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Unterschiede bei der Medikation mit Generika und Markenmedikamenten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 10 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhalt

Zusammenfassung

Unterschiede bei der Medikation mit Generika und Markenmedikamenten

1 Grundeinstellung gegenüber Generika
1.1 Folgen der negativen Einstellung

2 Der Wirkmechanismus von Marken
2.1 Folgen der positiven Erwartungen an Marken
2.2 Einfluss des Preises

3 Übergreifende Betrachtung

4 Diskussion

5 Literatur

Zusammenfassung

Ersatzmedikamente, sogenannte Generika, stellen heutzutage aufgrund strenger Richtlinien und Tests eine kostengünstige Alternative zu den oft überteuerten Markenmedikamenten dar (Simmenroth-Nayda et al., 2002). Obwohl sie die Möglichkeit einer medizinischen Grundversorgung für zum Beispiel einkommensschwache Haushalte bieten, sind Generika mit einer Vielzahl von Vorurteilen behaftet, die unter anderem Wirksamkeit und Qualität betreffen (Iosifescu, Halm, McGinn, Siu & Federman, 2008). Die negativen Einstellungen gegenüberGenerika, welche sich in ihrer Zusammensetzung kaum von Markenmedikamenten unterscheiden (Simmenroth-Nayda et al., 2002), und die positiven Erwartungen, die Marken entgegengebracht werden, bewirken, dass Generika in den betrachteten Studien eine geringere Wirksamkeit und erhöhte Nebenwirkungen aufweisen (Branthwaite & Cooper, 1981; Faasse, Cundy, Gamble & Petrie, 2013; Faasse, Martin, Grey, Gamble & Petrie, 2016; Waber, Shiv, Carmon & Ariely, 2008).

Unterschiede bei der Medikation mit Generika und Markenmedikamenten

Als Generikum (Plural: Generika) bezeichnet man ein Medikament, das nach Ablauf desPatentschutzes eines Markenmedikaments als günstiges Pendant zu diesem auf dem Markt angeboten werden kann (Simmenroth-Nayda et al., 2002).

Gesetzliche Vorgaben garantieren die Bioäquivalenz und somit die Sicherheit und Wirksamkeit von Generika. Bioäquivalenz bedeutet, dass das Generikum den gleichwertigen therapeutischen Effekt verglichen mit einem Markenmedikament besitzen muss, auch wenn sich deren Zusammensetzungen teilweise geringfügig unterscheiden können. Generika stellen somit heutzutage aufgrund strenger Richtlinien und Tests eine kostengünstige Alternative zu oft überteuerten Markenmedikamenten dar (Simmenroth-Nayda et al., 2002).

1 Grundeinstellung gegenüber Generika

Trotz der sich nicht unterscheidenden Wirksamkeit von Generika verglichen mit ihren Markenpendants (Oluboka, Stewart, Landry & Adams, 2010; Simmenroth-Nayda et al., 2002)gibt es besonders in bildungsschwachen und älteren Bevölkerungsschichten Misstrauen gegenüber Generika. Hier liegt eine große Verunsicherung vor, ob Generika bezüglich der Effektivität, Sicherheit, der einfachen Anwendung und ihrer Nebenwirkungen Marken­medikamenten entsprechen und diese somit ersetzen können. Dies ist der Grund für die Zurückhaltung und Meidung der preiswerteren Generika selbst bei Patienten aus einkommensschwachen Schichten, welche generell eigentlich Geld einsparen sollten (Iosifescu, Halm, McGinn, Siu & Federman, 2008).

Mitschuld an der geringen Aufklärung tragen Ärzte und Apotheker, die Vorteile oft nur schwer kommunizieren können (Iosifescu et al., 2008). Zudem hat sich gezeigt, dass sich Ärzte nicht nur rational, sondern auch (zum Großteil implizit) emotional (Chandler & Owen, 2002)an Markennamen orientieren, selbst wenn ein äquivalentes Generikum auf dem Markt vorhanden ist (Steinman, Chren & Landefeld, 2007).

Wird eine Krankheit als besonders ernst wahrgenommen, so sinkt der Glaube an die Wirksamkeit der Generika noch mehr. Die geforderte „angemessene“ Behandlung für die jeweilige Krankheit durch die Gesellschaft macht es Ärzten zusätzlich schwerer Patienten von der äquivalenten Wirksamkeit von Generika zu überzeugen, besonders bei schwerwiegenden Krankheiten (Figueiras, Cortes, Marcelino & Weinman, 2010).

Neben der geringen Aufklärung sind Einzelfälle, bei denen es in der Vergangenheit Probleme bei der Umstellung von Markenmedikamenten auf Generika gab, die Hauptursache von Vorurteilen diesen gegenüber (Howland, 2010).

1.1 Folgen der negativen Einstellung

Der sich aus den negativen Zielvorstellungen, die mit Generika verknüpft sind, ergebende Effekt, nennt sich „Nocebo-Effekt“ (lat. „ich werde schaden“). Der Begriff wurde geprägt um den positiven Placebo-Effekt (lat. „ich werde gefallen“) von seinen möglichen negativen Effekten zu differenzieren. Beim Placebo-Effekt spricht man von auftretenden positiven Symptomen und/oder körperlichen Veränderungen nach der Einnahme einer inaktiven Substanz, die der Patient fälschlicherweise für ein aktives Medikament hält. Nimmt der Patient jedoch infolge der Einnahme negative Nebenwirkungen wahr, so spricht man vom Nocebo-Effekt. Bei beiden Effekten handelt es sich um eine Art der Konditionierung, bei der der Patient durch frühere Erfahrungen gelernt hat, dass die Medikamenteneinnahme mit einer Wirkung auf den Körper verbunden ist; diese kann aufgrund der Vorerfahrungen sowohl positiv als auch negativ sein (Barsky, Saintfort, Rogers & Borus, 2002).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Veränderungen des Angstzustandes nach dem Spielberger State-Trait Anxiety Inventory (STAI) und des gemessenen systolischen Blutdrucks bei gleichbleibender Medikation bzw. bei einem Wechsel zu einem anderen Markenmedikament oder zu Generika. Ein negativerer Wert bedeutet eine größere Abnahme. (Jeweils kein signifikanter Unterschied zwischen Wechsel-zu-Marke und Wechsel-zu-Generika). Die Fehlerbalken repräsentieren den Standardfehler. Daten entnommen aus „The effect of an apparent change to a branded or generic medication on drug effectiveness and side effects,“ von K. Faasse, T. Cundy, G. Gamble und K. J. Petrie, 2013, Psychosomatic Medicine, 75, S. 93.

Findet ein Wechsel von einem bewährten Markenmedikament auf ein fremdes Medikament statt, verschwindet der Placebo-Effekt, egal ob es sich hierbei erneut um ein Markenmedikament oder ein Generikum handelt (siehe Abbildung 1). Die Bedenken der Konsumenten, dass Generika im Vergleich schwächere therapeutische Effekte und einen Hang zu Nebenwirkungen besitzen, führen dazu, dass Nebenwirkungen beim Wechsel auf Generika aufgrund des Nocebo-Effekts zunehmen (Faasse, Cundy, Gamble & Petrie, 2013).

2 Der Wirkmechanismus von Marken

Mit Marken verbindet der Konsument eine Vielzahl von Erinnerungen und Assoziationen, die teilweise auf persönliche Erfahrungen, aber größtenteils auf Meinungen aus der Umwelt zurückgehen. Gemeinsam bilden diese ein Netzwerk aus positiven, negativen und neutralen Assoziationen die jeweilige Marke betreffend. Die Zielvorstellungen und die damit verbundenen Erwartungen der Käufer sind sowohl implizit als auch explizit bei jedem Individuum vorhanden und wirken wie ein imaginäres Versprechen des Herstellers. Der Erfolg einer Marke liegt darin, die Vorstellungskraft der Konsumenten zu erobern; ist dies geschafft, wirken deren Medikamente über ihre chemische Wirkung hinaus (Chandler & Owen, 2002)(vgl. Placebo-Effekt).

2.1 Folgen der positiven Erwartungen an Marken

In der Studie von Branthwaite und Cooper (1981)berichten Versuchspersonen von einer stärkeren Linderung ihrer Kopfschmerzen bei den als Markenmedikament deklarierten Präparaten als bei vermeintlichen Generika (es wurden jeweils nur Placebos verabreicht). Diese Schmerzlinderung verstärkt sich nochmals bei den Versuchspersonen, die auch sonst Anwender dieser Marke sind; also schon einige Zielvorstellungen und erfolgreiche Schmerzlinderungen mit der Marke verknüpfen. Markenassoziationen stellen demnach einen Teil des Placebo-Effektes dar.

2.2 Einfluss des Preises

Rao und Monroe (1989) zeigten, dass der Preis eines Produktes einen signifikanten Effekt auf dessen wahrgenommene Qualität hat. Das bedeutet, je teurer das Produkt, desto höher wird dessen Qualität eingeschätzt.

Aufbauend auf dem allgemeinen Befund von Rao und Monroe (1989)untersuchten Waber, Shiv, Carmon und Ariely (2008)die implizite therapeutische Wirkung des Preises auf die Effektivität eines Medikaments genauer. Sie fanden heraus, dass die Schmerzlinderung nach Einnahme eines hochpreisigen Schmerzmittels deutlich besser war als bei dem gleichen, jedoch günstiger angebotenen, Schmerzmittel. Die Studie zeigt, dass der Preis einen Teil zur erwartenden Qualität und somit zu den positiven Erwartungen an eine Marke beiträgt.

3 Übergreifende Betrachtung

Aufgrund der vermehrten Verwendung von Generika im heutigen Gesundheitswesen untersuchten Faasse, Martin, Grey, Gamble und Petrie (2016)den Einfluss der Kennzeichnung eines Medikaments auf die wahrgenommene Wirksamkeit und die Nebenwirkungen. Diese Studie vereint die Befunde der vorangegangenen Abschnitte. Folgende drei Hypothesen wurden untersucht:

I. Als Marke gekennzeichnete Medikamente (aktiv/Placebo) zeigen eine ähnliche und als Generikum gekennzeichnete Medikamente zeigen eine unterschiedliche Linderung.
II. Markenplacebos haben eine höhere Schmerzlinderung zur Folge als Generikaplacebos.
III.Bei Generikaplacebos treten mehr Nebenwirkungen auf als bei Markenplacebos.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Veränderung der Schmerzen nach der Schmerz-Beschreibungs-Skala (Abwandlung des McGill Pain Questionnaire) und der gesamten Nebenwirkungsintensitäten (Skala von not present (0) bis severe (3) angewandt auf 21 mögliche Nebenwirkungen) infolge der Behandlung mit entweder *als Marke gekennzeichneten oder **als Generikum gekennzeichneten aktiven Medikamenten bzw. Placebos. Die Fehlerbalken repräsentieren den Standardfehler. Ein negativerer Wert (links) bedeutet eine größere Abnahme. Daten entnommen aus „Impact of brand or generic labeling on medication effectiveness and side effects,“ von K. Faasse, L. Martin, L. R. Grey, G. Gamble und K. J. Petrie, 2016, Health Psychology, 35, S. 189.

Faasse et al.(2016)fanden heraus, dass die Markenmedikamente (sowohl in aktiver als auch in Placebo-Form) keinen signifikanten Unterschied in ihrer Schmerzlinderung aufweisen (siehe Abbildung 2). Der Hauptgrund für die Linderung der Schmerzen müssen hierbei also positive Erwartungen an die Marke sein (vergleiche Abschnitt 3). Diese bewirken trotz inaktiven Inhaltsstoffen in dieser Studie einen vergleichbaren Effekt der Schmerzlinderung. Gegenüber Generika ist der unaufgeklärte Konsument im besten Fall neutral und im schlechtesten Fall negativ eingestellt (vergleiche Abschnitt 2), was erklärt, warum Generika mit aktivem Wirkstoff und Markenplacebos signifikant besser wirken als Generikumplacebos (siehe Abbildung 2).

Diese Befunde sprechen für die Vermutung von Branthwaite und Cooper (1981). Demnach tragen die aktiven Inhaltsstoffe circa zwei Drittel, die Kennzeichnung als Marke bis zu ein Drittel zur Schmerzlinderung bei; zusätzlich zur bereits erzielten Linderung durch das nicht als Marke gekennzeichnete Placebo.

Außerdem bestätigt sich auch Hypothese III: Die Vorurteile gegenüber Generika führen über den Nocebo-Effekt (vergleiche Abschnitt 2.1) zu vermehrten Nebenwirkungen bei Generikaplacebos als bei Markenplacebos (siehe Abbildung 2) (Faasse et al., 2016).

4 Diskussion

Die negative Einstellung gegenüber Generika und die positiven Erwartungen an Marken stellen ein scheinbar unüberwindbares Problem der Gesundheitsversorgung dar. Der seit 1981 steigende Verordnungsanteil von Generika ist ein Schritt in die richtige Richtung (Simmenroth-Nayda et al., 2002), jedoch wirken Generika mangels Vertrauen und Ansehen im Vergleich zu Markenmedikamenten immer noch wesentlich schlechter (Branthwaite & Cooper, 1981; Faasse et al., 2013; Faasse et al., 2016; Iosifescu et al., 2008).

Deshalb ist es wichtig die Aufklärung über Vorteile der Generika voranzutreiben und Vorurteile abzubauen (Faasse et al., 2013; Iosifescu et al., 2008). Ein Beispiel dafür ist Portugal: Dort erfreuen sich Generika aufgrund von Radiowerbung und TV-Kampagnen, welche nicht nur über die äquivalente Wirksamkeit aufklären, sondern auch auf den geringeren Preis aufmerksam machen, hoher sozialer Beliebtheit (Figueiras et al., 2010). Das Ziel muss sein, den Glauben in Generika zu steigern, was automatisch dazu führen sollte, dass der Nocebo-Effekt abnimmt und der Placebo-Effekt durch positive Verknüpfungen und Heilungserfolge die Wirkung des Medikaments verstärken kann (vergleiche hierzu Barsky et al., 2002).

5.Literatur

Barsky, A. J., Saintfort, R., Rogers, M. P. & Borus, J. F. (2002). Nonspecific medication side effects and the nocebo phenomenon. Journal of the American Medical Association, 287, 622–627. doi:10.1001/jama.287.5.622

Branthwaite, A. & Cooper, P. (1981). Analgesic effects of branding in treatment of headaches. British Medical Journal, 282, 1576–1578. doi:10.1136/bmj.282.6276.1576

Chandler, J. & Owen, M. (2002). Pharmaceuticals: The new brand arena. International Journal of Market Research, 44, 385–404. Zugriff unter http://search.proquest.com/openview/d0421e1c0fd842afcaacec48c0688cb0/1?pq-origsite=gscholar

Faasse, K., Cundy, T., Gamble, G. & Petrie, K. J. (2013). The effect of an apparent change to a branded or generic medication on drug effectiveness and side effects. Psychosomatic Medicine, 75, 90–96. doi:10.1097/PSY.0b013e3182738826

Faasse, K., Martin, L. R., Grey, A., Gamble, G. & Petrie, K. J. (2016). Impact of brand or generic labeling on medication effectiveness and side effects. Health Psychology, 35, 187–190. doi:10.1037/hea0000282

Figueiras, M. J., Cortes, M. A., Marcelino, D. & Weinman, J. (2010). Lay views about medicines: The influence of the illness label for the use of generic versus brand. Psychology and Health, 25, 1121–1128. doi:10.1080/08870440903137170

Howland, R. H. (2010). Are generic medications safe and effective? Journal of Psychosocial Nursing, 48, 13–16. doi:10.3928/02793695-20100204-01

Iosifescu, A., Halm, E. A., McGinn, T., Siu, A. L. & Federman, A. D. (2008). Beliefs about generic drugs among elderly adults in hospital-based primary care practices. Patient Education and Counseling, 73, 377–383. doi:10.1016/j.pec.2008.07.012

Oluboka, O., Stewart, S., Landry, S. & Adams, S. (2010). Does therapeutic equivalence follow bioequivalence? A randomized trial to assess clinical effects after switching from Clozaril to generic clozapine (gen-clozapine). Journal of Clinical Pharmacology, 50, 531–535. doi:10.1177/0091270009347871

Rao, A. R. & Monroe, K. B. (1989). The effect of price, brand name, and store name on buyers' perceptions of product quality: An integrative review. Journal of Marketing Research, 26, 351–357. doi:10.2307/3172907

Simmenroth-Nayda, A., Niebling, W., Bjerre, L. M., Gleiter, C. H., Jansen, R., Ledig, T.,. . . Hummers-Pradier, E. (2002). Empfehlungen zur Umstellung von Originalpräparaten auf Generika. Zeitschrift für Allgemeinmedizin, 78, 284–286. Zugriff unter http://www.allgemeinmedizin.med.uni-goettingen.de/en/media/2002_SimmenrothNayda_Generika.pdf

Steinman, M. A., Chren, M.-M. & Landefeld, C. S. (2007). What's in a name? Use of brand versus generic drug names in United States outpatient practice. Journal of General Internal Medicine, 22, 645–648. doi:10.1007/s11606-006-0074-3

Waber, R. L., Shiv, B., Carmon, Z. & Ariely, D. (2008). Commercial features of placebo and therapeutic efficacy. Journal of the American Medical Association, 299, 1016–1017. doi:10. 1001/jama.299.9.1016

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Details

Seiten
10
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668402621
ISBN (Buch)
9783668402638
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354198
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Schlagworte
Generika Placebo Wirksamkeit Medizin Markenmedikamente Medikamente Wirkung

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