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Postpartale Bindungsstörung als Risikokonstellation für Kindeswohlgefährdung

Hausarbeit 2016 13 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Depression im Postpartalzeitraum und ihre Auswirkungen
1.1 Definition und Risikofaktoren einer postpartalen Depression
1.2 Bedeutung für die Beziehung der Mutter zum Kind
1.3 Bedeutung für die kindliche Entwicklung

2 Bindungsstörungen
2.1 Bindungsbeziehung als elementares Grundbedürfnis
2.2 Bindungsstörung in Folge einer postpartalen Depression

3 Kindeswohlgefährdung
3.1 Definition und Formen der Kindeswohlgefährdung
3.2 Kindeswohlgefährdung als Folge einer postpartalen Bindungsstörung

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Rahmen der von mir angefertigten Hausarbeit wird die These aufgestellt, dass eine Bindungsstörung, entstanden durch eine postpartale Depression, ein Risiko für Kindeswohl-gefährdung darstellt. Um diese näher zu untersuchen teilt sich die Arbeit folgendermaßen auf: im ersten Abschnitt soll zunächst eine Heranführung an das Thema erleichtert werden durch eine Erläuterung der Begrifflichkeit der postpartalen Depression und die Benennung möglicher Risikofaktoren. Die Bedeutung für die mütterliche Beziehung zum Kind und für die kindliche Entwicklung wird im Anschluss näher betrachtet und dient dem Übergang zur Bindungsstörung. Diese wird im nächsten Abschnitt der vorliegenden Hausarbeit näher beleuchtet. Jener Teil beinhaltet eine kurze Definition der Bindungstheorie und inwieweit eine Bindung ein „elementares Grundbedürfnis“ darstellt. Anschließend wird auf die Thematik Bindungsstörung eingegangen, bei der der Fokus primär darauf liegt, dass diese eine Folge der postpartalen Depression darstellt. Im letzten Abschnitt wird das Thema der Kindeswohlgefährdung dargestellt. Dieser teilt sich auf in die Definition und mögliche Formen der Gefährdung eines Kindes. Abschließend soll versucht werden, einen Zusammenhang zwischen einer postpartalen Bindungsstörung und der Kindeswohlgefährdung aufzuzeigen. Zur Erstellung der vorliegenden Arbeit wurde primär Literatur in Form von Zeitschriftenartikeln und Werke verwendet, die vom Verlag Springer veröffentlicht wurden. An dieser Stelle ist erwähnenswert, dass sich die hier relevanten Unterthemen ‚Postpartale Depression‘, ‚Bindungsstörungen‘ und ‚Kindeswohlgefährdung‘ relativ leicht recherchieren ließen. Zusammenhänge zwischen diesen ließen sich hingegen schwer finden. Im Fazit wird diesbezüglich nochmal Stellung genommen.

1 Depression im Postpartalzeitraum und ihre Auswirkungen

In dem folgenden Kapitel wird der Begriff hier relevanten psychischen Erkrankung ‚Postpartale Depression‘[1] definiert und mögliche Risikofaktoren aufgezeigt. Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit sich eine Depression im Postpartalzeitraum auf sowohl die Beziehung der Mutter zum Kind als auch auf die kindliche affektive und kognitive Entwicklung auswirkt. Dies soll einem leichteren Einstieg in die Arbeit und als Heranführung an das Thema Postpartale Bindungsstörung als Risikokonstellation für Kindeswohlgefährdung dienen.

1.1 Definition und Risikofaktoren einer postpartalen Depression

Zehn bis fünfzehn Prozent aller werdenden Mütter entwickeln im Zeitraum nach der Entbindung eine Depression (Brockington, 2004). Damit ist die postpartale Depression die häu­figste psychische Erkrankung in der frühen Mutterschaft (Kersting, 2008). Eine Erkrankung wie diese mit einer solch relativ hohen Prävalenz stellt ein erhebliches Risiko für die Gesundheit der Mutter, für die Entwicklung des Kindes sowie für eine intakte Beziehung zwischen Mutter und Kind dar (Reck, 2014).

Eine postpartale Depression kann sowohl nach DSM-IV als auch nach ICD-10 diagnostiziert werden. Nach DSM-IV ist dies möglich wenn sich innerhalb der ersten vier Wochen nach der Geburt depressive Symptome bei der Mutter zeigen. Nach ICD-10 hingegen verlängert sich eben genannter Zeitraum um weitere zwei Wochen, um eine postpartale Depression diagnostizieren zu können (Reck, 2014). O’Hara (1997) zufolge konnte in epidemiologischen Untersuchungen nachgewiesen werden, dass eine depressive Störung in den ersten drei Monaten nach der Entbindung auftreten kann. Demnach sind die zeitlichen Einschränkungen innerhalb der Diagnoseerstellung nach DSM-IV oder ICD-10 kritisch zu bewerten.

In der Literatur finden sich einige Risikofaktoren, die eine postpartale Depression bei der Mutter auslösen können. Dabei werden frühere depressive Episoden, traumatische Erlebnisse, Vernachlässigung in der eigenen Kindheit, Baby Blues[2], Stressbelastung in der Schwangerschaft, ein traumatisches Erleben der Geburt, sozio-ökonomische Faktoren, fehlende soziale Unterstützung und eine niedrige Partnerzufriedenheit genannt (Reck, 2004). In einer in Deutschland durchgeführten Studie zeigte sich, dass insbesondere hochgebildete Frauen, die noch nicht ihr dreißigstes Lebensjahr erreicht haben, eine Hochrisikogruppe darstellen. Dass vor Allem junge Akademikerinnen ein erhöhtes Risiko für postpartale Depressionen aufweisen, könnte zum einen im Zusammenhang mit einer realen oder befürchteten Verringerung der Karrierechancen nach der Geburt eines Kindes und zum anderen mit mangelnden finanziellen Ressourcen zur Organisation einer angemessenen Kinderbetreuung sowie einem zumeist hohen Selbstanspruch bezüglich der Verwirklichung der Mutterschaft zusammenhängen (Reck, 2014).

1.2 Bedeutung für die Beziehung der Mutter zum Kind

Eine postpartale Depression hat oftmals eine hohe negative Beeinträchtigung auf die Beziehung von Mutter zu Kind (Hornstein, Hohm & Trautmann-Villalba, 2009). So führten mehrere Studien zu dem Ergebnis, dass aufgrund der mütterlichen Erkrankung Auffälligkeiten in der Interaktion auftreten. Ferner handelt es sich dabei um mangelnde Reaktivität und Sensitivität, Fehlinterpretation kindlicher Signale sowie Über- oder Unterstimulation des Kindes (z.B. Riordan, Appleby & Faragher, 1999). Zudem konnte unter Anderem eine Studie von Forman, O‘Hara und Stuart (2007) nachweisen, dass das mütterliche Stresserleben, die Wahrnehmung des kindlichen Temperaments und die Emotionalität der Mutter dem Kind gegenüber beeinträchtigt werden. Wild und Walper (2015) zufolge sind an einer psychischen Störung leidende Mütter im Umgang mit einem Säugling weniger responsiv und emotional ansprechbar. Sie tendieren eher dazu, Sorgen bezüglich der Pflege ihres Kindes zu verdrängen. Im Umgang mit dem Kleinkind scheint es ihnen schwerer zu fallen, zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen ihres Kindes zu trennen und konsequent aufzutreten. Gleichzeitig sind vermehrt unempathische Eltern-Kind-Interaktionen zu beobachten. Nach Gehrmann und Sumargo (2009) liegt eine Einschränkung bezüglich der mütterlichen Empathie, der emotionalen Verfügbarkeit und der mütterlichen Feinfühligkeit vor. Depressive Mütter können lediglich in reduziertem Ausmaße Blickkontakt zu ihrem Kind aufnehmen, sie anlächeln, mit ihnen sprechen, sie imitieren, ihr Kind streicheln oder interaktiv mit ihm spielen. Bezüglich des mütterlichen Empathiervermögens[3] stellten Quitmann, Romer & Ramsauer (2012) fest, dass, bedingt durch die depressive Erkrankung, die mentalen Kapazitäten der Mutter eingeschränkt sind und diese deshalb nicht in der Lage sind, nach dem Konzept von Ainsworth (1969) kindliche Signale wahrzunehmen und richtig zu interpretieren sowie prompt und angemessen feinfühlig auf ihr Kind zu reagieren. Ihnen fehlt die „Fähigkeit, sich in ihr Kind hineinzuversetzen und die Welt durch die Augen ihrer Kinder zu sehen.“ (Quitmann, Romer & Ramsauer, 2012, S. 167). Interessanterweise nehmen depressive Mütter im Umkehrschluss das kindliche Verhalten negativer wahr als objektive Beobachter. Dieses Ergebnis stützt sich auf eine Forschung von Liebermann (1997) und zeigt ganzheitlich betrachtet, dass die Emotionalität der Mutter des Kindes gegenüber durch unterschiedliche Faktoren beeinträchtigt werden kann. Diese Emotionalität charakterisiert sich nicht nur durch Gefühl- oder Freudlosigkeit am Kind, sondern kann auch dazu führen, dass diese eine ablehnende oder gar feindliche Qualität annimmt (Hornstein, Hohm & Trautmann-Villalba, 2009). Dies tritt häufig im Rahmen einer postpartalen Bindungsstörung auf und wird fortlaufend näher beleuchtet.[4]

1.3 Bedeutung für die kindliche Entwicklung

Eine mütterliche postpartale Depression kann negative Auswirkungen auf die psychische und auch die physische Entwicklung des Kindes haben (Kersting, 2008), da die kindlichen Affekte in einer Wechselbeziehung zum mütterlichen Verhalten stehen (Reck, 2014). Bereits in den ersten Lebensmonaten reagiert ein Kind auf die mangelnde Responsivität seiner depressiven Mutter durch eine Protestreaktion. Dieses kindliche Verhalten unterscheidet sich von dem eines Kindes mit gesunder Mutter. Im sogenannten „Still-face“-Paradigma konnte dies nachgewiesen werden, indem die erwachsenen Probandinnen gebeten wurden ihrem Kind mit ausdrucksloser Miene gegenüberzusitzen (Reck, 2012). Je jünger das Kind ist, desto umfassender ist dieses einer möglichen Entwicklungsstörung aufgrund der mütterlichen Erkrankung ausgesetzt (Deneke, Lüders & Gamm, 2004). Dies könnte auch mit der altersbedingten hohen Plastizität des Gehirns und des fortlaufenden Hirnreifungsprozesses (Reck, 2014) zusammenhängen. So kann es im ersten Lebensjahr des Kindes unter Anderem zu Aufmerksamkeitsdefiziten, insbesondere bezüglich der Objektpermanenz (Reck, 2014), und Wachstumsverzögerungen kommen (Kersting, 2008) kommen. Nach Gehrmann und Sumargo (2009) besteht je nach Dauer und Schwere der mütterlichen Depression auch ein erhöhtes Risiko, subjektive Beeinträchtigungen im weiteren Verlauf der kindlichen Entwicklung zu erleben. Demzufolge muss sich ein Kind mit psychisch erkranktem Elternteil im fortschreitenden Alter mit Desorientierung, Schuldgefühlen, Tabuisierung der Erkrankung und Isolierung auseinandersetzen. Zudem besteht die erhöhte Gefahr, dass das Kind selbst eine psychische Störung entwickelt, denn laut Gehrmann und Sumargo (2009) zeigen etwa sechzig Prozent der Kinder mit psychisch krankem Elternteil gravierende psychische Auffälligkeiten. Es bestehe zum Beispiel ein doppelt so hohes Lebenszeitrisiko selbst an einer Depression zu erkranken.

2 Bindungsstörungen

Wie im vorigen Abschnitt dieser Arbeit erwähnt, kann eine postpartale Depression der Mutter zu einer Bindungsstörung zwischen Mutter und Kind führen. Dieses Phänomen soll im Folgenden näher beleuchtet werden. Erläutert wird, weshalb eine intakte Mutter-Kind-Bindung im Allgemeinen von Bedeutung ist und welche Konsequenzen eine Störung einer solchen Bindung mit sich bringen kann. Dabei wird der Fokus weiterhin weitestgehend[5] auf die postpartale Depression als Ursache der Bindungsstörung gesetzt.

2.1 Bindungsbeziehung als elementares Grundbedürfnis

Unter einer Bindungsbeziehung versteht man eine soziale Beziehung, die sich durch emotionale Sicherheit, Nähe und Vertrautheit auszeichnet und mit nur wenigen Personen aus der engsten Umgebung des Kindes entsteht (Ahnert & Spangler, 2014). Zu einem Aufbau einer solchen Beziehung kommt es innerhalb der ersten zwölf Lebensmonate eines Kindes. Ein Säugling ist mit einem biologisch verankerten Bindungsverhaltenssystem ausgestattet, sodass es Kontakt zur Bindungsperson suchen und aufrechterhalten kann (Hédervári-Heller, 2014). Dies geschieht in Form von Kommunikationstechniken wie differenzierter Lautgebung und ausdauernden Blickkontakten, um den emotionalen Gesichtsausdruck seiner Bindungsperson zu interpretieren und deren Betreuungs- und Zuwendungsbereitschaft abzuschätzen (Ahnert & Spangler, 2014). Komplementär zum Bindungsverhaltenssystem des Säuglings steht das Pflegeverhalten des Erwachsenen. Diese beiden Systeme, also das Bindungsverhalten des Säuglings und das Pflegeverhalten des Erwachsenen, sichern das Überleben des Kindes (Hédervári-Heller, 2014). Die Qualität der Bindung und die psychische Entwicklung des Kindes hängt primär davon ab, ob und in welcher Weise der Erwachsene auf die kindlichen Bedürfnisse reagiert und wie er Verfügbarkeit und Fürsorglichkeit demonstriert. Letztlich entwickelt das Kind auf dieser Erfahrungsbasis seine emotionale Regulationsfähigkeit und sein Sozialverhalten, welches sich auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung und auch auf spätere soziale Beziehungen auswirken kann (Ahnert & Spangler, 2014).

2.2 Bindungsstörung in Folge einer postpartalen Depression

Eine Bindungsstörung definiert sich als pathologische Form der Bindungsorganisation, welche dann vorliegt, wenn ein Kind wegen schwerer Traumatisierung keine konstante Bindung aufbauen konnte (Hédervári-Heller, 2014). Es heißt, die Bedürfnisse nach emotionaler Sicherheit und das Gefühl dieser seien so nachhaltig gestört (Ziegenhain & Fegert, 2012).

Mütterliche Depressionen können mit einer Bindungsstörung zwischen Mutter und Kind verbunden sein, da die Notwendigkeit auf die kindlichen Bedürfnisse angemessen zu reagieren beziehungsweise kindliche Signale differenziert wahrzunehmen und zu beantworten aufgrund der depressiven Symptomatik der Mutter nicht erfüllt werden kann (Kersting, 2008). Auch Quitmann, Romer und Ramsauer (2012) zufolge kann die beeinträchtige mütterliche Feinfühligkeit, bedingt durch die Erkrankung der Mutter, zu einer Störung der Entwicklung der Mutter-Kind-Beziehung führen. Nach Hornstein, Trautmann-Villalba und Hohm (2009) liegt die Prävalenz bei klinischen Populationen postpartal depressiver Mütter bei elf Prozent eine manifeste Bindungsstörung mit Ablehnung des Kindes zu entwickeln. Fünfundzwanzig bis sechzig Prozent der Mütter weisen lediglich Bindungsauffälligkeiten oder eine verzögerte Bindung auf.

Bindungsstörungen können ebenfalls wie eine postpartale Depression nach DSM-IV und ICD-10 diagnostiziert werden, wenn Verhaltensweisen vorliegen, die entwicklungs-unangemessen sind. Dies ist nach DSM-IV möglich, wenn eine massive pathologische elterliche Betreuungssituation und nach ICD-10 dann, wenn schwere elterliche Misshandlung oder Vernachlässigung vorliegt. Es wird bei beiden Klassifikationssystemen vorausgesetzt, dass das Kind nicht älter als 4 Jahre sein darf, um eine Bindungsstörung diagnostizieren zu können (Hornstein, Hohm & Trautmann-Villalba, 2009). Die beschriebenen Kriterien wurden aus klinischen Beschreibungen von Kindern abgeleitet, die extremen Beziehungskontexten, wie zum Beispiel misshandelnden Bindungspersonen, ausgesetzt waren (Ziegenhain & Fegert, 2012).[6]

[...]


[1] Im Verlauf dieser Arbeit werden die Begriffe postpartale Depression, Depression im Postpartalzeitraum, depressive Störung nach der Entbindung u.ä. synonym verwendet.

[2] Beim sogenannten Baby Blues (Prävalenz von ca. 50%) handelt es sich um eine vorübergehende, kurz andauernde psychische Störung von wenigen Tagen mit einer milden depressiven Symptomatik, die durch Erschöpfung, Traurigkeit, Stimmungslabilität, Ängstlichkeit und Irritierbarkeit gekennzeichnet ist. Der Baby Blues setzt meist zwischen dem zweiten und fünften Tag nach der Geburt ein (Reck, 2014).

[3] Quitmann, Romer & Ramsauer (2012) beziehen sich bezüglich des reflexiven Empathievermögens auf die von Oppenheim & Koren-Karie (2002) postulierte „insightfulness“ (früher „empathic understanding“), welches definiert wird als elterliche Fähigkeit Motive des kindlichen Verhaltens zu verstehen, ein emotional komplexes Bild des Kindes zu erfassen und für neue sowie auch unerwartete Informationen über das Kind offen zu sein.

[4] Vgl. Kapitel 2.2 und 3.2.

[5] Dies hängt von der Qualität der vorliegenden Literatur ab. Vgl. Fazit.

[6] Diesbezüglich wird im Fazit persönlich Stellung genommen.

Details

Seiten
13
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668405226
ISBN (Buch)
9783668405233
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354438
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,3
Schlagworte
postpartale bindungsstörung risikokonstellation kindeswohlgefährdung

Autor

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Titel: Postpartale Bindungsstörung als Risikokonstellation für Kindeswohlgefährdung