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Attraktive Gesichter, der orbitofrontale Cortex und Geschlechterunterschiede

Seminararbeit 2014 11 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Attraktive Gesichter als Belohnung

3 Geschlechterunterschied

4 Interpretation und Kritik

5 Forschungsfragen

6 Zusammenfassung

Literatur

1 Einleitung

Das Aussehen von Gesichtern hat einen groÿen Ein uss auf soziale Interaktionen und psycho- logische Studien zeigen, dass nicht nur Erwachsene, sondern auch Kleinkinder die Tendenz haben, ästhetisch schöne Gesichter zu bevorzugen (für eine Meta-Analyse s. Langlois et al., 2000). Darüber hinaus haben Gesichter einen Ein uss auf die Partnerwahl. So werden struk- turelle Eigenschaften eines Gesichtes bevorzugt, die mit physischer Gesundheit in Verbindung gebracht werden (Fink & Penton-Voak, 2002; Scheib et al., 1999). Insofern geben Gesichter Hinweise über die genotypische und phänotypische Qualität ihres Trägers (Senior, 2003).

Zudem deutet eine wachsende Anzahl bildgebender Studien darauf hin, dass Regionen des menschlichen Gehirns bei der Betrachtung attraktiver Gesichter gegenüber unattraktiven Gesichter mit unterschiedlichen Aktivierungen einhergehen. Neuere Meta-Analysen (Bzdok et al., 2011; Mende-Siedlecki et al., 2013; Said et al., 2011) zeichnen ein konsistentes Bild dahingehend, dass es sich dabei um Regionen handelt, die dem Belohnungssystem (s. Haber & Knutson, 2009 für ein Review) zugeschrieben werden. Es handelt sich im Zusammenhang mit attraktiven Gesichten namentlich um den medialen orbitofrontalen Cortex (mOFC), den anterioren cingulären Cortex, den linken Nucleus Caudatus und, bei überdurchschnittlich schönen Gesichtern, um das ventrale Striatum, das den Nucleus Accumbens beinhaltet.

Im Rahmen dieser Hausarbeit soll zunächst auf die Ergebnisse bisheriger, bildgebender Studien unter Berücksichtigung eines Geschlechterunterschiedes eingegangen werden. Nach einer kritischen Wertung dieser Ergebnisse sollen abschlieÿend o ene Forschungsfragen for- muliert werden.

2 Attraktive Gesichter als Belohnung

Eine frühe Studie durch Aharon et al. (2001) zeigte, dass bei männlichen Probanden, die pas- siv attraktive weibliche Gesichter betrachten, Regionen des Belohnungssystems stärker akti- viert sind, als wenn sie schöne männliche oder unattraktive Gesichter beiderlei Geschlechts betrachten.

O'Doherty et al. (2003) zeigten zudem, dass Regionen des präfrontalen Cortex auf attrak- tive und auf unattraktive Gesichter unterschiedlich reagieren. Insbesondere reagieren mediale präfrontale Regionen, die den mOFC umfassen, stärker auf attraktive Gesichter, während la- terale Regionen stärker auf unattraktive Gesichter reagieren. Allerdings zeigen sich höhere Aktivierungen im mOFC nicht nur beim Betrachten attraktiver Gesichter (Ishai, 2007; Kranz & Ishai, 2006; Tsukiura & Cabeza, 2011; Ueno et al., 2014), sondern auch bei der Betrachtung als ästhetisch bewerteter Bilder (Kawabata et al., 2004) oder gar abstrakter, aber dennoch schöner mathematischer Formeln (Zeki et al., 2014). In Folge dessen wird dem mOFC eine entscheidende Rolle beim subjektiven hedonistischem Emp nden im Speziellen und der Verarbeitung des Belohnungswertes im Allgemeinen zugeschrieben (für eine Meta-Analyse s. Kühn & Gallinat, 2012)

Für die vorgenommene Klassi zierung schöner Gesichter als Belohnung spricht, dass Aktivierungen des mOFC auch mit sozialer Bestätigung und der Präsentation monetärer Anreize korreliert (Ito et al., 2011; Kringelbach, 2005). Neben den bildgebenden Studien unterstützen ferner behaviorale Daten diese Klassi zierung: Wilson & Daly (2004) zeigten, dass attraktive weibliche Gesichter Männer dazu veranlassen, spätere höhere Belohnungen gegenüber unmittelbaren, aber kleineren Belohnungen zu vernachlässigen.

3 Geschlechterunterschied

Zusätzlich zeigen heterosexuelle Männer eine erhöhte Bereitschaft, durch Tastendrücke Arbeit zu verrichten, um länger attraktive weibliche, jedoch nicht um unattraktive weibliche oder männliche Gesichter im Allgemeinen zu sehen (Aharon et al., 2001; Levy et al., 2008). Ebenso neigen heterosexuelle Frauen zu einer erhöhten Anzahl an Tastendrücke, um länger sowohl attraktive männliche als auch weibliche Gesichter anzuschauen. Dies jedoch mit dem weiteren Unterschied, dass der Aufwand bei attraktiven Gesichtern des männlichen Geschlechts gegen- über dem Aufwand, den Männer bei attraktiven weiblichen Gesichter vollziehen, wesentlich geringer ist (Levy et al., 2008).

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen bildgebende Studien. Denn interessanterweise wird die oben genannte Aktivität des mOFC durch das Geschlecht der Versuchspersonen und deren sexueller Orientierung moduliert. Eine fMRI-Studie durch Kranz & Ishai (2006) zeigte eine dreifache Interaktion zwischen Geschlecht des Stimulus, dessen Attraktivität und sexueller Präferenz der Probanden: So ist die Aktivität des mOFC beim Betrachten attraktiver männ- licher Gesichter gegenüber der Betrachtung attraktiver weiblicher Gesichtern stärker, sofern es sich bei den Probanden um heterosexuelle Frauen bzw. homosexuelle Männer handelt. Ein umgekehrtes Muster (geringere mOFC-Aktivität) zeigt sich dagegen bei heterosexuellen Männer bzw. homosexuelle Frauen. Eine spätere Studie (Cloutier et al., 2008) fand wie ähnli- che Studien, die sich jedoch ereigniskorrelierter Potentiale bediente (Oliver-Rodríguez et al., 1999; van Hoo et al., 2011; Zhang & Deng, 2014), einen Geschlechterunterschied zwischen heterosexuellen Männern und Frauen: Betrachteten Männer attraktive weibliche Gesichter, kam es im mOFC zu einer höheren Aktivierung, als wenn Frauen attraktive männliche Ge- sichter ansahen.

4 Interpretation und Kritik

Eine Erklärung, die auf Darwins Selektionstheorie beruht, liegt zunächst nahe, da schöne Gesichter als Hinweis auf reproduktive Fitness gelten (s. Scheib et al., 1999 für ein Review). Dementsprechend könnten die Ergebnisse dahingehend interpretiert werden, dass attraktive Gesichter des anderen Geschlechts einen höhere Reproduktionswahrscheinlichkeit und da- durch einen höheren Belohnungswert repräsentieren (Senior, 2003). Der durch Cloutier et al. (2008) gefundene Geschlechterunterschied könnte zudem dadurch begründet sein, dass Män- ner und Frauen unterschiedliche Strategien bei der Partnerwahl verfolgen. Während Männer eher dazu neigen, physiologische Eigenschaften zu bevorzugen, die auf Fruchtbarkeit hindeu- ten (Buss, 1989; Buss & Schmitt, 1993), neigen Frauen dazu, mehr Wert auf sozialen Status und den Besitz materieller Ressourcen zu legen (Sadalla et al., 1987).

Einerseits werden evolutionäre Erklärungen insbesondere in den Populärmedien nicht sel- ten monokausal und in beinahe in ationärer Weise (als Negativbeispiel s. Pease & Pease, 2003) herangezogen, da sie den wie auch immer gearteten Status quo retrospektiv beinahe immer nachvollziehbar sinnvoll erklären können. Andererseits stöÿt eine simple evolutio- näre, lediglich auf einem potentiellem Reproduktionserfolg basierende Interpretation bei der Erklärung von Homosexualität und bei der höheren Aktivierung des mOFC homosexueller Probanden während der Betrachtung gleichgeschlechtlicher Gesichter (s. Ishai, 2007) an ihre Grenzen. Insofern scheint die erhöhte Aktivität im mOFC eher den Belohnungswert möglicher sexueller Partner zu repräsentieren und dies unabhängig von der sexuellen Orientierung.

5 Forschungsfragen

Fraglich ist, ob der gefundene Geschlechterunterschied durch andere, nicht kontrollierte Variablen moduliert wird. In Frage kämen hier die Art der Aufgabenstellung, der Beziehungsstatus oder die momentane Hormonkonstellation der Probanden.

In der durch Cloutier et al. (2008) durchgeführten Studie hatten die Versuchspersonen während des Scannens die Aufgabe, die präsentierten Gesichter auf ihre Attraktivität zu bewerten. Jedoch ist Attraktivität (attrahere [lat.]: anziehen, heranziehen) nicht mit ästheti- scher Schönheit per se gleichzusetzen. Eine Person kann eine andere Person bzw. ein Gesicht als ästhetisch schön bewerten, ohne sich zwangsweise zu dieser Person sexuell hingezogen zu fühlen. Denkbare Gründe bzw. konfundierende Variablen dafür können neben der sexuellen Orientierung auch der momentane Beziehungsstatus (frisch oder glücklich verliebt) oder das individuelle Beuteschema sein. Infolgedessen ist die Aufgabe, ein Attraktivitätsurteil abzu- geben, missverständlich. Zusätzlich käme als Variation der Aufgabe ein passives Betrachten oder eine andere Beurteilung (z.b. ob es sich um eine weibliches oder männliches Gesicht han- delt) in Frage. Die Autoren schlagen zudem selbst indirekt die Möglichkeit vor, die Probanden beurteilen zu lassen, ob sie sich mit der entsprechenden Person eine kurz- oder langfristige Partnerschaft vorstellen könnten.

Schlieÿlich bestünde eine Möglichkeit weiterer Forschung darin, die Brücke zur Psycho- neuroendokrinologie bzw. behavioralen Endokrinologie (Neave, 2008; Nelson, 2011) zu schla- gen, die das Wechselspiel zwischen Hormonen und Verhalten untersucht. Denn neben einem pränatalem (und frühen postnatalem) organisatorischen E ekt, der zur sexuellen Ausdi e- renzierung führt (s. Hampson, 2008; Velle, 1987 für Reviews bzgl. sensorischer, perzeptu- eller und kognitiver Geschlechterunterschiede), haben Hormone in Erwachsenen auch einen aktivierenden E ekt (Arnold & Breedlove, 1985). Beispielsweise ändert sich auf perzeptuel- ler Ebene die Sensibilität von Frauen gegenüber Licht in Korrelation mit den sich über den weiblichen Zyklus ändernden, im Blut zirkulierenden Hormonen (Diamond et al., 1972). Wei- terhin modulieren gonadale Steroide die Salienz sexueller Dimorphismen: So geht die späte Follikelphase des Menstruationszyklus mit einer leicht erhöhten Präferenz für Eigenschaften männlicher Stimmen, Körper (Little et al., 2007) und Gesichter (für ein Review s. Jones et al., 2008) einher, die mit Maskulinität in Verbindung gebracht werden.

[...]

Details

Seiten
11
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668396128
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353569
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Abteilung für Allgemeine Psychologie
Note
2,0
Schlagworte
Gesichter Attraktivität kognitive Neurowissenschaften Cognitive Neuroscience orbitofrontaler Cortex OFC Ästhetik Geschlechterunterschiede Belohnung Bildgebung MRT Magnetresonanztomographie Psychologie kognitive Psychologie Wahrnehmungspsychologie

Autor

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Titel: Attraktive Gesichter, der orbitofrontale Cortex und Geschlechterunterschiede