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Welche Auswirkungen hat die Individualisierung auf Individuen und Gesellschaft?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 17 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung: Individualisierung heute

2. Entstehung der Individualisierung
2.1 Individualisierung bei Zygmunt Bauman
2.2 Individualisierung bei Georg Simmel

3. Auswirkungen der Individualisierung auf die Gesellschaft
3.1 Risiken durch individuellere Lebensführung
3.2 Chancen durch Individualität

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung: Individualisierung heute

Es ist „dem Menschen eigentümlich und gehört zu seinem Wesen, daß er sich und sein Dasein immer wieder selbst auszulegen versucht.“(Gross 1997, 138) Individualisierung als solche ist also allgegenwärtig.

Individualisierung in der heutigen Gesellschaft, das bedeutet gleichzeitig Multioptionalität. So beschreibt auch Thomas Kron in „ Moralische Individualität“ die Multioptionsgesellschaft als eine Form der Gesellschaft, welche durch die „[…] nahezu unendliche[n] Zunahme von Handlungsmöglichkeiten bei gleichzeitiger Steigerung der Teilhabe an diesen Optionen.“ (Kron 2001, 24) charakterisiert wird.

Eben diese Möglichkeit, die freie Wahl zu haben, was man aus seinem Leben, ja sogar aus seiner eigenen Person macht, bezeichnet den Individualismus und prägt die heutige Zeit. Jeder Einzelne ist auf der Suche nach dem individuellsten Lebensweg für sich selbst.

Die Individualisierung in der jetzigen Form besteht jedoch noch nicht immer. Sie hat im Laufe der Zeit einen Wandel vollzogen. „Immer schneller und differenzierter“ (Kron 2001, 24) läuft der Prozess der Individualisierung mit dem Voranschreiten der Zeit ab. Die Moderne spielt für die jetzige Form der Individualisierung eine große Rolle, da sie ihr alles bieten kann um überhaupt in diesem Ausmaß bestehen zu können, wie zum Beispiel die Vielzahl an Auswahlmöglichkeiten bei der Berufswahl.

Doch ist diese multioptionale Gesellschaft überhaupt noch ´überlebensfähig´? Welche Risiken birgt die immer schneller werdende Individualisierung? Stellt sie gar eine Bedrohung dar? Mit diesen Gegenständen befasst sich auch diese Hausarbeit.

Individualisierung kann in vielen unterschiedlichen Bereichen vorgefunden werden, man denke nur an Bewerbungsgespräche, bei denen es zumeist darum geht, sich von anderen Bewerben zu unterscheiden und abzuheben. Diese verschiedenen Ansätze sind somit auch Thematik vieler soziologischer Arbeiten im Bezug zur Individualisierung. So bezieht sich Georg Simmel zum Beispiel auf die ´Vergesellschaftung´ und das ´individuelle Gesetz´ und Zygmunt Bauman stützt sich auf das ´Shopping´- Prinzip. Dies sind nur zwei Soziologen von Vielen, die sich mit dieser Thematik befassen, sie bilden allerdings die Grundlage dieser Arbeit.

Anhand von Zygmunt Bauman und Georg Simmel soll diese Arbeit prüfen was es für die heutige Gesellschaft bedeutet, in einer Welt zu leben, welche jedem Menschen nahezu alle Möglichkeiten bietet und welche es jeglicher Form von Festigkeit schwer macht, sich durchzusetzen. Inwiefern die Individuen durch die Individualisierung in der heutigen Zeit beeinflusst werden und welche Auswirkungen sie aufweisen kann, beschreibt diese Arbeit.

2. Entstehung der Individualisierung

Individualisierung kann sich in den unterschiedlichsten Formen äußern. Eindeutig hingegen ist jedoch, wie sie in der heutigen Zeit zustande kommen kann. In diesem Zusammenhang lässt sich die ´Entobligationierung´ nennen. (vgl. Kron 2002, 261) Diese beschreibt verschiedene Aspekte durch welche die Individualisierung heutzutage überhaupt zustande kommt und sich weiter ausweiten kann. Zum einen gibt es die Entgrenzung, welche sich auf die Globalisierung und auf das Wegfallen von räumlichen Grenzen weltweit stützt. (vgl. Kron 2001, 25) Durch das Wegfallen eben dieser Grenzen, die Überwindung von großen Distanzen, z.B. mit Flugzeugen, ist es erst möglich geworden Lebensmittel, Musik Kultur, Kleidung und Vieles mehr aus entfernten Regionen zu beziehen. Daraus resultiert auch, dass sich Arbeitssuchenden die Möglichkeit bietet ins Ausland zu gehen und dort ein Leben zu beginnen. Es stellt sich also nicht mehr nur die Frage, welchen Job nehme ich an? Sondern auch zusätzlich noch, wo ich diesen Job ausüben möchte.

Ein weiterer Aspekt der Entobligationierung bezieht sich auf die Entzeitlichung. Hierbei wird herausgearbeitet, dass sich verbindliche Zeitstrukturen, wie zum Beispiel feste Arbeitszeiten oder die genaue Einteilung von Freizeit und Arbeitszeit auflösen. (vgl. Kron 2001, 25) Alles wird zunehmend flexibler und dementsprechend bieten sich weitaus mehr Möglichkeiten der Zeiteinteilung, als vor der Entzeitlichung.

Die Enthierarchisierung deutet darauf hin, dass Stände, Klassen und Schichten wegfallen und somit keine Einschränkung durch eben diese unterschiedlichen Klassen mehr besteht. (vgl. Kron 2001, 25) Die Individuen können unabhängig und frei von ihrer Herkunft entscheiden, was sie mit sich und ihrem Leben anfangen möchten.

Die Entheiligung ist darauf zurückzuführen, dass sich die Denk- und Weltbilder im Laufe der Zeit einem stetigen Wandel beugen müssen. (vgl. Kron 2001, 25) Werte wie Religion oder Tradition spielen oftmals keine große Rolle mehr und somit muss ´das Heilige´ nicht mehr in den Prozess von Entscheidungen über die Lebensführung berücksichtigt werden.

Aus diesen vier Aspekten resultiert die Befreiung, sowohl im Sinne von Zwängen durch Gesellschaft, Natur und Politik, als auch die Freiheit Entscheidungen selbst treffen zu dürfen, wie beispielsweise der eigene Wille oder das eigenständige, vernünftige Handeln. (vgl. Kron 2001, 26). Nur durch diese eben genannte Befreiung ist es erst möglich geworden sich in einem solchen Ausmaß, wie wir es in der heutigen Zeit vorfinden, immer wieder neu zu erfinden und sein Leben ganz der Individualität zu widmen.

Eben durch das Wegfallen von Druck, welcher über die Natur, Politik usw. ausgeübt wird, sowie dem eigenen Willen, kommt es zu einer Spirale durch die sich das ´individuell-sein´ aufschaukelt. Jeder möchte noch ein bisschen individueller sein als der Andere und sucht nach immer neuen Möglichkeiten dies zum Ausdruck zu bringen.

„Man ist sich bewusst wie das Leben ist und wie es sein sollte.“ (Kron 2001, 116) Mit dieser Aussage beschreibt Thomas Kron, das Wesen der Individualisierung. Denn erst durch die vielen Möglichkeiten, die die Entobligationierung gebracht hat, kann sich ein jeder vorstellen wie sein Leben aussehen würde, wenn man gänzlich andere Wege eingeschlagen hätte. Doch eben dieses ´wenn´ fällt bei der Individualisierung weg. Es können jederzeit neue Wege gegangen werden, in allen Bereichen des Lebens. Hier kann schon im Voraus ein Bezug zu Bauman aufgestellt werden, welcher in Kapitel 2.1 genauer thematisiert wird. Zygmunt Bauman bezieht sich zum Thema Individualisierung unter anderem auf das ´Shopping-Prinzip´. Hier wird ein jedes Individuum zum ´Konsumenten´. „[…] alles ist Shopping, wir handeln wie Kunden eines Supermarkts.“ (Bauman 2003, 90) Bei diesem Prinzip handelt es sich um das Erlangen eines neuen, individuellen Ich´s durch Shopping. Auf der Suche nach dem individuelleren Ich, sehen die Individuen als Konsumenten tagtäglich durch Werbung, Schaufenster etc. was sie alles sein könnten, wenn sie sich ihre Individualität erkaufen. Hierbei wird nur zu gerne alle Festigkeit über Bord geworfen, um sich auf die Suche nach dem individuellsten Ich zu begeben.

Diese sich unbegrenzt bietenden Möglichkeiten und die ständige Änderung innerhalb der unterschiedlichsten Bereiche des Lebens sind jedoch durchzogen von einer Rastlosigkeit und fehlender Festigkeit im Leben.

Zusammen mit noch weiteren Aspekten lassen sich also Risiken der Individualisierung erkennen. Diese werden in Kapitel 3.1genauer betrachtet.

Anhand von Zygmunt Bauman und Georg Simmel versucht diese Arbeit in den nächsten Kapiteln die Individualisierung mit all ihren Risiken wie auch ihren Chancen von verschiedenen Seiten zu beleuchten und anhand dieser Betrachtung, Aussagen darüber zu treffen, inwieweit sich die zunehmende Individualisierung auf die Gesellschaft auswirkt.

Bauman und Simmel greifen in ihren soziologischen Arbeiten unter anderem auf, wie die Individualisierung einzuschätzen ist. Die Gedanken der beiden werden im folgenden Kapitel thematisiert und in den Kontext dieser Arbeit eingearbeitet.

2.1 Individualisierung bei Zygmunt Bauman

Zygmunt Baumans Ansätze zur Individualisierung berufen sich auf die normative und deskriptive Individualisierung. Bei der normativen Individualisierung handelt es sich um das einzelne Individuum welches „[…] im Mittelpunkt der Wertschätzung[…]“ (Kron 2001, 135) steht. Möchte dieses Individuum jedoch ´Impulse senden´, muss es erst mit anderen Individuen in Kontakt treten, wodurch sich „[…] zwanglose Sozialordnungen quasi von selbst ergeben[…]“ (Kron 2001, 135) können. Dieser Fall würde dann zum deskriptiven Individualismus zählen. Bauman beschreibt den Individualismus hier als eine Art Endlosschleife. Wenn durch die normative Individualisierung also erst einmal zwei Individuen miteinander in Kontakt getreten sind, ist auch die deskriptive Individualisierung unumgänglich und dieser Prozess wird endlos weitergeführt. (vgl. Kron 2001, 135)

Allgemein beschreibt Bauman die Individualisierung als einen dauerhaften Zustand, in dem sich ständig alles im Wandel befindet und somit alles unvollendet bleibt. „Selbst Denken, Selbstbildung und Selbstbestimmung sind die Forderungen der Aufklärer an die Individuen.“ (Kron 2001, 142) Durch die Aufklärung kam es zu einer massiven Förderung des Individualismus. Vieles wird angefangen, allerdings kaum etwas zu Ende gebracht. Dies führt zu einem weiteren Thema Baumans: Die Sucht nach Individualität. Bauman beschreibt welche Ausmaße die Suche nach dem individuellsten Leben annehmen kann. Nämlich die Sucht nach ihr. Auf dem Weg zur Erfüllung des individuellsten Lebens kommt es nämlich nicht selten dazu, dass die Befriedigung eigens aufgestellter Ziele einfach nicht mehr ausreicht. Erst wird ein Ziel aufgestellt, welches es zu erreichen gilt, um möglichst individuell zu sein, jedoch schon kurz nach dem Erreichen dieses Ziels, muss wieder ein neues her, da die Befriedigung nicht mehr ausreicht. Hier zieht Bauman einen Vergleich zu einem nie endenden Marathon, quasi mit sich selbst. (vgl. Bauman 2003, 89) Man läuft und läuft. Das Ziel, also das individuelle Leben rückt dabei jedoch in immer weitere Ferne und ist somit niemals wirklich zu erreichen. Mehr zu diesem Thema folgt in Kapitel 3.1, wenn es darum geht die Folgen der Individualisierung einzustufen.

Bei Bauman werden die Individuen zum Konsumenten. Und als Konsument hat man die Wahl und muss folglich Entscheidungen treffen. Hier setzt einer der Schwerpunkte Baumans an. Als Konsument in einer Welt des Überangebots fällt es oft nicht leicht die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und selbst getroffene Entscheidungen können und werden oft widerrufen. Es gibt ja noch unendliche viele andere Möglichkeiten für die man sich entscheiden kann. Das Leben verliert dadurch jegliche Form von Festigkeit. Durch die ständigen Änderungen und neuen Entscheidungen, die durch die unendliche Wahlmöglichkeit getroffen werden können, gibt es nichts, das wirklichen Bestand hat. Zudem ist alles Erreichte nicht von Dauer, sondern besteht nur kurzfristig. (vgl. Bauman 2003, 78)

Des Weiteren zeigt Bauman das ´Shopping-Prinzip´ auf. Hierbei handelt es sich um ein Prinzip, welches die ewige Suche nach mehr Individualität mit Shopping, also quasi der ´ewigen Suche´ nach beispielsweise dem perfekten Kleidungsstück oder Lebensmitteln vergleicht. Die Suche nach der perfekten Lebensgestaltung und neuen Möglichkeiten „[…] hat deutlich den Charakter eines Einkaufsbummels[…].“ (Bauman 2003, 90) Man shoppt sich also sein Leben mit all seinen verschiedenen Bereichen zusammen. Hierbei ist es jedoch wichtig zu benennen, dass es nicht nur darum geht zu wählen, was den eigenen Vorstellungen entspricht, sondern es wird genauestens darauf geachtet, dass auch die erwarteten Vorstellungen von anderen befriedigt werden. Dies dient zum Beispiel des besseren Eindrucks bei der Bewerbung um einen Job. Hierbei kann es von Vorteil sein, wenn der Bewerber seine Individualität so shoppt, dass sie den Arbeitgeber überzeugen kann und den Eindruck vermittelt, dass der Bewerber für den Job so qualifiziert wie nur möglich ist. (vgl. Bauman 2003, 90) Über den Konsum, der nur das eine Ziel hat, nämlich die eigene Individualität zu steigern, wird versucht die eigene Identität zu ändern. Und die Identität wird somit nur noch zur Identifikation. Es geht nicht mehr darum, was den Menschen ausmacht, sondern was er und seine Umwelt auch nur halbwegs mit ihm identifizieren. (vgl Junge 2006, 115) Es ist demnach nur möglich eine individuelle Identität zu erlangen, indem man sie sich ´zusammenkauft´. (vgl. Bauman 2003, 102) Die Aufgabe besteht darin sich immer wieder neu zu erfinden.

Shopping bei Bauman bedeutet also nicht mehr die Bedürfnisbefriedigung, wie wir sie eigentlich kennen, sondern eher eine Befriedigung kurzfristiger, immer wieder neu aufkommender Begehren.

Durch die eben beschriebene ständige Veränderung durch beispielsweise das Shopping, kommt es dazu, dass soziale Verbindungen, eben durch die Veränderung gebrochen werden. Zum Beispiel werden Beziehungen gelöst oder Verpflichtungen für die man sich einst entschieden hat, erscheinen als nicht mehr passend für das eigene individuelle Leben und können (und wollen) so nicht mehr eingehalten werden. (vgl. Bauman 2003, 108) Dadurch, dass jedes Individuum selbst damit beschäftigt ist sein eigenes Leben individuell zu gestalten, entsteht in der Gesellschaft eine Anonymität bei schwindender Solidarität. Ein jeder ist mit seiner eigenen Lebenssituation beschäftigt, die jeweils unter ganz verschiedenen Bedingungen stattfindet. (vgl. Bauman 2003, 109) Die Aufgabe nach dem eigenen Wiedererkennungswert, der so hoch wie möglich sein soll, wird über alles gestellt.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668423237
ISBN (Buch)
9783668423244
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356555
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,7
Schlagworte
welche auswirkungen individualisierung individuen gesellschaft

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