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Das Salutogenesekonzept nach Aaron Antonovsky

Welche Faktoren entscheiden über Gesundheit und Krankheit?

Hausarbeit 2016 13 Seiten

Soziologie - Medizin und Gesundheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gesundheits- und Krankheitsverständnisse

3 Impressionen aus dem Leben Aaron Antonovskys

4 Das Konzept der Salutogenese in seinen Grundannahmen
4.1 Heterostase, Altern und Entropie als Bestandteil des Lebens
4.2 Gesundheit und Krankheit als multidimensionales Kontinuum

5 Beispiel für die Anwendung der Salutogenese in der Praxis

6 Resümee

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ich lese gerne die Zeit. Es ist eine gute Zeitung, eine Zeitung, die nicht zuletzt durch ihre Themenvielfalt, sondern auch durch ihre Komplexität und die dargereichten Hintergrund- informationen besticht. Natürlich verfügt auch die Zeit- wie nahezu jede im Handel erhältliche Zeitung- über einen Teil, der ausschließlich den gesundheitlichen Aspekten unserer Zeit gewidmet ist. Berichtet wird über Krankheitsbilder und ihre Symptome, über Risikofaktoren, die zur Erhaltung der Gesundheit besser vermieden werden sollten und über aktuelle Behandlungsmöglichkeiten der jeweiligen Erkrankungen. Auch gesundheitspolitische Fragen nehmen in jüngster Zeit einen entscheidenden Teil der Gesundheitsberichtserstattung ein, wobei sich die öffentliche Auseinandersetzung im Wesentlichen auf die ökonomische Frage der Gesundheitsversorgung beschränkt, ohne im Vorfeld eine gemeinsame Konsensfindung hinsichtlich des Gesundheits- und Krankheitsverständnisses voranzutreiben oder die Leser über die bis heute andauernden Schwierigkeiten eines allgemeingültigen Gesundheits- und Krankheitsverständnisses zu informieren (vgl. Franke, 2006, S.9) Dass die bis heute weit verbreitete Lehrmeinung der Medizin, welche sich überwiegend den Annahmen des biomedizinischen Modells verschrieben hat, in ihrer Erklärung von Gesundheit und den Ursachen von Krankheit nicht gänzlich befriedigend ausfällt, wird in Zeitungsartikeln, Fachliteratur und Dokumentationen oft verschwiegen. So deutet etwa die Tatsache, dass nicht jeder Mensch infolge enormer psychischer und physischer Belastung auch erkrankt auf Unstimmigkeiten oder zumindest die Unvollständigkeit des pathogenetischen Paradigmas hin. Wie lassen sich nach pathogenetischen Gesichtspunkten derartige Phänomene erklären? Wie kann es sein, dass ein Mann, der entgegen des Rates seines Mediziners ein Leben lang rauchte, nicht an Lungenkrebs erkrankt? Und wie lässt sich erklären, dass Übergewicht nicht zwangsläufig in eine Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems gipfelt? Es waren eben jene durch die Pathogenese unbeantworteten Fragen, die Antonovsky, um dessen salutogenetisches Modell es im Rahmen dieser Hausarbeit gehen soll, dazu inspirierten, sich von den Annahmen der Pathogenese zu distanzieren und sich stattdessen der Erforschung von Gesundheit als solche zu beschäftigen und auf diese Weise eine neue Sicht auf die Dimensionen Gesundheit und Krankheit hervorbrachte. Die Ausrichtung dieser salutogenetischen Perspektive lässt sich bereits anhand der für ihn richtungsweisenden salutogenetischen Fragestellung erkennen. So fragt er nicht- wie die Vertreter des biomedizinischen Modells- danach, welche Risikofaktoren vermieden werden müssen, um Krankheiten vorzubeugen, sondern nach den Gründen, warum Menschen trotz widriger Umstände gesund bleiben, wie Heilung gelingt und welche Faktoren ein mehr oder weniger an Gesundheit und Krankheit bedingen (vgl. Bengel/Strittmacher/Willmann, 2009, S. 140) Ziel dieser Hausarbeit ist es, das von Aaron Antonovsky konzipierte Modell der Salutogenese in seinen Annahmen zu erläutern. Hierzu soll in einem ersten Gliederungspunkt eine Annährung an die Problematik der Begriffsbestimmung von Gesundheit und Krankheit über das Aufzeigen unterschiedlicher historischer Gesundheits- und Krankheitsverständnisse erfolgen. Im Anschluss daran wird ein Überblick über das Leben Antonovskys geboten, ehe der Kern der Hausarbeit, die Erläuterung des salutogenetischen Modells in seinen zentralen Grundannahmen, das Element der generalisierten Widerstandsressourcen und das Konstrukt des Kohärenzgefühls dargelegt werden, bis die wichtigsten Inhalte schließlich noch mal im Resümee zusammengefasst dargestellt werden.

2 Gesundheits- und Krankheitsverständnisse

Was ist unter den Begriffen Gesundheit und Krankheit zu verstehen? Eine Beschäftigung mit dieser Frage führt zu einem Sammelsurium pluriformer Gesundheits- und Krankheits- definitionen, die sich im Rahmen einer jahrtausendlangen Auseinandersetzungen unterschiedlicher Disziplinen mit dem Thema Gesundheit und Krankheit herausgebildet haben. In Anbetracht dieser Heterogenität der Gesundheits- und Krankheitsverständnisse im Wandel der Zeit erscheint es nicht weiter verwunderlich, dass es weder damals noch heute gelungen ist, eine allgemeingültige Definition von Gesundheit und Krankheit zu finden (vgl. Franke, 2006, S.27 f.). Aufgrund des überschaubaren Seitenumfangs dieser Hausarbeit soll an dieser Stelle auf eine vollständige Darlegung der Entwicklungslinien verzichtet und stattdessen mit dem Gesundheits- und Krankheitsverständnis des biomedizinischen Modells begonnen werden.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ereigneten sich medizinisch tiefgreifende Veränderung im Gesundheits- und Krankheitsverständnis. Ein biomedizinisches Krankheitsmodell wird entworfen, das sich durch ein mechanistisch geprägtes Krankheitsverständnis auszeichnet. Der menschliche Organismus wird mit einer Maschine verglichen, deren Funktionen und Dysfunktionen durch die Untersuchung und Analyse seiner Bestandteile (Organstrukturen, Organsysteme) sowie seiner Systemabläufe (physiologische Prozesse) begriffen werden können. Krankheit wird als eine Abweichung vom Normalzustand des menschlichen Organismus betrachtet, als ein Defekt im System, den es zur Herstellung von Gesundheit zu beheben gilt. Die Ursache solcher von der Norm abweichenden Erscheinungen sieht das biomedizinische Modell in pathogenen Faktoren, die den Normalzustand des Organismus durch ihre Einflussnahme stören und auf diese Weise Systemfehler hervorrufen. Das Forschungsinteresse biomedizinischer Modelle gilt der Untersuchung pathophysiologischer Vorgänge und dem Ausfindig machen krankmachender Faktoren, wobei vor allem Bakterien oder Viren als Krankheitsverursacher ins Feld der Betrachtung rücken (vgl. Bengel/Strittmacher/Willmann, 2009, S.16 f.). Etwa in den 60er-Jahren entstand das sogenannte Risikofaktorenmodell als eine Erweiterung des biomedizinischen Modells, welches bis heute als das am stärksten verbreitete Grundgerüst moderner Präventionsbestrebungen gilt (vgl. Bruns, 2013, S.25). Die Risikofaktoren werden dabei nicht als Krankheitsursachen betrachtet, sondern als Faktoren begriffen, die ein statistisches Risiko bergen, im Laufe des Lebens von einer bestimmten Krankheit betroffen zu sein: „Je mehr Risikofaktoren […] vorliegen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit [beispielsweise] einen Herzinfarkt zu bekommen.“(Bengel/Strittmacher/Willmann, 2009, S.18) Das Risikofak- torenmodell unterstellt somit nicht unmittelbar - im Gegensatz zum biomedizinischen Modell - eine ursächliche Beziehung zwischen dem Risikofaktor und der Erkrankung eines Indi- viduums (vgl. Tröster, 2009, S.27). Ein weiteres Unterscheidungskriterium zwischen dem biomedizinischen Modell und dem Risikofaktorenmodell, auch Multifaktorenmodell genannt, besteht in der Annahme, dass nicht ein Erreger eine Erkrankung hervorruft, sondern vielmehr das Zusammenwirken mehrerer Risikofaktoren (z.B. Alter, Geschlecht, genetische Dispo- sitionen, Verhaltensweisen) das Erkrankungsrisiko eines Individuums erhöht. Für diese Annahme spricht auch die Beobachtung, dass Menschen trotz vorhandener Risikofaktoren nicht zwangsläufig von einer Krankheit betroffen sind. Dieses Phänomen weist auf die Existenz pluriformer Faktoren hin, die von Risikomodell nicht vollständig erfasst werden und insofern auch nicht erklärt werden können, was sicherlich auch im Zusammenhang mit der eindimensionalen Sicht des Risikofaktorenmodells auf Krankheit zu sehen ist. Zwar berücksichtigt das Risikofaktorenmodell im Gegensatz zum biomedizinischen Modell erstmals auch soziale Faktoren bei der Krankheitsentstehung; medizinische Determinanten stehen jedoch nach wie vor deutlich im Vordergrund der Betrachtung (vgl. Bruns, 2013, S.26 ff.). Die Zielsetzung des Risikofaktorenmodells besteht aufgrund der Annahme, dass Risikofaktoren das Erkrankungsrisiko erhöhen, darin, risikobehaftete Faktoren zu erkennen und ihnen mit gezielten, präventiven Maßnahmen zu begegnen. Das Mittel der Wahl besteht hierbei in der Aufklärung über Risikofaktoren verbunden mit der Empfehlung, Risikofaktoren - etwa durch Verhaltensänderungen (Ernährungsumstellung, Tabakkonsum, psychosoziale Stressoren) - zu vermeiden (vgl. Bengel, 2009, S.19). 1945 erfolgte schließlich die Gründung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „internationales Forum für Gesundheitsfragen“ (Lorenz, 2005, S.23), deren Zielsetzung darin bestand, den bestmöglichen Gesundheits- zustand für sämtliche Völker herzustellen (vgl. Lorenz, 2005, S.23). Im Jahr 1946 veröffentlichte die WHO zur Bestimmung des Gesundheitsbegriffs folgende Definition: „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen.“(Psychrembel, 1994, S.538) Aus dieser Definition gehen zweierlei Neuerungen hervor: 1) Gesundheit wird nicht mehr als Zustand der Störungsfreiheit, der Abwesenheit psychischer und physischer Erkrankungen bzw. Beeinträchtigungen, verstanden, sondern als Zustand des Wohlbefindens. Das Wohlbefinden als Kriterium der Gesundheit wird nicht weiter konkretisiert. 2) Eine Definition, die Wohlbefinden als Gesundheitskriterium betont, führt unweigerlich zu einer Entkräftigung der ärztlichen Deutungshoheit hinsichtlich des Gesundheits- bzw. Krankheitszustandes des Patienten, indem sie den ärztlichen Befund anhand normgemäßer medizinischer Standards für ergänzungswürdig erklärt und gleichsam fordert, der subjektiven Wahrnehmung des Patienten hinsichtlich seines Gesundheitszustandes in den Etikettierungsprozess miteinfließen zu lassen. Die fachliche Diskussion, die infolge der Veröffentlichung 1946 um die Gesundheitsdefinition der WHO entbrannte, verlief kontrovers (vgl. Franke, 2006, S.32). Einerseits fand diese Definition großen Zuspruch, andererseits viele Kritiker. Die ausgiebigen Auseinandersetzungen mit der WHO wirkten sich in der Weise auf die Entwicklung des Gesundheitsverständnisses aus, dass sie einen Weg eröffnete, Gesundheit als ein komplexes Geschehen zu erkennen (vgl. Lorenz, 2005, S.23). Im Jahre 1986 präsentiert die WHO das „[…] Programm zur Gesundheitsförderung (Health Promotion) […]“(Bengel, 2009, S.19), welches die vorangegangenen Entwicklungen hinsichtlich des Gesundheits- und Krankheitsverständnisses miteinschließt, auf einem biopsychosozialen Krankheitsmodell fußt und einen „komplexen, mehrdimensionalen Gesundheitsbegriff“ (Bengel, 2009, S.19) hervorbringt. Es handelt sich um ein sozial-ökologisches Gesundheits- und Präventions-modell, dessen Ziel nicht in der Herstellung von Gesundheit, sondern in der Befähigung des Individuums zu einer positiven individuellen und gesellschaftlichen Lebensgestaltung besteht, was über die Herstellung von Gesundheit begünstigenden Bedingungen erreicht werden soll. Die Gesundheitsförderung distanziert sich dabei von der Verordnung präventiver Maßnahmen über professionelle Fachkräfte und befürwortet stattdessen eine durch Aktivität und Eigenverantwortung gekennzeichnete Zusammenarbeit zwischen Klient und Professionellem zur Erarbeitung einer individuellen Gesund- heitsförderung, bei der - anders als beim Risikofaktorenmodell- neben individuellen auch psychosoziale Faktoren Berücksichtigung finden (vgl. Bengel, 2009, S.19). Ein Ansatz der Gesundheitsförderung besteht in dem von Aaron Antonovsky konzipierten Modell der Salutogenese, auf welchen im Rahmen dieser Hausarbeit eingegangen werden soll.

3 Impressionen aus dem Leben Aaron Antonovskys

Aaron Antonovsky wurde 1923 in Brooklyn (USA) als Kind jüdischer Eltern geboren. (vgl. Franke, 2006, S.158) Nach dem Schulbesuch des Brooklyn-Colleges entschied sich Antonovsky für ein Wirtschafts- und Geschichtsstudium an der Yale University, sah sich in Anbetracht des zweiten Weltkrieges jedoch dazu gezwungen, das Studium zur Verrichtung des Militärdienstes in der US-Armee zu unterbrechen. Durch Zufall kam er mit der Stressforschung und der Medizinforschung in Kontakt, woraufhin er ein Soziologiestudium an der Yale University aufnahm, dieses im Jahr 1952 mit dem Master of Arts abschloss und 1955 schließlich mit dem Ph. D. ergänzte (vgl. Franke in Antonovsky, 1997, S.13). Im Jahr 1960 entschloss er sich, nach Israel auszuwandern, wobei ihn seine Frau Helen begleitete (vgl. Franke, 2006, S.158). Am medizinischen Zentrum der Hadassah-Universität nahm er eine Beschäftigung als Medizinsoziologe im Institut für angewandte Sozialforschung an, ging lehrenden Tätigkeiten nach und befasste sich mit Fragen über die Zusammenhänge zwischen Stress, Gesundheit und Krankheit (vgl. Lorenz, 2005, S. 19). Thematische Schwerpunkte seiner Arbeiten waren hierbei die Verbreitung, Entstehung und Auswirkungen der Multiplen Sklerose; psychosoziale Faktoren, die das Auftreten koronarer Herzerkrankungen bei aus den USA emigrierten Juden begünstigen; der präventive Umgang mit Zahnpflege sowie die ethnischen Unterschiede bezüglich der psychischen Verarbeitung der letzten Menstruation (Menopause) und dem Beginn der Wechseljahre bei in Israel lebenden Frauen (vgl. Antonovsky, 1997, S.13). Insbesondere die zuletzt genannte Untersuchung zur Menopause gestaltete sich als richtungsweisend für den weiteren, beruflichen Werdegang Antonovskys. Grund dafür war, dass sich unter den in Israel lebenden Probandinnen auch ca. 300 Frauen befanden, die zur Zeit des zweiten Weltkrieges in Konzentrationslagern festgehalten wurden und die Prozeduren überlebt hatten. Bei der Auswertung der Daten stießen Antonovsky und seine Mitarbeiter auf das Phänomen, dass 29 % der Probandinnen mit KZ-Erfahrung trotz wiederholter traumatischer Erlebnisse relativ unbeschadet- das heißt mit einer guten psychischen und physischen Gesundheit- aus der Gefangenschaft hervorgegangen waren.

[...]

Details

Seiten
13
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668401617
ISBN (Buch)
9783668401624
Dateigröße
791 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353759
Institution / Hochschule
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
Note
sehr gute Leistung (bestanden)
Schlagworte
Salutogenese Krankheit Antonovsky Medizin Pathogenese

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