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Krebs als Trauma. Verarbeitung und Diagnose

Hausarbeit 2014 8 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Gesellschaftliche Bedeutung

Heutzutage stirbt etwa jeder vierte Bundesbürger an Krebs und die Erkrankung stellt das häufigste lebensbedrohliche Ereignis der Menschen in den entwickelten Industrieländern dar. Onkologische Erkrankungen mit einer chronischen Verlaufsform gehen mit starken physischen und psychischen Belastungen einher, die mit ungünstigen Veränderungen im familiären, beruflichen und sozialen Kontext verbunden sind. In den letzten Jahren wurden in der onkologischen Medizin erhebliche Fortschritte erzielt und daher gibt es auch zunehmend mehrere Patienten mit längerer Überlebenszeit bei einer Primärbehandlung. Dennoch befasst sich die psychoonkologische Forschung immer intensiver mit dem Erleben und der psychischen Verarbeitung maligner Erkrankungen. Nach Angaben in der Literatur werden in der allgemeinen Bevölkerung 9 bis 24 Prozent aller traumatisierenden Ereignisse von einer Posttraumatischen Belastungsstörung gefolgt, wobei diese bei Krebspatienten zwischen 5 und 22 Prozent liegen. Obwohl eine Posttraumatische Belastungsstörung bei Krebspatienten weniger wahrscheinlich als beispielsweise bei einer Vergewaltigung ist, sollten ihre psychischen Konsequenzen nicht übersehen werden.

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine mögliche Folgereaktion eines oder mehrerer traumatischer Ereignisse, die an der eigenen Person, aber auch an fremden Personen erlebt werden kann. Nach DSM-5 (APA, 2013) und ICD-10 (WHO, 2010) gelten als Kernsymptome der PTBS ein ungewolltes Wiedererleben, die Vermeidung von traumaassoziierten Reizen, die emotionale Taubheit und anhaltende Symptome vegetativer Übererregtheit. Diese können sich zum Beispiel in Intrusionen, Alpträumen, Vermeidungsverhalten, erhöhter Reizbarkeit, Hypervigilanz oder Konzentrationsschwierigkeiten ausdrücken. Beide Klassifikationssysteme stimmen hinsichtlich dieser Symptomgruppen überein, jedoch liegt in der ICD-10 der Schwerpunkt auf Symptomen des Wiedererlebens, im DSM-5 hingegen auf den Vermeidungs- und Taubheitssymptomen.

Nach Dauer und Schweregrad der Symptomatik kann man verschiedene Formen von Belastungsreaktionen bzw. -störungen unterscheiden. Eine akute Belastungsreaktion ist eine physiologische und vorübergehende Reaktion, die unmittelbar nach einem traumatischen Ereignis auftritt und meist innerhalb von Stunden oder Tagen abklingt. Wenn sich die typischen Symptome in den ersten vier Wochen nach der Konfrontation mit einem Traumata zeigen, dann liegt eine akute Belastungsstörung vor. Bei einer PTBS betrachtet man die Symptomatik mehr als vier Wochen. Weiterhin ist die Posttraumatische Belastungsstörung von Angststörungen, Depressionen, Persönlichkeitsveränderungen und anderen abzugrenzen, kann aber mit diesen assoziiert werden. Darüber hinaus werden Traumata nach ihrem Auftreten und ihrer Dauer in zwei Typen unterteilt. Traumata des Typs I sind kurz andauernd und treten einmalig auf wie zum Beispiel Unfälle oder Naturkatastrophen. Bei wiederholtem Auftreten und längerer Dauer des Traumas, wie beispielsweise bei mehrfacher Folter, spricht man von Traumata des Typs II. Ein anderer Aspekt ist, ob Traumata durch andere Menschen gezielt verursacht wurden (sog. „man made desaster“) oder durch eher schicksalhafte und zufällige Ereignisse. Dieser Unterschied wird in Bezug auf die Verarbeitung eines Traumas verwendet, da die Verursachung insbesondere durch nahe stehende Menschen die Bewältigung des belastenden Ereignisses erschweren kann.

Eine Krebserkrankung ist nicht nur durch einen akuten Stress durch die Diagnoseerstellung selbst sowie die medizinischen Maßnahmen gekennzeichnet. Weiterhin resultiert aus den anhaltenden Folgen der Erkrankung, deren Behandlung und der verbleibenden existentiellen Bedrohung durch ein Rezidiv eine chronische psychische Belastung für den Patienten (Andersen, Golden Kreutz & Di Lillo, 2001). In der DSM IV (APA, 1994) wurde das Konzept der lebensbedrohlichen Krankheit als potentieller Auslöser für die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung eingeführt und zum ersten Mal als mögliches traumatisierendes Ereignis betrachtet.

Als Trauma wird laut ICD-10 „ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde“, definiert. Im DSM-IV wird Trauma hingegen wie folgt erläutert: "Ein Betroffener muss eine Situation erlebt oder beobachtet haben oder auf andere Weise damit konfrontiert worden sein, die Tod, Lebensgefahr oder starke Körperverletzung beinhaltet oder bei der die körperliche Unversehrtheit der eigenen oder einer anderen Person bedroht war". In diesem Sinne gilt die Krebserkrankung auch als traumatischer Stressor. Sie beinhaltet in den meisten Fällen Lebensgefahr und Körperverletzung. Das Besondere bei der Krebskrankheit ist, dass sie meistens plötzlich auftritt und nicht durch Selbst- oder Fremdattributionen erklärt werden kann, d.h. durch eigenes Verschulden, Versagen oder eigener Versündigung. Außerdem wird die Krebskrankheit selbst eher als schicksalhaft erlebt, denn ihre Ursachen sind im Einzelfall meist nicht bestimmbar, wohingegen sie auch bei ihrer invasiven Behandlung zumindest teilweise als “man made“ gesehen werden könnte. Darüber hinaus stammt der bedrohliche Einfluss nicht aus der Außenwelt, sondern aus dem eigenen Körper. Dies wiederum kann weitere psychische Konsequenzen mit sich bringen, indem zum Beispiel eine Brustkrebspatientin an einem Teil ihrer körperlichen Existenz erkrankt, welche sie als Frau symbolisiert und ihr Selbst- und Fremderleben beeinträchtigt. Ein weiteres Paradoxon ist die aktivierte „fight/flight“-Reaktion, die nicht realisiert werden kann, weil das, wovor man fliehen will, im Inneren liegt und daher nicht vermieden werden kann. Mögliche Abwehrstrategien wären an dieser Stelle zum einen, die Krankheit wie einen äußeren Feind zu bekämpfen, und zum anderen das „Ich-Selbst-Gefühl“ immer weiter vom „Körper-Ich“ abzuspalten, um so die Integrität des Selbst zu retten. Solch eine Dezentrierung des Körper-Selbst scheint eine wichtige Anpassungsfähigkeit des Menschen zu sein, die innere Freiheit verschafft, indem man sich über die physischen Bedingungen erheben kann und einen menschlichen Umgang sogar mit dem eigenen Untergang findet.

Dazu sagt Plügge (1962): „Der Mensch ist Leib, aber er hat einen Körper“. Darunter wird verstanden, dass der Mensch sich in seiner seelischen Existenz nur durch seine leibliche Existenz ausdrücken kann und sie somit immer ein Teil seiner eigenen Umwelt ist. Plügge verdeutlicht, dass beispielsweise ein Erkrankter den erkrankten Körperteil nicht mehr als zugehörig zu seinem Körper empfindet, sondern diesen gedanklich isoliert und als etwas Gegenständliches ansieht. Der betroffene Körperteil gehört demnach nicht mehr zur eigenen Körperwahrnehmung und wurde dezentralisiert.

Nach dem Modell von Horowitz (1976) ist die Traumaverarbeitung durch einen wiederkehrenden Wechsel von Intrusionen und Verleugnung der traumatischen Erinnerungsbilder gekennzeichnet. Diese biphasische Reaktion wird als eine Tendenz zur Erledigung unvollendeter Handlungen (completion tendency) erklärt. Außerdem sind diese Schaukelbewegungen von Intrusionen und Verleugnung ein Zeichen dafür, dass das überforderte biopsychische System die Beeinträchtigung zu überwinden versucht und damit stellen sie eine Art natürlichen Selbstheilungsprozess der verletzten Psyche dar.

Aus der folgenden Abbildung kann man die unterschiedlichen Phasen der traumatischen Reaktion entnehmen. Als erstes wird durch den Betroffenen ein Schock erlebt, eine Erlebnissituation führt zu einem Aufschrei und zur Reizüberflutung. Hier werden die ersten Abwehrversuche gezeigt, die von einem Vermeidungs- bzw. Verleugnungsverhalten gefolgt werden. Eine Lockerung der Abwehr oder eine dispositionelle Abwehrschwäche führen zu der Intrusionsphase, die mit aufdrängenden Vorstellungsbildern und Gedanken verbunden ist. Wirksame Abwehrmechanismen können verhindern, dass sich der Intrusionszustand bzw. die Affektüberflutung chronifiziert. Die Phase des Durcharbeitens wird erreicht, wenn ein kontrolliertes Wiedererleben der traumatischen Situation möglich ist. Zu diesem Zeitpunkt kann auch die traumatische Erfahrung umgearbeitet und in die persönliche Lebensgeschichte integriert werden.

Anders bei einer malignen Erkrankung als traumatisierendes Erlebnis ist, dass die Phasen des Traumaerlebens einer Modifikation unterliegen. Nach einem ersten Aufschrei, der von einer traumatischen Reizüberflutung begleitet wird, folgt die Vermeidung von allem, was mit der tödlichen Erkrankung in Verbindung steht. In der folgenden Einwirkungsphase tauchen Gefühle von Schwere und Unbeweglichkeit sowie Depressivität im Wechsel mit Wut und Protest auf, die dem Verleugnungsverhalten der traumatischen Reaktion entsprechen. In dem Intrusionszustand hingegen werden plötzlich aufdrängende Gedanken an die Krankheit, Erregungs- und Überflutungszustände sowie Vorstellungsbilder vom unmittelbar bevorstehenden eigenen Tod erlebt. Die Modifikation geschieht insbesondere in der letzen Erholungsphase, weil bei infausten Prognosen eine Rückkehr zum Ausgangszustand nicht erwartet werden kann. Auch bei einer Krebsheilung besteht zukünftig die Gefahr von einem möglichen Wiederauftreten der Krankheit und somit ist eine Vollendung des Traumazirkels nicht zu erreichen. Dennoch kann der Erkrankte der Situation eine ganz persönliche Bedeutung zuschreiben, indem er einen Sinn in seinem eigenen Tod findet, was auch zu dem psychischen Gleichgewicht beitragen kann.

"Kübler-Ross (1976) hat verschiedene Phasen in der Auseinandersetzung mit Sterben und Tod beschrieben wie beispielsweise Protest, Verleugnung, schließlich Akzeptieren und Sinnfindung, die sich im Bezug der Psychotraumatologie angemessen verstehen lassen“ (Fischer, Riedesser, S. 367).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 . Aus Fischer(1998), S.95: Übersicht über die biphasische Reaktion und den Zyklos der Traumaverarbeitung

Weiterhin ist schwierig zu beantworten, was genau bei einer Krebserkrankung das Traumatisierende ist. Bereits nach der Diagnosestellung zeigen manche Patienten erste Symptome der PTBS, jedoch können sich diese auch zeitlich ausbreiten. Eine ganze Reihe von Ereignissen, begonnen mit der Entdeckung, der medizinischen Diagnostik und Behandlung bis zur anschließenden Nachkontrolle und Rehabilitation können potentielle Stressoren und Auslöser einer Störung sein. Darüber hinaus wurde bewiesen, dass die Schwere des Traumas von der subjektiven Wahrnehmung des Betroffenen abhängt. Daraus kann man schließen, dass die traumatische Belastung durch die Krebskrankheit kaum in Zusammenhang mit den objektiven medizinischen und behandlungsbezogenen Parametern steht, sondern sich eher aus dem Empfinden einer enormen Lebensbedrohung ergibt. Die psychische Belastung wird bei den Patienten unterschiedlich empfunden und setzt sich aus unterschiedlichsten Ereignissen zusammen, die im Verlauf von Krankheit und Therapie auftreten. Dies führt dazu, dass die Erfassung des Traumas bei Krebs erschwert wird.

existiert eine ganze Anzahl von Diagnoseinstrumenten zur Fremd- oder Selbsteinschätzung einer PTBS. Allerdings gibt es bislang noch keine spezifische für Krebspatienten. Dementsprechend weisen auch die wenigen Studien in diesem Bereich erhebliche Unterschiede hinsichtlich der verwendeten Untersuchungsmethoden und der untersuchten Variablen sowie der Patientengruppen auf. Es liegen interessante Ergebnisse zu mehreren Themen vor, einige jedoch mit widersprüchlichen Ergebnissen. Ein viel zitiertes Beispiel ist eine Arbeit, wo PTBS bei Krebspatienten und Holocaust-Überlebenden verglichen wurden. Bei den Holocaust-Überlebenden mit Krebs wurden im Vergleich zur Krebspatienten und gesunden Überlebenden erheblich höhere Belastungsraten festgestellt. Daraus kann man schließen, dass durch eine akute Krebserkrankung auch ein früheres Trauma wieder aktiviert werden kann (Baider et al., 1992).

Die unterschiedlichen Arten maligner Tumorerkrankungen und Behandlungsmaßnahmen machen es schwierig, Traumatisierungen bei Krebspatienten zu erfassen. Dazu stellt sich die Herausforderung in der Zukunft, spezielle Diagnoseinstrumente für PTBS bei Krebspatienten und eine geeignete und zugängliche Therapie zu entwickeln. Weiterhin ist sowohl die ärztliche, als auch die soziale und familiäre Unterstützung ein wichtiger Faktor im Kampf gegen den Krebs und die daraus resultierenden Belastungssymptome.

Bildverzeichnis :

- Abbildung 1: http://www.opferhilfe-hamburg.de/fakten2.html

Aus Fischer(1998), S.95: Übersicht über die biphasische Reaktion und den Zyklos der Traumaverarbeitung.

Literaturverzeichnis:

- Andrea Schuhmacher (2001): Zum Konzept der posttraumatischen Belastungsstörung bei Tumorpatienten. Medizinische Klinik, 96, S. 655-660.
- American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders : DSM-5, Kapitel Anxiety Disorders. American Psychiatric Association, Washington DC 2000
- Fischer G.& Riedesser P. (2009): Lebensbedrohliche Erkrankungen als Faktor psychischer Traumatisierung . Lehrbuch der Psychotraumatologie, S. 365-370. München: Ernst Reinhardt Verlag.
- M. Neises (2007): Gynäkologe, 40, S. 139-147.
- Singh, J. (2009): Untersuchung zur Prävalenz und zum Verlauf posttraumatischer Stressreaktionen bei Patienten mit Tumorerkrankung. Unveröffentlichte Dissertation. Medizinische Fakultät der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.
- Weltgesundheitsorganisation. (2010). Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10, Kapitel V (F)- Klinisch-diagnostische Leitlinien. In: Dilling, H., Mombour, W. & Schmidt, M.H. (Hrsg.). Bern: Hans Huber

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Details

Seiten
8
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668421653
Dateigröße
860 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356838
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Schlagworte
Krebs Trauma PTBS Posttraumatische Belastungsstörung

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