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Syntaktische und semantische Kasus und Präpositionen

Versuch einer analogen Klassifikation von Kasus und Präpositionen nach Hentschel

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Klassifizierung von Kasus und Präpositionen
2.1. paradigmatisch-oppositiv
2.1.1. Kasus
2.1.2. Präpositionen
2.2. syntakto-semantisch
2.2.1. Kasus
2.2.2. Präpositionen
2.3. lexikalisch regiert
2.3.1. Kasus
2.3.2. Präpositionen
2.4. strukturell
2.4.1. Kasus
2.4.2. Präpositionen

3. Analyse der Präpositionen в und на
3.1. paradigmatisch-oppositiv
3.2. Lexikalisch-regiert
3.3. syntakto-semantisch
3.4. Besonderheiten

4. Fazit

5. Anhang

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Beschreibt man eine Sprache, geschieht dies oft zweigeteilt. Grammatik und Lexik bilden die zwei großen Kategorien, unter die alle Phänomene der Sprache, genauer der Syntax, zusammengefasst werden können.

Während Kasus eindeutig seine Zugehörigkeit in der Grammatik findet, bereitet die Zuteilung der Präpositionen immer wieder Kopfzerbrechen. Wo Strukturalisten wie Fries (1952) und Hocket (1958) die Meinung vertreten, dass Präpositionen als Funktions- und Strukturelemente zu definieren seien und somit in den Bereich der Grammatik gehören, behaupten Wissenschaftler wie Jespersens (1924) und Jackendoff (1973; 1977; 1983), Präpositionen seien ohne Weiteres mit Substantiven, Adjektiven und Verben gleichzustellen. Ihrer Meinung nach lässt sich ihnen derselbe Wert zurechnen, wie den drei oben genannten Wortarten. Somit würden sie auf einer Ebene stehen. Wäre dies der Fall, dann müssten Präpositionen in die Gruppe der Lexeme einsortiert werden.

Wie sich im ersten Absatz erkennen lässt, herrscht eine weitgehende Unstimmigkeit in Bezug auf eine eindeutige Einteilung der Präpositionen vor. Aus diesem Grund werde ich mich in meiner Hausarbeit etwas genauer mit diesem Phänomen beschäftigen. Die Basis dafür wird der Text „Zur Klassifikation von Präpositionen im Vergleich zur Klassifikation von Kasus“ aus dem Werk „Präpositionen im Polnischen: Beiträge zu einer gleichnamigen Tagung“ bilden. Verfasst wurde dieser Beitrag von Prof. Dr. Gerd Hentschel und befasst sich mit genau der oben aufgeführten Problematik.

Da es sich um eine recht breit gefächerte Thematik handelt, habe ich beschlossen, mein Augenmerk nur auf eine der im Text aufgeführten Klassifizierungskategorien zu legen. Bei dieser wird es sich um Syntaktische und Semantische Kasus und Präpositionen handeln.

Meine Hausarbeit wird wie folgt aufgebaut: Den ersten Teil meiner Arbeit wird ein allgemeiner Paragraph bilden, in dem die Ausarbeitung und Zusammenführung Hentschels kurz und knapp vorgestellt werden soll. Nachdem alle relevanten Aussagen und Definitionen explizit wiedergegeben und anhand von Beispielen verdeutlicht wurden, folgt eine selbstständige Analyse, die sich konkret mit dem Phänomen der syntakto-semantischen Präpositionen beschäftigt. Hierfür wurde der Corpus Ruscorpora zur Hilfe genommen, um eine weite Brandbreite von Beispielen finden zu können.

Abgerundet wird das Ganze am Ende mit einem Fazit, in dem die wichtigsten Erkenntnisse noch einmal aufgegriffen werden.

2. Klassifizierung von Kasus und Präpositionen

Dieser Paragraph bildet den allgemeinen Teil meiner Hausarbeit. In diesem wird Hentschels Versuch einer analogen Klassifikation von Kasus und Präpositionen in Anlehnung an Babby (1994) und Rauh (1993) vorgestellt.

Traditionell wurden Kasus aufgeteilt in Kasus rectus und Kasus obliquus. Die erste Kategorie umfasste ausschließlich den Nominativ, wohingegen die zweite jeden weiteren Kasus in sich aufnahm. Allerdings stelle dies viele Wissenschaftlern bald nicht mehr zu genüge zufrieden, weswegen sie versuchten weitere Einordnungen zu unternehmen. Eine dieser Personen war unter anderem Jakobson, der 1936 den Versuch unternahm, für das Russische eine derartige Klassifizierung zu konstruieren. Für ihn gab es die zentralen Kasus (Nominativ, Akkusativ und Genitiv) und die peripheren Kasus (Instrumental, Dativ und Präpositiv). Den Nominativ und den Akkusativ fasste er nochmals als direkte Kasus zusammen. Doch wie bereits erwähnt war Jakobson nicht der Einzige, der sich dieser Herausforderung stellte. Kurylowicz (1960/1949) und Mel’čuk (1986), aber auch Chomsky (1981) und schließlich Babby (1994) versuchten das Ganze auf eine noch höhere Ebene zu bringen. Teilweise sogar aufbauend auf einander, wurde versucht, Kategorien zu kreieren, die sich unter anderem auf die verschiedenen Kasusverwendungen beziehen.

Doch auch wie bereits in der Einleitung erwähnt existieren auch Unstimmigkeiten und viele unterschiedliche Theorien in Bezug auf Präpositionen. Während man sich bei den Kasus sicher ist, dass sie in die Grammatik gehören, stößt man bei dem Versuch einer Einteilung der Präpositionen schon allein hier auf zahlreiche Differenzen. Ob sie nun zur Grammatik oder doch zur Lexik gehören, ist und bleibt eine Sache der Auslegung. Dies wird besonders deutlich an dem Versuch Poutsmas (1926, 761), der zwischen „normaler“ Verwendung von Präpositionen und lexikalischer unterscheidet. Aber auch Rauh (1993) unternimmt den Versuch einer Zweiteilung und bezieht sich hierbei auf den bereits erwähnten Linguisten Poutsma. Präpositionen ließen sich nicht in nur eine Kategorie zusammenfassen. Daher ist die Bildung einer einheitlichen Klasse undenkbar und somit eine Zweiteilung unumgänglich. Rauh unterscheidet in ihrer Ausarbeitung zwischen „lexikalischen“ und „Kasuspräpositionen“. Sowohl Babby (1994), als auch Rauh (1993) bilden die Basis von Hentschels Versuchs, eine analoge Klassifikation von Kasus und Präpositionen[1] zu erstellen. Diese Klassifizierung, mit Anlehnung an die beiden genannten Linguisten, wird im Folgenden vorgestellt.

Nicht zu vergessen ist allerdings, dass je nach Situation und Konstruktion jeder genannte Kasus bzw. jede genannte Präposition in eine andere Klassifizierungsart rutschen kann.

2.1. paradigmatisch-oppositiv

2.1.1. Kasus

In diese Kategorie werden alle Kasus bzw. Kasusverwendungen angeordnet, die zunächst eine paradigmatische Opposition zulassen. Unter paradigmatischer Opposition versteht man eine Beziehung, die es zulässt, sprachliche Einheiten problemlos miteinander auszutauschen.

In diese Kategorie fallen alle semantischen Kasus, allerdings nicht die Gruppe, die Babby (1994) als semantisch bezeichnet, sondern die von Mel’čuk (1986). Semantische Kasus sind solche, die einen „selbstständigen, spezifischen Beitrag in die Satzbedeutung einbringen“. (Hentschel

2003: 164). Dies bedeutet, dass ein derartiger Kasus etwas genauer spezialisiert. Im Russischen existiert ein Kasus dieser Art nicht, allerdings bietet das Ungarische mit seinen ca. 18 Fällen einige Beispiele. Ein derartiges Vorbild sind die lokalen Kasus, Superessiv (1a) und Inessiv (2a).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[2]

Trotzdem gibt es Besonderheiten in der Russischen Sprache, die bei genauerer Betrachtung Ähnlichkeiten einer paradigmatischen Opposition aufweisen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[3]

Als Erläuterung hierfür schreibt Hentschel folgendes:

„Im Russischen finden wir hingegen eine Opposition zwischen dem (eindeutig) strukturellen Kasus des Akkusativs des direkten Objekts und dem sog. partitiven Genitiv (GenPart)“ (Hentschel 2003: 167).

In indogermanischen Sprachen wird dieses Phänomen allerdings zunehmend seltener oder ist gar nicht mehr zu finden, da diese Aufgabe immer mehr durch Präpositionen übernommen wird.

2.1.2. Präpositionen

Präpositionen, die unter diese Kategorie fallen, drücken meist lokale oder temporale aus und werden von Rauh als „lexikalisch“ bezeichnet. Prof. Dr. Gerd Hentschel fasst sie allerdings in eine Gruppe mit den semantischen Kasus, da sie ähnliche, wenn nicht gleiche Merkmale aufweisen. Eines dieser Merkmale ist die Tatsache, dass die Möglichkeit einer paradigmatischen Opposition (1b) besteht. Deshalb werden sie von Hentschel auch als paradigmatisch-oppositiv bezeichnet.

Rauh ist der Auffassung, dass diese Art von Präposition stets den lexikalischen Kopf der Präpositionalphrase bildet. Außerdem ist es die Präposition, die - genau wie ein Prädikat - die Art und Menge interner Argumente restringiert (Hentschel 2003: 170). Dieses Merkmal bestätigt nur nochmals die Auffassung, die die bereits erwähnten Wissenschaftler Jespersens und Jackendoff teilten: Präpositionen stehen auf einer Ebene mit Substantiven, Verben und Adjektiven.

Ein weiteres, doch sehr auffälliges und typisches Merkmal für Präpositionen dieser Art ist die Tatsache, dass der Gebrauch von Spezifikatoren (2b) erlaubt ist. Als Spezifikatoren bezeichnet man in der Linguistik eine Ergänzung bzw. ein Hilfsmittel, um eine Aussage noch weiter zu qualifizieren bzw. zu verstärken.

Beispiele[4]: (1b) pl. Książka leżała w jego samochodzie.

ru. книга лежала в его машине.

dt. Das Buch lag in seinem Auto.

(2b) pl. Klęknął tuż przed nią.

ru. Он встал на колени прямо перед ней.

dt. Er hat sich direkt vor ihr hingekniet.

Das Beispiel 2b lässt erkennen, dass die Präposition перед die Wahl der Substantive so beeinflusst, dass nur diese möglich sind, die „potentielle Referenten mit konkreter räumlicher Ausdehnung haben“ (Hentschel 2003: 170).

2.2. syntakto-semantisch

2.2.1. Kasus

Anders als bisherige Linguisten vertritt Hentschel die Meinung, dass es durchaus Kasus gibt, die in die Kategorie syntakto-semantisch zugeordnet werden müssen und somit das Äquivalent zu den in dieser Kategorie zu findenden Präpositionen (nach Rauh) bilden. Im Polnischen lassen sich einige Kasusverwendungen finden, die diese Erkenntnis untermauern.

Beispiele[5]: (1c) pl. Był dobrego humoru.

ru. * Он был хорошего настроения.

dt. Er war guter Laune.

Es wird deutlich, dass diesen Kasusverwendungen ein starker semantischer Faktor zugeschrieben wird, da allein die Semantik des Substantivs über die Wahl des Kasus entscheidet. Dies lässt sich Frage aufkommen, ob man sie nicht doch eher in Zusammenhang mit den oppositiven Kasus bringen müsse. Eine weitere Besonderheit die Hentschel in seiner Ausarbeit nennt, ist die Tatsache der Oppositionsbildung. Zwar ist nur eine oppositive präpositionale Konstruktion möglich, doch diese Tatsache steht im Kontrast zu der Aussage Rauhs (1993), für die ein solches Phänomen gänzlich ausgeschlossen ist.

Beispiele[6]: (2c) pl. Przyszła b ez męża.

ru. Она пришла без мужа.

dt. Sie kam ohne ihren Mann.

Trotzdem ist solch eine antonymische Oppositionsbildung nicht immer möglich, da es nur in einem bestimmten Kontext als „logisch“ empfunden wird. Daher bezeichnet Hentschel diese Konstruktion auch als „partielle Konstituentennegation“ (Hentschel 2003: 182). Zusammenfassend kann man sagen, dass es trotzdem schwer ist, diese Kasuskategorie konkret zu definieren, da sie noch weitere Untersuchungen benötigt. Pauschal lässt sich allerdings sagen, dass in diese Kategorie all die Kasusverwendungen gehören, die aus den anderen drei rausfallen.

2.2.2. Präpositionen

Allgemein lässt sich sagen, dass in dieser Kategorie all die Präpositionen zusammen kommen, die keine Merkmale der anderen Kategorien enthalten. Rauh (1993) hat in seiner Ausarbeitung diese besondere Art als grammatische Präpositionen bezeichnet. Hierbei handelt es sich um eine Gruppe, die recht weit umfasst ist. Umfassend lässt sich sagen, dass hier die Präpositionen landen, die nach zahlreichen Tests - wie bereits erwähnt - sich keiner anderen Kategorie zuordnen lassen.

Typisch für derartige Präpositionen ist, dass es sich um kein Strukturelement handelt. Außerdem vertritt Rauh (1993) - wie bereits in Punkt 2.2.1. diskutiert - die Meinung, dass eine paradigmatische Oppositionsbildung gänzlich ausgeschlossen und auch der Gebrauch von Spezifikatoren untersagt ist.

Allerdings lässt sich hier oftmals eine lexikalische Fixierung (1d) erkennen. Dies bedeutet, dass es sich um Redewendungen oder Konstruktionen, die mit bestimmten Präpositionen zusammenhängen und als komplettes Konstrukt gebraucht werden, handelt.

Beispiele[7]: (1d) pl. Był w dobrym humorze.

ru. Он был в хорошем настроении.

dt. Er war in guter Stimmung.

[...]


[1] Hentschel 2003: 172

[2] ebd.: 167

[3] ebd.: 167/77

[4] Hentschel 2003: 171/172

[5] Hentschel 2003: 180

[6] Ebd.: 181

[7] Hentschel 2003: 173

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668411982
ISBN (Buch)
9783668411999
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353977
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Institut für Slavistik
Note
1,7
Schlagworte
deutsch russisch kasus präpositionen hentschel klassifikation syntaktisch semantisch

Autor

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Titel: Syntaktische und semantische Kasus und Präpositionen