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Planspiele in der didaktischen Umsetzung. Das Planspiel "Keep Cool", seine Möglichkeiten und Grenzen im Unterricht

Hausarbeit 2017 19 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition und Geschichte

3. Formen und Merkmale von Planspielen

4. Ablauf eines Planspiels

5. Chancen und Risiken einer didaktischen Verwendung

6. Analyse des Planspiels Keep Cool Online

7. Fazit

1. Einleitung

Die Vielfalt an methodischen Instrumentarien für den schulischen Unterricht wächst kontinuierlich. Während der rein rezeptive Frontalunterricht im schulischen Umfeld vor allem seit Beginn der Reformpädagogik immer mehr in Verruf gerät, wird er zwar an den meisten Universitäten in Form der klassischen Vorlesung konsequent weitergeführt, und auch seine Monopolstellung an der Schule ist weiterhin ungebrochen, jedoch sieht er sich mit einer zunehmenden Anzahl vielversprechender methodischer Alternativen konfrontiert.1 Konzepte wie der ergebnisorientierte Unterricht, entdeckender Unterricht oder handlungsorientierter Unterricht betonen die Eigenaktivität der Schüler in Abkehr vom lehrerzentrierten Frontalunterricht und deren Realisation im Rahmen einer ganzheitlichen Handlung.2 Eine konkrete Methode dieses Konzeptes ist das didaktische Planspiel, welches in seiner ursprünglichen Form auf eine über tausendjährige Geschichte zurückgreift und heutzutage in abgewandelter Form für die didaktische Umsetzung in Regelschulen brauchbar gemacht wurde. Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Methode des Planspiels zunächst theoretisch zu erarbeiten. Dabei sollen neben der Entstehungsgeschichte und Definition einiger prägnanter Merkmale sowie dem zeitlichen Ablauf der Methode auch mögliche Chancen und Risiken ebenso wie Möglichkeiten und Grenzen benannt werden. Am Beispiel des onlinebasierten Panspiels Keep Cool Online sollen darauf folgend die bereits erarbeiteten Punkte verdeutlicht und im Hinblick auf eine didaktische Verwendung des auserwählten Beispiels reflektiert werden.

2. Definition und Geschichte

Dieser Abschnitt soll dazu dienen, einen historischen Überblick über den Begriff des Planspiels zu geben und ihn im Hinblick auf seine Verwendung in dieser Arbeit zu definieren, was eine Abgrenzung zu verwandten Termini notwendig macht.

In seinem historischen Ursprung geht das Planspiel auf das militärische Kriegsspiel als Vorfahre aller weiteren Simulationsspiele zurück.3 Zu diesen zählt unter anderem das populäre Strategiespiel Schach. Mithilfe dieses Spiels konnten strategische Überlegungen zu Feldzügen und Manövern auf theoretischer Ebene durchgespielt werden, ohne direkt Menschenleben zu gefährden oder Ressourcen zu verbrauchen. Dieser Ansatz des Simulationsspiels als risikofreies Trainingsinstrument für Offiziere ist jedoch nicht der einzige: Als im Jahre 1957 Mitglieder der American Management Association das Naval College, die Militärakademie der US-Marine, besuchten, fielen ihnen die strukturellen Ähnlichkeiten der Entscheidungssituationen auf, mit denen Offiziere und Topmanager gleichermaßen konfrontiert werden. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde schließlich das AMA, ein simples Entscheidungsspiel im unternehmerischen Kontext, konzipiert, welches heutzutage als Wegbereiter aller weiteren Unternehmensspiele erachtet wird.4 Dem Simulationsspiel wurden seitdem nicht nur aufgrund seiner risikofreien Durchführung Trainingsqualitäten zugeschrieben. Durch die Konstruktion immer komplexerer Wirklichkeitsmodelle mit immer mehr Variablen versprachen sich Unternehmen auf theoretischem Wege Erkenntnisse zu gewinnen, die realwirtschaftlich von Bedeutung sein sollten. Kurz darauf erlebte das Simulationsspiel auch im pädagogischen Sektor der Vereinigten Staaten von Amerika seinen Durchbruch. Als handlungsorientierte Unterrichtsmethode wurden seitdem im Planspiel - im Gegensatz zum rein rezeptiven Frontalunterricht - diverse Chancen gesehen, bestimmten Defiziten im Bildungssystem entgegenzuwirken.5 Diese Chancen und damit einhergehende, methodenimmanente Gefahren sollen im weiteren Verlauf dieser Arbeit näher ausgeführt werden. An dieser Stelle sei zunächst eine erste Definition des Planspielbegriffs gegeben, um diesen im Anschluss von häufig synonym, aber letztlich fast immer im gleichen Kontext verwendeten Begriffen abzugrenzen.

„Kennzeichnend für das Planspiel […] ist zunächst eine relativ offene politische oder ökonomische Problemsituation, die pädagogisch-didaktisch vereinfacht ist und nach einer irgendwie gearteten Lösung verlangt. Beteiligt an den korrespondierenden Problemlösungsbemühungen sind unterschiedliche Interessengruppen mit differenten Strategien, die von entsprechenden Schülergruppen repräsentiert und spielerisch in Szene gesetzt werden“.6

Die hier benannte Problemsituation entsteht entweder an einem tatsächlichen oder an einem fingierten objektiven Konflikt, der auf die Alltagswirklichkeit bezogen ist und von den Schülergruppen zur Lösung, beziehungsweise Entscheidung, gebracht werden soll. Inhaltlich verwandte Methoden sind beispielsweise das Rollen-, Simulations- oder Entscheidungsspiel. Ein Planspiel ist immer auch ein Simulationsspiel, da es soziale Prozesse simuliert. Die Spieler haben damit die Möglichkeit, in einer Als-ob-Situation zu handeln, welche im Vergleich zur Komplexität der Wirklichkeit auf die modellrelevanten Aspekte verkürzt wurde.7 Planspiele sind in gewisser Weise aber auch Rollenspiele, denn diejenigen, die planen und verhandeln, spielen Rollen. Während beim klassischen Rollenspiel jedoch ausschließlich Einzelpersonen agieren und interagieren, Ä[…] sind es im Planspiel vorrangig Gruppen, Gremien und sonstige Instanzen“.8 Außerdem herrscht weitgehend Konsens darüber, dass Planspiele im Gegensatz zu Rollenspielen stärker vorstrukturiert sind und in ihnen eher indirekt und schriftlich statt direkt und mündlich kommuniziert wird.9 Da die bereits erwähnte, problematische Ausgangssituation nach Entscheidungsaktiviäten seitens der Spielteilnehmer verlangt, beinhaltet das Planspiel auch Aspekte des Entscheidungsspiels. Jeder Spieler handelt unter Einsatz der ihm zur Verfügung gestellten Ressourcen, um sein Ziel zu erreiche. Sein Mitteleinsatz sowie seine Entscheidungsmöglichkeiten werden dabei zum einen durch die Grenzen des Modells und zum anderen durch dessen Spielregeln strukturiert.10 Im Hinblick auf den Ablauf der beiden Methoden ist festzustellen, dass Entscheidungsspiele weniger komplex und aufwändig als Planspiele sind, da in ihnen auf die zeitaufwändige Interaktionsphase verzichtet wird.11

Es bleibt also festzuhalten, dass das Planspiel eng verbunden mit anderen Spielformen ist. Inwieweit es sich jedoch tatsächlich von ihnen unterscheidet, ist stark abhängig von der individuellen Realisation der Methode, die eben nicht nur in Schulen, sondern auch in der freien Wirtschaft oder beim Militär stattfindet. Welche weiteren Merkmale dabei konstitutiv sind, soll das Thema des nächsten Abschnittes dieser Arbeit werden.

3. Formen und Merkmale von Planspielen

Wie bereits im vorangegangenen Teil erwähnt, bewegen sich die Teilnehmer eines Planspiels in der fingierten Wirklichkeit eines Modells. Um Wirkung , Möglichkeiten und Gefahren von Planspielen abschätzen zu können, ist es notwendig, zunächst deren inhärente Struktur zu erfassen. Da im Rahmen dieser Arbeit nicht auf alle Merkmale von Planspielen eingegangen werden kann, soll sich hier auf diejenigen beschränkt werden, die in entsprechender Literatur regelmäßig aufgeführt werden und somit gewissermaßen als Minimalkonsens gelten könnten.

Das Kompositum Planspiel lässt anhand seiner Konstituenten Plan und Spiel bereits einige grundlegende Merkmale deutlich werden. Denn das Planspiel umfasst alle in der Vorstellung mit dem Begriff Spiel verbundenen Merkmale: So handelt eine begrenzte Anzahl an Personen innerhalb eines bestimmten Raum-Zeit-Abschnittes nach freiwillig festgelegten, aber für alle bindenden Regeln, um ein Ziel zu erreichen. Das Spiel ist dabei zwar vom normalen Leben abgesetzt, spiegelt aber dennoch dessen aktuellen Funktionen und Aktivitäten wider.12 Der Begriff Plan macht deutlich, dass die Spielaktivitäten nicht ungeordnet und spontan ablaufen, sondern innerhalb der ihnen zugedachten, planvollen Grenzen, welche unter anderem durch die Spielregeln oder das Modell festgelegt werden. Dabei kann es nicht die Absicht eines Modells sein, die Realität in Gänze zu simulieren. Analog verhält es sich in der schulischen Praxis: Die auserwählten Bildungsinhalte tragen nicht das gesamte Weltwissen, sondern stellen vielmehr eine selektierte und reduzierte Auswahl als bildungsrelevant erachteter Elemente dar und haben folglich den Charakter eines Konstrukts. So auch bei der Konstruktion von Modellen:

„Bei der Konstruktion von Modellen für Ausbildungszwecke sind vor allem didaktische Kriterien zu berücksichtigen. Vorrangig kommt es dabei auf Reduktion und Akzentuierung an, die das Modell für die Benutzer transparent erscheinen lassen“13.

Was letztlich gelernt werden soll und kann, entscheidet sich demzufolge bereits bei der Konstruktion des Modells. Des Weiteren müssen Modelle neben dem Aspekt der Reduktion immer auch den Aspekt der Repräsentation erfüllen. Als Abbild und Nachbildung von etwas treten sie an die Stelle des originalen Systems. Dieses Original kann ebenso ein faktischer empirischer Gegenstand wie eine bloß erfundene Vorstellungswelt sein: ÄPlanspiele und Simulationen sind fiktionale Modelle, die - obwohl ‚erfunden‘ - aufgrund prinzipieller und struktureller Ähnlichkeiten im Kern mit der realen Erfahrungswelt übereinstimmen müssen“.14 Das Modell selbst untergliedert sich wiederum in einen Aktions- und einen Reaktionsbereich. Ersterer ist bestimmt durch die problemorientierte Ausgangssituation, die definierten Rollen und den Spielrahmen. Durch Entscheidungen agieren die Spieler in diesem Aktionsbereich und erhalten eine Rückkopplung auf ihre Verhalten durch den Reaktionsbereich. Zu diesem zählen beispielsweise die Mitspieler, der Spielleiter oder Spielauswertungen. Jede Aktion und Reaktion hat Folgen auf die nächste Handlungssituation und führt damit zu einer selbstevaluativen Bewertung der gefällten Entscheidung durch den Spieler selbst.15 Ä[Diese] Rückkopplungsmechanismen sichern die Spielbarkeit einer Simulation und bestimmen, welches Spielverhalten positiv verstärkt bzw. negativ sanktioniert wird“.16

Die in der Ausgangssituation fixierten Rollen sind elementarer Bestandteil eines Planspiels. Gespielt werden allerdings keine Einzelrollen, sondern ganze Interessengruppen. Rolle soll hier als die Gesamtheit der Erwartungen, die an eine soziale Position gestellt werden, verstanden werden. Um eine Rolle spielen zu können, muss die Position zunächst spielerisch übernommen werden, um schließlich handelnd nach außen vertreten zu werden.17 Notwendige Voraussetzung dafür ist die Möglichkeit zum Perspektivwechsel und eine Rollendefinition, die einerseits genau genug ist, damit sich der Spieler in sie hineinversetzen kann, aber auch genug Spielraum für eigenaktive Interpretationen und Gestaltungen lässt. ÄJe nach spezifischer Planspielkonstruktion kann die Nötigung zur Übernahme der Rollenvorschriften darin bestehen, sich in die emotionalen, gefühlsmäßigen Qualitäten einer Rolle einzufinden oder eine Rolle zu übernehmen, die mehr rationale, strategische Entscheidungsprobleme aufgibt.“18 In jedem Fall lässt sich die im Planspiel simulierte Lebens- und Handlungswelt lebensnah und menschlich adäquat psychologisieren und dramatisieren. Die Spieler können als handelnde Subjekte direkt am Spielgeschehen teilnehmen, sodass die soziale und politische Welt nicht nur ein Objekt distanzierter Betrachtung bleibt, sondern eigenaktiv erlebt werden kann.19 Neben einer fixen Rollenbeschreibung und einer gegebenen Konfliktsituation zeichnet sich die Planspielmethode durch einen relativ hohen Grad an Offenheit aus. Das Wissen, das die Spieler erst in die Lage versetzt, die Zusammenhänge zu begreifen, muss durch diese selbst erarbeitet werden. Es muss ihnen gelingen, durch eine Bedingungsanalyse jene gesellschaftlichen Bedingungen herauszuarbeiten, die innerhalb der Spielwirklichkeit zum Konflikt führen, um diesen zu bewältigen.20 Ein Kriterium dieser Offenheit ist es, das nicht der Konstrukteur, sondern die Spieler den Verlauf und das Ergebnis des Spiels bestimmen. Außerdem sollte der Spielrahmen weit gesteckt oder veränderbar sein, Spielregeln flexibel gestaltet sein und der Reaktionsapparat situationsangemessen reagieren.21

[...]


1 Vgl. Hilbert Meyer: Unterrichtsmethoden. 2. Praxisband, Scriptor: Frankfurt am Main 1987, S. 193.

2 Vgl. Ebd. S. 403.

3 Vgl. Rainer Vagt: Planspiel - Konfliktsimulation und soziales Lernen. Eine Einführung in die Planspielmethode, Schindele: Reinstetten 1978, S. 12.

4 Vgl. Ebd. S. 14

5 Vgl. Gerhard Portele: Zur Theorie des Simulationsspiels, in: Jürgen Lehmann (Hg.): Simulations- und Planspiele in der Schule, Klinkhardt: Bad Heilbrunn/Obb. 1977, S. 7.

6 Heinz Klippert: Planspiele. Spielvorlagen zum sozialen, politischen und methodischen Lernen in Gruppen, Beltz: Weinheim [u.a.] 1996, S. 20.

7 Vgl. Vagt: Planspiel - Konfliktsimulation und soziales Lernen, S. 10f.

8 Klippert: Planspiele, S. 22.

9 Vgl. Vagt: Planspiel - Konfliktsimulation und soziales Lernen, S. 33f.

10 Vgl. Norbert Szyperski/Udo Winand: Entscheidungstheorie. Eine Einführung unter besonderer Berücksichtigung spieltheoretischer Konzepte, Poeschel: Stuttgart 1974, S. 108.

11 Vgl. Peter Massing: Planspiele und Entscheidungsspiele, in: Siegfried Frech/Hans-Werner Kuhn (Hgg.): Methodentraining für den Politikunterricht, Wochenschau Verlag: Schwalbach am Taunus 2004, S. 183.

12 Vgl. Rolf Prim/Herbert Reckmann: Das Planspiel als gruppendynamische Methode außerschulischer Bildung. Versuch einer adressatenspezifischen Methodenbewertung, Quelle & Meyer: Heidelberg 1975, S. 17.

13 Wilfried Buddensiek: Pädagogische Simulationsspiele im sozio-ökonomischen Unterricht der Sekundarstufe I. Theoretische Grundlegung und Konsequenzen für die unterrichtliche Realisation, Klinkhardt: Bad Heilbrunn/Obb. 1979, S. 123.

14 Massing: Planspiele und Entscheidungsspiele, S. 164.

15 Buddensiek: Pädagogische Simulationsspiele im sozio-ökonomischen Unterricht der Sekundarstufe I, S. 151ff.

16 Ebd. S. 153

17 Vgl. Jürgen Froitzheim: Was wird gespielt? Rollenspiele in der Aus- und Weiterbildung, Deutsche Verlags-Anstalt: Stuttgart 1977, S.46f.

18 Prim/Reckmann: Das Planspiel als gruppendynamische Methode außerschulischer Bildung, S. 18.

19 Massing: Planspiele und Entscheidungsspiele, S. 163.

20 Vgl. Dorothea Freudenreich: Das Planspiel in der sozialen und pädagogischen Praxis. Beispiele für den Umgang mit Organisationen, Gruppen und Personen, Körsel: München 1979, S. 37.

21 Buddensiek: Pädagogische Simulationsspiele im sozio-ökonomischen Unterricht der Sekundarstufe I, S. 155.

Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668418523
ISBN (Buch)
9783668418530
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356091
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Schlagworte
Planspiel Politikdidaktik Keep Cool Unterricht

Autor

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