Lade Inhalt...

Die Funktion des Löwen als Sinnbild in Hartmanns „Iwein“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 13 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Analyse und Interpretation der Funktion des Löwen
2.1 Der Löwe als Sinnbild für Iweins Aufstieg aus der Wildnis
2.1.1 Der Löwe als Symbol des Adels
2.1.2 Das Verhältnis Iweins jeweils zum Einsiedler und zum Löwen
2.2 Der Löwe als Sinnbild für Demut und lebenslange Treue
2.2.1 Die Domestizierung des Löwen
2.2.2 Der Todeswunsch des Löwen nach Iweins vermeintlichem Tod
2.3 Der Löwe als Sinnbild für Christus und das Gute
2.3.1 Der Kampf des Löwen mit dem Drachen
2.3.2 Die mit Hilfe des Löwen gewonnenen Kämpfe Iweins
2.4 Der Löwe als Sinnbild für Iweins zweite Identität

3 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Löwe spielt eine zentrale Rolle in Hartmanns Werk, und über seine Funktion „sind zahlreiche Interpretationen gegeben worden“[1]. Und doch ist die Forschung noch keinesfalls abgeschlossen. Er fungiert „als >>shifter<< zwischen verschiedenen Diskursen – biblisch, klassisch, volkskundlich, wissenschaftlich“[2]. Die vorliegende Hausarbeit wird diese unterschiedlichen Ansätze zur Funktion des Löwen untersuchen und deren Plausibilität durch Textstellen unterstreichen bzw. widerlegen. Dabei soll die stimmigste Erklärung herausgefiltert und im Fazit genannt werden.

Zu diesem Zweck ist die Arbeit gegliedert in vier Unterpunkte, die sich mit vier verschiedenen Ansätzen befassen. Zu den ersten drei dieser vier Ansätze werden zusätzlich zwei Unterpunkte genannt, die sie jeweils von zwei verschiedenen Perspektiven her betrachtet unterstützen. Analysiert und interpretiert wird dabei vor allem auf Grundlage des Primärtextes „Iwein“ von Hartmann von Aue.

2 Analyse und Interpretation der Funktion des Löwen

2.1 Der Löwe als Sinnbild für Iweins Aufstieg aus der Wildnis

Iwein hat nach dem Verlust der Laudine, welchen er durch Unzuverlässigkeit selbst verschuldet hat, einen „Aufenthalt im Wald als vernunftloser Wilder“[3]. Er verlässt hier komplett die höfische Welt und gleicht mehr einem Tier als einem Menschen. Im Anschluss an diese Wahnsinns-Episode begegnet er dem Löwen, womit seine Rückkehr in die Zivilisation beginnt. Der Löwe kann daher als Sinnbild für Iweins Aufstieg aus der Wildnis verstanden werden, der durch ihn eingeleitet wird.

2.1.1 Der Löwe als Symbol des Adels

Der Löwe wurde im Mittelalter mit dem Adelsstand in Verbindung gebracht. Die Heraldik zeigt, dass er auf vielen Wappen zu finden ist. So etwa auf dem Wappen des heutigen Bundeslandes Bayern, dessen Herzöge ihn bereits ab dem 12. Jahrhundert gebrauchten[4]. Die adeligen Familien und die Ritter an den Höfen bevorzugten starke und positiv konnotierte Tiere als Symbole ihrer Kraft. „Als Schildfiguren wurden am häufigsten der Adler, der Löwe und der Panther gewählt“[5]. Die Verbindung zwischen dem Löwen und dem Adel ist auf Grundlage der Heraldik daher eindeutig nachgewiesen.

Auch semantisch kann das neuhochdeutsche Wort „Adel“ auf das mittelhochdeutsche Adjektiv „edel“ zurückgeführt werden, welches übersetzt edel, adlig, kostbar, gut oder auch schön bedeutet[6]. Der Löwe in Hartmanns Iwein wird mit jenem Attribut versehen. So etwa gleich zu Beginn der Löwenepisode, als Iwein den Kampf zwischen dem Drachen und dem „edeln tiere“ (V. 3864) sieht. Die Charakterisierung des Löwen als edles Tier spielt an dieser Stelle eine entscheidende Rolle, da sie Iwein dazu bewegt, ihm – und nicht dem Drachen – im Kampf zu helfen. Es wird an dieser Stelle nicht der Komparativ verwendet, also der Löwe im Vergleich zum Drachen als das edlere Tier bezeichnet, sondern dieser schlicht als das edle Tier dargestellt. Der Drache wird somit als eindeutig unedel und damit negativ dargestellt, worauf die Arbeit im weiteren Verlauf noch Bezug nehmen wird (s. Kapitel 2.3.1.).

Da der Löwe als edles Tier dargestellt wird und dieses Adjektiv semantisch eindeutig zum Adel führt und er zudem beliebtes Wappentier des Adels war, wird die These unterstützt, dass der Löwe als Sinnbild des Adels fungiert. Nach der Wahnsinnsepisode, die Iwein körperlich und geistig von seiner adeligen Herkunft vollkommen entfremdet hat und er „kein Ritter, sondern ein Jäger und Räuber“[7] ist , ist seine Bekanntschaft mit dem Adelstier Löwen somit als Aufstieg aus der Wildnis hin zur Rückkehr ins höfische Leben zu deuten.

2.1.2 Das Verhältnis Iweins jeweils zum Einsiedler und zum Löwen

Das Verhältnis des Einsiedlers zu Iwein ähnelt dem im Textverlauf darauf folgenden Verhältnis Iweins zum Löwen. Iwein nimmt in der erstgenannten Konstellation den sozial niedriger gestellten Status ein, er jagt für den Einsiedler, während er in der zweiten Szenerie den Höherstehenden von beiden Beteiligten einnimmt, da der Löwe nun für ihn jagt. Dies kann als Aufstieg in der sozialen Hierarchie und damit als Teil der Reintegration aus der Wildheit zurück in den Adelsstand gewertet werden.

Der Einsiedler wohnt allein in einem „hiuselîn“ (V. 3291), welches Iwein entdeckt. Der Einsiedler verriegelt sich zunächst im Haus, beschließt dann jedoch aus Angst und „aus Mitgefühl, nicht aus Kalkül“[8], Iwein ein Stück Brot aufs Fensterbrett zu legen. Im Laufe der weiteren Begegnungen entsteht eine Gemeinschaft zwischen ihnen, die allen beiden zugute kommt: Iwein jagt Rehe, die der Einsiedler verkaufen kann, und erhält im Gegenzug Brot. „Die feudale Jagdexistenz des verwilderten Ritters und die rudimentäre Agrikultur des Einsiedlers“[9] ergänzen sich großartig, beide profitieren von dem Handel, da der Einsiedler auf dem Markt die Felle der Rehe verkaufen und so sogar Salz erstehen kann, um die Mahlzeiten zu würzen und dadurch aufzuwerten. Die beiden unterschiedlichen Männer sind in ihrer Beziehung in der sozialen Hierarchie eindeutig platziert, wobei Iwein zu diesem Zeitpunkt so weit vom Dasein als Adeliger entfernt ist wie nur vorstellbar. „So wie der Einsiedler Anschluß an die höhere Kultur des Handels hält, so der jagende Iwein an die niedere der Tierwelt“[10].

Etwa 600 Verse später hat sich Iweins Situation signifikant verändert. Er hat mittlerweile den Löwen zu seinem Begleiter, mehr noch, zu seinem „suochhunt“ (V. 3894), also seinem Jagdhund gemacht, denn das mittelhochdeutsche Wort „suochen“ bedeutet neben suchen, erforschen auch nachstellen, überfallen und damit jagen[11]. Iwein wird von ihm in ähnlicher Weise mit Rehen versorgt, wie er selbst zuvor dem Einsiedler diente. Die Darstellung weist viele Parallelen auf, die nun erläutert werden sollen.

Als Iwein das erste Mal zum einsamen Häuschen gelangt, quält ihn „diu hungers nôt“ (V. 3306). Das Brot des Einsiedlers rettet ihm das Leben. Auch der Löwe schwebt in Lebensgefahr, als Iwein auf ihn trifft: Der Drache ist so gefährlich, „daz er den leun des betwanc daz er vil lûte schrê“ (V. 3844 f.), und nur dank Iweins Einschreiten kann er den Kampf überleben.

Die Jagd sowie die Verarbeitung der Beute und die Zubereitung der Mahlzeiten spielen im Vergleich der beiden Szenerien ebenfalls eine Rolle, da sie an beiden Stellen erwähnt werden. Iwein erscheint ein zweites Mal beim Einsiedler „unde brâhte ein tier ûf im getragen“ (V. 3326), welches er im Wald erlegt hat. Der Einsiedler bereitet dieses ohne Salz zu (vgl. V. 3339). Beim Löwen läuft die Prozedur ähnlich ab, jedoch hat sich Iweins Rolle in der Zwischenzeit zu der sozial Höhergestellten entwickelt, die zuvor der Einsiedler innehatte. Der Löwe ist es daher diesmal, der ein Reh im Wald entdeckt „unde vienc ouch daz zehant“ (V. 3898), woraufhin Iwein es wiederum „ungesalzen“ (V. 3906) zubereitet.

Der Rollenwechsel Iweins in der sozialen Hierarchie kann durch diese Parallelen der beiden betreffenden Szenen als Teil des Aufstiegs aus der Wildnis, aus dem Wahnsinn, gesehen werden. Da der Löwe der ausschlaggebende Gegenspieler für diese zweite, Iwein nun höher stellende Konstellation ist, wird seine Funktion als Sinnbild dieses Aufstiegs bestätigt.

2.2 Der Löwe als Sinnbild für Demut und lebenslange Treue

Neben der möglichen Auslegung des Löwen als Sinnbild für die Reintegration Iweins kann er ebenfalls als Symbol für zwei im Mittelalter hoch angesehene Werte angesehen werden. Demut und lebenslange Treue sind in jener christlich geprägten Zeit von zentralem Stellenwert. Diese Ideale können im Verhalten des Löwen an einigen Stellen des Textes nachgewiesen werden.

2.2.1 Die Domestizierung des Löwen

Die Demut einem höhergestellten Lebewesen gegenüber ist eine im Mittelalter alltägliche Wertvorstellung. Sei es der Knecht, der Demut vor seinem Lehensherrn hat, oder ein Tier, welches demütig einem Menschen untersteht. Diese Konstellation kann zwischen Iwein und dem Löwen erkannt werden, da das Tier zu keinem Zeitpunkt der Geschichte Widerstand gegen seinen Herrn leistet. Dass Iwein später die Freundschaft erwidert, indiziert beispielsweise der Steigbügeldienst, welchen er an dem nach einem Kampf schwachen und verwundeten Löwen verrichtet und der im Mittelalter als Zeichen der Respektsbekundung angesehen wird (vgl. V. 5571 ff.). Zunächst jedoch ist nur von der freiwilligen Unterwerfung des Löwen die Rede. Obwohl Iwein vor dem starken Tier, nachdem er es vor dem Drachen gerettet hat, kurzzeitig Angst hat, „sich bôt der leu ûf sînen vuoz unde zeiget im unsprechenden gruoz“ (V. 3869 f.); er zeigt ihm seine Friedfertigkeit und dient ihm von da an.

Der Löwe verliert seine tierischen Instinkte nahezu gänzlich durch Iweins Domestizierung. Als er hungrig ist und Wild wittert, stellt er diesem nicht nach Art eines Löwen sofort reflexartig nach, sondern bittet seinen Herrn erst durch Blicke um Erlaubnis, er „jagt tatsächlich im Dienste Yvains“[12]. Seine animalische Natur, „sîn art“, ist zwar noch Teil von ihm, ist nun jedoch durch Menschenhand kontrollierbar. Dies spiegelt den Werdegang Iweins wieder, da im weiteren Verlauf des Werkes dessen wilde Natur, der Wahnsinn, kontrolliert wird und schließlich nur noch ein Teil von ihm ist – ein essentieller Teil des vollkommenen Ritters, wie sich später zeigen wird (s. Kapitel 2.4.).

Musste Iwein zuvor, beispielsweise für den Einsiedler, noch auf sich allein gestellt Tiere erbeuten, „so ist die Jagd nunmehr arbeitsteilig als Dienst organisiert, der Löwe hält Wache und dient letztlich als Instrument der gerechten Gewalt“[13]. Doch die Zuneigung des Löwen geht weit über die Beschaffung von Lebensmitteln und den Schutz Iweins hinaus, man kann in einer bestimmten Szene eine noch tiefere Verbundenheit erkennen. Diese soll nun analysiert werden.

2.2.2 Der Todeswunsch des Löwen nach Iweins vermeintlichem Tod

In dem Moment, in welchem Iwein nach seiner Wahnsinnsepisode bewusst wird, „wie er sîn êre unde sîn lant hete verlorn unde sîn wîp“ (V. 3934 f.), droht er beinahe erneut seinen Verstand zu verlieren. Blass und kraftlos sinkt er vom Pferd, wobei ihm sein Schwert entgleitet und ihm eine blutende Wunde schneidet. Bei diesem Anblick beschließt der Löwe, sich das Leben ebenfalls zu nehmen, und kann vom erwachenden Iwein erst in letzter Sekunde gerettet werden.

Dieses markante Motiv des Freitodes aus liebevoller Zuneigung erinnert an Romeo und Julia von William Shakespeare, ist in Wahrheit jedoch bereits viel früher literarisch verwirklicht worden. So etwa bei Tristan und Isolde, einem Werk, welches von Gottfried von Straßburg fragmentarisch überliefert ist und durch Heinrich von Freiberg etwa zeitgleich mit Hartmann Wirken weiter ausgearbeitet wurde. In jener Version findet sich eine Szene, die der im Iwein ähnelt. Der Löwe korrespondiert hier der Isolde, Iwein dem sterbenden Tristan.

[...]


[1] Friedrich, S. 362

[2] Friedrich, S. 365

[3] Friedrich, S. 366

[4] Vgl. Hartmann, S. 147

[5] Hartmann, S. 149

[6] Vgl. Singer, S. 76

[7] Le Goff, S. 175

[8] Friedrich, S. 364

[9] Friedrich, S. 366

[10] Friedrich, S. 361

[11] Vgl. Singer, S. 71

[12] Le Goff, S. 192

[13] Friedrich, S. 369

Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668400221
ISBN (Buch)
9783668400238
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353956
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Schlagworte
Hartmann von Aue Iwein Löwe Mediävistik Mittelalter Artus Artusrunde Ritter Ritter der Tafelrunde Tafelrunde Artusroman

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Funktion des Löwen als Sinnbild in Hartmanns „Iwein“