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Mit Worten oder mit dem Schwert? Männliche und weibliche Konfliktlösungsstrategien in Hartmanns von Aue "Erec"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 29 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorbemerkung

2 Konfliktlösungsstrategien – Mittel und Wege
2.1 Konfliktdefinition und Konflikte in Hartmanns Erec
2.2 Der Ausritt
2.3 Die Räuberepisoden
2.4 Enite spricht mit dem Grafen ›mit schœnen wîbes listen‹
2.5 Erec und höfische, männliche Gegner
2.8. Hilfe für Cadoc ›ir herzen sûft daz wort zerbrach‹
2.9. Graf Oringles und Enites Klage ›herre, des gienc mir doch nôt‹

3 Konfliktlösungsstrategien – Versuch einer Typologie

4 Ausblick

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang

1 Vorbemerkung

Diese Arbeit hat die Konfliktlösungsstrategien in Hartmanns von Aue Erec zum Thema und beschäftigt sich in erster Linie mit dem Protagonistenpaar Erec und Enite. Immer wieder geraten sie auf ihrer Aventüre -Fahrt in Situationen, welche für sie potenziell lebensbedrohlich sind; doch auch persönliche Konflikte spielen eine große Rolle. Die Figuren reagieren auf Konflikte sehr verschieden und unterscheiden sich in ihren Lösungsstrategien. Das Ziel dieser Arbeit ist es, beispielhaft weibliche und männliche Handlungsmuster Konflikte zu lösen – in Wort und Tat – zu isolieren, welche sich dann möglicherweise verallgemeinern lassen.

In besonderer Dichte treten konfliktbehaftete Situationen auf, nachdem Erec und Enite den heimischen Hof nach der verligen -Szene verlassen haben. Enite steht unter einem Redeverbot ihres Mannes und Erec hat sich zum Ziel gesetzt, seine Ehre durch das Bestehen verschiedener Aventüren wiederherzustellen. Auf Grund einer auffälligen Dichte von Redeszenen im Mittelteil von Hartmanns Erec wird auf diese Passage ein besonderer Fokus gelegt. Spricht Enite vor Beginn ihres „Schweigeverbotes“ lediglich ein einziges Mal, bekommt die Figur parallel zum Verbot eine Stimme[1]. Naheliegend ist es, einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen Enites Sprechen und ihrer Strategie, Konflikte zu lösen, zu vermuten. Möglicherweise ist zu sprechen, überhaupt die einzige Möglichkeit für sie, zu handeln. Erec hingegen – so legt die erste Beobachtung nahe – löst seine Konflikte vor allem körperlich, also durch die Anwendung von Gewalt. Doch lassen sich diese Beobachtungen bestätigen? Gibt es vielleicht weitere Strategien, welche zur Anwendung kommen und kann eine „weibliche“ Konfliktlösungsstrategie erfolgreich sein, wenn sie von einem Mann angewandt wird? Macht es einen Unterschied ob Frauen mit Männern sprechen oder Männer mit Männern? Lassen sich möglicherweise Typologien für den ganzen Roman feststellen? Diese Fragen sollen anhand einer ausführlichen Textanalyse einiger ausgewählter Aventüre-Passagen in Hartmanns Erec beantwortet werden, in denen sich die Protagonisten abseits der höfisch-zivilisierten Welt beweisen müssen. Hierbei soll auch die Bedeutung von Enites Redeverbot vom Ausspruch bis zur Versöhnung berücksichtigt werden, da es der zentrale Konflikt des Paares ist. Um die Besonderheit der inszenierten Mündlichkeit bei Hartmann – in Einzelfällen auch im Kontrast zu Chrétiens Erec – zu beleuchten, wird hier in erster Linie auf die Figurenrede der beiden Protagonisten rekurriert und in einigen Fällen auch der Erzählerbericht sowie die Rede anderer Figuren berücksichtigt. Nachfolgend soll untersucht werden, wer in den ausgewählten Passagen wie viel und mit wem spricht, ob die Kommunikation gelingt und wenn ja, ob Kommunikation eine geeignete Strategie zur Konfliktlösung darstellt. Obendrein gilt es die Frage zu klären, inwiefern sich Erecs und Enites Vorgehen in erster Line und weiterhin das der anderen männlichen und weiblichen Figuren voneinander unterscheiden lassen und ob hierbei Muster festzustellen sind.

Besondere Relevanz für diese Fragen hat die Figurenkonstellation des Minne- und Herrscherpaares Erec und Enite in Hartmanns von Aue Erec. Das Verhältnis zwischen Gewalt und Kommunikation ist für diese Untersuchung ebenso relevant wie das Verhältnis von Sprechen und Schweigen. Da es hierbei immer auch um Machtverhältnisse geht, wird die Rolle von Männern und Frauen in der höfischen Literatur thematisiert und auf Erkenntnisse der Gender-Forschung verwiesen. Dieser Aufsatz knüpft gewissermaßen an die Arbeit Peter Wiels an, der sich bereits 1974 mit den Redeszenen im Erec Hartmanns und Chrétiens beschäftigte.[2] Zunächst muss aber definiert werden, was genau ein „Konflikt“ ist. Durch die Quantifizierung der Redepassagen der Protagonisten soll nachfolgend festgestellt werden, wie die Redeanteile der Protagonisten verteilt sind, um eine Auswahl der zu untersuchenden Passagen zu treffen. Besonders untersuchenswert erscheinen die beiden Grafen-Episoden auf Grund von Enites hohem Redeanteil und die Konflikte mit höfischen und nicht-höfischen Gegnern Erecs sowie die Cadoc-Szene, da hier die einzige weibliche Figur außer Enite in einen Konflikt verwickelt ist, welche auch spricht.

Anschließend folgt eine qualitative Analyse prägnanter Textstellen, um festzustellen, welche Strategien angewandt werden, um Konflikte zu lösen und inwiefern diese Strategien zum einen, einem Geschlecht zuzuordnen sind und zum anderen, dazu beitragen, einen Konflikt abzuwenden oder zu lösen. Zuletzt folgt nach der Einbeziehung der Konfliktlösungsstrategien der jeweiligen Konfliktparteien der ausgewählten Passagen der Versuch einer Typologie und die Zusammenfassung der Ergebnisse sowie ein Ausblick auf weitere potenzielle Untersuchungsgebiete.

2 Konfliktlösungsstrategien – Mittel und Wege

2.1 Konfliktdefinition und Konflikte in Hartmanns Erec

Um den Untersuchungsgegenstand näher einzugrenzen, soll nun zunächst festgelegt werden, was im Folgenden unter „Konflikt“ zu verstehen ist.[3] Konflikt meint also die:

„Spannungen zwischen polaren Gegensätzen, die entweder in Form von Interessen auf das gleiche Gut gerichtet sein können oder aus Gegensätzen resultieren, die unterschiedliche Empfindungen und Überzeugungen zum Ausdruck bringen: Liebe und Hass, Zwietracht und Eintracht, Krieg und Friede, gut und böse. Polare Existenzen oder Seinsweisen können zu Spannungen führen. […]

Dies also, das Aufeinandertreffen unvereinbarer materieller und immaterieller Gegen-sätze und darauf gerichtete Begehrlichkeiten, bestimmen das Handeln der beteiligten Parteien, die gewillt sind, solche Differenzen in ihrem Sinne auszufechten. Eben darauf kommt es an: Gegensätze müssen, um konfliktbestimmend zu sein, in Aktion umgesetzt werden. […]

Nun gibt es in verschiedenen Bereichen menschlicher Aktivitäten unterschiedliche Formen, um ein und dasselbe begehrenswerte Gut zu konkurrieren: es gibt den wirtschaftlichen Wettbewerb, es gibt das Spiel, es gibt die politische Auseinandersetzung, und es gibt schließlich den militärischen Kampf und die gewaltsame Vernichtung. Konflikte werden also mit oder ohne Regeln, mit oder ohne Gewalt ausgetragen und können nach dem Einsatz der Mittel unterschieden werden.“[4]

Weiter unterscheidet Pfetsch als zentrale Gesichtspunkte in der Konfliktforschung: Ursachen, Akteure, Streitgegenstände, Prozessanalyse, Mittel der Konfliktaustragung, -bewältigung oder -lösung und der Bewertung.[5] Der Fokus liegt in diesem Aufsatz besonders auf den Mitteln der Konfliktbewältigung oder -lösung, wie die vorigen Bemerkungen bereits nahelegen. Pfetsch bezieht sich in seinen Ausführungen zwar primär auf politische Konflikte, seine Begriffe erweisen sich aber als abstrahierbar. Er formuliert zur Lösung von Konflikten,

„dass Konflikte dann beendet oder gelöst sind, wenn die Ursachen beseitigt sind, wenn ‚alle Ansprüche für Null erklärt worden sind‘ [Kant], wenn also über die Streitgegenstände kein Dissens mehr besteht, sie somit aus der Sicht der Konfliktparteien nicht mehr existieren. Dauerhafte Lösungen von politischen Konflikten können nur erreicht werden, wenn alle involvierten Parteien freiwillig und ohne Vorbehalt einem Lösungsvorschlag zustimmen; dies kann nur erreicht werden, wenn über alle Streitgegenstände verhandelt und einvernehmlich entschieden wurde.“[6]

Im hier vorliegenden Fall – Konflikten innerhalb fiktionaler Literatur - geht es also vor allem darum, dass die involvierten Akteure, sprich Figuren, darüber übereinkommen, dass der Konflikt aus der Welt geschafft ist – sei es durch Überzeugung, Überlistung oder auch durch Tötung des anderen Akteurs. Eine Spezifizierung wie diese Konfliktlösungen im Fall von Hartmanns Erec nun aussehen können, erfolgt später.

Benötigt wird zunächst ein kurzer Abriss über die Ausgangssituation der hier betrachteten Konfliktlage. Hierbei spielen vor allem die Machtverhältnisse und damit einhergehend die soziale Stellung zwischen den Akteuren der Konflikte eine Rolle sowie auch das Geschlecht der handelnden (und streitenden) Figuren. Zunächst führt ein Konflikt nicht nur zur Abreise von Erec und Enite, sondern der Konflikt innerhalb des Paares besteht über die ganze untersuchte Passage hinweg fort – bis zu seiner Auflösung, bei der Enites Redeverbot auch aufgehoben wird. In der stärkeren, mächtigeren Position ist hierbei klar Erec, der die Möglichkeit hat seiner Frau das Sprechen zu verbieten, den Aufbruch zu befehlen und in der Folge alle Entscheidungen ohne Rücksprache zu treffen. „In the Arthurian world, men are allowed to seek social status actively by performing deeds of physical might: they ’speak.’ Woman rise in status by passive means, being saved or espoused by exemplary men: they remain silent.“[7] merkt McConeghy an. Dies entspricht natürlich den Geschlechterrollen der Zeit. Und doch nimmt Enite eine Rolle ein, die „weit über ihre vermeintliche aktantielle Determination [als zu erringende Frau] hinausgeht“ merkt schon Stock an.[8] Erec hat als Mann die Möglichkeit nach Gutdünken über seine Frau zu entscheiden[9]. Klein beurteilt die Ausgangssituation folgendermaßen:

„Männlichkeit erwirbt sich der Held des höfischen Romans nicht allein durch heroische Gewalt, sondern auch durch die indirekte, strukturelle, durch die personenrechtliche Herrschaft über die Frau nämlich, die ihn mit weitreichenden Verfügungskompetenzen ausstattet; zu ihnen gehören nach mittelalterlichen Rechtsvorstellungen nicht nur umfassende Rechtsvollmachten wie die Verwaltung und Nutzung des Vermögens der Frau, sondern auch das Züchtigungsrecht, die Anwendung physischer Gewalt gegen die Frau für den Fall, daß sie sich eine Verfehlung hat zuschulden kommen lassen.“[10]

Aus dem Redeverbot entstehen sowohl Diskrepanzen zwischen Erec und Enite als Ehe- und Minnegemeinschaft als auch als Kommunikationsgemeinschaft.[11] Indem Erec seiner Frau das Sprechen nach der verligen -Szene bei Todesstrafe verbietet schafft er maximale Distanz in der Beziehung[12]:

mit selher rede er ûz reit

und gebôt sînem wîbe

niuwan bî dem lîbe,

der schœnen vrouwen Ênîten,

daz si muoste vür rîten,

und gebôt ir daz zestunt

daz ze sprechenne ir munt

ze der reise iht ûf kæme,

szwaz si vernæme

oder gesæhe. (3093-3102)

Zwar verlässt oder verbannt Erec seine Frau nicht, schafft aber doch eine Situation, die suggeriert, er sei abwesend – denn er ist für sie nicht ansprechbar oder vielmehr: soll es nicht sein. Über seine Motivation zu dieser Handlung ist schon viel geschrieben und wohl noch mehr gestritten worden. Auf eine Positionierung zur möglichen Handlungsmotivierung Erecs oder zu einer wie auch immer gearteten Schuld Enites wird an dieser Stelle verzichtet, da diese Frage das behandelte Thema nur am Rande tangiert und hier auch nicht abschließend zu klären wäre.[13] Ausführlicher soll hingegen thematisiert werden, wie das Paar seinen Konflikt über die Aventüre -Handlung hinweg zu lösen versucht und wie dies schließlich gelingt.

2.2 Der Ausritt

Zweifellos muss bereits der Anlass, loszureiten, als Konflikt definiert werden. Enite klagt über den öffentlichen Ehrverlust des Paares, wobei ihr Mann, den sie schlafend glaubt, sie hört (3029 ff.). Soweit, so bekannt. Jedoch spricht Enite an dieser Stelle überhaupt erst zum zweiten Mal – nach knapp 3000 Versen und löst mit ihrer Stimme prompt eine Handlung aus. Indem sie Erec an der von ihr aufgenommenen öffentlichen Meinung, welche ihrem Mann ganz offenbar nicht zu Ohren gekommen ist und wohl auch nicht zu Ohren gekommen wäre, teilhaben lässt, fungiert sie quasi als sein Filter für die Öffentlichkeit. Sie ersetzt seine Ohren – Erec ist zu diesem Zeitpunkt der Handlung gewissermaßen sozial-taub[14].

Als er mit Enites Klage konfrontiert ist, fragt er zunächst nach, was „iuwer sorgen“ (3036) seien und als sie nicht antworten will, fordert er eine Erklärung für ihre Worte ein. Als sie jedoch antwortet, was lediglich im Erzählbericht thematisiert und inhaltlich nicht konkretisiert wird: „als er vernam dui mære/waz diu rede wære, er sprach“ (3050-3052), unterbricht er sie mit den Worten es sei „genouc“ (3052). Folgert man aus der anschließenden Handlung – Erec rüstet sich zum Ausritt und befiehlt seiner Frau mitzukommen – liegt es nahe anzunehmen, dass er nicht mehr hören wollte, weil ihm eine weitere verbale Auseinandersetzung unnötig erschien. Aufbrechen, also Handeln, kann hier zunächst als ein Versuch, einen Konflikt zu lösen, gewertet werden. Dass es sein Handeln, also den Ausritt gemeinsam mit seiner Frau, weder ihr noch seinen Knappen oder sonst jemandem am Hof erläutert, ist ein weiteres Indiz hierfür. Allein seine, zudem für alle Figuren am Hof widersprüchlichen[15], Anweisungen zu Ausrüstung von Pferd, der Kleidung seiner Frau und seine Angaben zur Rückkehr werden – jedoch nur indirekt durch den Erzählerbericht – thematisiert. Sich verbal zu erklären scheint er entweder nicht für notwendig zu erachten oder aber schlicht nicht seinem Charakter zu entsprechen[16]. Ein möglicher Interpretationsansatz wäre auch, ihm kommunikative Inkompetenz anzulasten. Diese Thesen gilt es in den folgenden Szenen weiterhin im Auge zu behalten.

Indem er seiner Frau das Reden verbietet und sich vom Hof entfernt, entbindet er sich gleichsam von der Notwendigkeit zu sprechen. Von sich spricht er nicht, so lange Enite ihr Sprechverbot einhält. Die Minnekommunikation ist im Folgenden empfindlich gestört und das gleich auf mehrere Arten. Zum einen da das Redeverbot Enite bei Übertretung der Gefahr aussetzt, getötet zu werden, zum anderen da Erec die Kommunikation verweigert. Eine Schwierigkeit des Konfliktes besteht darin, dass der genaue Konfliktgegenstand unklar bleibt, da eine Erläuterung für den Grund der Strafe fehlt. Fest steht zunächst nur, dass Erec wahlweise nur seine Frau oder sie beide bestraft. Willms charakterisiert die Ausgangssituation so:

„Schweigendes Vorausreiten signalisiert zugleich ein Minimum an Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit der beiden Partner, d. h. Enite wird quasi als ‚Lockvogel‘ vorweggeschickt und dazu optimal ausgestattet, die Zusammengehörigkeit mit Erec auf ein Minimum reduziert, eine Härte, die alsbald gesteigert wird, als ihr zur Strafe für ihren ‘Ungehorsam’ noch die Pferdeknechtsdienste auferlegt werden. Enite also aufs äußerste liebenswürdig und zunehmend bemitleidenswert, Erec aufs äußerste unliebenswürdig, die Gemeinschaft demonstrativ lose - das sind die Konditionen, die Erec zu Beginn der Erprobungsfahrt schafft.“[17]

Aber auch die räumliche Trennung von Tisch und Bett, denn das Paar isst und schläft bis zur Versöhnung nicht mehr zusammen, ganz im Gegensatz zum heimischen Hof und von Erec sicherlich bewusst als Opposition gewählt, trennt das Paar. Erec hat so entschieden und seine Frau ist nicht in der Position sich zu widersetzen.[18] Interessant wird diese demonstrative Trennung jedoch spätestens in den beiden Grafen-Episoden, die sich auch dadurch konstituieren, dass die Grafen vor allem Enites wegen gegen Erec kämpfen. Ihre Schönheit spielt hierbei eine nicht unerhebliche Rolle – sie ist der Konfliktgegenstand, alle Akteure kämpfen ihretwegen. „Erec und Enite diskutieren implizit – durch narrative Technik – die Brüche zwischen den Figurenentwürfen.“[19]

[...]


[1] vgl. Anhang: Tabelle Nr. 1: Enite.

[2] vgl. PETER WIEHL: Die Redeszene als episches Strukturelement in den Erec- und Iwein-Dichtungen Hartmanns von Aue und Chrestiens de Troyes. München 1974.

[3] Diese Arbeit orientiert sich an den Ergebnissen der Konfliktforschung, insbesondere an der Arbeit von: FRANK R. PFETSCH und RÜDIGER BUBNER (Hrsg.): Konflikt. Berlin 2005 (Heidelberger Jahrbücher 48).

[4] PFETSCH 2005. S. 1-2.

[5] vgl. PFETSCH 2005. S. 4-8.

[6] PFETSCH 2005. S. 7.

[7] Patrick M. McConeghy: Women's Speech and Silence in Hartmann von Aue's Erec. In: PMLA 102 (1987), H. 5, S. 772.

[8] MARKUS STOCK: Figur: Zu einem Kernproblem historischer Narratologie. In: Historische Narratologie, mediävistische Perspektiven. Hrsg. von Harald Haferland, Matthias Meyer und Carmen Stange 2010 (Trends in medieval philology v. 19), S. 195.

[9] Gephart spricht z.B. von der „Unterscheidung von sprechenden Männern und stummen Frauen“, Irmgard Gephart: Welt der Frauen, Welt der Männer. In: Archiv für Kulturgeschichte 85 (2003), H. 1, S. 178.

[10] Dorothea Klein: Geschlecht und Gewalt. Zur Konstruktion von Männlichkeit im >Erec< Hartmanns von Aue. In: Matthias Meyer und Hans-Jochen Schiewer: Literarische Leben. Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters. Festschrift für Volker Mertens zum 65. Geburtstag. Berlin 2002. S. 446–467.

[11] Wenn hier im Folgenden von „Minnekommunikation“ die Rede ist, meint dies die Definition von Valeska Lembke: „Die von den höfischen Minnekonzeptionen initiierte Minnekommunikation ist ebenfalls auf unterschiedlichen Ebenen zu beobachten. Der Begriff umfaßt einerseits im weitesten Sinne jede Form des Sprechens von und durch Minne, wie sie in Minnedichtung zur Darstellung gelangt: die Versprachlichung einer Minneerfahrung durch Romanfiguren im Monolog oder Dialog, die Kommunikation zwischen Minnenden unabhängig vom tatsächlichen Inhalt des Gesprächs, die Beschreibung von Minne im Sinne einer Minnelehre durch Figuren oder Erzähler sowie die Diskussion darüber. [...] wobei besondere Aufmerksamkeit der Darstellung der Kommunikation und ihrem Erfolg oder Mißerfolg gilt. (VALESKA LEMBKE: Minnekommunikation. Sprechen über Minne als Spre-chen über Dichtung in Epik und Minnesang um 1200. Zugl.: Oldenburg, Univ., Diss., 2011. Heidelberg 2013 (Studien zur historischen Poetik 14). S. 45.

[12] Vgl. hierzu KLEIN 2002, S. 452.

[13] Die sehr emotional geführte Debatte um die „Schuldfrage“ Enites und die Handlungsmotivierung Erecs soll hier an in einigen Positionen der Forschung illustriert werden: MCCONEGHY beschreibt und beurteilt Erecs Verhalten vor allem anhand der Tatsache, dass der Rezipient nichts über die Motivation Erecs erfährt, da man keine Innenansichten in Form von z.B. Monologen Erecs vorfindet und somit im Unklaren bleibt, was ihn zu seinem Handeln motiviert oder was er damit beabsichtigt. Enite müsse sein Verhalten schlicht akzeptieren, schreibt er weiterhin (MCCONEGHY1987. S. 777-778.). „Immer hat man die Wahl, entweder Hartmanns Erzählerkommentar zu ignorieren und seine Erzählkompetenz zu bemängeln oder ein ‚unbegreifliches Mißverhältnis zwischen Vergehen und Strafe‘ zu konstatieren. Auch die gänzlich neuen Sichtweisen und Problemverlagerungen, die nach einer Reihe unbefriedigender Lösungsversuche zu erscheinen pflegen, haben dieses Dilemma nicht aufheben können.“ positioniert sich Willms (in: Willms, Eva: Ez was durch versuochen getân. In: Orbis Litterarum 52 [1997] H. 2. S. 63.) in ihrem polemischen Beitrag zu dieser Frage, der an einigen Stellen deutlich über das Ziel hinausschießt, auch wenn Teile ihrer Argumentation durchaus nachvollziehbar erscheinen. Sie kritisiert nicht nur massiv und mit teilweise fragwürdigen Argumenten das Vorgehen anderer Forscher, die sich mit dieser Problematik beschäftigt haben, sondern verwendet hierbei auch stark abwertendes Vokabular. Ihr Beitrag ist symptomatisch für die Aufgeregtheit dieser Diskussion. Sie beurteilt die Verzeihens-Szene als „noble Geste“ Erecs, kann sein Handeln aber auch nicht schlüssig erklären. Dass Enite hingegen schon auf Grund ihres Frau-Seins per se die Schule am verligen zuzusprechen, merkt GEPHART an, sei auch eine mögliche Sichtweise, denn ohne Frauen gäbe es keine Möglichkeit zur Ablenkung vom Idealen Ritter-sein (GEPHART 2003, S. 182.). Je nach Perspektive ist Enite also die allein schuldige Verführerin, zumindest mitschuldig oder auch ganz unschuldig am verligen. Dementsprechend wird Erecs Handeln als völlig unmotiviert, willkürlich und grausam oder eben nachvollziehbar und logisch (in seiner Willkür) beurteilt, neben der Möglichkeit es als Bewährung oder Test der Beziehung zu verstehen. Die Diskussion ging so weit, anzunehmen, Enite müsse schon deshalb eine Schuld tragen, da sie ja bestraft werde. Ganze Monografien erschienenen zu diesem Thema, z.B. Wolfgang Wetzlmair: Zum Problem der Schuld im "Erec" und im "Gregorius" Hartmanns von Aue. Zugl.: Graz, Univ., Dipl.-Arb., 1996. Göppingen 1997 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 643). Fritsch-Rößler widmet der Frage, warum Enite denn nun Schweigen solle immerhin ein ganzes Kapitel in: Waltraud Fritsch-Rößler: Finis amoris. Ende, Gefährdung und Wandel von Liebe im hochmittelalterlichen deutschen Roman. Tübingen 1999 (Mannheimer Beiträge zur Sprach- und Literaturwissenschaft 42). Eine Streitfrage bleibt diese Frage weiterhin, ein Konsens scheint unmöglich, auch wenn Stock der Meinung ist, Erecs Verhalten sei bewusst so konstruiert und nicht dazu geeignet, gelesen zu werden. (MARKUS STOCK: Figur: Zu einem Kernproblem historischer Narratologie. In: Historische Narratologie, mediävistische Perspektiven. Hrsg. von Harald Haferland, Matthias Meyer und Carmen Stange 2010 [Trends in medieval philology v. 19], S. 199-200.)

[14] vgl. FRITSCH-RÖßLER 1999. S. 55.

[15] vgl. STOCK. S. 201.

[16] Sein Schweigen bzw. auch das Fehlen von Monologstellen oder ähnlichen Formen, die eine Innenansicht erlauben, stellen auch eine Form der gezielten Sympathielenkung dar. Enite erscheint weitaus sympathischer, da ihre Handlungen und Worte qua (innerem) Monolog plausibel gemacht werden, während der Rezipient über Erecs Motive schlicht nichts erfährt.

[17] Willms 1997. S. 68.

[18] Klein schreibt hierzu: „Erec verfügt über die Aufhebung der ehelichen oder besser: der Minnegemeinschaft und der Kommunikation überhaupt, und er verordnet sich und Enite ein Leben voller Unrast und Fährnisse, in denen seine kriegerische Tüchtigkeit immer wieder aufs Neue herausgefordert werden. Dadurch daß er die Trennung von Tisch und Bett vollzieht und den liebevollen Umgang miteinander, die auf Gegenseitigkeit gründende Emotionalität und Intimität verabschiedet, geht er auf größtmögliche Distanz zu jener Lebensform, die seine kriegerische Lebensform in Frage stellte. Indem er Enite bei Todesstrafe befielt, beim gemeinsamen Ritt stets vorauszureiten und unter allen Umständen zu schweigen [V. 3094-3102], demonstriert er seinen Willen zur Unabhängigkeit und sein Vertrauen auf die eigene Kraft [...].“ Klein 2002. S. 452.

[19] Stock 2010. S. 203.

Details

Seiten
29
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668429499
ISBN (Buch)
9783668429505
Dateigröße
847 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v357263
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Deutsche Phililologie
Note
1,3
Schlagworte
Mediävistik Erec Hartmann von Aue Mittelalterliche Literatur Chrétien de Troyes Gender Minne Figurenrede Mittelalter

Autor

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Titel: Mit Worten oder mit dem Schwert? Männliche und weibliche Konfliktlösungsstrategien in Hartmanns von Aue "Erec"