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Hannah Arendt - Vita activa. Eine Zusammenfassung

Privat und Öffentlich, Haushalt und Polis

von Thomas Bäcker (Autor)

Zusammenfassung 2015 9 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Hannah Arendt – Vita activa

Hannah Arendt versteht sich selbst als eine politische Denkerin. Sie widmet sich in ihrem Werk der Frage: Was tun wir, wenn wir tätig sind? Ihre politische Theorie kritisiert die Reduktion tätigen Lebens auf Arbeit und Konsum und insistiert auf dem Freihalten und der Erweiterung der Öffentlichkeit. Die nachfolgenden Ausführungen gehen auf die 9te Auflage von Hannah Arendts ‚Vita activa‘, erschienen im Jahre 2010 beim Piper Verlag in München, zurück.

Unterschieden wird grundlegend zwischen drei Tätigkeiten: der Arbeit, der Herstellung und dem Handeln. Der Begriff ‚Vita activa‘ fasst diese drei menschlichen Grundtätigkeiten zusammen. Die Tätigkeit der Arbeit entspricht dem biologischen Prozess des menschlichen Körpers. Das Ergebnis der Arbeit ist nicht von langer Dauer und dient lediglich der Erhaltung. Das Herstellen produziert eine künstliche Welt von Dingen, die einen gewissen Zeitraum überdauern. Das Ergebnis des Herstellens ist somit von langer Dauer, da ein Produkt entsteht. Dieses Produkt ist künstlich, objektiv-gegenständlich. Das Handeln ist die einzige Tätigkeit der Vita activa, die sich ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen abspielt. Das Handeln bedeutet, dass Menschen frei ohne Zwang miteinander umgehen. Die Grundbedingung für das Handeln ist das Faktum der Pluralität, was genauer meint, dass kein Mensch einem anderen gleicht, der lebt oder jemals gelebt hat. Arendt geht in ihrem Ansatz von der Natalität aus. Die drei Grundtätigkeiten sind somit an das menschliche Leben gebunden und verschwinden durch den Tod. Anthropologisch sichert die Arbeit das Am-Leben-Bleiben des Individuums und das Weiterleben der Gattung. Das Herstellen errichtet eine künstliche Welt, die die Sterblichkeit der sie bewohnenden Individuen überdauert und das Handeln schafft die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen, insofern es der Gründung und Erhaltung politischen Gemeinwesens dient. Das Handeln ist enger an Grundbedingung der Natalität gebunden als die anderen beiden Tätigkeiten, da jeder Neuankömmling einen Neubeginn machen kann, indem er selbst handelt und somit die Welt verändert.

Hannah Arendt greift in der Geschichte auf Aristoteles zurück, um ihren Ansatz zu legitimieren. Nach Aristoteles zeichnet sich die Lebensweise eines freien Mannes durch den Genuss, schöne Taten innerhalb der Polis und die Philosophie, welche hier als Erforschen des nie vergehenden verstanden wird, aus. Die Grundlage für diese Lebensweise bildet sich durch Erwerbsfreiheit, Bewegungsfreiheit, Status und Handlungsfreiheit. Arbeiten und Herstellen waren eines freien Mannes unwürdig. In der Antike war die Erwerbsfreiheit ein beneidenswertes Privileg, welches den Reichen vorenthalten war. Der Begriff von Reichtum in der Antike ist von dem heutigen zu unterscheiden, da es ungewöhnlich war Reichtum zu vermehren, sondern dieser lediglich als Grundlage für eine freie Lebensweise diente. Auch Aristoteles hat eine Definition von Vita activa, welche nur aus dem Handeln besteht.

Hannah Arendt möchte die ‚Vita activa‘ aufwerten und die immense Wichtigkeit des Handelns für die Menschheit betonen. Folgt man ihren Ausführungen wird ersichtlich, dass politisches Handeln eine Reaktion auf die Judenverfolgung gewesen wäre und diese Katastrophe der Menschheitsgeschichte eventuell hätte verhindern können.

Eine weitere bedeutende Unterscheidung ist die zwischen dem Raum des Öffentlichen und dem Bereich des Privaten. Privat meint, des Öffentlichen beraubt. Hierbei handelte es sich in der Antike beispielsweise um die Angelegenheiten des privaten Haushalts. Politische Angelegenheiten wurden hingegen in der Öffentlichkeit abgehandelt. Politik bedeutet nach antiker Definition, die Interaktion zwischen freien Menschen auf Augenhöhe. Der öffentliche Raum der Antike war die Polis. Innerhalb der Polis wurde noch eine weitere Unterscheidung zwischen Reden und Handeln gemacht. Die Rede war das Mittel zur Überzeugung und das Handeln bezeichnete die Einflussnahme auf das Bezugsgewebe der Menschen. Sprechen und Handeln waren dennoch ebenwürdig. Eine Handlung wurde dadurch gekennzeichnet, das richtige Wort im richtigen Moment zu finden. Die Gewalt hingegen ist keine Handlung sondern stumm. Bereits Homer klassifizierte Handeln und Sprechen als höchste Tugenden der Menschen. Im Laufe der Geschichte wurde das Private ins Öffentliche gedrängt und hat dieses verdeckt, was an den Begrifflichkeiten der Volkswirtschaft erkannt werden kann. In der Ökonomie wird beispielsweise von einem großen Haushalt gesprochen. Die Antike Vorstellung von Glück war an die Freiheit gekoppelt. Demzufolge lässt sich die Polis als ein Raum gekennzeichnet von Öffentlichkeit und Freiheit beschreiben und der Haushalt als ein Raum von Nützlichkeit und Notwendigkeit. Menschen, die keinen Zugang zur Öffentlichkeit hatten, waren Sklaven. Dies wurde dadurch begründet, dass Arbeiten und Herstellen als unfreie und somit unwürdige Tätigkeiten gesehen wurden, die mit der Polis nicht vereinbar waren.

Heute wird die Privatsphäre als sicherer und intimer Rückzugsort positiv bewertet. Das liegt daran, dass sich das Private immens ausgebreitet hat und das Öffentliche laut Arendt sogar überdeckt.

Das öffentliche Leben wird heute mit dem Begriff der Gesellschaft in Verbindung gebracht. Nach Arendt ist die heutige Gesellschaft eine Überfamilie oder Kollektiv, das alle Lebensbereiche erfasst. Die Gesellschaft entstand nach Arendt als der Haushalt das Licht des öffentlich-politischen Bereich erblickte. Sie kritisiert die heutige Gesellschaft dahingehend, dass Konformität die Handlung ersetzen würde. Des Weiteren assoziiert sie mit dem heutigen Begriff der Gleichheit eine Herrschaft im Gegensatz zur Freiheit in der Antike. Arendt führt weiterhin aus, dass der Konformismus durch Wissenschaft dem Entstehen der Gesellschaft auf den Fuß folgte. Dies macht sie an der Etablierung der Statistik und Berechenbarkeit fest und erwähnt gleichermaßen, dass positivistische Formen der Erkenntnis wie die genannten erst wissenschaftliche Ansprüche stellen konnten, als die Gesellschaft ein einheitliches Verhalten durchdrängte. Da Abweichungen erst durch gesetzte Norme bestimmt werden können. Daraus folgt, dass eine größere Zahl normkorrekt verhaltender Menschen die Gesetze und den Staat stärkt. Auch die Bevölkerungsgröße hat einen Einfluss auf das Machtverhältnis zwischen politischen und gesellschaftlichen Interessen. Je größer die Bevölkerung des Staates ist, desto wahrscheinlicher ist ein Vorrang der gesellschaftlichen Interessen vor den Politischen. Eine Polis ist nur bei begrenzter Bürgerzahl möglich.

Allerdings sind diese Entwicklungen laut Arendt fatal für die Menschheit, denn ohne öffentlichen Raum ist Menschsein nicht möglich. Den Grund für die beschriebene Entwicklung der Zerstörung der Öffentlichkeit sieht Arendt in der Emanzipation der Arbeit. Die heutige Arbeitsgesellschaft ist gekennzeichnet durch diverse Organisationsformen des Arbeitens, nämlich der Arbeitsteilung und der Arbeitsproduktivität. Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs der Arbeit hat sich gewandelt von einer mühevollen plagenden Tätigkeit zur selbstverwirklichenden Vortrefflichkeit. Die Verhältnisse zwischen Arbeit und Handeln haben sich gegenüber der Antike verkehrt. Heute ist die Arbeit öffentlich und das Handeln privat, was sich aus dem angesprochenen Verrücken des Privaten ins Öffentliche erklären lässt. Nach Arendt hinkt die gesellschaftliche Entwicklung den Naturwissenschaften hinterher. So gibt es heute keinen Platz mehr für vortreffliche Leistungen, da es keinen öffentlichen Raum gibt, indem diese gewürdigt werden könnten. Deshalb nimmt Hannah Arendt den entwicklungsgeschichtlichen Zeitsprung bis in die Antike vor, um aufzuzeigen, dass es der heutigen Gesellschaft an Öffentlichkeit in Form der Polis fehlt. Die Öffentlichkeit ist sichtbar und hörbar für jeden und ein Ort für relevante Themen und Angelegenheiten. Privatangelegenheiten sind hingegen irrelevant, bringen einer Gesellschaft keinen dauerhaften Fortschritt und gehören nicht in die Öffentlichkeit. So wäre das heutige Fernsehprogramm nach Hannah Arendt mehrheitlich nicht für die Öffentlichkeit relevant, da weitgehend Privatangelegenheiten thematisiert werden. Sehr gute Belege dafür liefern die sogenannten Reality-Sendungen wie: Big Brother oder das Dschungelcamp. Hier werden die privaten Arbeitsprozesse des Körpers und weiteres privates ausführlich dargestellt. Eine Relevanz für die nach Hannah Arendt definierte Öffentlichkeit bleibt aus. Die Öffentlichkeit ist eine Form der Erinnerung und Dauerhaftigkeit. Sie ist ein Angebot, dass wahrgenommen werden kann oder nicht. Philosophie und politisches Denken sind demnach nur öffentlich möglich. Weiterführend kritisiert Arendt das vielfach vorherrschende Privatleben ohne öffentlichen Raum in der heutigen Zeit, dass nach ihrer Ansicht zu Realitätsverlust, Beziehungslosigkeit und schlussendlich zu Unglück führt. Anhand der theoretischen Ansätze von John Locke, Adam Smith und Karl Marx zeigt Hannah Arendt auf, wie die Arbeit es geschafft hat vom untersten Rang der Tätigkeiten den nahezu alleinigen und höchsten Rang einzunehmen. Zunächst ist grundsätzlich zu erwähnen, dass alle drei Ansätze die Arbeit aufwerten und zu einer produktiven Tätigkeit machen. John Locke entdeckte die Arbeit als Quelle des Eigentums. Adam Smith sah in der Arbeit die Quelle des Reichtums und Karl Marx sah in der Arbeit die Quelle der Produktivität. Der Fehler hierbei ist laut Arendt, dass der Arbeit Eigenschaften des Herstellens zugesprochen werden. Marx bestimmte das Produkt der Arbeit als einen Konsumartikel, der verbraucht werden muss. John Locke führte das Geld ein, um die Arbeit beständig zu machen. Denn durch die Entlohnung der Arbeit, bekommt sie einen gegenständlichen Wert in Form einer Währung. Damit begann gleichermaßen die moderne Verherrlichung der Arbeit, da so das Privateigentum gerechtfertigt werden konnte. Der Arbeitende kann durch eine Erhöhung seiner Arbeitsproduktivität einen Mehrwert erschaffen, der sich in einer Anhäufung von Arbeitsprodukten und weiterführend in Eigentum niederschlägt. Die Eigentumsvorstellung wehrt sich aggressiv gegen das Öffentliche, da sie das Private schützt und stärkt. In der heutigen Gesellschaft befinden sich die Theorien des Privateigentums in der Defensive, ursprünglich befanden sie sich in der Offensive. Locke setzte das Eigentum in einen Naturursprung der körperlichen Aneignung, um die weltlichen Grenzen aufzureißen und das Private dem Gemeinsamen zu entnehmen. Locke sieht den Prozess des anwachsenden Reichtums als ein Naturphänomen an. Die Mittel zur Aneignung sind dem Menschen auf natürliche Weise durch seine Hände gegeben.

Hierbei unterscheidet Arendt zwischen dem animal laborans, einem Individuum lediglich von Körperbedürfnissen getrieben und dem Homo Faber, welcher Herr seiner Hände ist. Das animal laborans ist weltlos und kennt keine Öffentlichkeit. Der Homo faber hilft diesem durch Erfindungen, welche die Arbeit erleichtern. Die Arbeitserleichterung beseitigt nicht die Notwendigkeit der Arbeitens. Die Werkzeuge vervielfältigen eher die Arbeitskraft des animal laborans. Ein nächster erwähnenswerter Schritt ist die Einführung der Arbeitsteilung. Hierbei verhalten sich zwei Personen wie eine, was wiederum im Einklang zum einheitlichen Verhalten in der Gesellschaft steht. Die kollektive Arbeitskraft ist unerschöpflich, da sie durch Schichtarbeit und Manufaktur in einem endlosen Prozess kontinuierlich abläuft. Die Herstellung hat durch die endlose Wiederholung von Handgriffen Arbeitscharakter bekommen, wodurch die Produktion und der Verbrauch gleichermaßen beschleunigt wurden. Der von Dauer und Haltbarkeit geprägte Habitus des Homo faber wurden durch den von Überfluss geprägten Habitus des animal laborans ersetzt.

Durch die aufgezeigte und theoretisch fundierte Entwicklung hat sich eine Arbeits- und Konsumgesellschaft entwickelt, in welcher ein angemessenes Einkommen durch Arbeit erzielt wird und einen dementsprechenden Konsum mit sich bringt. Des Weiteren werden künstlerische Berufe zurückgedrängt und deren Werk als zum Beruf gemachtes Hobby tituliert. Der Begriff des Hobby beschreibt die Freizeitgestaltung im privaten Bereich, da die private Tätigkeit der Arbeit immer mehr ins Öffentliche gerückt wurde. Die Verhältnisse der Antike haben sich somit verkehrt, sodass privates die Öffentlichkeit verdeckt und für die freie Zeitgestaltung der Begriff des Hobbys gefunden wurde, welcher einen privaten zurückgezogen Bereich meint. Es wird ersichtlich, dass die eigentliche öffentliche Tätigkeit der Handlung mit der Arbeitsgesellschaft bereits stark reduziert wurde. Im Zuge der fortschreitenden Arbeitsteilung und Automatisierung hat sich eine Wegwerfgesellschaft entwickelt, in welcher die Produktion den Verbrauch überholt hat und somit überflüssige Güter entsorgt werden. Ein aktuelles Beispiel sind die immer kürzer werdenden Abstände der Präsentation von Neumodellen in der Automobilbranche. Nach Adam Smith besteht in einer Wegwerfgesellschaft die Gefahr, dass keine Verdinglichung mehr stattfindet, welche die Mühe der Arbeit überdauert. Des Weiteren verlangt eine automatisierte Arbeit wie beispielsweise am Fließband einen Rhythmus, den die Maschinen vorgeben. Im freien Handwerk, das lediglich Werkzeuge als Hilfsmittel zulässt, wird der Rhythmus noch von dem Menschen selbst bestimmt. Die Automatisierung zerstört die Herstellung, da beginnende Ideen und ein Ende nicht mehr erkennbar sind. Eine vollkommene Automatisierung würde sogar die Natur ersetzen.

Adam Smith legte des Weiteren Wert auf Konkurrenz und bestimmte den Unterschied zwischen Tier und Mensch durch den Handel. Der Tauschmarkt war eine öffentliche Form der Herstellung. Im Laufe der Zeit wurde von der isolierten Herstellung zur Massenfabrikation übergegangen. Der Wert der hergestellten Güter setzt Öffentlichkeit voraus, da dieser allseitig bekannt sein muss. Die Qualität hingegen ändert sich nur mit dem Gegenstand selbst. So betont Locke richtig, dass Marktwert und Qualität unterschiedlich sind. Ein weiteres Problem innerhalb des Konflikts zwischen den beiden Größen ist, dass es keinen absoluten Wert gibt. Der Wert der Kunst ist zudem willkürlich und die Philosophie ist in Werten nicht erfassbar.

Die Einzigartigkeit des Individuums zeigt sich lediglich in Sprechen und Handeln. Das Erlernen dieser Fähigkeit kann auch als zweite Geburt des Menschen gesehen werden. Eine Handlung ist ein Neuanfang. Sie isst unberechenbar und irrational zugleich. Das Sprechen wird gebraucht, um die Frage nach der eigenen Existenz zu beantworten. So wird eine Handlung ohne den Urheber zu kennen leicht vergessen. Eine Handlung nimmt Einfluss auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Menschen, die als Netz verstanden werden können. So wissen wir heute über die Handlung des Sokrates durch die Überlieferung, obwohl von ihm keine Werke vorliegen. Eine Handlung ist schwer zu beschränken und kann als Selbstenthüllung verstanden werden. Die Emanzipation der Handlung findet in der Polis statt, da dieser öffentliche Raum eine Freiheit erlaubt, die sonst nirgendwo gegeben ist. Der Untergang von Kulturen hängt laut Arendt mit der Existenz des öffentlichen Raums zusammen. So ist das Merkmal von Tyrannei nicht die Grausamkeit sondern die Vernichtung des öffentlichen Raums. Die Freiheit findet sich nach Arendt im zwischenmenschlichen Bereich. Für unsere aktuelle Arbeitsgesellschaft entstehen Gefahren, da einerseits kein öffentlicher Raum im Sinne der Polis existiert und andererseits der Gesellschaft die Arbeit durch die fortschreitende Automatisierung ausgeht.

Hannah Arendts Ausführungen haben für die Pädagogik der Bundesrepublik Deutschland insofern eine Bedeutung, da sie demokratische Elemente der griechischen Stadtstaaten in Form der Polis aufgreift und deren positive Aspekte für die heutigen Gesellschaftsformen benennt. Sie kritisiert das Verdecken des öffentlichen Raumes. Denn in Zeiten der politischen Korruption oder wenn allgemein der Öffentlichkeit nicht mehr zu trauen ist, fühlen Menschen sich fremd. So konnte der Öffentlichkeit während des dritten Reiches nicht mehr getraut werden, da es in dieser Diktatur keine Freiheit bezüglich der Aussagen und Meinung gab. Hannah Arendt brauchte als politische Denkerin die Öffentlichkeit und da sie dieser nicht mehr trauen konnte emigrierte sie 1933. Gleichermaßen kritisiert sie die Aufwertung der Arbeit, denn das hat zu den Verbrechen des Nationalsozialismus beigetragen. Arendt interviewte den hochrangigen NS-Funktionär Adolf Eichmann in Israel. Er war für die Logistik bei den Deportationen zuständig und leistete Beihilfe zu den Morden von seinem Schreibtisch aus. Arendt charakterisierte Eichmann als einen funktionstüchtigen Arbeiter. Allerdings erkannte sie in seiner Persönlichkeit keine Tiefe, da er über seine Taten in keinster Weise reflektierte, nachdachte oder Reue zeigte. Hier wird ein weiterer Anknüpfungspunkt für die Pädagogik ersichtlich. Die Schüler/-innen sollen eine Reflexionsfähigkeit erwerben, damit sie die Folgen ihrer Taten bewerten und einschätzen können. Im Sinne einer demokratischen Gesellschaft und deren Fortbestand ist es ebenfalls wichtig, dass die Schüler/-innen zur Mündigkeit erzogen werden und die Befähigung zur politischen Beteiligung erwerben. Denn eine Demokratie kann nur bestehen, wenn sich ihre Bürger beteiligen. Dazu sollen die Schüler/-innen Mehrperspektivität lernen, um andere Meinungen zu tolerieren und sich auch in andere hineinversetzen zu können. Darüber hinaus ist es essentiell, dass aus der Vergangenheit gelernt wird. Durch dementsprechende Handlungen hätten viele Menschenleben gerettet werden können und großes Unglück in Form von Krieg hätte verhindert werden können. In einer demokratischen Schule wird Mitbestimmung von Anfang an gelehrt. Es findet sozusagen eine Sozialisation im demokratischen Sinne statt. Die Demokratie erstreckt sich in einem weiten pluralistischen Demokratieverständnis auf die gesamte Gesellschaft. Ein solches Verständnis ist der Demokratisierung aller Lebensbereiche dienlich. Das Handeln zwischen Menschen auf Augenhöhe bedarf einer Freiheit, die in einer demokratischen Gesellschaft nach dem Vorbild der Polis existieren sollte. Denn so können die Menschen miteinander frei und ohne Zwang umgehen. Ein weiterer Aspekt, der durch Hannah Arendts Ausführungen erkennbar wird, ist der des kritischen Hinterfragens. Im Zuge der Automatisierung hat die Funktion den Zweck als Begründung für eine Tätigkeit ersetzt. Menschen die lediglich Funktionen erfüllen, hinterfragen nicht kritisch und reflektieren auch nicht. Es ist wichtig, dass Menschen kritisch hinterfragen und die herrschenden Zustände nicht als gegeben akzeptieren. Denn auf diese Weise können Politik und Gesellschaft durch die Bürger/-innen verändert werden. Hinzu kommt, dass durch kritisches Denken antidemokratischen Tendenzen begegnet werden kann. Die Kritik und die daraus resultierenden Konflikte tragen zur Demokratisierung bei, da auf diesem Wege alle Meinungen und Beiträge in die demokratische Willensbildung mit einfließen.

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Details

Seiten
9
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668402812
ISBN (Buch)
9783668402829
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353933
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Erziehungswissenschaften
Note
1,33
Schlagworte
hannah arendt vita eine zusammenfassung privat öffentlich haushalt polis

Autor

  • Thomas Bäcker (Autor)

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Titel: Hannah Arendt - Vita activa. Eine Zusammenfassung