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Techniken des Körpers. Wahrheitsgehalt, Bedeutung und kommunikationstheoretischer Kontext von Marcel Mauss' "Les techniques du corps"

Hausarbeit 2014 13 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Theorie und der Weg dorthin

Klassifizierungen

Mauss' Aufzählung von Körpertechniken

Im Kontext zu anderen Theorien

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

1930 veröffentlichte der französische Soziologe Marcel Mauss sein Werk „Les techniques du corps “ (Die Techniken des Körpers). In diesem verbindet er Beobachtungen aus seiner Zeit beim Militär und andere Beobachtungen von menschlichem Verhalten zu einer Theorie des Verhaltens von Menschen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Art und Weise, wie sich der Mensch seines Körpers immer wieder bedient. Diese Bewegungsabläufe nennt Mauss „Techniken des Körpers“ und räumt ihrer Anwendung und Überlieferung im täglichen Leben eine immense kulturelle Bedeutung bei. Er findet Beispiele von solchen Techniken des Körpers in nahezu allen Lebensbereichen und benennt sie. Der Text bettet diese Beispiele meistens in kleine Anekdoten aus dem Leben des Autors ein und der Schreibstil ist, für einen wissenschaftlichen Text, durchaus ansprechend. Im Text finden sich auf diese Weise viele Beispiele, durch die Mauss' Behauptungen veranschaulicht werden.

Ich werde mich in dieser Hausarbeit auf die für die Kommunikationswissenschaft interessanten Aspekteinnerhalb des Textes konzentrieren und überprüfen, inwiefern die getroffenen Aussagen einen kritischen Blick überstehen. Wie gehaltvoll sind die zahlreichen Beispiele von Mauss wirklich? Ist die von Maus eingeführte Systematik wirklich konsequent und in sich stimmig? Anschließend werde ich den Text in Kontext zu anderen Kommunikationstheorien stellen und schauen, wo es Überschneidungen gibt.

Die Theorie und der Weg dorthin

Mauss gliedert seinen Text in drei größere Abschnitte. Im ersten definiert er den Begriff der Körpertechniken und erläutert, wie und durch welche Beobachtungen er zu zu seinen Überlegungen gelangt ist. Im zweiten Abschnitt führt er Klassifizierungen für die Techniken des Körpers ein. Zum Schluss zählt er chronologisch geordnet die Techniken des Körpers auf, wie sie ein Mensch im Laufe seines Lebens erlebt bzw. erlernt. Diese Gliederung werde ich beibehalten und jedem seiner Kapitel ein eigenes widmen.Der Kernaspekt von Mauss' These sind besagte Techniken des Körpers, welche er als „die Weise, in der sich die Menschen in einer Gesellschaft traditionsgemäß ihres Körpers bedienen“1 beschreibt. Diese Techniken werden dem Menschen laut Mauss bereits ab dem Kindesalter durch Erziehung beigebracht und immer weiter modifiziert. Er nennt die Techniken des Körpers auch „Habitus“2 und grenzt sie von Gewohnheiten und erworbenen Fähigkeiten ab. Der Habitus, also das Repertoire und das Ausführen von Körpertechniken, werden durch die Gesellschaft, die individuelle Erziehung und aktuelle Modeerscheinungen beeinflusst und ändert sich damit auch innerhalb eines Menschenlebens mehrmals.

Dabei müssen die Körpertechniken auf drei Ebenen betrachtet werden. Zum einen mechanisch-physikalisch, also wie kann der menschliche Körper generell am vorteilhaftesten eingesetzt werden. Dazu anatomisch-physiologisch, welchen Einfluss hat die individuelle Beschaffenheit eines einzelnen Menschen oder einer spezifischen Menschengruppe auf die Bewegungsabläufe und schließlich psychologisch-soziologisch, welche Einflüsse hat das Wertesystem einer Gesellschaft und die dadurch beeinflusste menschliche Psyche auf eine Körpertechnik. Prinzipiell sind diese Aussagen durchaus nachvollziehbar, doch betrachtet man die nachher angeführten Beweise, zeigt sich nur die psychologisch-soziologische Ebene als tragfähig.

Mauss beschreibt in seinem Text recht ausführlich seine Herangehensweise, die letztlich zur Entwicklung seiner Theorie von den „Techniken des Körpers“ führt. Zunächst fiel ihm auf, dass er in einer seinerVorlesungen über die deskriptive Ethnologie eine Rubrik „Verschiedenes“ hatte. Ein Sammelsurium von Beobachtungen, die er irgendwie diesem Thema zuordnen, aber nicht unter einen gemeinsamen Oberbegriff zusammenfassen konnte. Er bezeichnet diese als Kenntnisse ohne Konzept.3 Mauss ist der Überzeugung, dass die Erforschung eines solchen „Ödlands“4 letztlich neue Impulse für die Wissenschaft mit sich bringt und somit aus Kenntnissen Erkenntnisse werden. Dabei handelt es sich um keine besonders revolutionäre Auffassung von wissenschaftlicher Forschung, doch um eine die stimmt.

Die Beobachtungen, die Mauss zu diesen Überlegungen führte, machte er vor allem beim Militär. Dazu erzählt er eine Anekdote von englischen Soldaten im 1.Weltkrieg, die nicht mit französischen Sparten graben konnten (und umgekehrt), oder nicht in der Lage waren mit französischer Musik zu marschieren, da sich Schrittlänge, Schrittfrequenz und Rhythmus beim Marschieren von Einheiten je nach Nation unterscheiden.

Beobachtungen beim Militär auf die gesamte Menschheit zu übertragen, halte ich für fragwürdig. Auf der einen Seite ist das Militär besonders gut als Beispiel für Techniken des Körpers geeignet, da das Militär eine Institution ist, bei der gewisse Bewegungsabläufe und Vorgehensweisen im besonderen Maße vorgeschrieben und dem entsprechend gelehrt werden. Dies ergibt sich durch ihre Organisationsstruktur mit klar definierten Hierarchien, Abläufen und einem erwünschten Minimum an Individualität. Der Soldat soll sich keine Gedanken darüber machen, wie genau er einen Graben ausheben soll. In seiner Grundausbildung wird ihm eine standardisierte Vorgehensweise beigebracht, an die er sich zu halten hat. Er wird also zielgerichtet zu einer Art zu Graben erzogen und die Soldaten werden dahingehend entlastet, dass sie keinen Gedanken an das „wie grabe ich?“ verschwenden müssen. Dadurch weiß jeder in der Kompanie, welche Vorstellung von einem Graben der befehlshabende Offizier hat und an welche Vorgehensweise sich die gesamte Kompanie halten wird. So ist ein Maximum an Effizienz in der Zusammenarbeit der einzelnen Soldaten möglich, unabhängig davon, ob das gelernte Verfahren auch in der entsprechenden Situation das effizienteste ist. Andererseits sind diese organisatorischen Strukturen sehr weit von dem entfernt, was der Mensch im alltäglichen Leben erfährt.

Ein Beispiel, welches der Lebenssituation von zivilen Bürgern eher entspricht, ist das von der Gangart New Yorker Krankenschwestern. Mauss fällt bei New Yorker Krankenschwestern eine bestimmte Art zu gehen auf, mit einer besonderen Stellung der Arme und Hände, die ihm bekannt vorkommt. Er erkennt, dass es sich um die Gangart einiger Schauspielerinnen im Kino handelt und zurück in seiner Heimat Frankreich, bemerkt er diese Art zu gehen auch bei immer mehr Pariserinnen. Hier wird eine gewisse Art zu gehen ebenfalls anerzogen, aber nicht durch eine zielgerichtete Ausbildung unter Zwang, wie beim Militär, sondern durch Imitation von Vorbildern5, der natürlichsten aller menschlichen Lernformen.

Klassifizierungen

Mauss teilt Körpertechniken daraufhin in drei Klassen auf. Geschlechtsspezifische, altersspezifische und verschiedene Körpertechniken. In Anbetracht der Tatsache, dass er sich noch in seiner Einleitung über den Begriff „Verschiedenes“ als Titel einer Themenrubrik beschwert und es als notwendig erachtet, diese Phänomenen unter einem übergeordneten Begriff zu versammeln, um wirklich von einer Erkenntnis zu sprechen, entzieht sich diese Bezeichnung für eine seiner Klassen von Körper Techniken nicht einem gewissen Grad an Ironie. Unter „verschiedenen“ Körpertechniken versammelt Mauss Körpertechniken, die durch ihren Fokus auf Leistung oder die Art der Überlieferung herausstechen. Mauss vergisst bei seiner Klassifizierung zu erwähnen, dass all diese nur innerhalb einer Gesellschaft gültig sind und die Einordnung einer Körpertechnik in einer seiner Klassen innerhalb einer anderen Gesellschaft gänzlich anders sein kann. Ferner lässt er offen, ob eine Körpertechnik zwei Klassen gleichermaßen zugeordnet werden kann, oder ob es sich um eine eindeutige Zuordnung von Technik des Körpers zu Klasse handelt. Bei der Auswahl seiner Beispiele für eine Klasse kommt kein Beispiel mehrmals, in unterschiedlichen Klassen gleichzeitig vor, was eine von ihm vorgesehene eindeutige Zuordnung nahelegt, doch scheint mir dies aus rein logischen Gründen fragwürdig.

Mauss erste Klasse der Körpertechniken, dietypisch „männliche“ und typisch „weibliche“ Techniken des Körpers umfasst, halte ich für problematisch. Er begründet diese Aufteilung mit Beobachtungen der Froscher Yerkes und Köhler bei Affen, die je nach Geschlecht eine unterschiedlich Körperhaltung beim Interagieren mit Objekten haben. Im Fokus liegt dabei die Stellung des Schoßes zu diesem Objekt6. Mauss zieht also von Beobachtungen beim Affen Rückschlüsse auf den Menschen. Selbst wenn es sich bei den beobachteten Affen um Menschenaffen handeln sollten, die bekanntlich 99% ihres Erbguts mit dem Menschen teilen, halte ich dieses Übertragen von Affenverhalten, gerade mit Hinblick auf den kommunikationswissenschaftlichen Aspekt dieser Theorie, für sehr fragwürdig. Mauss selbst machte in seiner Einleitung die pädagogischen Aspekte beim Erlangen von Körpertechniken als entscheidend aus, nutzt nun aber eine Argumentationsstruktur, die sich auf rein biologische Gemeinsamkeiten stützt. Menschen sind trotz aller Ähnlichkeiten keine Affen und gerade im gemeinschaftlichen Zusammenleben und der Sozialisierung von Mitgliedern dieser Gemeinschaft liegt in dieser Hinsicht der entscheidende Unterschied.

Mauss weißt im gleichen Absatz noch darauf hin, dass diese Studie für den Affen, von Psychologen auf den Menschen ausgeweitet werden sollte. „Ich erlaube mir, meine Freunde die Psychologen auf diese Reihe von Untersuchungen aufmerksam zu machen. Meine Kompetenz würde nicht ausreichen und außerdem fehlte es mir an Zeit.“7 Dieser Kommentar ist meines Erachtens nach kaum an Arroganz zu übertreffen.

[...]


1 Marcel Mauss, Techniken des Körpers, Frankfurt a.M., 1978, S.199.

2 Marcel Mauss, Techniken des Körpers, Frankfurt a.M., 1978, S.202.

3 Ebd., S.199.

4 Ebd.

5 Marcel Mauss, Techniken des Körpers, Frankfurt a.M., 1978, S.203.

6 Marcel Mauss, Techniken des Körpers, Frankfurt a.M., 1978, S.207.

7 Ebd.

Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668414860
ISBN (Buch)
9783668414877
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355557
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,3
Schlagworte
Marcel Mauss Techniken des Körpers Körpertechniken Kommunikationstheorie Menschliche Kommunikation

Autor

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