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Anforderungen an den Lehrerberuf

Inwiefern ist die Umsetzung der gestellten Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer realisierbar?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 16 Seiten

Pädagogik - Der Lehrer / Pädagoge

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Anforderungen im Wandel der Zeit
2.1. Heutige Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer
2.1.1. Aus der Sicht von Schülerinnen und Schülern
2.1.2. Aus der Sicht der Unterrichtsforschung
2.1.3. Aus der Sicht der Politik

3. Belastungen und Beanspruchungen im Lehrerberuf
3.1. Bewältigung von alltäglichen Belastungen
3.1.1. Die Balance zwischen Sollen, Wollen und Können

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Schon Sigmund Freud bezeichnete den Lehrerberuf als eines „jener unmöglichen Berufe, in denen man des ungenügenden Erfolgs von vornherein sicher sein kann“[1]. Die Aussage über den Lehrerberuf scheint in der heutigen Zeit mehr denn je zu gelten. Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich bis an ihre Grenzen belastet: Unterrichtsstörungen, Zeitstress, schwierige Schülerinnen und Schüler, nörgelnde Eltern oder Ärger über Bürokratie und Schulverwaltung.[2] All diese Aspekte zählen zu den vielen Belastungsfaktoren, mit denen heutige Lehrerinnen und Lehrer tagtäglich zu kämpfen haben. Auch der Stern gab dem Lehrerberuf den Titel als „Höllenjob auf Lebenszeit“[3].

Doch was macht den Lehrerberuf eigentlich so „unmöglich“? Ist tatsächlich der Beruf an sich nicht realisierbar oder sind es eher die gestellten Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer, die den Beruf unmöglich machen ? Genau diesen Fragen soll in dieser Arbeit nachgegangen werden. Hierfür folgt zunächst ein Überblick über die Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer im Wandel der Zeit. Im nächsten Schritt werden die aktuellen Anforderungen an Lehrpersonen erläutert. Eingegangen wird dabei auf Ansprüche von Schülerinnen und Schülern, der Unterrichtsforschung und der Politik.

Außerdem beschäftigt sich die Arbeit mit Belastungen und Beanspruchungen, denen Lehrerinnen und Lehrer ausgesetzt sind. Auch Möglichkeiten der Bewältigung von alltäglichen Belastungen werden thematisiert. Nachdem dann das Verhältnis zwischen dem Sollen, dem Wollen und dem Können von Lehrerinnen und Lehrern erörtert wird, kommt es dann im letzten Schritt zu einem abschließenden Fazit dieser Arbeit.

2. Anforderungen im Wandel der Zeit

Mit dem Wandel des Lehrerbildes veränderten sich gleichzeitig auch die Ansprüche und Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer. In den 50er und 60er Jahren galt der Lehrerberuf noch als eines der „bestbezahlten Halbtagsjob[s]“[4]. Die Lehrerautorität war ein selbstverständlicher Teil des Amtes, der nicht erst persönlich erworben werden musste.[5] Das gesamte Lehrerdasein schien „eher gemütlich gewesen [zu] sein“[6].

Im Jahr 1968 erlebte der Lehrerberuf allerdings einen erheblichen Wandel: Die Belastungen im Alltag von Lehrerinnen und Lehrern wuchsen stetig. Sowohl die Schülerzahlen als auch die didaktischen Ansprüche stiegen. Nicht nur die Schülerinnen und Schüler wurden schwieriger, auch die Gesellschaft stellte immer höhere Ansprüche an Lehrerinnen und Lehrer. So sollten Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr nur für die Stoffvermittlung, sondern auch für die Erziehung der Kinder und Jugendlichen Verantwortung übernehmen. Probleme und Schwierigkeiten, die zum Beispiel die Familie nicht mehr zu bewältigen wusste, seien nun auch Aufgabe der Lehrkräfte.[7] Untersuchungen zur Lehrerbelastung zeigten einen vollständig veränderten Anforderungsanspruch auf. Die Ansprüche an Lehrerinnen und Lehrer waren äußerst komplex geworden. Sie reichen vom „gleichzeitigen Anspruch der Förderung und der Auslese über Stoffvermittlung, Erziehung, Motivierung, Disziplinierung, Individualisierung bis hin zur Steuerung von Gruppenprozessen“[8].

In den 80er Jahren galt schließlich die gezielte Entfaltung der Lehrerpersönlichkeit als die Hoffnung für den „belastenden Beruf“[9]. Die Lehrerpersönlichkeit erhielt eine zentrale Bedeutung. Immer mehr rückte sie in den Mittelpunkt und wurde auch in ihrer Funktion als Vermittler von Werten, Vorbild und Werteträger betrachtet. Da sowohl das Lernen als auch die Entstehung von Respekt auf einer positiven Beziehung basiert, sollten Lehrerinnen und Lehrer von nun an vor allem die Rolle des „Beziehungsarbeiter[s]“[10] einnehmen. Es galt also für Lehrerinnen und Lehrer zunächst eine gute Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern herzustellen, da Unterricht erst auf dieser Grundlage gelingen kann.[11]

Nichtsdestotrotz reicht eine gut entwickelte Lehrerpersönlichkeit allein nicht für einen guten Unterricht aus. So ging es auch seit Ende der 80er Jahre um die Frage, was einen guten Lehrer ausmacht und welche Kompetenzen er haben sollte. In den 90er Jahren entstand schließlich ein sichtbarer Wandel im Lehrerbild. Während zuvor vielmehr die Entwicklung der Lehrerpersönlichkeit im Vordergrund stand, galten von nun an Lehrerinnen und Lehrer vor allem als Experten für den Unterricht. Der Anspruch an Lehrerinnen und Lehrer war es nun Unterrichtsexperte zu sein, der seine Aufgabe im „Erteilen von Unterricht sieht und sich seines begrenzten Einflusses auf Lern- und Entwicklungsprozesse bewusst ist“[12]. Das Anforderungsprofil, welches Lehrerinnen und Lehrer zu bewältigen hatten, änderte sich also grundlegend. Lehrerinnen und Lehrer mussten sich vom Glauben trennen, einen direkten Einfluss auf den Lernerfolg ihrer Schülerinnen und Schüler zu haben und sich mit der Anforderung vertraut machen, dass Lehren nun als ein Zur-Verfügung-Stellen von Lernangeboten verstanden wird.[13]

Dass Lehrkräfte von nun an nicht mehr nur die Rolle des Beziehungsarbeiters, sondern auch die Rolle des Fachmannes, des Experten und des Profis für erfolgreichen Unterricht einnahmen, brachte weitere grundlegende Anforderungen mit sich. Von Lehrerinnen und Lehrern wurde die Fähigkeit erwartet, sowohl den Unterrichtsablauf als auch die Unterrichtszeit effektiv zu organisieren. Auch sollten Lehrerinnen und Lehrer die strukturierende Rolle im Unterricht beherrschen, um den Unterrichtsstoff sinnvoll entwickeln und anordnen zu können.[14]

2.1. Heutige Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer

Der Lehrerberuf ist ein sehr anspruchsvoller Beruf, welcher mit vielen unterschiedlichen Anforderungen verbunden ist. Es ist zunächst festzuhalten, dass Erwartungen und Ansprüche an Lehrerinnen und Lehrer hauptsächlich von Bezugsgruppen des Lehrers kommen, also von Positionen, die direkt mit dem Lehrer in Interaktion stehen. Jene Erwartungen sind es, die das Lehrerbild formen und woraus letztlich auch die Anforderungen an die Lehrertätigkeit entstehen.[15]

In dem folgenden Teil der Arbeit wird erläutert, welche Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer vonseiten der Schülerinnen und Schüler, der Unterrichtsforschung und der Politik gestellt werden.

2.1.1. Aus der Sicht von Schülerinnen und Schülern

Schülerinnen und Schüler machen mit Abstand die wichtigste Bezugsgruppe von Lehrerinnen und Lehrern aus. Obwohl sie nicht direkt berechtigt sind, Anforderungen an den Lehrerberuf zu stellen, haben ihre Erwartungen dennoch eine große Auswirkung auf das Lehrerleitbild. Wenn Schülerinnen und Schüler gefragt werden, was sie von einem guten Lehrer erwarten, dann sind ihre Antworten überwiegend einheitlich: Ein guter Lehrer sollte fachlich kompetent sein, den Unterricht interessant gestalten, den Stoff gut vermitteln und ein gutes Verhältnis zu seinen Schülerinnen und Schülern haben.[16] Auch soll er geduldig, humorvoll, beim Lernen unterstützend, freundlich und gerecht sein, Kritik ertragen, Probleme erkennen und die Schüler sowohl aktiv am Unterricht als auch an unterrichtlichen Entscheidungen beteiligen.[17]

Es wird also deutlich, dass die Schülererwartungen hauptsächlich im Zusammenhang mit einem gelingenden Unterricht und einer guten und intakten Lehrer-Schüler-Beziehung stehen. Die Lehrerpersönlichkeit und die Lehrerrolle als Beziehungsarbeiter und Unterrichtsexperte, welche in den 80er und 90er Jahren stark in den Vordergrund rückten, sind also auch heute noch wichtige Aspekte hinsichtlich der gestellten Ansprüche an Lehrerinnen und Lehrer.

Desweiteren kommt dem Lehrer auch die Aufgabe hinzu, als „Vermittler im sozialen Zwischenraum“[18] zu agieren. Dies hat den Grund, dass die Schule selbst an Werten ausgerichtet ist, die einer modernen Gesellschaft entsprechen. Die Schülerinnen und Schüler hingegen erwarten von ihrem Lehrer familiäre Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Verständnis oder familiäre Verhältnisse. So steht der Lehrer mit seiner Rolle als Vermittler in der Schule genau zwischen Familie und Gesellschaft.[19]

2.1.2. Aus der Sicht der Unterrichtsforschung

Der Unterricht stellt eines der wichtigsten Quellen für Leitbilder des Lehrerberufs dar. So wird ein guter Lehrer auch mit einem guten Unterricht in Verbindung gebracht. Es ist die Unterrichtsforschung, die sich damit beschäftigt, wie Lehrerinnen und Lehrer „ihr Handeln [im Unterricht] gestalten sollen“[20]. Dabei fasst die Unterrichtsforschung das Handeln von Lehrerinnen und Lehrern als ein Prozess auf, der ein Produkt, nämlich die Lernleistungen der Schülerinnen und Schüler, erzeugt. Dieser Ansatz der Unterrichtsforschung, das sogenannte „Prozess-Produkt-Paradigma“[21], bringt eine Menge an Erkenntnissen hervor, die sich zu Empfehlungen an einen guten Lehrer verdichten lassen. So fasste beispielsweise der Erziehungspsychologe Jere Brophy im Jahr 2000 eine Liste mit „principles of effective teaching“[22] zusammen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden im Folgenden einige der Prinzipien dargelegt: Aufgaben- und Lernorientierung der Schülerinnen und Schüler, ein unterstützendes Klassenklima, kriterienorientierte Beurteilung, angemessene Leistungserwartung, ideenreiche Unterrichtsgespräche, stoffbezogene Lerngelegenheiten, Unterstützung der Lernaktivitäten der Schülerinnen und Schüler, Vermittlung von Strategien des Lernens und der Selbstregulation.[23] Auch von anderen Autoren der Unterrichtsforschung liegen ähnliche Listen über Prinzipien des guten Lehrens vor.

Es handelt sich bei diesen Listen also um eine Ansammlung von zahlreichen Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer, die für einen guten Unterricht beachtet werden sollten. Eine Fülle an Einzelmerkmalen, die nebeneinander aufgelistet werden, ohne wirklich miteinander in Verbindung gebracht werden. Auch auf die Einzelbedeutungen dieser Kriterien wird kaum eingegangen.[24] Abgesehen davon, sind diese Listen problematisch zu betrachten, weil sie eine äußerst „hohe Suggestivkraft“[25] mit sich bringen. Es besteht die Gefahr, dass vor allem junge Lehrerinnen und Lehrer die Erfüllung all dieser aneinandergereihten Kriterien als eine Realisierung der Unterrichtsqualität begreifen, diese daher alle erfüllen wollen und schließlich stark überfordert werden. Diese Listen der Unterrichtsforschung sollten keinesfalls als Anleitung für das richtige Lehrerhandeln genutzt werden. Vielmehr können und sollten sie verwendet werden, um vor Augen zu haben, dass es „ viele Möglichkeiten gibt, erfolgreich zu unterrichten“[26] und um zu erkennen, dass ein guter Unterricht „auf [viele] unterschiedliche Art und Weise[n] realisiert werden kann“[27].

2.1.3. Aus der Sicht der Politik

Es ist kein Geheimnis, dass Lehrerinnen und Lehrer als Arbeitnehmer des Staates, gewissen staatlichen Verpflichtungen und Ansprüchen unterliegen. Schließlich liegt es im Interesse des Staates, den Berufs- und Amtsauftrag von Lehrerinnen und Lehrern festzulegen. Auch sind es politische Gremien unterschiedlichster Art, die den Lehrerberuf beeinflussen können.[28]

Behörden sowie von Behörden beauftragte Gremien, berufen sich bei der politischen Formulierung von Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer vor allem auf die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen. Es ist „die Umgestaltung der Arbeitswelt, der rasante technologische Wandel, die Umweltproblematik, demographische Veränderungen und die wachsende kulturelle Heterogenität der Bevölkerung“[29], die dabei im Vordergrund stehen. Daher wird von Lehrerinnen und Lehrern besonders erwartet, dass sie ihre Tätigkeit auf den gesellschaftlichen Wandel einstellen. Mit der steigenden Heterogenität der Schülerinnen und Schüler entstehen an Lehrerinnen und Lehrer nicht nur neue didaktische Ansprüche, sondern auch der Anspruch nach beispielsweise sozialer Integration der Schülerinnen und Schüler. So brauche das Land Lehrkräfte, „die mit individueller, kultureller und sozialer Vielfältigkeit positiv und kreativ umgehen können“[30].

[...]


[1] S. Freud (1982): Die endliche und die unendliche Analyse. In: Studienausgabe. Ergänzungsband. Frankfurt: Fischer, S. 388.

[2] Vgl. H. Gudjons (2006): Neue Unterrichtskultur – veränderte Lehrerrolle., Bad Heilbrunn, S. 159.

[3] Stern (2004): Lehrer – Höllenjob auf Lebenszeit.,

URL: http://www.stern.de/politik/deutschland/bildungspolitik-schule/lehrer-hoellenjob-auf-lebenszeit-524136.html, S. 1.

[4] H. Gudjons (2006): Neue Unterrichtskultur – veränderte Lehrerrolle., Bad Heilbrunn, S. 160.

[5] Vgl. ebd.

[6] Ebd., S. 159.

[7] Vgl. ebd., S. 161.

[8] Ebd.

[9] Ebd., S. 163.

[10] Ebd.

[11] Vgl. ebd.

[12] Ebd., S. 164.

[13] Vgl. ebd., S. 164 f.

[14] Vgl. ebd., S. 165.

[15] Vgl. W. Herzog; E. Makarova (2011 ): Anforderungen an und Leitbilder für den Lehrerberuf. In: E. Terhart; H. Bennewitz; M. Rothland (Hrsg.), Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf., Münster, S. 63.

[16] Vgl. ebd., S. 66.

[17] Vgl. ebd., S. 67.

[18] Ebd.

[19] Vgl. ebd.

[20] Ebd., S. 69.

[21] Ebd.

[22] J. Brophy (2000): Teaching. International Academy of Education. Educational Practises Series Nr. 1. URL: http://www.ibe.unesco.org/publications/educationalpracticesseriespdf/prac01e.pdf, S. 6.

[23] Vgl. W. Herzog; E. Makarova (2011 ): Anforderungen an und Leitbilder für den Lehrerberuf., a.a.O., S. 69.

[24] Vgl. ebd., S. 70.

[25] Ebd.

[26] A. Helmke (2006): Was wissen wir über guten Unterricht ? In: Pädagogik 58, H. 2, S. 44.

[27] F.E. Weinert; A. Helmke (1996): Der gute Lehrer: Person, Funktion oder Fiktio n? In: Leschinsky, A. (Hrsg.): Die Institutionalisierung von Lehren und Lernen. Beiträge zu einer Theorie der Schule., Weinheim, S.231.

[28] Vgl. W. Herzog; E. Makarova (2011 ): Anforderungen an und Leitbilder für den Lehrerberuf., a.a.O., S. 72.

[29] Ebd., S. 73.

[30] EDK [Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren] (2003): Leitbild Lehrberuf. Thesenpapier der Task Force „Lehrberufsstand“., Bern, S. 29.

Details

Seiten
16
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668399686
ISBN (Buch)
9783668399693
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353790
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Schlagworte
Lehrerberuf Lehrer Anforderungen Belastungen Beanspruchung Lehramt

Autor

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