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Traumapädagogik und Sprache. Gedanken zu einer ganzheitlichen Pädagogik in der Arbeit mit traumatisierten MigrantInnen

Hausarbeit 2015 21 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Trauma und Migration
1.1. Definition - Was ist ein Trauma?
1.2 Trauma vor der Flucht
1.3. Trauma während der Flucht
1.4. Trauma nach der Flucht

2. Traumapädagogik und Migration

3. Sprache und der äußere sichere Ort
3.1 Sprache und Trauma
3.2 Der äußere sichere Ort - Schule und Heim

4 Pädagogik der Wahrnehmung
4.1 Vom äußeren zum inneren sicheren Ort
4.2 Imagination und die Kraft der Vorstellung
4.3 Der Wohlfühlort - sich im Innern geborgen fühlen
4.4 EMDR - das Trauma wegwischen
4.5 Achtsamkeitspädagogik - Praxis des Hier und Jetzt

5. Abschluss

6. Literatur

Einleitung

Neben der Traumapädagogik, als neuere Disziplin der Pädagogik und den Erziehungswissenschaften, ist Migration und die damit verbundene Flüchtlingswelle nach Europa, ein höchst aktuelles Thema in der Weltgeschichte. Es scheint logisch zu sein, dass es jede Menge Arbeit bedarf, um mit den Flüchtlingen zu Recht zu kommen und mit ihnen zu arbeiten. Verschiedene Welten von „arm“ und „reich“ scheinen aufeinander zu treffen. Die Diskussionen in Deutschland sind vielfältig und fast jeden Tag gibt es neue Schlagzeilen in den Nachrichten über verstorbene „Boatpeople“ auf dem Mittelmeer (vgl. Reimann 2015), überfüllten Flüchtlingsheimen in Deutschland (vgl. Lasarzik 2015) oder über Terrorattentate auf Flüchtlingsunterkünfte (vgl. o.V. 2015). All diese Themen bringen eines für die Flüchtlinge mit sich: schlimme Erfahrungen, die die Seele verarbeiten muss. Viele dieser Erfahrungen wirken stark traumatisierend. Besonders betroffen sind hierbei wohl Kinder und Jugendliche, da diesen im Krieg und auf der Flucht jede Sicherheit und Geborgenheit fehlt, die so wichtig in jungen Jahren sind (vgl. Gröschen 2008, S. 31-36). Die einen kommen besser zu Recht als die anderen. Mit denen, die jedoch Probleme haben, muss angemessen und erfolgreich gearbeitet werden, um sie in die neue Gesellschaft zu integrieren und ihnen hier ein möglichst sicheres und schönes Leben zu ermöglichen. Hiervon würden alle profitieren, auch der Wirtschaftsstandort Deutschland (vgl. z.B. Siems 2015).

In der folgenden Arbeit wird daher auf beide Themen näher eingegangen, um Ideen für die pädagogische Arbeit mit Flüchtlingskindern und Jugendlichen zu geben und die Problematiken, die damit verbunden sind zu zeigen. Ein Fokus wird hierbei auf die Problematik der Sprache gelegt. Zunächst um zu zeigen welche Probleme es für die Traumapädagogik bei der Arbeit mit Flüchtlingskindern und Jugendlichen gibt, da diese meistens eine andere Sprache sprechen. Im Verlauf der Arbeit kann jedoch gezeigt werden, dass in der Traumapädagogik nicht nur auf sprachlicher Ebene pädagogisch gehandelt werden kann. Dies gilt ganz allgemein für Traumatisierte und gilt keineswegs nur für Flüchtlinge mit Sprachproblemen. Weitere Ebenen müssen hinzukommen, um ganzheitlich und erfolgreich arbeiten zu können. Im ersten Teil wird daher kurz umrissen, wie man Trauma definieren kann und durch was Traumata bei Zwangsmigranten entstehen können. Im zweiten Teil wird näher auf die Traumapädagogik, deren Geschichte, Einstellungen und Grundlagen eingegangen. Es soll verdeutlicht werden, welche Erkenntnisse gewonnen wurden und in die Traumapädagogik umgesetzt wurden. Welches Menschenbild verbirgt sich dahinter? Da Flüchtlingskinder und Jugendliche häufig in traumapädagogischen Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht sind, wird in der folgenden Arbeit auf deren spezifischen Bedürfnisse und Probleme eingegangen. Im dritten Teil wird verstärkt auf die Sprachproblematik eingegangen. Zum einen, da dies eine spezifische Problemlage der MigrantInnen ist, zum anderen aber auch, weil es ganz allgemein eine Problemlage bei der Bearbeitung von Traumata ist. Die sprachliche Ebene, die sich auch die klassische Pädagogik/Erziehung aneignet, reicht in der Verarbeitung eines Traumas nicht mehr aus, um dieses zu lösen. Neben der sprachlichen Ebene, die die Basis der Traumapädagogik bildet, um hierdurch Sicherheit für die Kinder und Jugendlichen zu schaffen (veranschaulicht durch den so genannten sicheren Ort), spielt die emotionale und mentale Ebene eine ebenso bedeutende Rolle für die Traumaarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Im letzten Teil der Arbeit wird diese Pädagogik der Wahrnehmung in den Fokus genommen. Hier spielt die Sprache nur noch die Rolle eines Hilfsmediums. Die eigentliche Ebene, die angesprochen werden soll, ist die mentale bzw. emotionale. Dies ist auch der Bereich in dem Traumata im Gehirn gespeichert sind. Über Imaginationsübungen, die veranschaulicht werden, können sich somit Traumata lösen. Des Weiteren wird die EMDR-Methode erläutert und ebenfalls als Therapie/Pädagogik auf nicht-sprachlicher Ebene gedeutet. Zu guter Letzt wird eine allgemeine Achtsamkeitspädagogik postuliert, um zu verdeutlichen, wie Gelassenheit und Lockerheit in der ganzheitlichen Traumapädagogik umgesetzt werden könnte.

1. Trauma und Migration

1.1. Definition - Was ist ein Trauma?

Das Wort Trauma ist mittlerweile zu einer Art Modebegriff geworden und wird in vielfältigen Kontexten nicht nur der Kinder- und Jugendhilfe verwendet. Vieles kann ein Trauma sein oder traumatisch wirken. So nennt Becker (2003) beispielsweise den 11. September 2001 ein Trauma für die gesamte Welt (vgl. Becker 2003, S.18). Eine genauere Betrachtung des Begriffs lässt seinen Stamm aus dem Altgriechischen erkennen. Trauma bedeutet so viel wie Wunde oder Verletzung. Es ist ein Ereignis, auf welches das Individuum unfähig ist, adäquat zu reagieren d.h. das Individuum ist einer schlimmen Situation hilflos ausgeliefert. Durch die starke Intensität hat das Ereignis eine dauerhafte pathogene Wirkung auf die Seele des Menschen, die sich auch körperlich zeigen kann. Ausschlaggebend ist eine traumatische Situation, die erlebt wird. Diese scheinbar aussichtslose Situation kann mit normalen psychischen Mitteln vom Opfer nicht bewältigt werden und extreme Hilflosigkeit, Todesangst und Unsicherheit stellen sich in der Psyche des Menschen ein. Beispielsweise kann ein Autounfall, bei dem man im Auto gefangen ist, solche Gefühle auslösen. Als Folge dieser Situation reagiert das Individuum „traumatisch“ auf die erlebte Situation. Die traumatische Reaktion kann auch erst längere Zeit nach dem Erleben stattfinden, so dass im Beispiel des Autounfalls von nun an traumatisch bei jedem Kontakt mit einem Auto reagiert wird (z.B. Angst vor Autofahren und damit Vermeidung von Autofahren). Typische Reaktionen auf ein Trauma sind neben starker Angst, auch Dissoziation oder Ohnmachtsgefühle. Entscheidend ist neben dem Traumaereignis auch der persönliche Umstand also die Prädisposition mit der auf das Ereignis reagiert wird. Das gleiche Ereignis wirkt auf den einen traumatisierend, auf den anderen nicht (vgl. Gröschen 2008, S.19-21).

In der Psychologie wird ein Trauma auch als Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD Englisch für posttraumatic stress disorder) bezeichnet, welche die pathogene Wirkung eines oder mehrere Ereignisse auf den Menschen klassifiziert. Die Posttraumatische Belastungsstörung wird über eine Reihe von Symptomen definiert (vgl. Becker 2003, S.25). Ein wichtiges Symptom ist die Depersonalisation, d.h. die Person fühlt sich von ihrem Körper abgesondert und erlebt sich nicht mehr zu sich selbst zugehörig. Außerdem kann die Person so genannte Flashbacks bekommen. Dies sind Bilder von der/den Traumasituation(en), die immer wieder vor dem geistigen Auge auftauchen und das Individuum in die gleiche Gefühlslage des Traumas zurückversetzen. Das Individuum dissoziiert und ist nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern zurück in der Vergangenheit in der Traumasituation (vgl. Hantke und Görges 2012, S. 73-80). Flashbacks sind häufig nicht eindeutig speziellen Situationen zuzuordnen, sondern sind in ihrem Erleben unklar und verwirrend für die Betroffenen. Weitere Kennzeichen einer PTSD sind emotionale Taubheit, Ängste, Depressionen, Aggressionen und Intrusionen (vgl. Hantke und Görges 2012, S. 74f und 86-94).

Traumatische Situationen haben also extreme Folgen für die Gesundheit des Menschen. Da das 20. Jahrhundert und auch noch das 21. Jahrhundert von extremen Flüchtlingsbewegungen betroffen sind, die durch Konflikte, Kriege und Zwangsmaßnahmen gekennzeichnet sind, sind Migranten/innen, die nicht freiwillig ihr Land verlassen, besonders gefährdet traumatische Ereignisse zu erleben. Aktuelle Beispiele für solche Zwangsmigrationen sind die „Boatpeople“ aus Westafrika, die nach Europa einreisen wollen, Flüchtlinge aus Syrien und dem Nahen Osten, die durch Bürgerkriege gezwungen sind ihr Heimatland zu verlassen oder auch Menschen aus Osteuropa, die versuchen dem Ukraine-Russland Konflikt zu entkommen (vgl. z.B. Gröschen 2008, S.11-13 und Huet 2014).

Eine in der Fachliteratur häufig zu findende Möglichkeit die Umstände von Traumata bei Zwangsmigranten zu gliedern ist ein „vor der Flucht“, „während der Flucht“ und „nach der Flucht“. Das will heißen, dass traumatische Ereignisse in diesen drei Phasen entstehen können (vgl. z.B. Gröschen 2008, S.25-35 und Foster 2001, S.155). Im Folgenden wird hieran angeknüpft und veranschaulicht wo Risikofaktoren von Traumata liegen und welche Ursachen es für Traumata gibt.

1.2 Trauma vor der Flucht

Gröschen (2008) legt seinen Fokus hierbei auf sexualisierte Gewalt, Folter und Bürgerkrieg. Durch diese schlimmen Erlebnisse können Traumata bei Flüchtlingen vor deren Flucht ausgelöst werden bzw. sind diese häufig Grund für die Flucht. Bei sexualisierter Gewalt zum Beispiel einer Vergewaltigung können nicht nur schwere psychische Schäden für die Opfer entstehen, sondern auch körperliche Beeinträchtigungen wie Verstümmelungen am Körper, sexuell übertragbare Krankheiten wie HIV oder Syphilis, Fehlgeburten oder chronische Unterleibsschmerzen und Blutungen. Sexuelle Gewalt findet regelmäßig in Kriegen statt und ist in solchen Ausnahmezuständen wohl eher die Regel als die Ausnahme (vgl. Gröschen 2008, S.25f).

Neben der sexualisierten Gewalt ist Folter eine beliebte Methode im Krieg, um die Einzelpersönlichkeit des „Gegners“ zu zerbrechen und dessen Identität zu zerstören. Die Bevölkerung wird somit im Krieg stark eingeschüchtert und Rebellionen etc. können vermieden werden. Die Folgen von Folterung sind extrem stark, vor allem, wenn nicht damit gerechnet wird. Die Konsequenzen für den Menschen sind meist abhängig von der Foltermethode und zeigen sich in vielfältigen Symptomen an den Organen und der Seele des Menschen. Sehr starke Symptome von Dissoziation, Ohnmacht und Angst sind die Folgen (vgl. Gröschen 2008, S. 28).

Allgemeine Ursachen von Traumata im Krieg/Bürgerkrieg liegen in der Angst, der Lebensgrundlage beraubt zu werden oder zu sterben. Außerdem muss sehr oft der sinnlose Verlust naher Angehöriger verkraftet werden. Besonders für Kinder können extreme Folgeschäden auftreten, da im Krieg häufig feste Bindungen und klare Strukturen fehlen. Dem Kind fehlt von Anfang an Vertrauen und Sicherheit auf der Erde. Auch Foster (2001) stellt klar, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen Erlebnissen im Heimatland und späteren Traumafolgen im Exilland gibt. Sie nennt einige Beispiele aus dem 20. Jahrhundert wie z.B. Juden, die im Konzentrationslager gefoltert wurden oder Kambodschaner deren Dörfer und Familien vor den eigenen Augen zerstört und getötet wurden (Foster 2001, S.155). Es ist offensichtlich, dass solche schlimmen Erlebnisse auch schlimme (seelische) Schäden hinterlassen.

1.3. Trauma während der Flucht

Des Weiteren scheint auch die Reise vom Heimatland ins neue (bessere?) Land bedrohlich und traumatisch zu sein. So ist es beispielsweise für Flüchtlingsfrauen aus Zentralamerika, die in die USA illegal einwandern, oft nötig, ihren Schleusenmännern auch sexuelle Dienste anzubieten, sozusagen als Bezahlung dafür, dass diese sie in die USA bringen (vgl. Foster 2001, S.155). Aber auch der Verlust von nahen Angehörigen während den oft gefährlichen Reisen kann traumatische Folgen nach sich ziehen. Ebenso sind extreme Enge auf Flüchtlingsbooten, Essens- und Flüssigkeitsmangel und die Unsicherheit, es nicht schaffen zu können, Faktoren die Stress und damit Traumata während dem Prozess der Migration auslösen können (vgl. Foster 2001 und Gröschen 2008, S.29).

1.4. Trauma nach der Flucht

Oft sind auch die Gastländer nicht gerade gastfreundlich, was die Ankunft von illegalen MigrantInnen angeht, was auch die Debatte in Deutschland zeigt (vgl. z.B. Braun 2015). Das Beispiel Lampedusa veranschaulicht, wie verworren die Situation für viele Flüchtlinge ist. Die aus Westafrika nach Europa eingewanderten Menschen sind zwar in Italien (Lampedusa), jedoch bleiben sie dort gefangen. Gewalt und schlechte Lebensbedingungen wirken somit auch noch nach der eigentlichen Migration traumatisch (vgl. z.B. Schlump 2014).

Des Weiteren ist es oft der Fall, dass der Bleibestatus unsicher ist und das oft über Jahre oder sogar Jahrzehnte.

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Details

Seiten
21
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668414518
ISBN (Buch)
9783668414525
Dateigröße
787 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354652
Institution / Hochschule
Universität Trier – Pädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Traumapädagogik Sprache Migration Trauma ganzheitliche Pädagogik

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Titel: Traumapädagogik und Sprache. Gedanken zu einer ganzheitlichen Pädagogik in der Arbeit mit traumatisierten MigrantInnen