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Fitnesswahn und Muskelkult im Freizeitsport

Motive, Folgen und Präventionsmöglichkeiten

Seminararbeit 2015 22 Seiten

Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmung
2.1 Fitnesswahn
2.2 Muskelkult

3 Motive im Fitnesssport

4 Folgen von Fitnesswahn und Muskelkult

5 Doping im Fitnesssport

6 Schulische Präventionsmaßnahmen

7 Fazit

8 Literatur

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Studien zur Dopingsituation in deutschen Fitnessstudios

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Inszenierungsformen des sportlichen Körpers

Abbildung 2: Geschlechtsspezifische motivationale Unterschiede im Fitness-Sport

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Jeder von uns wird im Laufe seines Lebens in irgendeiner Weise mit sportlicher Betätigung konfrontiert. Von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter nimmt der Sport einen mehr oder weni- ger hohen Stellenwert in unserem alltäglichen Leben ein. Doch vor allem in den letzten Jahren hat sich mit der Ausweitung der Sportbewegung - vor allem des Freizeitsports - auch das all- gemeine Verständnis von Sport verändert. Neben der traditionellen Vorstellung von Sport, die Grundprinzipien wie Leistung, Konkurrenz und Rekorde beinhaltet, entsteht ein neues Sport- verständnis, das sich stärker an anderen Werten, wie Selbstdarstellung und -verwirklichung oder der Suche nach Anerkennung und Resonanz orientiert (Wetzel, 2014, S. 1).

In Zeiten des Fitnesswahns und Muskelkults ist der Sport als Teil der Alltagskultur und des öffentlichen Lebens von hoher Relevanz. Dabei wird dem sportlichen Körper und der „Sportisierung“ des Sozialen eine immer größere Bedeutung zugemessen (Strüver, 2011, S. 2). Laut Wetzel können, bzw. müssen sportliche Aktivitäten heute sogar einen maßgeblichen Beitrag zu einer gelingenden Lebensführung leisten, weshalb eine sportsoziologische Betrachtung mit diesem Phänomen sinnvoll erscheint (Wetzel, 2014, S. 1).

Die folgende Arbeit beschäftigt sich daher mit der Fragestellung "Inwiefern beeinflussen Fit-nesswahn und Muskelkult das Sporttreiben von Freizeitsportlern?". Nach einer Erläuterung der beiden Begriffe, werden Motive und Folgen des Fitnesssports und der Körpermodellie- rung näher betrachtet. Vor allem der Arbeit am eigenen Körper in Fitnessstudios wird dabei besondere Aufmerksamkeit geschenkt, da diese neben der allgemeinen Fitnessbewegung und Versportlichung von Alltag und Mode als gutes Beispiel für eine Erscheinungsform der Kör- peraufwertung dient (Kläber, 2013, S. 7). Ein weiterer Schwerpunkt wird auf den Substanz- konsum als Folge des Muskelkults gelegt. Im Hinblick auf den schulischen Bezug wird hier- bei vor allem der Dopingmissbrauch von jugendlichen Freizeitsportlern in den Mittelpunkt gerückt. Zudem sollen Präventionsmaßnahmen und Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt wer- den.

2 Begriffsbestimmung

Bezüglich der Begriffsbestimmung ist zunächst anzumerken, dass keine engen Begriffsdefini- tionen von Fitnesswahn und Muskelkult zu erwarten sind, da zu spezifische Definitionen die- se sozialen Phänomene in ihrer Komplexität nicht vollends treffen würden. Deshalb werden die beiden Begriffe im Folgenden literaturbasiert näher umschrieben.

2.1 Fitnesswahn

Strüver sieht den Fitnesswahn als ein verändertes und individualisiertes Körperbewusstsein, welches mit einer kontinuierlichen Zunahme sportlicher Betätigung in der alltäglichen Frei- zeitgestaltung einhergeht (Strüver, 2011, S. 2). Turnes geht dabei sogar soweit, dass Sport- lichkeit im Zuge des Fitnesswahns zum Lebensinhalt vieler Menschen und zu einem Leitwert unserer Gesellschaft wird, der weitgehend unhinterfragt bleibt: „Wer sportlich ist, der ist ge- sund und leistungsfähig, schön und jugendlich, fair und ehrlich, beharrlich und belastbar. Dem sportlichen Menschen werden gar Merkmale zugeschrieben, die als Voraussetzung für Erfolg und Zufriedenheit im Alltagsleben gelten.“ (Turnes, 2008, S. 202).

Beginnend mit der Fitnesswelle der 1970er-Jahre bis heute kann zudem von einer immer stär- keren systematischen Thematisierung des Körpers und des Körperbewusstseins gesprochen werden (Gugutzer, 2006, S. 12). Der Körper wird von Gugutzer unter anderem als Produkt der Gesellschaft aufgefasst. Hierbei nimmt er vor allem die Auswirkungen gesellschaftlicher Normen und Werte sowie allgemeiner alltäglicher Gegebenheiten auf den menschlichen Kör- per in sein Blickfeld (ebd. S. 13). Das Körperbewusstsein geht dabei weit über das individuel- le Wohlbefinden hinaus. Gefühle, wie sich Wohlfühlen, sich fit fühlen sind laut Strüver nicht mehr unbedingt autonome Gefühle, sondern auch gesellschaftliche Konstitutionen. Insbeson- dere die Medien produzieren heutzutage das Bild eines sportlichen, makellosen Körpers, der zur öffentlichen Inszenierung und sozialen Positionierung dient und zum Symbol für Sport- lichkeit wird (Strüver, 2011, S. 2).

Thiel, Seiberth und Mayer unterscheiden verschiedene Inszenierungsformen des sportlichen Körpers: Leistung und Erfolg, Individualität und Attraktivität und Kultivierung und Beherrschung (vgl. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ab. 1. Inszenierungsformen des sportlichen Körpers (Thiel et al., 2013, S. 88)

In unserer heutigen Gesellschaft wird der sportliche Körper häufig zum Symbol für Leis- tungsfähigkeit und Erfolg. Diese Tatsache kann damit begründet werden, dass ein austrainier- ter Körper in der Vorstellung der meisten Menschen für Disziplin, harte Arbeit und individu- elle Leistungsbereitschaft steht. Auch wer beruflich und sozial aufsteigen will, muss eine sol- che Disziplin und Leistungsbereitschaft an den Tag legen. Zudem wird der sportliche Körper durch die Darstellung schlanker, durchtrainierter Körper in der Werbung oder sozialen Netz- werken und durch muskulöse Helden in Videospielen zum Attraktivitätsideal und erlaubt gleichzeitig eine individuelle Abgrenzung zur Allgemeinheit (Thiel et al., 2013, S. 88f.). Als dritte Inszenierungsform nennen Thiel et al. Kultivierung und Beherrschung. Kultivierung meint dabei die „Überwindung einer natürlichen Gesetzmäßigkeit mit dem expliziten Ziel der Erreichung eines spezifischen Zustandes“ (ebd., S. 92). Als Beispiele für eine solche Kultivie- rung und Beherrschung des eigenen Körpers werden das überdurchschnittlich schnelle Erlan- gen eines „makellosen“ Körpers nach einer Schwangerschaft durch berühmte Models oder das Bodybuilding genannt (ebd.).

Generell zeigt sich in der gegenwärtigen auf Fitness ausgerichteten Gesellschaft eine zuneh- mende Bedeutung von Sportlichkeit in Gesellschaftsbereichen außerhalb des eigentlichen Sports. Dies äußert sich nicht nur in zunehmenden sportlichen Aktivitäten im Freizeitsportbe- reich, sondern vor allem in der zunehmenden „Versportlichung“ der Alltagssprache, -mode und Lebensstile (ebd., S. 87). Dies führt zur Durchsetzung einer Gesellschaft mit Sportsymbo- lik auf den unterschiedlichsten Ebenen, in der das Sporttreiben zum gesellschaftlichen Leit- wert wird (Strüver, 2011, S. 2).

2.2 Muskelkult

Bevor auf die genauere Bestimmung des Muskelkultes eingegangen werden kann, ist es zu- nächst notwendig, den Kultbegriffs näher zu betrachten. In der Vergangenheit wurde auf die- sen häufig nur im religiösen Kontext eingegangen (Strebinger, 2011, S. 58f). Heute wird er in der Alltagssprache allerdings weiter gefasst und auch auf andere Arten von ritualisierten Handlungen angewandt. Atkin definiert Kult als „a group or movement exhibiting a great devotion or dedication to some person, idea, or thing. Its ideology is distinctive and it has a well-defined and committed community. It enjoys exclusive devotion (that is, not shared with another group), and its members often become voluntary advocates. “ (Atkin, 2004, S. xix). Wenn nach dieser Definition also etwas Kult ist, wird es mit seinen Ideen und Grundsätzen von einer mehr oder weniger großen, geschlossenen Gruppe mit einer starken sowie zeitlich konstanten Hingabe verehrt.

Der Muskelkult vollzieht sich laut Kläber vor allem in Gestalt des modernen Bodybuildings. Mit dem Ziel eines körperlichen Idealbildes vor Augen kommt es im Bodybuilding „zu einer Herstellung erkennbarer Muskulatur im Rahmen zweckrationaler Trainingsmaßnahmen.“ (Kläber, 2013, S. 8). Die Hauptintention liegt darin, eine größtmögliche Muskelmasse bei möglichst geringem Körperfettanteil zu erlangen (ebd., S. 15). Während Sportarten wie Bo- dybuilding früher zumeist nur in unteren Gesellschaftsschichten ausgeübt wurden, scheint sich diese Tatsache heute gänzlich geändert zu haben. Noch 1982 konstatierte Bourdieu in seiner Habitusforschung: „Das instrumentelle Verhältnis zum eigenen Körper, das die unteren Klassen in allen Betätigungen und Praxisformen zum Ausdruck bringen, in denen der Körper wesentlich beteiligt ist [...], schlägt sich unter anderem auch in der Wahl solcher Sportarten nieder, die höchsten Krafteinsatz und [...] eine bestimmte Schmerzunempfindlichkeit erfor- dern oder sogar den Einsatz des ganzen Körpers.“ (Bourdieu, 1982, S. 339, zit. n. Kläber, 2013, S. 10). Durch die in den letzten Jahren stark zunehmende Anzahl von kommerziellen Fitnessstudios und den zuvor angesprochenen Fitnesswahn wird dieses einst feste Verhältnis von Gesellschaftsschicht und Körpernutzung jedoch aufgehoben. Immer mehr Männer und auch Frauen höherer Gesellschaftsschichten wollen ihrem von der Gesellschaft vorgegebenen Idealbild des eigenen Körpers durch die Inanspruchnahme der Angebote der verschiedenen Fitnessstudios näher kommen (Kläber, 2013, S. 10f.). Vor allem in den letzten Jahren und Jahrzehnten entstanden unzählige Fitnessstudios, die von zahlreichen Menschen zur Körper- modellierung genutzt werden. Kommerzielle Fitnessstudioanbieter sind inzwischen zu einem Massenphänomen westlicher Industrienationen und zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten traditioneller Sportvereine geworden (Kläber, 2012, S. 10). Heute beträgt der Anteil der Fitnessstudio-Mitglieder an der Gesamtbevölkerung 11,2 Prozent. Mit der stetig steigenden Anzahl an Fitnessstudios und deren Mitgliederzahlen vereint die Fitnessbranche 2015 somit mehr Mitglieder als alle anderen Sportarten (DSSV, 2015).

3 Motive im Fitnesssport

Die Frage was Menschen dazu antreibt Sport und im speziellen Fitnesssport oder Bodybuilding zu betreiben ist Forschungsgegenstand zahlreicher Autoren. Um der Frage nach eben diesen Motiven nachzugehen, müssen zunächst einmal die Begrifflichkeiten Motiv und Motivation näher betrachtet werden.

Ilg bezeichnet Motive zunächst als Beweggründe für das Handeln sowie auch für das Nicht- handeln (Ilg, 1990, S. 51, zit. .n. Enders, 2007, S. 7). Im Lexikon der Sportwissenschaft wird der Begriff Motiv ausführlicher definiert: „Beweggrund, Anlaß bzw. Verursachung des indi- viduellen und kooperativen Handelns. Motive bilden den antriebsregulatorischen Aspekt der Bedürfnisse, Interessen, Vorbilder und Wertorientierungen eines Menschen, von denen unter bestimmten inneren und äußeren Tätigkeitsbedingungen handlungsanregende Impulse ausge- hen.“ (Schnabel & Thieß, 1993, S. 586). Speziell das Sporttreiben geht laut Gabler mit vielfäl- tigen Motiven einher. Motive im Sport werden dabei als „persönlichkeitsspezifische Wer- tedispositionen“ verstanden, die auf Situationen im Sport ausgerichtet sind (Gabler, 2002, S. 13).

Unter Motivation versteht Enders (2007, S. 8) einen Prozess der Aktivierung bzw. Ausrich- tung einer Handlung. Der Prozess der Motivation wird dabei durch die individuellen Motive bestimmt. Menschen verfolgen demnach ein bestimmtes Ziel, und versuchen ihre Handlungen danach auszurichten. Das Verhalten der Menschen ist dabei entweder „von innen her“ (intrin- sisch) oder „von außen her“(extrinsisch) motiviert (Heckhausen, 1989, S. 459). Macak sieht in der Motivation der Sporttätigkeit einen dynamischen Prozess, der durch Motive der sportli- chen Tätigkeit als innere und äußere Ursachen des Sportverhaltens determiniert wird (Macak, 1983, S. 141).

Bezüglich der Motive im Fitnesssport beschreibt Zarotis (1999, S. 7) diesen als Paradebeispiel für die Befriedigung neuer Motive: „Hier konzentrieren sich alle menschlichen Süchte und Sehnsüchte, im positiven wie im negativen Sinne: der Jugendwahn, die Persönlichkeitsfindung, die inszenierte Selbstdarstellung, zugleich aber auch das Streben nach Bewahrung und Förderung der Gesundheit.“. Obwohl die Beweggründe Fitnesssport zu betreiben von zahlreichen Faktoren, wie z.B. Alter, Geschlecht oder individuellem Lebensstil abhängen, lassen sich einige Hauptmotive durch empirische Studien belegen.

In einer Studie von Brehm (1995, S. 4; zit. n. Rampf 1999, S. 42), in der mittels Fragebogen 1221 Sporttreibende im Alter zwischen 18 und 70 Jahren befragt wurden, stellte sich heraus, dass den Sinnzuschreibungen „Gesundheitszustand verbessern“, „Beschwerden und Krank- heiten vorbeugen“ und „etwas für die körperliche Fitness tun“ im Zusammenhang mit dem Fitnesssport eine hohe Bedeutung zugeschrieben wird. Unter Berücksichtigung anderer Un- tersuchungen wurden drei Hauptmotive für den Fitnesssport festgestellt. Zu diesen zählen der Gesundheitsaspekt, die Körperarbeit und das Wohlbefinden. Bei dem Gesundheitsaspekt wird vor allem auf die Verbesserung der körperlichen Fitness abgezielt. Die Körperarbeit richtet das Hauptaugenmerk der Fitnessaktiven auf die Gewichtsreduktion und auf das Erreichen einer sportlichen Figur. Zuletzt stellt das persönliche Wohlbefinden, insbesondere Alltags- stress abbauen, ein relevantes Motiv im Fitnesssport aktiv zu sein dar (Rampf, 1999, S. 44f.). Zarotis (1999, S. 97) begründet die besondere Bedeutung des Gesundheitsmotives im Fitness- sport dadurch, dass in den modernen Industriegesellschaften immer häufiger Zivilisations- krankheiten auftreten. Durch die fortschreitende Technisierung und Automatisierung werden gewöhnliche körperliche Aktivitäten ersetzt, was zumeist eine Gewichtszunahme und ge- sundheitliche Schäden zufolge hat. Deshalb wird von vielen versucht ihre Gesundheit mittels Fitnesssport zu fördern bzw. zu erhalten.

Eine weitere Studie von Zarotis analysiert die Motivausprägung der Fitness-Klientel ge- schlechtsspezifisch. Die Untersuchung basiert auf einer Befragung in Form eines standardi- sierten Fragebogens während eines Beratungsgesprächs in gesundheitsorientierten Fitness- Clubs in Form eines strukturierten Interviews. Insgesamt wurden im Zeitraum von 1990-1993 3248 Frauen und Männer befragt. Die Fragestellung welche Trainingsziele und Erwartungen die Teilnehmer an ihr Training stellen, beinhaltete 16 Items. Diese wurden wiederum 7 ver- schiedenen Motivkomplexen zugeordnet: „Fitness/Gesundheit“, „Aussehen“, „Psychisches Erleben“, „Kognitive Dimension“, „Soziale Dimension“, „Leistung“ und „Motorische Dimen- sion“ (vgl. Abb. 2).

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Details

Seiten
22
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668412125
ISBN (Buch)
9783668412132
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354684
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
fitnesswahn muskelkult freizeitsport motive folgen präventionsmöglichkeiten

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Titel: Fitnesswahn und Muskelkult im Freizeitsport