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Die Sharing Economy im französischen Wirtschaftsmodell

Das Spannungsfeld zwischen innovativen Modernisierungsprozessen und regulativen politischen Institutionen

Bachelorarbeit 2016 47 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 1

2. Das französische Wirtschaftsmodell 2
2.1 Definitorische Annäherung
2.2 Analyse des französischen Business Systems nach Whitley
2.2.1 Background Social Institutions
2.2.2 Proximate Social Institutions

3. Gesellschaftliches Umfeld der Sharing Economy 12
3.1 Ursachen der Sharing Economy
3.1.1 Auflösung traditioneller Strukturen nach Beck
3.1.2 Verschiebung von Gesellschaftswerten nach Inglehart und Welzel
3.1.3 Modernisierung des Kapitalismusverständnisses nach Rifkin
3.2 Sharing Economy als selbstregulierende Institution

4. Methodik 21

5. Spannungsfeld und Reziprozitäten zwischen Sharingplattformen und den Proximate Social Institutions Frankreichs 22
5.1 Airbnb
5.1.1 Unternehmensvorstellung und sozioökonomische Effekte auf die Stadt Paris
5.1.2 Reziprozitäten mit französischen Proximate Social Insitutions
5.1.2.1 Staatsregulation
5.1.2.2 Arbeitsrecht
5.1.2.3 Gewerkschaftsrelation und Interessensvertretung
5.2 Uber
5.2.1 Unternehmensvorstellung und sozioökonomische Effekte auf die Stadt Paris
5.2.2 Reziprozitäten mit französischen Proximate Social Insitutions
5.2.2.1 Staatsregulation
5.2.2.2 Arbeitsrecht
5.2.2.3 Gewerkschafsrelation und Interessensvertretung
5.3 Vergleich der beiden Unternehmen

6. Fazit

7. Bibliographie
7.1 Monographien
7.2 Herausgeberwerke
7.3 Beiträge aus Herausgeberwerken
7.4 Broschüren
7.5 Zeitschriftenartikel
7.6 Elektronische Quellen
7.6.1 Mit Autorenangabe
7.6.2 Ohne Autorenangabe

1. Einleitung

Am Morgen des 27. Januar 2016 ähnelte die Port de Maillot, einer der größten Zufahrtsstraßen in Frankreichs Hauptstadt Paris, einem gewaltigen Autoparkplatz. Es wurden massive Autobarrikaden mit zwischenzeitlich gewaltsamen Auseinandersetzungen errichtet – französische Medien sprachen zum Teil von mehreren „Kriegsschauplätzen“ (Samson 2016, 1). An diesem Ereignis beteiligt waren Pariser Taxifahrer, die gegen den von ihnen als unfair erachteten Wettbewerb innerhalb ihrer Branche protestierten. Ursache dessen war und ist die Preispolitik des Hauptkonkurrenten Uber – einem Fahrdienstleister, der mit Hilfe moderner Technologie die Branche revolutioniert und die klassischen Taxidienste aus dem Markt zu treiben droht (vgl. ebd.).

Doch die Proteste vom 27. Januar 2016 sind kein Einzelfall. Immer wieder sind in Frankreich Demonstrationen von Vertretern traditioneller Branchen gegen die Praktiken ihrer modernen Substitute, also Unternehmen, die diese traditionellen Strukturen im schreitenden Prozess aufbrechen, zu verzeichnen (vgl. ebd.). Diese Unternehmen besitzen eine Gemeinsamkeit: sie alle sind Vertreter der sogenannten Sharing Economy, auch Co-Economy (vgl. Pelzer/Burgard 2014) oder Share Economy (vgl. Rifkin 2014) genannt.

Die Sharing Economy bezeichnet ein neues ökonomisches Konzept, in dem gering verwendete oder gar ungenutzte Güter von mehreren Personen geteilt werden (vgl. Rifkin 2014, 342). Im Gegenzug erhält der Eigentümer des zur Verfügung gestellten Gutes Nutzungsgebühren – der Verwender dieses de facto Gemeinschaftsgutes bevorzugt dessen alleinigen Gebrauch anstatt dessen Eigentum (vgl. ebd.). Als Vermittlungsinstanz zwischen Eigentümern und Nutzern dienen Internetplattformen und technologische Innovationen (vgl. ebd.). Das Konzept ist Ergebnis eines kollektiven Werte- und Kapitalismuswandels, der im Zuge von Modernisierungsprozessen entstand (vgl. Inglehart/Welzel 2005; Rifkin 2014). Daraus ergaben sich gesellschaftliche Bedürfnisveränderungen, auf welche die Sharing Economy antwortet – Nutzen steht im Fokus, Besitzen wird redundant (vgl. Rifkin 2014, 345).

Dabei spielt die Sharing Economy vor allem in Frankreich eine herausragende Rolle. Allein 75 Prozent der Bevölkerung sind mit der alltäglichen Nutzung des Konzepts konfrontiert, Tendenz steigend (vgl. Institut français d'opinion publique 2014, 1). Die Relevanz des Konzepts und seiner repräsentierenden Unternehmen für die französische Bevölkerung hat zum Neologismus „Ubérisation“ geführt, der die Sharing Economy synonymisiert (vgl. Nurvala 2015, 231 ff.).

Ziel dieser Arbeit ist es zu herauszuarbeiten, welche konkreten Wechselwirkungen zwischen der Sharing Economy und den politischen Institutionen des französischen Wirtschaftsmodells festgestellt werden können und ob diese mit dem institutionellen Rahmen des Wirtschaftsmodells übereinstimmen. Dazu wird im ersten Teil das französische Wirtschaftsmodell hinsichtlich seiner für diese Forschungsarbeit relevanten Institutionen erschlossen. Im zweiten Teil wird das gesellschaftliche Umfeld der Sharing Economy eruiert. Hier werden die Ursachen für die Entstehung des Konzepts ergründet sowie neue Elemente der Selbstregulierung erschlossen. Der dritte Teil der Arbeit befasst sich mit den konkreten Wechselwirkungsaktivitäten zwischen den politischen Institutionen des französischen Wirtschaftsmodells und zweier repräsentativer Unternehmen der Sharing Economy: Airbnb und Uber. Zuletzt werden diese Wechselwirkungen auf ihre Übereinstimmung mit dem institutionellen Hintergrund des französischen Wirtschaftsmodells geprüft, um tendenzielle Veränderungsprozesse feststellen zu können.

Zur Beantwortung der Forschungsfrage werden aufgrund der Aktualität der Thematik Artikel wissenschaftlicher Zeitschriften und insbesondere Zeitungsartikel herangezogen. Die Aktualität der Thematik spiegelt die zahlreichen Lücken der kontemporären Forschung wider.

2. Das französische Wirtschaftsmodell

In den nachfolgenden Absätzen soll das französische Wirtschaftsmodell in Anlehnung an Barmeyer/Schlierer/Seidel (2007) und Whitley (1992) erläutert werden. Das Modell soll als Analyserahmen für die Beantwortung der Forschungsfrage fungieren, da aus dem Modell die zu analysierenden Parameter, also die politischen Institutionen Frankreichs, erschlossen werden können.

2.1 Definitorische Annäherung

Betrachtet man den nationalstaatlichen Umgang mit Modernisierungsprozessen näher, so lässt sich feststellen, dass diese von Land zu Land, von Wirtschaftsraum zu Wirtschaftsraum variieren. Trotz stetiger Annäherung und Vernetzung der globalen Wirtschafsbeziehungen verbleiben die nationalspezifischen Institutionen meist unverändert.

Whitley (1992) entwickelte darauf aufbauend das National Business System Modell, das besagt, dass jene unterschiedlichen sozialen Institutionen verschiedene Arten von Wirtschaftsformen in einer Vielzahl von europäischen Ländern generiert haben (vgl. ebd., 1). Ökonomische Strukturen und Endergebnisse sind demnach soziale Konstrukte, sodass bedeutende Unterschiede zwischen führenden nationalstaatlichen sozialen Institutionen zu einer unterschiedlichen Ausprägung von Wirtschaftsaktivitäten führen. Unternehmen in diesen geographischen Wirtschaftsräumen etablieren sich auf eine unterschiedliche Art und Weise und verfolgen unterschiedliche Wachstumsmuster in unterschiedlichen Ländern (ebd.):

„Im Unterschied zum Begriff ‚Wirtschaftssystem’, mit dem ein (wirtschafts-) ordnungstheoretischer Idealtyp bezeichnet wird, kennzeichnet der Begriff business system die Beziehungs- und Handlungsmuster, nach denen in einem Land konkret produziert und verteil, konsumiert und gespart wird“ (Barmeyer/Schlierer/Seidel 2007, 12).

Business systems[1] bezeichnen also das soziokulturelle Unternehmensumfeld, die Regeln und Institutionen, die konkret das Unternehmensverhalten intern und extern bestimmen. Dabei koordinieren sich Marktteilnehmer anhand spezifischer Strukturmuster; der Grad an autoritativer Beeinflussung der Marktorganisation zwischen Verbrauchern, Unternehmen und gesellschaftlichen oder politischen Organisationen differiert (vgl. Whitley 1999, 33). Der institutionelle Rahmen des Landes manifestiert sich in vier institutionelle Größen: dem Finanzsystem eines Landes, dem politischen System, dem Bildungs- und Arbeitsmarktsystem sowie dem kulturellen System (ebd.). Die Struktur des Finanzsystems eines Landes setzt die Art und Weise fest, wie Unternehmen ihre finanziellen Ressourcen beziehen. Die zweite Institution, das politische System, bestimmt den Grad der Intervention in Wirtschaftsaktivitäten. Die dritte Institution, das Bildungs- und Arbeitsmarktsystem, bietet Zugang zu Humankapital und beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Unternehmen aufgrund von Tradition oder Gesetzgebung darin involviert sind. Die letzte Institution, welche die Herausbildung der genauen Struktur und Beschaffenheit der bisher genannten Institutionen determiniert, ist das kulturelle System. Konkret bezeichnet es grundlegende Einstellungen, Werte und Ansichten der Gesellschaft (vgl. Whitley 1999, 47 ff.). Diese vier Institutionen teilt Whitley in background social institutions, worin die kulturellen und sozialen Werte sowie Sozialisierungsinstanzen einer Gesellschaft enthalten sind, und in proximate social institutions ein. Letztere umfassen die politischen, ökonomischen und sozialen Institutionen eines Landes (vgl. Whitley 1992, 19 ff.). Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die ad hoc abstrakten background social institutions das Bestehen der de facto sichtbaren proximate social institutions reglementieren (ebd.).

Diese zwei institutionellen Ebenen gilt es zu analysieren, um das wirtschaftliche Handeln eines Landes vollständig zu verstehen. Barmeyer et al. (2007) haben diesbezüglich ein Analysemodell entwickelt.

Tabelle 1: Erklärungsebenen wirtschaftlichen Handelns.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Barmeyer et al. 2007, 27.

Das auf Tabelle 1 abgebildete Schema soll als Rahmen für die nachfolgende Analyse der sozialen Institutionen in Frankreich dienen. Die 2. Erklärungsebene, die background social institutions, soll sich für den Zweck dieser Arbeit auf soziale Werte fokussieren. Die 1. Erklärungsebene, die proximate social institutions, betont vor allem die Ebene der Regulierung.

2.2 Analyse des französischen Business Systems nach Whitley

2.2.1 Background Social Institutions

Marktwirtschaften institutionalisieren bestimmte Intermediationswege, um Vertrauen zwischen allen beteiligten Marktpartnern zu sichern und um Aktivitäten zwischen beteiligten Stakeholdern zu koordinieren (vgl. Whitley 1992, 19). Diese Intermediationswege reflektieren historisch gewachsene und kulturspezifische Prinzipien der Kooperation, der Identität und der Unterordnung, die sich in einem zeitlichen Prozess institutionalisiert haben (ebd.). Prinzipien der Kooperation, Identität und Unterordnung stellen soziale Werte dar (ebd.). Werden die background social institutions Frankreichs analysiert, so ist zu beachten:

„Das französische business system lässt sich erst adäquat durch die Kenntnis von Werten verstehen, denn jede Gesellschaft verfügt über ihr spezifisches Wertesystem, das sich aus Gewohnheiten und Konventionen entwickelt“ (Barmeyer et al. 2007, 247).

Aus diesen institutionalisierten Prinzipien, Gewohnheiten und Konventionen wächst eine Kultur, ein „Wertesystem“ heran (ebd.). Die Fachliteratur unterscheidet zwischen universalen Werten, die in jedem Land, wenngleich in unterschiedlicher Ausprägung, aufzufinden sind (etic -Ansatz), und den für ein Land spezifischen Werten (emic -Ansatz) (vgl. ebd., 249).

Einen historisch gewachsenen und bedeutungsvollen emic -Wert umfasst das französische Ehrgefühl, die honneur. Sie ist Folge der höfischen Gesellschaft, in der besondere Umgangs- und Konsumformen entwickelt wurden, die sich in Sprache, Literatur und Architektur abbilden (vgl. Elias 1969, 342). Die höfische Gesellschaft beschreibt hier das „Ergebnis des Verhofungsprozesses des ritterlichen Kriegeradels, der bereits im Mittelalter beginnt und Teil des umfassenden Zivilisationsprozesses ist“ (Ammon 1989, 64). Durch Nachahmung der königlichen Etikette[2] etablierte sich innerhalb des Adels ein neues Ehreverständnis, da sie dem Adel eine Möglichkeit der Abhebung von der Bürgergesellschaft gab: „[Diese] Maske ist [der höfischen Kultur] ins Fleisch gewachsen als ein essentielles Bestandsstück ihrer eigenen Selbstachtung, ihres Stolzes und ihrer Genugtuung“ (Elias 1969, 342). Dieses Werteempfinden hat sich nach D’Iribarne bis heute nicht mehr verändert:

„Frankreich ist nach wie vor das Land der Ehre, der Rangordnung, [...] der Stände, der Körperschaften, die sich sowohl durch den Umfang ihrer Pflichten als auch durch das Ausmaß ihrer Privilegien voneinander unterscheiden“ (D’Iribarne 2001, 254).

Die Bedeutung des französischen Ehrgefühls auf betriebswirtschaftlicher Ebene ist substanziell; sie begründet den Erfolg prestigeträchtiger Industrien des Landes, wie Luft- und Raumfahrt und Energie (vgl. ebd., 130). Ehre sowie geschichtliche Prozesse legitimieren die herausragende Rolle traditioneller Handwerksmanufakturen innerhalb der französischen Volkswirtschaft, die es zu schützen gilt (vgl. Ammon 1989, 193; Barmeyer et al. 2007, 270). Dementsprechend bedeutet Ehre im französischen Kontext Tradition, die durch den Feind, der Modernisierung, dezimiert wird.

Ein weiterer, nicht für den Verlauf der Arbeit zu verachtender spezifischer Wert, ist das französische Solidaritätsempfinden (vgl. Barmeyer et al. 2007, 277). Dieser Wert manifestiert sich im Leitspruch der französischen Revolution, der noch heute als Grundpfeiler der französischen Wertegemeinschaft gilt: Liberté, Égalité, Fraternité. Da Solidarität mit zunehmendem Maße nicht mehr von Seiten des Staates erwartet werden kann, also eine Enttraditionalisierung der Solidaritätspolitik stattfindet, hat sich die Bevölkerung als Ziel gesetzt, diese sozialstaatliche Lücke eigenhändig und im Sinne der Brüderlichkeit zu schließen (vgl. ebd.). Dies drückt sich primär anhand des Anstiegs der Neugründungszahlen an privaten solidarischen Initiativen aus. Abbildung 1 stellt diese Entwicklung graphisch dar:

Abbildung 1: Jährliche Neugründungen organisierter Solidarität in den Jahren 1993-2014 in absoluten Zahlen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Recherches et Solidarités 2014, 4.

Wurden im Jahre 1993 noch weniger als 65.000 neue solidarische Initiativen gegründet, so stieg die Neugründungsaktivität bis zum Jahre 2014 um 10,58 Prozent auf absolut 71.573 (vgl. Recherches et Solidarités 2014, 4f.).

Verfolgt man universell vergleichbare Werte im französischen Wirtschaftsraum weiter, so bezeichnet Geert Hofstede (2001) in seinen Studien den französischen Individualismus als besonders relevant. Tiandris (1995) definiert Individualismus wie folgt:

„[...] individualism is a social pattern that consists of loosely linked individuals who view themselves as independent of collectives; are primarily motivated by their own preferences, needs rights, and the contracts they have established with others; give priority to their personal goals over the goals of others; and emphasize rational analyses of the advantages and disadvantages to associating with others“ (Tiandris 1995, 2).

Demnach zeichnen sich individualistische Gesellschaften durch die Unabhängigkeit des Einzelnen von Kollektiven sowie der Priorisierung eigener persönlicher Ziele vor der einer zweiten oder dritten Partei aus. Und dennoch ist Solidarität ein bezeichnender kollektiver Wert der französischen Gesellschaft. Barmeyer et al. (2007) eruieren dieses zweiseitig gerichtete Paradoxon. „Vorübergehende Einigkeit und nach außen gezeigtes kollektives Handeln“ wird allein „durch eine externe Bedrohung erreicht“ und „nicht durch einen internen “, für kollektive Gesellschaften typischen „Konsens“ (Barmeyer et al., 266). Solidarität und gemeinschaftliches Denken entstehen lediglich unter Druck; nach innen verhalten sich Gesellschaftsmitglieder nach wie vor individualistisch (ebd.). Bezogen auf das französische Wirtschaftsmodell vermerken Barmeyer et al.:

Die Akteure des business system entwickeln eine freiheitsliebende individualistische Haltung, die zugleich von großer Unbeständigkeit und Begeisterungsfähigkeit zeugen kann. Hier kann der Mensch sich als Persönlichkeit erfahren, hier kann er seine Individualität ausleben, die ansonsten einem starken Konformitätsdruck ausgesetzt ist und gesellschaftlichen Regeln und Konventionen gehorchen muss“ (ebd., 268).

Insgesamt zeichnen sich die background social institutions Frankreichs durch, erstens, das frankreichspezifische Ehrgefühl aus, das sich in der Wichtigkeit traditioneller Industrien für das französische Wirtschaftsmodell manifestiert. Zweitens und drittens kann beobachtet werden, dass die französische Gesellschaft sowohl individualistische als auch solidarische Ausprägungen vorweist. Geht es um Persönliches, so hat die strikte Verfolgung eigener Ziele höchste Priorität. Wird das Handeln einer gesellschaftlichen Gruppe in Frage gestellt oder erfährt sie externen Druck, so handeln Individuen innerhalb des französischen Wirtschaftsmodells gruppenorientiert.

2.2.2 Proximate Social Institutions

Im Gegenzug zu den background social institutions sind proximate social institutions „more directly involved in the economic system and constitute the more immediate business environment“ (Whitley 1992, 19). Sie sind sowohl Produkte der background social institutions als auch von direkten Umwelteinflüssen, wie Krieg, Krisen oder langfristigen politischen Veränderungen (ebd.).

Die politischen Institutionen Frankreichs werden vor allem durch den Grad an staatlich-interventionistischen Maßnahmen, dem Rechtssystem und der Struktur und Bedeutung der Interessensvertretungen des Landes designiert (vgl. Barmeyer et al. 2007, 27).

Die Rolle des französischen Staatsapparats war lange Zeit für seinen starken Interventionismus und Dirigismus bekannt. Bis Ende der 1980er Jahre war er ein „allumfassende(r) Zentralstaat, der gleichzeitig als Unternehmer, Regelsetzer, oberster Kontrolleur und Financier auftrat und auch für weitere Tarifbeziehungen der Sozialpartner unentbehrlich war“ (Uterwedde 2006, 184). Im Zuge der zunehmenden Einflussnahme europäischer Reglementierungsinstanzen in die französische Gesetzgebung sowie der stetigen Globalisierung wurde die direkt-interventionistische Rolle des Staates geschwächt; er bleibt aber noch immer industriepolitisch aktiv. Seit Ende der 1980er Jahre kann von einer Verschiebung staatlicher Aktivitäten gesprochen werden (vgl. Barmeyer et al., 172 ff.). „Sie ist heute stärker regulatorisch als dirigistisch. Das heißt, sie legt den Akzent auf die Schaffung und Erhaltung von Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Aktivitäten“ (ebd., 172). In seiner französischen Ausprägung kommt der Regulation eine besondere Bedeutung zu; sie wird als die Gesamtheit aller Koordinationsmaßnahmen verstanden, die auf wirtschaftliche Aktivitäten ausgerichtet sind und soziale Konflikte lösen (vgl. Théret 2000, 2). Letztere entstehen wiederum aus dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Interessensbekundungen (ebd.). So hält beispielsweise der französische Staat die Hoheit der Berufsausbildung inne, während diese in Deutschland bei Unternehmen liegt (vgl. Barmeyer et al., 172). Ein weiteres, bedeutungsvolles Beispiel für Regulierungsmaßnahmen von Seiten der französischen Gesetzgebung ist die Einführung des Contrat de Première Embauche (CPE) im Jahre 2006 unter Sarkozy. Der CPE, zu deutsch „Vertrag zur Ersteinstellung“, galt für alle Arbeitnehmer unter 26 Jahre und verringerte auf verstärkte Weise den Kündigungsschutz der Arbeitnehmer (vgl. Vogel 2007, 19). Auf diese Weise sollte die Hemmnis von Seiten der Unternehmen gemildert werden, Arbeitsverhältnisse mit Jugendliche – auch mit Vorbestraften – anzunehmen. Dies sollte im zweiten Schritt die Jugendarbeitslosigkeit innerhalb der französischen Volkswirtschaft senken. Aufgrund von landesweiten Protesten von Seiten der gesamten Arbeitnehmerschaft wurde das Gesetz nach einigen Monaten außer Kraft gesetzt (vgl. ebd.). Die Rolle der französischen Wirtschaftspolitik ist also zweiseitig: der Staat wirkt zum einen interventionistisch, um einen langfristig funktionierenden Rahmen für wirtschaftliche (Kooperations-)Aktivitäten sicherzustellen. Zum anderen wirkt er als Konfliktlöser, der den Dissens zwischen Interessensgruppen zu schlichten versucht (vgl. ebd., 189).

Das Rechtssystem eines Landes – für den Zweck dieser Arbeit als vorhandene oder fehlende Rechtssicherheit verstanden – lässt sich im Falle Frankreichs vor allem durch die Betrachtung des Arbeitsrechts eruieren. So wird in angelsächsischen Ländern im Zweifelsfall der Vertragsfreiheit Vorrang geboten (vgl. Barmeyer et al., 21). Dadurch wird den Vertragspartnern, also Unternehmen und Arbeitnehmern, ermöglicht, Arbeitsverhältnisse frei gestalten zu können. Da Unternehmen meist eine größere Kapitalstruktur und damit einen indirekt größeren Handlungsspielraum in Rechtsfragen besitzen, sind Arbeitnehmer automatisch benachteiligt. „In Kontinentaleuropa – etwa in Frankreich und Deutschland – wird die Vertragsfreiheit eingeschränkt, zum Beispiel um Arbeitnehmern Schutz vor ungerechtfertigten Kündigungen angedeihen zu lassen“ (ebd.). Hierbei weisen das deutsche und das französische Rechtssystem erhebliche Unterschiede vor: in Deutschland werden Vertragsinhalte a posteriori durch Kollektivverhandlungen von Sozialpartnern – also Arbeitgebervereinigungen und Gewerkschaften – bestimmt; das französische Arbeitsrecht wird a priori über arbeitsrechtliche Vorschriften im sog. Code de Travail geregelt (vgl. ebd., 22).

Auf der Ebene der Interessensvertretung wird im weiteren Verlauf die Rolle der Gewerkschaften in Frankreich betont. Hier ist besonders nennenswert, dass Frankreich einen ausgesprochen niedrigen gewerkschaftlichen Organisationsgrad im weltweiten Vergleich besitzt.

Abbildung 2: Gewerkschaftlicher Organisationsgrad 2012 im Vergleich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach OECD.stat 2015[3].

Abbildung 2 vergleicht den Organisationsgrad gewerkschaftsstarker EU-Länder mit dem EU- sowie OECD-Durchschnitt. Auffällig hierbei ist, dass Frankreich mit 7,7 Prozent sowohl im EU- als auch im OECD-Vergleich die geringste Partizipation aufweist. Auch innerhalb des Landes ist eine prozentuale Verringerung des Organisationsgrades vorzuweisen, wie Abbildung 3 illustriert. Betrug der Organisationsgrad im Jahre 2000 noch 8,1 Prozent so brach der Grad bis zum Jahre 2010 auf 7,7 Prozent ein – und stagnierte bis zum Jahre 2013.

Abbildung 3: Prozentuale Entwicklung des gewerkschaftlichen Organisationsgrads in Frankreich in den Jahren 2000 bis 2013.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach OECD.stat 2015[4].

Doch trotz dieses geringen Organisationsgrads können französische Gewerkschaften einen erheblichen Einfluss auf die inhaltliche Zusammensetzung von Arbeitsverträgen aufweisen, da der „institutionelle Rahmen“ Frankreichs ihnen „einen sehr langen Hebel“ gibt, „der es ihnen erlaubt, [...] eine erhebliche Macht auszuüben“ (vgl. Barmeyer et al., 193).

Dies erfolgt auf zweierlei Ebenen: auf intraorganisationaler Ebene sowie auf der nationalen branchenübergreifenden Ebene. Im Rahmen der ersteren sind Gewerkschaftsvertreter aufgrund gesetzlicher Regelungen feste Bestandteile eines innerbetrieblichen Betriebskomitees (vgl. ebd., 194). So werden im ersten der beiden Wahlgänge, die zu dessen Aufstellung dient, lediglich Vertreter französischer Gewerkschaften aufgestellt. Dadurch wird die stetige Mitbestimmung der Arbeitnehmerschaft in betrieblichen Fragen gewährleistet (ebd.).[5] Auf nationalem Niveau werden im Zuge von sozialen Dialogen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern Tarifverhandlungen betrieben, welche die sogenannten accords interprofessionnels hervorbringen (ebd.). Hier liegt der eigentliche Schwerpunkt gewerkschaftlicher Tätigkeit in Frankreich. Insgesamt lässt sich also feststellen, dass „die französischen Gewerkschaften ihre Stärke aus ihrer gesetzlich verordneten institutionellen Einbettung beziehen und nicht aus der Mitgliederzahl“ (ebd., 198).

Die politischen Institutionen Frankreichs werden als sehr staatsnah typisiert. So ist die staatliche Intervention in hohem Maße regulativ; dies gilt auch für das Arbeitsrecht, das durch legislative Verfahren keine Gesetzeslücken und Vertragsfreiheiten zulässt. Die französische Arbeitnehmerschaft organisiert sich zwar in geringem Maße in Gewerkschaften, aufgrund staatlicher Rahmenbedingungen weisen diese aber einen erheblichen Einfluss in tarifären Angelegenheiten vor.

3. Gesellschaftliches Umfeld der Sharing Economy

3.1 Ursachen der Sharing Economy

Um herauszuarbeiten, welche konkreten Wechselwirkungen zwischen der Sharing Economy und den politischen Institutionen des französischen Wirtschaftsmodells festgestellt werden können, wurden in den vorherigen Absätzen die politischen Institutionen Frankreichs erläutert. Im Folgenden soll nun das Umfeld der Sharing Economy analysiert werden, das auf sich ändernde Bedürfnisse der Konsumenten antwortet. Diese Bedürfnisveränderungen, also die Ursachen der Sharing Economy, entstehen aus der Auflösung traditioneller Strukturen (vgl. Beck 2000), der Verschiebung kollektiver Gesellschaftswerte (vgl. Inglehart/Welzel 2005) und der Veränderung des Kapitalismusverständnisses (vgl. Rifkin 2007). Auf diese Bedürfnisveränderungen können politische Institutionen meist nicht reagieren, weshalb die Sharing Economy selbstregulatorische Maßnahmen entwickelt hat (vgl. Cohen / Sundararajan 2015; Helbing 2013).

3.1.1 Auflösung traditioneller Strukturen nach Beck

Der Begriff der Modernisierung wurde von zahlreichen Autoren examiniert. Ulrich Beck gab erstmals in seiner deskriptiven Forschungsedition ‚Die Zweite Moderne’ (1997-2002) gesellschaftliche, soziale und ökonomische Untersuchungsaspekte aktueller Modernisierungsprozesse an. Mit der Begrifflichkeit Reflexive Modernisierung erläutert er Zusammenhänge, die mit der Modernisierung der Moderne einhergehen (vgl. Beck/Bonß 2001, 11). Angetrieben von radikalen Modernisierungsprozessen verändert sich der gesellschaftliche Rahmen eines Landes, einer Region, oder einer Kulturgemeinschaft auf kontinuierliche Art und Weise, da sich, so Beck, die „Basisprinzipien, Grundunterscheidungen und Schlüsselinstitutionen [der Moderne]“ von innen her auflösen (ebd.). Beck unterscheidet dabei zwischen der ersten und zweiten Moderne.

Die Erste Moderne beschreibt die nationalstaatlich organisierte und industriell geprägte Neuordnung der Gesellschaft (ebd., 13). Sie zeichnet sich auf der Makroebene vor allem durch die dazumal als Errungenschaft begriffene nationalstaatliche Organisation der Gesellschaft, der lediglich auf einige Territorien beschränkten Bindung von Produktion, Kooperation und Betrieb und der differenziert und voneinander abgegrenzten Betrachtung gesellschaftlicher Teilsysteme, wie Ökonomie, Politik, Kultur und Wissenschaft aus (ebd., 22). Die Mesoebene der Ersten Moderne wird vor allem durch ihre ständisch geprägte proletarische und bürgerliche Mileubildung charakterisiert (ebd.). Auf der Mikroebene herrschen vor allem funktionierende Kleinfamilien und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung vor (ebd.). Zwar kennzeichnet die Erste Moderne durchaus die Abwendung von naturgegebenen Zusammenhängen; dennoch verbleiben gesellschaftliche Grenzen und Unterschiede in ihrer von Natur aus gegebenen Form unverändert.

Diese naturgegebenen Grenzen gesellschaftlicher Institutionen werden im Zuge der Zweiten Moderne radikal aufgebrochen (ebd.). Aufgrund sich intensivierender Globalisierungsprozesse verliert der Begriff der Nationalstaatlichkeit zunehmend an Bedeutung; die Welt tendiert zu einem global village (ebd., 23). Der fortschreitende Individualisierungsschub der Ersten Moderne bedingt in der Zweiten Moderne das Schwinden ständisch eingefärbter, kollektiver Lebensmuster – Gleichheit, Freiheit und in diesem Zuge auch Selbstverwirklichung sind die für Individuen höchst zu erstrebende Werte (ebd.). Dieser Individualisierungsschub führt eine Geschlechterrevolution mit sich, wodurch sich die Veränderung familiärer Strukturen, die Auflösung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und die damit einhergehende Neuordnung des Arbeitsmarkts darlegen lässt (ebd.).

Im Zuge der reflexiven Modernisierung entstehen also:

„[...] eine neue Art von Kapitalismus, eine neue Art von Arbeit, eine neue Art globaler Ordnung, eine neue Art von Gesellschaft, eine neue Art von Natur, eine neue Art von Subjektivität, eine neue Art alltäglichen Zusammenlebens, ja eine neue Art von Staat [...]“ (ebd., 13).

Hier betont der Autor die Restrukturierung der Ersten Moderne infolge reflexiver Modernisierung; das reine, inhaltlose Aufbrechen bestehender Grenzen zwischen den beiden beschriebenen Zeitaltern wird in diesem Konzept verneint (vgl. ebd., 17).

In seinem Werk von 2004 geht Beck auf die Konkretisierung des Sachverhalts ein. So veranschaulicht er den sogenannten hierarchisch geordneten Pluralismus der Zweiten Moderne, also das Abwägen verschiedener Entscheidungsformen – wobei die Abweichung von der gesellschaftlichen Norm akzeptiert wird – als die Veränderung des „Normalarbeitsverhältnisses“ oder der „Normalfamilie“ (vgl. Beck/Lau 2004, 36). Technologische Entwicklungen führen zur Auflösung natürlicher Grenzen, wie beispielsweise die zwischen Markt und Unternehmen (vgl. ebd., 41). Werden die neu aufkommenden hierarchisch geordneten Prozesse und die Auflösung natürlicher Grenzen in Relation gesetzt, lässt sich die Intensität der Individualisierungsprozesse feststellen. So fokussiert sich Beck in seinem Werk Die Zukunft von Arbeit und Demokratie (2000) auf die Veränderung des traditionellen Arbeitsverständnisses. Individualisierung führt zur Flexibilisierung und Enttraditionalisierung von Arbeit, welche in Kombination mit Digitalisierung einen neuen Wissensarbeiter-Typus entstehen lässt (ebd., 45); dies stellt wiederum Institutionen von hierarchisch höherer Bedeutung, insbesondere Betriebe, vor neuartige Anforderungen (ebd., 28) – der Kreislauf von sich andauernd verändernder Strukturen auf Mikro-, Meso- und Makroebene schließt sich.

[...]


[1] Zu Deutsch „Wirtschaftsmodell“ (vgl. Barmeyer et al. 2007).

[2] Etikette wird als „Derivat hochformalisierter starr verbindlicher und hierarchischer Vorschriften, Regeln und Privilegien“ definiert (Lepenies 1981, 51).

[3] Statistikportal der OECD. Verfügbar unter: http://stats.oecd.org/Index.aspx?DataSetCode=UN_DEN&Lang=fr# [29.02.2016].

[4] ebd.

[5] Die innerbetriebliche Interessenvertretung erfolgt auch durch die Entsendung von Delegierten sowie Personaldelegierten (vgl. Barmeyer et al., 194). Da sie für das Ziel der Arbeit wenig Relevanz aufweisen, werden diese nicht tiefer eruiert.

Details

Seiten
47
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668423893
ISBN (Buch)
9783668423909
Dateigröße
952 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356593
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
1,3
Schlagworte
sharing economy wirtschaftsmodell spannungsfeld modernisierungsprozessen institutionen

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Titel: Die Sharing Economy im französischen Wirtschaftsmodell