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Die Bedeutung von Schule für traumatisierte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Hausarbeit 2012 23 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge
2.1 Begriffsdefinition
2.2 Herkunftsl änder und Zahlen
2.3 Rechtliche Aspekte
2.4 Fluchtgr ünde

3. Traumatische Erfahrungen
3.1 Die sequentielle Traumatisierung
3.2 Psychische Folgen eines Traumas

4. Bildung und Schule für traumatisierte Flüchtlingskinder
4.1 Zugang zu Bildung
4.2 P ä dagogische Rahmenbedingungen
4.3 Funktion von Schule für Kinderfl üchtlinge

5. Sonderpädagogische Förderung traumatisierter UMF

6. Anforderungen an zukünftiges pädagogisches Handeln

7. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Nach Schätzung von Flüchtlingsorganisationen sind weltweit etwa 6 bis 10 Millionen Kinder allein auf der Flucht. Ihre Motive sind vielfältig und entspre- chen weitestgehend denen erwachsener Flüchtlinge: (Bürger-) Kriege, politische, religiöse und ethnische Verfolgung sowie Menschenrechtsverletzungen (Mein- hardt, 1997). Viele von ihnen kommen jedes Jahr alleine als sog. „Minderjährige unbegleitete Flüchtlinge“ nach Deutschland und sind hier auf vielfältige Hilfen angewiesen. Unabhängig von den Fluchterfahrungen und den Motiven bedürfen diese Flüchtlingskinder einer Stabilisierungsphase. Schule spielt dabei eine ent- scheidende Rolle, um neue Kontinuität und einen stabilen Rahmen für den Alltag in einer fremden Umgebung zu schaffen (Neumann, 1995, S.109). Traumatisierte Kinder und Jugendliche mit Zwangsmigrationshintergrund standen jedoch bislang kaum im Mittelpunkt von pädagogischer Forschung und Praxis und die Pädagogik öffnet sich nur langsam gegenüber dem Thema Traumatisierung. Vielfach fehlen pädagogische Konzepte um diese Gruppe von Schülern angemessen zu fördern und zu unterstützen (Zimmermann, 2012).

An diesem Punkt setzt die vorliegende Arbeitet an, indem versucht wird, einen kurzen Überblick über die Situation von traumatisierten unbegleiteten minderjäh- rigen Flüchtlingen in Deutschland allgemein und im Besonderen im Kontext Schu- le zu geben. In Kapitel 2 werden neben der Klärung des Begriffs „Unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“, Herkunftsländer und Flüchtlingszahlen sowie rechtli- che Aspekte und Fluchtgründe erläutert. Im darauffolgenden Kapitel wird näher auf die traumatischen Erfahrungen der Flüchtlinge eingegangen und psychische Folgen von Traumata beschrieben. Bildung und Schule stehen im vierten Kapitel im Fokus. Neben dem Zugang zu Bildung und den pädagogischen Rahmenbedin- gungen wird besonders die Funktion von Schule für traumatisierte Kinderflücht- linge thematisiert. Im Anschluss daran werden sonderpädagogische Betreuungs- möglichkeiten aufgezeigt. Welche Anforderungen an pädagogisches Handeln ge- stellt werden müssen und welche Veränderungen bzw. Verbesserungen zu realisie- ren sind, wird in Kapitel 6 erläutert. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und einem Ausblick.

2. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

2.1 Begriffsdefinition

Ein Flüchtling ist nach Definition der Genfer Flüchtlingskonvention (UNHCR, 1951) eine Person, die „[…] aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes be- findet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt […]“. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge1 stellen jedoch eine ganz spezifische Gruppe von Flüchtlingen dar. In Artikel 2i der Richtlinie 2004/83/EG des Europäischen Rates (EG, 2004) werden UMF definiert als

[...] Drittstaatsangehörige oder Staatenlose unter 18 Jahren, die ohne Beglei- tung eines gesetzlich oder nach den Gepflogenheiten für sie verantwortlichen Erwachsenen in das Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats einreisen, solange sie nicht tatsächlich in die Obhut einer solchen Person genommen werden; hierzu gehören auch Minderjährige, die ohne Begleitung zurückgelassen werden, nachdem sie in das Hoheitsgebiet der Mitgliedsstaaten eingereist sind.

Zu berücksichtigen ist in diesem Kontext auch die restriktive Rechtsauffassung der Bundesrepublik Deutschland, die UMF in zwei Gruppen unterteilt: Nur UMF, die jünger als 16 Jahre sind, werden als Kinderflüchtlinge behandelt. Ab dem 16. Lebensjahr gelten sie als asylmündig und werden deshalb wie erwachsene Flüchtlinge behandelt (Weiss, 2009, S. 59ff).

2.2 Herkunftsl ä nder und Zahlen

Meinhardt (1997, S. 12) stellt fest, dass die Gruppe der Flüchtlingskinder beson- ders heterogen ist: „Die jungen Flüchtlinge bilden keine homogene Gruppe, sie kommen vielmehr aus ganz unterschiedlichen Ländern und aus allen Sozialschich- ten; sie beherrschen mehr als 50 Sprachen; viele sind zweisprachig.“ Im Jahr 2011 sind nach Angaben des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2011a) 714 unter Sechzehnjährige UMF offiziell als asylsuchend registriert worden. Bei den

16- bis 18-jährigen UMF beläuft sich die Zahl der Registrierungen sogar auf 1412 (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2011b). Die Zahl der UMF unter 16 Jahren ist damit um 6 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr gestiegen und be- trägt nun 33% am Gesamtanteil der UMF. Die Anzahl der Flüchtlinge wie auch der Anteil der einzelnen Herkunftsländer orientiert sich dabei maßgeblich an der aktuellen weltpolitischen Lage. So nehmen etwa Kriege oder Hungersnöte Einfluss auf die Flüchtlingszahlen. Die folgende Graphik veranschaulicht, aus welchen Ländern die in Deutschland asylsuchenden UMF im Jahr 2011 mehrheitlich stammten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Herkunftsl ä nder in Deutschland registrierter UMF im Jahr 2011 (Quelle: eigener Entwurf nach Daten von Pro Asyl (2012))

Berthold, Espenhorst und Rieger (2011, S. 23f) weisen darauf hin, dass viele UMF auf eine Asylantragstellung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ver- zichten. Als Alternative werden dann Anträge auf Aufenthaltserlaubnis oder eine Duldung bei der Ausländerbehörde beantragt, die jedoch nicht in der Asylstatistik auftauchen. Der Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V. (2011) geht davon aus, dass im Jahr 2010 über 4200 UMF Deutschland erreichten und von den Jugendämtern in Obhut genommen wurden. Die offiziellen Statistiken sind allerdings nicht zwangsläufig aussagekräftig, da auch die Dunkelziffer illegal eingereister Kinder und Jugendlicher relativ hoch ist (Jordan, 2000, S. 26).

2.3 Rechtliche Aspekte

Das Aufenthaltsrecht, das Teil des Zuwanderungsgesetzes ist, sieht drei Aufent- haltstitel für nichtdeutsche Personen vor: (1) das auf drei Monate Aufenthalt aus- gelegte Visum, (2) die zeitlich befristete Aufenthaltserlaubnis und (3) die zeitlich und räumlich unbefristete Niederlassungserlaubnis. Flüchtlinge allerdings, die kei- nen tatsächlichen Aufenthaltstitel haben, leben in Deutschland während der Zeit

des Asylverfahrens mit einer Aufenthaltsgestattung oder mit einer Duldung, die eine unmittelbare Abschiebung aussetzt. Eine Duldung erhalten zumeist abgelehn- te Asylsuchende und Flüchtlinge aus Kriegs-, Bürgerkriegs- und sonstigen Krisen- gebieten, bei denen Abschiebungshindernisse bestehen (Zimmermann, 2012).

Mit Blick auf die UMF sieht das Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsge- setz von Oktober 2005 vor, dass alle alleinreisenden Flüchtlinge unter 18 Jahren erst einmal in Obhut genommen werden müssen. Sobald ein Flüchtling, der nach Selbstauskunft unbegleitet und minderjährig ist, in Kontakt mit einer deutschen Behörde oder Einrichtung (z. B. Polizei, Jugendamt, Ausländerbehörde, Aufnah- meeinrichtung) kommt, wird unverzüglich das Jugendamt, in dessen Zuständig- keitsbereich er sich zu diesem Zeitpunkt aufhält, benachrichtigt. Der UMF wird dann in sog. Clearingeinrichtungen überführt, die auf deren spezifische Bedürfnis- se eingerichtet und in der geeignete Bedingungen für eine Inobhutnahme sowie ein daran anschließendes Clearingverfahren vorzufinden sind (Bundesfachverband UMF, 2009, S. 9ff). Die Zahl der Clearingeinrichtungen ist zwar in den letzten Jahren gestiegen, allerdings gibt es sie bis heute nicht flächendeckend. Vielfach werden UMF in Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht, ohne dass es sich um explizite Clearingeinrichtungen handelt (Bertholt et. al., 2011, S. 25).

Das vorrangige Ziel eines Clearingverfahrens ist die Klärung der Situation und der Perspektiven des UMF sowie die Feststellung der Identität, des Alters, der familiä- ren Situation, der Gesundheit und der Fluchtgeschichte. Es werden insbesondere auch der weitere Hilfebedarf in Hinblick auf pädagogische, psychologische und medizinische Hilfe sowie der Bedarf an schulischer Förderung und die Klärung der elterlichen Sorge geregelt. Können die Erziehungsberechtigten des UMF nicht ermittelt werden, wird die weitere Regelung der gesetzlichen Vertretung durch das Jugendamt eingeleitet, das bis zur Bestellung eines gesetzlichen Vormundes vorü- bergehend die Vormundschaft ausübt (Bundesfachverband UMF, 2009).

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil des Clearingverfahrens ist die Klärung des Aufenthaltsrechts. Dieses Verfahren soll entscheiden, wie und wo der weitere Aufenthalt eines Flüchtlings ermöglicht werden kann. Sofern keine Möglichkeit der Familienzusammenführung gegeben ist oder Hinweise auf eine mögliche Ge- fährdung des UMF oder seiner Familie bei der Rückkehr ins Heimatland bestehen, wird geprüft, ob ein Asylverfahren gemäß Art. 16a des Grundgesetzes und § 60

Abs. 1 des Aufenthaltsgesetzes eingeleitet wird oder ob ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 2 bis 7 des Aufenthaltsgesetzes erwirkt werden kann. Das Verfah- ren wird bei den unter 16-jährigen UMF unter enger Einbindung des Vormundes durchgeführt. Für 16 bis 18-jährige UMF kann lediglich ein Vertreter bestellt wer- den, der das Verfahren beratend begleitet. Die Inobhutnahme der UMF endet schließlich mit der Entscheidung über die Unterbringung in einer Jugendhilfeein- richtung oder mit der Übergabe des Jugendlichen an Personensorgeberechtigte, d.h. eine geeignete und speziell für die Aufgaben eines Vormundes ausgebildete Privatperson (Bundesfachverband UMF e.V., 2009, S. 25). Die über 16-Jährigen werden in der Regel in Gemeinschaftsunterkünften für Asylbewerber unterge- bracht. Eine intensive Betreuung ist für sie nicht vorgesehen (Weiss, 2009, S. 60f).

2.4 Fluchtgr ü nde

Die Ursachen für die Flucht der UMF aus ihren Heimatländern sind vielfältig und sehr unterschiedlich. In der Regel gleichen die Gründe denen erwachsener Flücht- linge:

- Flucht vor Krieg und Bürgerkrieg
- Flucht vor Verfolgung wegen politischer Betätigung
- Flucht vor Verfolgung als Familienangehöriger
- Flucht vor Verfolgung wegen Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe
- Flucht vor geschlechtsspezifischer Verfolgung

Ein Teil der UMF ist Opfer von Menschenhandel geworden und war sexuellen und anderen Formen der Ausbeutung ausgeliefert (Racketseder, 2002). Als weitere kinderspezifische Fluchtgründe gelten der Verlust der Eltern, Zwangsrekrutierung bzw. die Gefahr davor sowie Zwangsarbeit (Fronek, 1998; Schuster, 2002). Aller- dings sind nicht nur politische, ethnische, rassische und religiöse Verfolgung als Fluchtmotive zu sehen, sondern auch eine mangelhafte minderjährigengerechte Versorgung und nicht vorhandene Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten sind in vielen Fällen Anlass für die Flucht aus dem Heimatland (Jordan, 2000). Mitun- ter entscheiden sich nicht die Kinder für die Flucht, sondern Eltern oder für die Kinder verantwortliche Personen bewegen sie dazu und übernehmen Organisation und Finanzierung der Flucht (Angenendt, 2000).

3. Traumatische Erfahrungen

Kinder die Krieg, Verfolgung und Flucht erlebt haben, haben in der Regel auch potentielle traumatisierende Ereignisse durchlebt. Der Begriff „Trauma“ ent- stammt dem Griechischen und bedeutet Wunde oder Verletzung, die Eggers (2001, zit. nach Friedrichs, 2003, S. 314) zufolge „durch eine von außen kommende Kraft“ entstanden ist. Nach Fischer und Riedesser (1999, S. 82) ist ein psychisches Trauma „ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflo- sigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt“.

Die Wirkungszusammenhänge, in denen Traumata auftreten, können sehr unter- schiedlich sein, z.B. Naturkatastrophen, Unfälle oder durch Menschen verursachte Gewalt. Dazu zählen neben unmittelbarer Kriegsgewalt Trennungserlebnisse, Ortswechsel, Verlust von Angehörigen oder Freunden, Inhaftierung, Folter, kör- perliche und sexuelle Gewalt, politische Verfolgung und Inhaftierung. Einige Flüchtlinge haben nicht nur die Gewalt eines Krieges erlebt, sondern sind von ih- ren Familien misshandelt worden, mussten sich früh selbst versorgen und wuchsen ohne Schutz durch Erwachsene auf; ehemalige Kindersoldaten haben Missbrauch und psychische Manipulation erlebt und müssen damit umgehen, dass sie selbst Täter geworden sind.

Unterschieden wird zwischen dem sogenannten Mono-Trauma, das abgegrenzt und einmalig auftritt und dem kumulativen Trauma, das durch wiederholte Ereig- nisse und von langer Dauer gekennzeichnet ist. Das Ausmaß und die Schwere ei- ner Traumatisierung werden maßgeblich von der Art, der Dauer sowie der Anzahl der Trauma auslösenden Ereignisse bestimmt (Haversieck-Vogelsang, 2006, S. 193; Haversieck-Vogelsang & Laue, 2007, S. 18). Adam (1999, S. 95) weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass die Tatsache, ob ein Ereignis trau- matisierend ist und welche Symptomatik in Folge eines Traumas auftritt, maßgeb- lich vom Stand der kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung eines Kin- des abhängt.

[...]


1 Für den Begriff „Unbegleitete(r) Minderjährige(r) Flüchtling(e)“ wird im Folgenden die Ab- kürzung „UMF“ verwendet. Zu Gunsten des Leseflusses wird in der vorliegenden Arbeit zu- dem auf die Verwendung weiblicher und männlicher Schreibweisen verzichtet und jeweils nur die männliche Form genannt. Gemeint sind stets beide Geschlechter.

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668428539
ISBN (Buch)
9783668428546
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356936
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Flüchtlinge Trauma Schule Bildung

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Titel: Die Bedeutung von Schule für traumatisierte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge