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Die arbeitsmarktpolitischen Instrumente der Hartz-Reform

Ein Subsumtionsversuch auf den Begriff der politischen Technologien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 31 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Das Problem der Langzeitarbeitslosen im regierungspolitischen Aktionsraum

2 Die Arbeitsmarktreform von 2003 bis 2005
2.1 Die politischen Hintergründe zu der Arbeitsmarktreform
2.2 Die Akteure der Reform
2.3 Die Hartz-Gesetze
2.4 Bilanz zur Arbeitsmarktreform 2003 bis 2005

3 Instrumente und Methoden der Hartz-Reform

4 Synthese: politische Technologien in der Hartz-Reform

5 Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

Langzeitarbeitslose[1] stellen ein ökonomisches und gesellschaftliches Problem dar, da sie per se ausgeschlossen sind zum Reichtum der Gesellschaft beizutragen.

Dieser Reichtum ergibt sich aus dem Resultat wirtschaftlicher Produktionskraft und der sozialen Teilhabe an gesellschaftlichen Möglichkeiten, wobei anzumerken ist, dass beide Aspekte auch mit dem individuellen Selbstverständnis der Betroffenen Hand in Hand gehen.

Mit dem Titel „Langzeitarbeitslose im regierungspolitischen Aktionsraum“ wird sich mit dem Thema auseinandergesetzt, welche Instrumente und Methoden im foucaultischen Sinne unter den Begriff der politischen Technologien subsumiert werden können, die seit der Arbeitsmarktreform von 2003 bis 2005 in Deutschland angewandt werden, um Langzeitarbeitslose auf den Arbeitsmarkt zu (re-)integrieren.

Einleitend werden im ersten Kapitel Überlegungen angeführt, die das Sujet der Langzeitarbeitslosigkeit aus der Perspektive des Staates beschreiben sollen. Dabei steht vor allem die Neuausrichtung des Sozialstaates im Mittelpunkt. Offenkundige Konsequenz der zweiten rot-grünen Bundesregierung respektive dieses sozial-politischen Umdenkens ist die Hartz-Reform. Diese Reform brachte unter anderem Instrumente und Methoden hervor, die bei der (Re-)Integration von Langzeitarbeitslosen auf dem Arbeitsmarkt helfen sollen. An dieser Stelle knüpft der Aufsatz von Matthias Bohlender mit dem Titel „Die Unzulänglichen. Wie man Langzeitarbeitslose regiert“ an und gilt für diese Arbeit als literarischer Zugang.

In seiner Abhandlung verzahnt er die Hartz-Instrumente mit der machtanalytischen Perspektive Michel Foucaults, die für diese Arbeit die weitere theoretische Basis bildet und ebenfalls erläutert werden soll. Im folgenden Kapitel steht die Arbeitsmarktreform selbst im Vordergrund. Bündig und damit beschränkend auf die relevantesten Fakten sollen hier die Hintergründe, Akteure und die Gesetze beschrieben werden, um anschließend eine kurze Bilanz zu ziehen. Im dritten Kapitel werden ausführlich die Instrumente und Methoden beschrieben, die mit der Hartz-Reform Einzug in die Arbeitsvermittlung erhielten. Folgend soll eine Synthese zwischen der arbeitsmarktpolitischen Praxis und dem machtanalytischen Verständnis Foucaults vorgenommen werden. Resümierend werden im letzten Kapitel die Ergebnisse besprochen und diskutiert.

In dieser Arbeit soll weiterhin das umfangreiche Kontingent wissenschaftlicher Arbeiten aus den Geistes-, Sozial- und Politikwissenschaften, die das Thema Hartz IV mit differierenden Forschungsinteressen aufgegriffen haben, repräsentiert werden.

Abschließend sei noch die Zielgruppen-Restriktion angesprochen, die sich auf eine beträchtliche „analytische(r) Unsicherheit“ aus der Sozialwissenschaft zurückführen lässt, bezüglich der definitorischen Abgrenzungen der Begriffe „Randgruppe, Unter- oder Randschicht, Unterschichtenmilieu oder abgehängtem Prekariat“.[2]

Seit einigen Jahren sind sowohl in den Medien als auch in der Politik Debatten um diese und ähnliche Begriffe nachzuvollziehen.[3] Grundlegend geht es um die empirisch zu beobachtenden und gewachsenen sozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Unterschiede zwischen dem „Unten und den Eliten“.[4] Einigkeit besteht bei den Forschern und Theoretikern allerdings nur darüber, dass „Langzeitarbeitslosigkeit und deren Regulation als Katalysator von sozialstrukturellen und mentalen Veränderungen in den unteren Gesellschaftssegmenten gelten.“[5] Um die terminologischen Feinheiten der Begrifflichkeiten nicht zu sabotieren, wird sich in dieser Arbeit konsequenterweise auf den regierungspolitischen Umgang Langzeitarbeitsloser konzentriert.

1 Das Problem der Langzeitarbeitslosen im regierungspolitischen Aktionsraum

Die rot-grüne Bundesregierung hat während ihrer Legislaturperioden von 1998 bis 2005 die andauernden „Reformdiskussionen“ um einen „Wandel des Sozialstaates“ in ihre Politik aufgegriffen.[6] Folgend unterlag der „deutsche(n) Sozialstaat(s)“ elementaren Reformprozessen, deren Zenit in der radikalen Modifikation „des bisherigen Sicherungssystems“, der „Arbeitslosenversicherung“, in Form der Hartz-Reform, mündete.[7]

Als Pioniere auf dem Gebiet europäischer arbeitsmarktpolitischer Restauration können die Engländer gelten, „die seit den späten siebziger und […] achtziger Jahren im Zusammenhang mit der Verwaltungsmodernisierung die Rückführung der Staatstätigkeit auf Kernaufgaben“ schließlich realisiert haben.[8] Sie konzentrierten sich darauf einen ‚dritten Weg‘ mit Hilfe einer neoliberalistischen Herangehensweise zu gestalten, bei dem die Neuinterpretation „von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit“ im Zentrum stand, um dadurch Legitimation für die Neuausrichtung sozialstaatlicher Aufgaben zu konstituieren.[9] Die Formel „No Rights without Responsibilities“ erfasst „die Ablehnung der ‚bedingungslosen‘ Gewährung sozialer Rechte“ und koppelt diese zusätzlich an Gegenleistungen.[10] Weiterhin wird „Gleichheit […] als Chancengleichheit, die durch die Umverteilung von Möglichkeiten (Possibilities) erreicht wird.“[11] Und „Freiheit wird als Handlungsautonomie definiert“, die sich auf „Lebenschancen“ bezieht, die durch die von der Politik geförderten Chancengleichheit und „soziale(r) Gerechtigkeit“ ermöglicht werden.[12]

Schon im ersten Bundestagswahlkampf von Gerhard Schröder 1998 wurde das englische Vorbild unter der Devise „Neue Mitte“[13] eingeführt.[14] Allerdings stießen die progressiven englischen Ideen auf harte Gegenwehr bei den „Gewerkschaften sowie der politischen Öffentlichkeit“ und somit dauert es noch weitere vier Jahre, bis die deutsche Arbeitsmarktreform angegangen werden konnte.[15]

Die Zuspitzung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands (siehe Kapitel 2) führte letztlich zu der regierungspolitischen Legitimitätsgrundlage „neue sozialstaatliche Leitbilder“, also eine Ablehnung des „aktiven Sozialstaates“[16] und eine Hinwendung zu einem „aktivierenden Sozialstaat“ zu vollziehen.[17]

Bei der ehemaligen Bundesregierung ist demzufolge eine „Neuausrichtung des sozialdemokratischen Staatskonzepts“ mit der Hartz-Reform verwirklicht worden.[18]

In Artikel 20 Absatz 1 und 28 Absatz 1 des Grundgesetzes werden die sozialpolitischen Aufgaben der Bundesrepublik und somit das Sozialstaatsprinzip bestimmt.[19] Die Ausgestaltung steht in unmittelbarer Abhängigkeit zu der aktuellen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Lage, muss daher „immer wieder neu definiert werden“ und ist deswegen im Gesetz weit gefasst.[20] Dabei stehen „soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherung“ im Mittelpunkt der jeweiligen Sozial- und Arbeitspolitik.[21] Bedeutet erstere eine Balance zwischen Armut und Reichtum mittels lohnabhängiger Sozialabgaben und Steuern oder auch Chancengleichheit zu gewährleisten, bezieht sich der zweite Aspekt auf die Abfederung „der größten Risiken im Leben“ wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit.[22]

Vor der Umsetzung der Hartz-Arbeitsmarktreform bedeutete dies, dass durch das staatliche Sicherungssystem „ein Mindestmaß an sozialem Schutz und sozialem Ausgleich“ hergestellt werden sollte, „um den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft zu erhalten [beziehungsweise] zu stärken.“[23] Weiterhin zielte das ehemalige System darauf ab, die „sozial schädliche[n] Folgen“, die der Markt hervorbringt, „durch staatliche Eingriffe zu mildern oder zu überwinden.“[24] Die Wohlfahrtsstaatspolitik der Bunderepublik Deutschland fokussierte bis dahin, dass „Freiheit als ‚Freiheit von materieller Not‘“ und „Gleichheit […] als Angleichung materieller Lebens- und Einkommensverhältnisse“ bedeuteten.[25] Infolgedessen handelt es sich bei „Sozialpolitik“ um eine politisch-gesellschaftliche Größe, die „einen eigenständigen moralischen Wert“ hat und die „Ansprüche der Gesellschaft an die Gestaltung des ökonomischen Systems“ widerspiegelt.[26]

Daraus lässt sich eine Wechselbeziehung „zwischen Bürgern und Staat“ ableiten, wobei „die Bürger mit sozialen Rechten ausgestattet sind und die Pflichten des Staates gegenüber den Bürgern betont werden.“[27]

Mit den arbeitsmarktpolitischen Reformen von 2003 bis 2005 wurde dieses Verhältnis nun umgedreht und somit sowohl das Sozialstaatsprinzip als auch die sozialpolitischen Aufgaben des Staates neu interpretiert:

„Die ‚Reformer‘ gehen von der Überzeugung aus, dass die Rechte in der Vergangenheit übertont und die Pflichten vernachlässigt worden seien. Die neue Sozialstaatspolitik soll deshalb ‚aktivieren‘ […] Dies soll durch einen Rückbau sozialstaatlicher Leistungen und Schutzrechte geschehen“.[28]

Mit der Neuinterpretation der Aufgaben des Sozialstaates wurde die Umgestaltung von einem „ welfare “-Staat – dies beschreibt einen Staat, „der um die Wohlfahrt seiner Bürger besorgt ist – zu einem workfare – einem Staat, der Sozialleistungen an eine Gegenleistung der Bürger bindet“ – vollzogen.[29] Neben dieser Legitimationsgrundlage, das Konzept des Sozialstaatsprinzips den Umständen anzupassen, galt auch die Vermutung, dass „der Wohlfahrtsstaat ‚unter Umständen‘ Eigeninitiative und Eigenverantwortung“ beschränken würde[30]:

„Viele Menschen würden die Verantwortung für ihr eigenes Leben geradezu vermeiden und sich lieber in Abhängigkeit von Transferleistungen begeben. So verhinderten staatliche Eingriffe, dass sich der Einzelne aus seiner Situation befreien kann.“[31]

So fasst der Gesellschaftswissenschaftler Walter Hanesch zusammen, dass die Hartz-Gesetze bei der Neuordnung des Sozialstaatsprinzip das substanzielle Element dieses „Paradigmenwechsels hin zum ‚aktivierenden Staat‘“ bilden.[32] Dabei sind die primären Intentionen der Reformer, so Hanesch weiter, „die Stärkung der Eigenverantwortung und die Unterstützung der Leistungsberechtigten bei der Überwindung ihrer Hilfebedürftigkeit“.[33] Neben der weitreichenden Renovation der staatlichen Institution haben sich vor allem „das Leistungsangebot und die Methoden […] nach denen sozialstaatliche Leistungen erbracht und verteilt werden“, verändert.[34]

Die Neuausrichtung sozial-staatlicher Aufgaben konzentriert sich nun nicht mehr auf „soziale Absicherung […] sondern die Vermittlung in Arbeit, damit der Bürger in Eigenverantwortung seinen Lebensunterhalt erwirtschaften kann.“[35]

Parallel zum englischen Konzept wird hier eine „Politik des ‚Forderns‘ und ‚Förderns‘“ kommuniziert, die die Erwerbsfähigen dazu auffordert, „sich aktiv an der Arbeitssuche [zu] beteiligen“.[36] Diesem Leitmotiv ist inhärent, dass die erwerbsfähigen Leistungsberechtigten zu ihren „eigenen Risikomanager“ werden, während sich parallel ein Rückzug des Staates vollzieht, „diese Risiken als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu begreifen.“[37]

Der Sozialethiker Franz Segbers schildert zwei konzeptionelle sozialpolitische Punkte der Hartz-Reform:

Zum einen wird der „Wohlfahrtsstaat“ zu einem „‚nationalen Wettbewerbsstaat“[38] umgeformt. Hierbei beschränkt sich die Aufgabe der Politik darauf, „die Konkurrenzfähigkeit des ‚eignen‘ Wirtschaftsstandortes auf dem Weltmarkt, Wachstum und Beschäftigung zu fördern.“[39] Dabei verliert „Sozialstaatlichkeit“ ihren Stellenwert und „muss sich Wirtschaftsinteressen unterordnen“.[40] Mithin unterliegt die Arbeitssuche einer Subjektivierung: „Beschäftigung wird zu einer vom Willen der Arbeitslosen abhängigen Leistung.“[41]

Und zum zweiten haben sich die Aufgaben des Staates dahin gehend verändert, als dass er nun „im Bereich der Sozialpolitik fordernd und auch überwachend“ auftritt, denn die Bezugsberechtigung wird im Rahmen der „Fürsorgeleistungen“ entschieden genau validiert.[42]

Der Buchautor Ulrich Schneider vertritt die Auffassung, dass der Öffentlichkeit ein Konzept präsentiert wurde, dass somit eine „neoliberale Kritik am Sozialstaat […] positiv und sozialdemokratisch“ publizierte, um letztlich den „Rückzug des Staates aus seiner sozialen Verantwortung“ zu rechtfertigen[43]:

„Sie [die Regierung] begründen offensiv ein neues Staatsverständnis, indem sie den Interventionsstaat selbst für fast alle Übel verantwortlich macht […] Sie verneint grundsätzlich den gesellschaftlichen Charakter sozialer Probleme, wenn sie feststellt, dass es letztlich um einen Mangel an individueller Leistungsbereitschaft geht.“[44]

Eine Gruppe der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten sind die Langzeitarbeitslosen.[45] Langzeitarbeitslose in den Arbeitsmarkt zu (re-)integrieren stellte für die rot-grüne Bundesregierung sowohl die Herausforderung als auch die Lösung zur Verringerung der Arbeitslosenzahlen dar.[46] Schließlich, so die Assoziation der Reformwilligen, sind die hohen Langzeitarbeitslosenzahlen „auf Fehlanreize zurückzuführen, welche von der bisherigen sozialen Sicherung“ ermöglicht wurden und weiterhin „zu Motivations- und Verhaltensproblemen der Arbeitslosen“ führten.[47] Folgend gelten auch die „Erwerbschancen [Langzeitarbeitsloser] niedrig“, was sowohl auf die eben genannten „personenbezogenen Faktoren“ sowie auf „schlechte [berufliche] Qualifikationen“ zurückzuführen sind.[48]

Die einschlägige Norm für die definitorischen Grenzen zu dem Begriff der Langzeitarbeitslosigkeit wurde mit der Hartz-Reform geändert und ist im dritten Sozialgesetzbuch festgehalten; § 18 Absatz 1 SGB III: „Langzeitarbeitslose sind Arbeitslose, die ein Jahr und länger arbeitslos sind.“Frank Oschmiansky, Autor für die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), erläutert tiefgründiger, dass „seit 2008 Langzeitarbeitslose, wenn sie ihre Arbeitslosigkeit durch eine nur wenige Tage dauernde Beschäftigung unterbrechen als Neuzugänge und nicht mehr als Langzeitarbeitslose“ gelten.[49] Er stellt weiterhin fest, dass „[s]eit dieser Änderung […] der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen“ sinkt, war er doch vorher „fast kontinuierlich gestiegen, auch nach Einführung der ‚Hartz IV‘ Reform.“[50] Für Vergleiche mit früheren Arbeitslosenstatistiken besteht nach diesem Verfahren keine Möglichkeit mehr.[51] In Paragraf 16e Absatz 3 SGB II sind die so genannten ‚Vermittlungshemmnisse‘ geregelt, die die Vermittlungschancen erwerbsfähiger Leistungsberechtigter behindern. In der Gesetzesbegründung werden sie wie folgt erläutert: Demnach wird auf Langzeitarbeitslose im Sinne des § 18 SGB III verwiesen, die „insbesondere individuelle, mit Wettbewerbsnachteilen verbundene Leistungsdefizite“ aufweisen. Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen fasst die Liste von Vermittlungshemmnissen in einer Broschüre zum § 16 e SGB II wie folgt zusammen:

„In Betracht kommen grundsätzlich alle Merkmale, denen auch mit anderen Eingliederungsleistungen entgegengewirkt werden kann, wie z.B. Alter, gesundheitliche Einschränkung […] Behinderung [sowie] Sucht, Verschuldung, fehlende Sprachkenntnisse, Analphabetismus, fehlender Schul- oder Ausbildungsabschluss [oder auch die] psychosoziale Verfassung “[52]

Matthias Bohlender stellt in seinem Aufsatz kritisch heraus, dass eine erfolgreiche (Re-)Integration auf den Arbeitsmarkt neben den genannten Vermittlungshemmnissen auch aufgrund des Bewusstseins der Langzeitarbeitslosen bezüglich ihres Zustandes der Langzeitarbeitslosigkeit verhindert werden kann. Vor dem Hintergrund der „Marienthal-Studie“[53] führt er weiter aus, dass dieses Bewusstsein zu einer sich weitervererbenden Apathie führen kann, die wiederum darin mündet, arbeitslos zu sein als einen „eigenen Stand“ zu empfinden.[54] Dieses Verhältnis von Arbeitslosigkeit und Gelähmtheit, so Bohlender, stellt für den Staat eine Bedrohung dar, denn diese Subjekte sind „die personifizierte Negation der modernen Arbeitergesellschaft“ inklusive „ihrer Normen und Werte“.[55] Folglich muss die Regierung „politische Technologie[n]“ entwickeln, um diese Einstellungen aufzubrechen.[56]

Bohlender bezieht sich bei dem Terminus der politischen Technologien auf das Staatsverständnis des französischen Philosophen Michel Foucault.[57] Demnach setzt der Staat „moderne(r) Technologien“ nicht nur bei der Sicherheitspolitik ein, auch werden „private Dinge […] zum policy-Gegenstand erklärt.“[58] Regierungspolitisches Novum ist also, dass „Leib und Leben zum Gegenstand des Regierens“ werden, wobei staatlich verordnete „Zwangsmaßnahmen im Wesentlichen an das Selbstmanagement der Bürger appellieren muss.“[59] Mit dieser Methodik geht ferner die Verbreitung von „Exklusionsdrohungen an Willensschwache“ einher.[60] Daraus resultiert, dass nach dem Verständnis von Foucault, staatliche Technologien – oder anders formuliert „Regierungstechniken“ – nicht ausschließlich „technische Apparaturen“ sind, sondern eben auch „staatliche Instrumente“, die „Kontrolle“ ermöglichen, der wiederum eine Ambivalenz inhärent ist, „bedeutet sie doch zum einen eine Belästigung und verspricht zum anderen Sicherheit.“[61] Politische Technologien werden also zum ersten über den Eingriff in das Private definiert. Bohlender ergänzt die machtanalytische Perspektive Foucaults und somit den Begriff der politischen Technologien um zwei weitere Momente.[62] Als nächstes beschreibt er den Aspekt der Kategorisierung, denen die Individuen aufgrund staatlicher Regelungen unterzogen werden (siehe Kapitel 3).[63]

Bohlender erfasst als dritten Moment die Anpassung der Individuen an den Arbeitsmarkt, die dem Eingriff in das Private und der Kategorisierung vorgelagert ist:

„Tatsächlich entsteht hier eine ‚politische Technologie‘ im Sinne Michel Foucaults. Der Staat entwickelt Methoden, Randgruppen der Gesellschaft, von denen eine Bedrohung für Stabilität und Ordnung des Gemeinwesens ausgehen könnte, in diesem Fall Langzeitarbeitslose, zu regieren […]“[64]

Bohlenders ausdrücklicher Verweis auf den Begriff ‚Technologie‘ wird schlüssig, wenn man eine triviale Definition des Begriffs Technik heranzieht, die ebenfalls die diskutablen Grenzen des regierungspolitischen Umgangs mit Langzeitarbeitslosen offenlegt: „[…] unter Technik [soll] jegliche Anwendung von Verfahren, Instrumenten und Maßnahmen im Prozeß[sic!] der menschlichen Handhabung der Stoffe der Natur sowie die aus der Anwendung resultierenden Werkzeuge, Maschinen und Anlagen verstanden werden.“[65]

[...]


[1] Im folgenden Text wird sich auf die Verwendung des männlichen Artikels beschränkt, abgesehen von direkten Zitaten, was zur besseren Lesbarkeit beitragen soll.

[2] Dörre 2013: S. 20 ff

[3] Klatt/ Walter 2011: S. 46

[4] a.a.O.: siehe Fußnote 3: S. 45 f.

[5] a.a.O.: siehe Fußnote 2: S. 20 ff.

[6] Dingeldey 2006: S. 1

[7] Hanesch 2012: S. 24 f.

[8] a.a.O.: siehe Fußnote 6

[9] a.a.O.: siehe Fußnote 6

[10] a.a.O.: siehe Fußnote 6, S. 2

[11] ebd.

[12] ebd.

[13] ebd.

[14] Siehe hierzu mehr unter: Wolfrum, Edgar 2013. Rot-Grün an der Macht. Deutschland 1998-2005. München: C.H. Beck Verlag oHG. S. 138-168

[15] a.a.O.: siehe Fußnote 6, S. 2

[16] Segbers 2009: S. 13

[17] Hanesch 2012: S. 24

[18] a.a.O.: siehe Fußnote 17, S. 25

[19] Stiftung Jugend und Bildung in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2012/2013: S. 3

[20] ebd.

[21] ebd.

[22] ebd.

[23] a.a.O.: siehe Fußnote 17, S. 22

[24] a.a.O.: siehe Fußnote 16, S.12

[25] a.a.O.: siehe Fußnote 6, S. 1

[26] a.a.O.: siehe Fußnote 16, S.13

[27] ebd.

[28] ebd.

[29] a.a.O.: siehe Fußnote 16, S.19

[30] ebd.

[31] ebd.

[32] a.a.O.: siehe Fußnote 17, S. 30

[33] ebd.

[34] a.a.O.: siehe Fußnote 16, S.13

[35] a.a.O.: siehe Fußnote 16, S.13 f.

[36] a.a.O.: siehe Fußnote 16, S.14

[37] a.a.O.: siehe Fußnote 16, S. 26

[38] a.a.O.: siehe Fußnote 16, S.14

[39] ebd.

[40] ebd.

[41] a.a.O.: siehe Fußnote 16, S. 26

[42] a.a.O.: siehe Fußnote 16, S.14

[43] a.a.O.: siehe Fußnote 30, S. 142 f.

[44] a.a.O.: siehe Fußnote 30, S. 120

[45] Paragraf 7 und 9 SGB II regeln die Bestimmungen für Leistungsberechtigung und Hilfebedürftigkeit, unter die auch Langzeitarbeitslose fallen.

[46] vgl. Adamy 2012: S. 257 ff.

[47] a.a.O.: siehe Fußnote 17, S. 29

[48] Schmid 2007: S. 275

[49] Dieses Verfahren gilt ebenfalls „für arbeitsunfähig erkrankte Arbeitslose nach einer Erkrankung von mehr als sechs Wochen oder für die Teilnahme an einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme (z.B. Trainingsmaßnahme, Qualifizierungsmaßnahme, Arbeitsgelegenheit) von mehr als sechs Wochen.“ Siehe hierzu: Oschmiansky 2011: S. 2

[50] a.a.O.: siehe Fußnote 49

[51] vgl. a.a.O.: siehe Fußnote 49

[52] Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen 2009: S. 5

[53] 1933 reiste eine Forschergruppe nach Österreich, genauer nach Marienthal, um dort die sozio-psychologischen Wirkungen von Arbeitslosigkeit zu erforschen. Die Ergebnisse der Wissenschaftler haben bis heute hohen Erklärungswert. Siehe hierzu: Bohlender 2012: S. 557 ff.

[54] a.a.O.: siehe Fußnote 53, S. 560

[55] ebd.

[56] a.a.O.: siehe Fußnote 53, S. 558

[57] vgl. a.a.O.: siehe Fußnote 53

[58] Heidenreich 2011: S. 12

[59] a.a.O.: siehe Fußnote 58, S. 12

[60] ebd.

[61] a.a.O.: siehe Fußnote 58, S. 13

[62] vgl. a.a.O.: siehe Fußnote 53

[63] ebd.

[64] a.a.O.: Siehe Fußnote 53, S. 558

[65] Alemann 1989: S. 14

Details

Seiten
31
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668397538
ISBN (Buch)
9783668397545
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353554
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2,0
Schlagworte
Langzeitarbeitslose Macht Michel Foucault Mathias Bohlender politische Technologien Hartz IV aktivierender Staat Sozialstaat Agenda 2010 Rot-Grüne-Bundesregierung

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