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Die Erstellung und Analyse eines Echo-Textes unter Berücksichtigung seiner Vorlage "Der Tunnel" von Friedrich Dürrenmatt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 21 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gegenstand der Analyse: 'Die Reise'

3 Analyse
3.1 Die drei Dimensionen fiktionaler Erzähltexte
3.1.1 Parameter des Erzählers
3.1.2 Parameter des Diskurses
3.1.3 Parameter der Geschichte

4 Abschlussbetrachtung

5 Quellenverzeichnis
5.1 Literaturverzeichnis
5.2 Internetverzeichnis

1 Einleitung

"Es braucht tausend Stimmen, um eine einzige Geschichte zu erzählen." [1] altes indianisches Sprichwort

Mit diesem alten indianischen Sprichwort ist gemeint, dass der Kern einer jeweiligen Geschichte erst aus verschiedenen Blickwinkeln voll betrachtet werden kann und sich somit die Wahrheit aus einer Vielzahl von Standpunkten zusammensetzt. Bezieht man dieses Sprichwort nun auf die literarische Form der Kurzgeschichte und die verschiedenen Blickwinkel von Autoren auf einen ähnlichen Grundstoff, sowie auch ihre gegenseitige Inspiration, so mag man den vorliegenden Spruch auch damit zu verknüpfen wissen. Beispielsweise könnte hierbei die oftmals verwendete Stoffgrundlage der Frage nach der Existenz und ihrer Bedeutung, welche durch verschiedene Schöpfer und mit unterschiedlichen Handlungen bisher schon abgehandelt wurde, in Gedanken gerufen werden. In diesem Fall ist es eine logische Konsequenz, dass Autoren sich gegenseitig beeinflussen und folglich auch „tausende Stimmen“ bilden, die letztlich doch nur eine Geschichte, bzw. Wahrheit enthalten.

Dementsprechend befasst sich die folgende Hausarbeit mit der Idee des sogenannten Echo-Textes, welcher bewusst den Stoff voriger Autoren und ihrer Geschichten auffassen möchte, um eine eigene Herangehensweise an die Grundthematik anzubieten. Hierbei können auch handwerkliche Eigenheiten übernommen werden, die die neue Geschichte wie ein Echo ihres Vorbildes wirken lässt – von daher auch die Bezeichnung Echo-Text. Nochmals rückbezogen auf das Eingangszitat, werden mit Hilfe dieser Technik „tausend [neue] Stimmen“[2] erschlossen, die doch alle, auf die eine oder andere Weise, „eine einzige Geschichte erzählen“.[3]

Es folgt die selbstverfasste Kurzgeschichte 'Die Reise ', welche die Kurzgeschichte 'Der Tunnel ' von Friedrich Dürrenmatt zum Vorbild nimmt. Des Weiteren die Analyse, aufgeteilt in drei Abschnitte, unter der Berücksichtigung, dass es sich hierbei um einen Echo-Text handelt, aber auch eine eigenständige Narration abbilden möchte. Letztlich formt eine Abschlussbetrachtung des angesprochenen Themenfeldes und seines Nutzens das Ende dieser Arbeit.

2 Gegenstand der Analyse: 'Die Reise'

Dunkelheit. Dies war der erste Gedanke, welcher von meinem Bewusstsein klar und deutlich gefasst werden konnte. Alles davor war wie eine Erinnerung, welche schon vor Ewigkeiten verblasst war. Es glich einem alten Tagebuch, welches vollgeschrieben mit damaligen Emotionen und Taten, dem Leser nur noch unkenntliche Buchstaben hinterließ. Man wusste, dass dort mal etwas stand, dass einem sehr wichtig erschien, doch es unwiederbringlich von dem Rad der Zeit hinfort getragen wurde. Dieses Relikt der Vergangenheit hatte keine Funktion mehr inne, trotzdem behielt man es, um einen Teil seines früheren Selbst nicht zu verlieren. Dieser leere Platz war mehr, als eine verlorene Erinnerung. Es war der Beweis meiner Existenz.

Ich öffnete langsam meine Augen. Eines nach dem Anderen. Die Helligkeit, welche von dem gelb-roten Feuerball, in diesem riesigen und unendlich erscheinenden blauen Meer, ausging, schmerzte unerträglich und ließ mich die ersten Momente nur blinzelnd ertragen. Es dauerte eine Weile bis ich mich an dieses gleißend helle Licht gewöhnte und meinen Blick über eine endlose gelblich-braune Hügellandschaft schweifen lassen konnte. Gelegentliche Windstöße ließen kleinste Teile dieser Aufschüttungen empor fliegen und durch die Luft tanzen. Immer wieder lösten sich einzelne Körner aus diesem wilden Tanz und rieselten auf mich nieder. Wie ein aufgebrachter Mückenschwarm stachen sie auf der Haut und hinterließen gerötete Flecken sowie ein bedrückendes Gefühl des Unwillkommenseins. Mit zugekniffenen Augen bemerkte ich, dass der Sand mich langsam zu bedecken drohte, sollte ich noch länger an diesem Ort verweilen. Mit schwerfälligen und grobmotorischen Bewegungen richtete ich mich auf und begann schließlich meine Reise ins Ungewisse.

Nachdem ich eine gewaltige Düne erklommen hatte, welche mir zuvor den Blick versperrte, konnte ich in der Ferne einen riesigen Berg erkennen, der die umgebenden Wolken durchstieß und drohend über die Weiten des zu Fuße liegenden Landes wachte. Seine Spitze schien seltsam eingekerbt zu sein und ein Lichtstrahl stach von ihr, wie eine Nadel, in den Himmel und entschwand in die Unendlichkeit des über ihm liegenden Meeres. Dies stellte allerdings nicht die einzige Skurrilität an dieser monumentalen Präsenz am Ende der Welt dar. Ab einer gewissen Höhe konnte man keine Unebenheiten mehr in dem Lauf seiner Kanten erkennen. Sie schienen, wie eine Schnur gespannt, aus dem Geröll unter ihnen, Richtung Spitze zu laufen, um sich dort perfekt in einem Neunzig-Grad-Winkel zu vereinigen. Sonnenstrahlen spiegelten sich auf seiner Oberfläche wieder und ließen Teile dieser seltsamen Architektur wie eine goldene Pyramide erscheinen. In der Mitte konnte man eine senkrecht verlaufende schwarze Einkerbung erkennen. Was sie genau darstellen sollte, würde ich nur in Erfahrung bringen, wenn ich mich näher heran begeben sollte. Bevor ich mich bewusst für mein weiteres Vorgehen entscheiden konnte, stapften meine Füße, wie von selbst, in die Richtung dieses wunderschönen aber auch, besonders wegen seiner augenfälligen Unnatürlichkeit, beängstigenden Struktur. Dennoch fühlte ich mich auf magische Art und Weise zu diesem weit entfernten Ort hingezogen und die Gedanken daran ließen mein Herz schneller schlagen. Im Gegensatz zu dieser trostlosen und feindlichen Welt konnte dort nur eine Bessere auf mich warten.

Mit der Zeit wurden meine Bewegungen immer koordinierter und besser an die unwirtliche Umgebung angepasst. Auch fiel es mir nun deutlich leichter die Dünen hinunter zu rutschen und wieder hinauf zu klettern. Wie ein Boot bei starkem Wellengang trieb ich über das endlose Sandmeer und bei jeder erklommenen Welle erblickte ich das Ziel in der Ferne. Der Abstieg glich einer seelischen Talfahrt und der Aufstieg einem hoffnungsvollen Entfachen neuer Zuversicht. Neben diesen emotionalen Auf- und Abfahrten zerrte auch der weiche Untergrund und die Hitze an meinen körperlichen und geistigen Kräften. Es fiel mir immer schwerer meine Gedanken auf die Reise und ihr Ende zu fokussieren. Wie in einem Traum legte sich ein Schleier der Gleichgültigkeit über meine Gedanken und die Dünen zogen an mir vorüber, wie Wolken an einem windigen Tag. Plötzlich fielen mir große und ungewöhnliche Strukturen im vor mir liegenden Sand auf. Es handelte sich hierbei um riesige und dem Anschein nach uralte Ruinen, die die sonst leere Wüste mit ihrer Anwesenheit schmückten. Es waren keine geschlossenen Bauten, sondern offene und leicht zugängliche. Ihre riesigen Hallen wirkten majestätisch sowie einladend zugleich und mussten in der Vergangenheit Platz für eine Großzahl von Besuchern geboten haben. Die unzähligen Verzierungen an den Wänden schienen aus strahlendem Gold zu bestehen und Teile der noch nicht zerbrochenen Fenster leuchteten in den schönsten Farben eines Regenbogens, welche die zugrunde liegenden Bereiche in ein farbenfrohes Lichtermeer verwandelten. Anhand der vielen Sandanhäufungen und den dürren Schlingpflanzen sowie den fehlenden Dächern, konnte man deutlich erkennen, dass die Natur schon vor langer Zeit damit begonnen hatte, die „besetzten“ Gebiete zurück zu erobern. Wer waren die Erbauer nur gewesen und weshalb waren sie nirgends aufzufinden? Sollten sie auch aufgebrochen sein, um dieses monumentale und am Ende der Welt aufragende Objekt zu erreichen und ließen dies alles zurück, als Zeugnis ihrer früheren Existenz und Größe? Waren dies Pilgerstädten gewesen, welche den Weg leiteten und verschiedene Gemeinschaften beherbergten? Wie in einem Traum gefangen blieb ich eine Weile an diesem mystischen Ort und lauschte dem Wind, welcher durch die vielen Gänge blies und mit unendlicher Geduld an den alten Gemäuern nagte, bis auch diese zu Sand geworden waren. Auch diese Zeugen früherer Größe würden eines Tages zurück zu ihrem Ursprung gehen müssen. Ihre Existenz in dieser Daseinsform würde ein Ende finden und nichts konnte diesen Prozess aufhalten, als nur die Zeit selbst.

Trotz vieler ungelöster Fragen setzte ich meine Reise fort und verließ die Ruinen in Richtung Sonne, welche hinter der Bergkuppel unterging und dieser einen roten Kranz aus Flammen aufsetzte, der mit seinen brennenden Dornen in den darüber liegenden Himmel stob. Mit jedem weiteren Schritt wuchsen die Schatten der fremden Hinterlassenschaften und tauchten das sonst goldene Meer aus Sand in eine schwarze hoffnungslose Brühe aus Ungewissheit und Ängstlichkeit. Der Weg erschien mir nun wie eine Art Buße, die mir auferlegt worden war, wegen Sünden meines unbekannten früheren Ich´s. Das Licht und die Wärme waren aus dieser Welt gewichen und meine Destination, mit seiner strahlenden Spitze, schien hinter einem schwarzen Dunst aus Trostlosigkeit verschwunden zu sein. Ohne ein Ziel vor Augen, verlor ich meine mir selbst auferlegte Bestimmung und letztlich auch den Inhalt meiner Existenz. Ich hatte nichts hinterlassen, worüber kommende Generationen urteilen könnten und würde vergessen werden, bevor ich überhaupt vermisst werden könnte. Nur meine Fußspuren und Knochen wären Beweise meiner ehemaligen Anwesenheit. Doch auch diese emotions- und seelenlosen Reste meines Selbst würden nach nur kurzer Zeit von dem Sand dieser tristen Welt verschluckt und niemals wieder gefunden werden. Als augenscheinlich letztes Lebewesen hätte es allerdings sowieso keinen Unterschied gemacht. Mit der Sinnlosigkeit meines Daseins konfrontiert, kniete ich mich nieder, ließ die Sandkörner zwischen meinen Fingern hinab rieseln und wartete, bis mich die bedrohlich nahende Dunkelheit verschlucken würde. Dieses frühzeitige Ende wirkte nun auf mich wie die Erlösung, welche ich mir unbewusst seit meinem Erwachen gewünscht hatte. Ich schloss die Augen und empfing die Schwärze.

Ich öffnete langsam meine Augen. Eines nach dem Anderen. Erst nach einer Weile gewöhnten sich meine Augen an die allumfassende Dunkelheit dieses Ortes. Plötzlich bemerkte ich eine Gestalt direkt neben mir. Erschrocken darüber, Leben an diesem unwirtlichen Ort gefunden zu haben, starrte ich sie lange ungläubig aber auch erwartungsvoll an. Erst als mir mein Gegenüber mit einer sanften Bewegung ihre Hand anbot, wachte ich aus meiner Starre auf. In ihren Augen lag eine Güte, welche seltsam beruhigend auf mich wirkte. Ich ergriff die ausgestreckte Hand und stand zitternd auf. Meine Beine schmerzten fürchterlich und die Augen tränten. Ich empfand Freude und Hoffnung, da ich an diesem düsteren Ort nicht alleine war. Gedankenlos folgte ich diesem wunderschönen Wesen durch die Dunkelheit und es schien gar so, als ob von uns selbst ein Licht ausginge, das uns den Weg voraus erleuchtete. Gemeinsam kämpften wir uns durch die Schwärze dieser Welt und vertrieben die Schatten, die uns in den Abgrund zu ziehen drohten. Als ob wir nur als Kollektiv lebensfähig wären und jeder Halt das Feuer löschen könnte, ließen wir weder unsere Hände los, noch hielten wir an. Mit jeder vorbeiziehenden Düne verzog sich die Nacht ein wenig mehr und wich allmählich dem warmen Licht des Tages. Als die Sonne schließlich hinter dem Berg in der Ferne aufging, versetzte uns dies in helle Aufregung und wir wirbelten tanzend durch den Sand. Hand in Hand ließen wir unserer Freude freien Lauf und begrüßten gemeinsam die Hoffnung, welche mit dem Licht in diese Welt Einzug gefunden hatte. In diesem Moment der Glückseligkeit keimte jedoch auch die Angst vor dem Verlust. Würde ich irgendwann wieder alleine sein? Schnell schob ich diese melancholischen Gedanken bei Seite und folgte ihr weiter in Richtung des Bergfußes, welcher in unmittelbarer Nähe vor uns lag. Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich ihr bis ans Ende der Welt folgen würde und auch wieder zurück. Ich verlor mich vollkommen in ihrer Existenz und vergaß mich selbst.

Der Aufstieg erwies sich als äußerst mühsam und ging nur schleppend voran. Bereits nach wenigen Höhenmetern wich die Wüstenlandschaft einer farblosen und mondähnlichen Szenerie, teilweise völlig bedeckt von meterhohem Schnee und Eis. Der Wind stürmte mit Gebrüll gegen die Felswände und drohte uns jederzeit von den steilen Klippen zu werfen. Die Kälte ließ die Glieder versteifen und verlangsamte unsere Bewegungen, bis wir nur noch schwerfällig stapfend und keuchend die immer steiler werdenden Berghänge erklimmen konnten. Heftiger Schneefall versperrte uns die Sicht und brannte auf der Haut wie heiße Nadelstiche. Gegenseitig stützend mussten wir uns durch den Schneesturm kämpfen und mehrfach, mit Hilfe von uralten und gespenstischen Hängebrücken, unendlich tiefe Schluchten überwinden. Die gegenseitig gespendete Körperwärme und die damit verbundene Nähe zueinander, half uns nicht frühzeitig aufzugeben. Es ging für mich nicht mehr darum die Spitze des Berges zu erreichen, sondern die Zeit bis zum Äußersten zu strecken. Mit dem Bewusstsein, das es keine Umkehr mehr gab, bewegten wir uns störrisch immer weiter aufwärts. Nach einiger Zeit spürte ich jedoch, wie meine Beine immer weiter nachgaben, bis ich letztlich nur noch durch den Schnee robben konnte. Ich stellte eine unerträgliche Last dar und schämte mich für meine Schwäche. Eine tiefe Trauer stieg in mir auf, als ich mir gewahr wurde, dass meine letzten Kraftreserven aufgebraucht waren und die über unseren Köpfen leuchtende Spitze nie erreichen würde. Nur wenn ich das unvermeidliche Ende akzeptierte und sie nicht mit in den Abgrund der listig lauernden Schwärze zog, würde sie eine Chance auf das Erreichen ihrer Bestimmung haben. Ich sah in die mir nun so vertraut gewordenen Augen meines Gegenübers und erblickte die Wärme und Güte, welche mir schon einmal Stärke gespendet hatten. Der Moment dauerte ewig und doch nur Sekunden. Als ich ihre Hand los ließ, um auf den strahlenden Gipfel über unseren Köpfen zu zeigen und mit dem Kopf nickend eine leicht verständliche Geste signalisierte, überkam mich auch schon eine dumpfe Müdigkeit, welche schwer an meinen Lidern zog, bis ich in einen traumlosen aber friedvollen Schlaf abglitt. Ihre von Tränen erfüllten Augen wichen der Dunkelheit.

[...]


[1] Coverdell 2008, S. 7.

[2] Der Kafka-Hypertext. Zu finden: http://www.kafkabureau.net/dasprojekt-kafkahypertext1-lang.html (23.08.16, 19:44 Uhr).

[3] Ebd. (23.08.16, 19:46 Uhr).

Details

Seiten
21
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668415324
ISBN (Buch)
9783668415331
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356222
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Germanistik Erzählung Echo-Text Echotext Kurzgeschichte Gattungen Formen Labov Der Tunnel Friedrich Dürrenmatt Literaturwissenschaft Literaturdidaktik Analyse Parameter Diskurs Geschichte Kafka Propp Modulation Reflektorfiguren auktorialer Erzähler fiktional Identität Interpretation

Autor

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