das europäische Kunstmärchen: fünfundzwanzig Kapitel seiner Geschichte von der Renaissance bis zur Moderne. 3. überarb. und erw. Aufl.. Fink, 2002. S.7

8 von Eichendorff, Joseph: Zur Geschichte der neuern romantischen Poesie in Deutschland. in: Schultz, Hartwig (Hg.) : Werke, in sechs Bänden, Band 6. 1. Aufl.. Frankfurt am Main, Deutscher Klassiker Verlag, 1990. S.30

9 Novalis: Schriften, Band 2. Hg. von Schulz, Gerhard. Darmstadt 1965.

10 Oesterle, Günter: Einheit in der Differenz. Kunstmärchen versus Volksmärchen in der Romantik. In: Bunzel, Wolfgang ; Metz-Becker, Marita ; Oesterle, Günter ; Schultz, Hartwig: Romantik : Aspekte einer Epoche. 1. Aufl.. Ortsvereinigung Hamburg d. Goethe-Gesellschaft in Weimar e.V. (Hg.), Wettin OT Dößel: Verlag Janos Stekovics, 2009. S.15

11 Ebd. S.16

12 Vgl. Ebd. S.20

13 Vgl. Klotz, Volker: Das europäische Kunstmärchen. S.7

14 Vgl. Oesterle, Günter: Einheit in der Differenz. S.21

15 Karabegowa, Helena: Romantische Blumensymbolik. in: Hillenbrand, Rainer ; Rösch, Gertrud M ; Tscholadse, Maja: Deutsche Romantik : Ästhetik und Rezeption : Beiträge eines internationalen Kolloquiums an der Zereteli-Universität Kutaissi 2006. 1. Aufl.. München: iudicium, 2008. S.30

16 Lienrand, Claudia: Punschrausch und paradis artificiels: E.T.A. Hoffmanns ÄDer goldne Topf“ als romantisches Kunstmärchen. in: Alexander, Vera ; Fludernik, Monika ; Link, Franz ; Schlüter, Kurt: Romantik. Trier: WVT, Wiss. Verlag Trier, 2000. S.37

17 Vgl. Der goldene Topf. S.75f

18 Vgl. Ebd. S. 91-93

19 Schmaus, Marion: Der Goldene Topf, Ein Märchen aus der neuen Zeit. in: Lubkoll, Christine ; Neumeyer, Harald (Hg): E.T. A. Hoffmann Handbuch : Leben - Werk - Wirkung. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler, 2015. S.29

Details

Seiten
22
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668396173
ISBN (Buch)
9783668396180
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353545
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Schlagworte
Kunstmärchen Der goldene Topf E.T.A. Hoffmann Narrative Verfahren

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