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Der Sinn des Alterns

Sind das Altern und das nahende Lebensende nur Gegebenheiten, die man mehr oder weniger hinnehmen muss oder liegt auch im Altern ein Sinn?

von Sarah G. (Autor)

Essay 2015 7 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

„Altern ist eine Zumutung“ (Frankfurter Allgemeine 2008) sagte Loriot kurz vor seinem 80. Geburtstag und brachte damit auf den Punkt, was wohl viele Menschen an sich selbst erleben: das unaufhaltsame Nachlassen der körperlichen Fähigkeiten oder das Erleben, dass manches „nicht mehr so geht wie früher“, führen oft zu einer tiefen Verbitterung. So ist das Alter eine Phase des zunehmenden geistigen und körperlichen Verfalls, so der Philosoph Jean Améry (1968). Aber sind das Alter und der nahende Lebensabend wirklich nur Gegebenheiten, die man mehr oder weniger hinnehmen muss, weil sich an den biologischen Tatsachen eben nichts ändern lässt oder liegt auch im Altern ein konstruktiver Sinn?

Viele Menschen sagen, dass ihnen der Glaube an Gott Kraft für den Lauf des Lebens schenkt und ihrem Leben einen Sinn gibt. So sagt auch der Philosoph Romano Guardini (2001), dass das Leben ein Weg zur philosophischen Erkenntnis/Einsicht ist der uns bis zum Tode führt. Somit hat das Alter die Aufgabe bzw. denn Sinn darin, die bis zum Alter erlebten Erfahrungen zu reflektieren, um letztendlich zu neuen Einsichten und Erkenntnissen zu gelangen. Nach dem Tod muss der Mensch nur mehr diese vor Gott darlegen. Aber was machen all diejenigen, die diesen Glauben nicht haben? Wie ertragen sie die Zumutungen des Älterwerdens? Was ist es, was sie trägt und ihnen Halt gibt, wenn die Kräfte schwinden und vieles von dem nicht mehr geht, was einst das Leben sinnvoll erscheinen ließ? Die Fragen müssen wir uns alle stellen und dies nicht erst, wenn die Beschwerden des Alters uns so gut wie aller äußeren Handlungsmöglichkeiten beraubt haben. Laut Elke Brendel (2013) ist die Frage nach dem Sinn des Lebens eine Grundfrage des Menschen, die wir uns in jedem Alter stellen. Angesichts des näher rückenden Lebensendes wird sie jedoch drängender. Zudem verändert sich das Leben selbst meist radikal: Wir scheiden aus dem Berufsleben aus, nahe stehende Personen sterben, unser soziales Netz wird immer brüchiger und daraus resultiert das Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden.

Doch was bedeutet überhaupt Sinn bzw. Sinnsuche? Im heutigen Sprachgebrauch kann Sinn sowohl frei übersetzt werden „als ein Geschehen das dem menschlichen Leben Richtung verleiht“ als auch als „Zuschreibung einer Bedeutung bzw. Bewertung eines Geschehens bzw. Lebens”, so Renate Ruhland (2006). Und wann sprechen wir eigentlich von dem Alter? Und gibt es das überhaupt das Alter? Romano Guardini (2001) versucht das Leben eines Menschen in Lebensphasen zu untergliedern, wobei das Greisenalter bzw. das senile Alter als Letztere auftritt. Ich denke aber, dass es das Alter per se nicht gibt, denn eigentlich gibt es nur den Prozess des Alt- und Älterwerdens, der wie alles im Leben einem permanenten Wandel unterworfen ist. Er endet zwar für uns alle gleich mit dem Tod, aber wann er beginnt und wie er verläuft, ist individuell jedoch sehr verschieden. Allerdings gibt es bei jedem Konstante, wie das Nachlassen der Kräfte, der Verlust von Perspektiven, der Abschied von alltäglichen Verantwortungen und dem von nahestehenden Menschen. Aber auch alltägliche Dinge wie graue Haare, Falten im Gesicht, Vergesslichkeit, Schwerhörigkeit oder steife Gelenke gehören zum Altersprozess dazu. Die Biologie zeigt also die Begrenzung der Lebensdauer mit dem Schwinden der Kräfte und dem Tod auf. Aber haben wir damit auch schon den Sinn des Alterns erfasst? Müssen wir, nachdem wir den Zenit unserer körperlichen Möglichkeiten überschritten haben, tatsächlich über Jahrzehnte nur deshalb gebremst dahinleben, weil sich der Strom des Lebens unbeirrbar immer nur den Jungen zugesellt?

Die Antwort kann nur „Nein“ lauten, da es etwas vor dem Tod gibt: nämlich unser Leben hier und heute, unser Leben als der Mensch, der wir sind. Letztlich geht es um Entwicklung, darum, die/der zu werden, wer Frau/Mann ist. Es geht um einen fortschreitenden geistigen und persönlichen Reifungsprozess, der in einen allumfassenden Sinnzusammenhang eingebettet ist. Der Wesenskern eines Menschen erschließt sich durch sein Werden, das sich in seinen inneren und äußeren Taten spiegelt. (Vgl. Blättner 1957)

Älterwerden macht somit dann Sinn, wenn wir die zunehmenden Lebensjahre nicht als Beschränkung erleben, sondern als Zugewinn in Form von geistig-seelischer Erkenntnis und persönlicher Einsicht in unser Leben. Älterwerden ist nicht primär als Zunahme von Lebensjahren zu verstehen, sondern als Herausforderung bzgl. der Lebenseinstellung und Lebensgestaltung. Alles hat und braucht seine Zeit und auch seine lebensphasenspezifischen Aufgaben. So sagt auch Blättner (1957), dass mit unserem persönlichen Wachstum wir gemäß unserem Reifestadium unterschiedliche Erlebnis- und Wahrnehmungsqualitäten entwickeln. Jeder sammelt in sich Erfahrungsschätze, die er/sie mit anderen teil. So können sowohl ältere Menschen von ihrer persönlichen Lebensbilanzierung profitieren, indem sie ihre Lebensweisheiten weitergeben und andere damit helfen. So können auch die jüngeren Generationen einen Nutzen aus der Lebenserfahrung der Ältesten einer Gesellschaft ziehen, so Fürsinn (1982). Engagieren sich Senioren zum Beispiel ehrenamtlich, so bleiben diese aktiver, wahrscheinlich auch gesünder und leben ihren Lebensabend glücklicher und zugleich können sowohl Kinder als auch Erwachsene vom Wissen und von der Lebensweisheit der Alten lernen. Diese „Win-Win-Situation“ muss in unserer Gesellschaft, wo die Alten als nutzlos und lediglich pflegebedürftig abgestempelt werden, Bewusstsein finden. Ich bin überzeugt, dass es gibt vielerlei Aufgaben für ältere Menschen gibt, wir müssen sie nur in Anspruch nehmen. Wir brauchen die Erfahrungen der Älteren nicht nur in der Familie oder bei der Kinderbetreuung, sondern auch in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik (vgl. Fürsinn 1982).

Für das Älterwerden brauchen wir Menschen laut Klingenberger (1996) jedoch ebenso eine Orientierung, die uns näher zu uns selbst führt. Jeder von uns ist mit einer bestimmten Aufgabe in das Leben gekommen und es ist der Sinn, diese herauszufinden. Wenn ich ein Lebensziel habe, wenn ich weiß, was mich in dieses Leben gerufen hat, kenne ich das Leitmotiv meines Lebens. Darunter erschließt sich unser Lebensweg, sofern wir auf unsere innere Stimme der Gegenwart hören. Wenn wir auf sie achten, können wir selbst hören.

Älterwerden macht also dann auch Sinn, wenn ich achtsam bin, nach innen höre und meine Berufung und mein Leitmotiv im Leben herausfinde.

Allerdings fehlt einem häufig die Energie dazu. Die Last des Alltags und/oder unserer Lebensgeschichte blockiert uns selbst. Sinn zu schaffen setzt auch voraus, dass wir mit unserer Lebensenergie kennen und sie umsetzen können. Lebensenergie schöpfen wir nur dann, indem wir am Strom des Lebens teilnehmen. Hierzu brauchen wir die geistige Fähigkeit. Eine zentrale Quelle dafür ist unsere Lebensfreude, die mit unserer Lebenseinstellung, also mit unserer Haltung dem Leben gegenüber verbunden ist.

Dementsprechend macht Älterwerden dann Sinn, wenn wir lernen, uns mehr dem Fluss des Lebens hinzugeben und unsere Lebensenergie kennenzulernen und einzusetzen. Das bedeutet zugleich, dass wir uns unserer Haltung dem Leben gegenüber bewusst sind und lernen, immer mehr loszulassen, was wir nicht mehr brauchen und uns neuen Aufgaben zuwenden und stellen.

Älter werden wir, wie bereits bei Romano Guardini kennengelernt, in Phasen bzw. in Lebensabschnitten. Doch in unserer Gesellschaft fehlt es noch an Akzeptanz und Ritualen, die den Übergang in Lebensphasen begleiten und bewusst machen. Rituale geben Halt und stellen den Sinn und die Aufgaben der jeweiligen Lebensphase heraus und leiten diese ein. Mit Ritualen wird das jetzt neu Beginnende durch die Gemeinschaft begrüßt und gewürdigt.

Älterwerden macht dementsprechend dann Sinn, wenn die soziale Gemeinschaft die verschiedenen Lebensphasen gleichwertig anerkennt und durch Rituale bewusst einleitet. Nur durch die gesellschaftliche Anerkennung und Ausschöpfung der einzelnen Lebensphasen erlangt jede von ihnen ihren eigenen Sinn. Hierin liegt jedoch noch ein großes Gestaltungsfeld für unsere Gesellschaft, besonders für den Übergang in die letzten Lebensphasen. So wird man ab einem bestimmten festgelegten Alter von einem Tag auf den Anderen in das Seniorenleben entlassen und der Rhythmus des Berufslebens, der uns das den Großteil des Lebens geprägt hat, fällt nun ganz weg. Doch der Übergang in einen neuen Lebensabschnitt mit neuen Herausforderungen und neuen Verantwortungen sollte nun gebührend zelebriert und nicht als Niedergang angesehen werden. Hier muss ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden, da jede Lebensphase unterschiedliche und individuelle Aufgaben und Fähigkeiten hervorbringt und die Menschen, die sich in unterschiedlichen Phasen befinden, nur voneinander lernen und profitieren können.

Wir Menschen sind nämlich nicht zum Alleinsein geboren. Zwischenmenschliche Beziehungen geben uns die Möglichkeit, voneinander zu lernen, zu wachsen und unser Potenzial zu entfalten. Beziehungen sind jedoch bewusste Gestaltungsprozesse. Älterwerden ist für nicht wenige mit zunehmender Vereinsamung durch die Abschiede von Angehörigen und Freunden verbunden. Dies macht aber wirklich keinen Sinn. Vereinsamung ist nämlich das Ergebnis einer anonymisierenden Gesellschaft und unterentwickelter persönlicher Beziehungsfähigkeit. Lebendige Beziehungen hängen unmittelbar damit zusammen, welche Beziehung wir zu uns selbst aufgebaut haben. (Vgl. Kaiser 2000) Älterwerden macht also dann auch Sinn, wenn wir die Liebe zu uns selbst entwickeln und diese mit anderen teilen. Freundeskreise und lebendige Beziehungen sind wahrer Luxus, den wir mit zunehmendem Alter reichlich benötigen.

Das Älterwerden als natürlicher Lebensweg wird von vielen verdrängt, da es als zwangsläufig gilt, dass mit zunehmendem Alter Vitalität, Attraktivität und Schönheit vergehen. Macht Älterwerden in dieser Hinsicht Sinn? Wenn man an dem vorherrschenden jugendlichen Schönheitsideal festhält, wird man beim Älterwerden sich wohl kaum in seiner Haut wohl fühlen können. So sagt auch Ruhland (2006) das Vitalität eine Frage der Bereitschaft ist, am Fluss des Lebens aktiv teilzunehmen und dies ist bis ins hohe Alter hinein möglich. Und Schönheit und Attraktivität? Wer definiert das überhaupt? Was ist/macht wirklich schön? Woher kommt Schönheit? Gesellschaftliche Schönheitsideale die nur glatte, straffe und frische Haut als schön anerkennen, machen es älteren Menschen schwer, sich selbst als schön zu empfinden. Es ist für unserer materiell orientierten Gesellschaft nur das Äußere, der Körper, das Gesicht, dem der höchste Stellenwert beigemessen wird.

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Details

Seiten
7
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668408340
Dateigröße
768 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354784
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
2
Schlagworte
sinn alterns sind altern lebensende gegebenheiten

Autor

  • Sarah G. (Autor)

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