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Andreas Gryphius zwischen Macht und Moral

Hausarbeit 2012 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des barocken Trauerspiels
2.1 Themen des Trauerspiels und die äußere Form
2.2 Spezifizierung des Inhalts und Abgrenzung zur Tragödie
2.3 Das Trauerspiel bei Gryphius

3. Brenners Zugang zu den Trauerspielen von Andreas Gryphius
3.1 Brenners Thesen und Lesart
3.2 Staatsrechtstheorie im 17. Jahrhundert: Hobbes und sein Einfluss auf Andreas Gryphius
3.3 „Macht“ und „Moral“ bei Gryphius

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Thematik des Märtyrertods in den Trauerspielen von Andreas Gryphius. Hierbei wird sich vor allem auf den von Professor Peter J. Brenner verfassten Aufsatz „Der Tod des Märtyrers – „Macht“ und „Moral“ in den Trauerspielen von Andreas Gryphius“ und dessen Thesen auseinandergesetzt. Der Aufsatz ist erschienen in der „Deutschen Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte im Jahr 1988. Laut Brenner stellt Gryphius durch die Hinrichtung der Märtyrer die moralischen Ansprüche des Individuums mit den juristischen Ansprüchen des Absolutismus gleich – daraus ergibt sich ein unauflösbares Dilemma.[1] Im Folgenden sollen nun die Eigenschaften des barocken Trauerspiels benannt und Brenners Behauptungen näher untersucht werden. Abschließend steht ein Fazit mit eigener Meinung zu den genannten Thesen.

2. Definition des barocken Trauerspiels

Im Folgenden versuche ich, die äußere und die innere Form des barocken Trauerspiels zu beschreiben. Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit werde ich mich hierbei nur auf einige Punkte beziehen können.

2.1 Themen des Trauerspiels und die äußere Form

Neben der Bezeichnung „barockes“ Trauerspiel sind auch die Bezeichnungen „deutsches“ oder „schlesisches“ Trauerspiel zu finden.[2] Im barocken Trauerspiel werden höchste Stoffe behandelt, wichtig ist, dass eine große Fallhöhe vorhanden ist, wie es beispielsweise bei einem ins Unglück gestürzten Fürsten der Fall ist. Behandelt werden vor allem historische Stoffe. Aufgeführt wurden die Trauerspiele in Schultheatern. Das barocke Trauerspiel besteht aus fünf Abhandlungen, dabei wird auf die Einhaltung der Aristotelischen Einheiten Handlung, Ort und Zeit geachtet. Chöre, Reyen genannt, kommentieren das Geschehen am Ende der Akte. Außerhalb des Reyens ist der Alexandriner das vorherrschende Versmaß.[3]

2.2 Spezifizierung des Inhalts und Abgrenzung zur Tragödie

Der Dichter Martin Opitz (1597 – 1639) befasst sich mit den thematischen Inhalten des Trauerspiels. Es handelt laut Opitz nur von Königlichem willen / Todtschlägen / verzweiffelungen / Kinder- und Vatermördern / brande / blutschanden / kriege und auffruhr / klagen / heulen / seuffzen und dergleichen[4]. Der deutsche Philosoph und Literaturkritiker Walter Benjamin (1892 – 1940) gilt mit seinem Werk „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ als Pionier in der Erforschung des Trauerspiels.[5] Walter Benjamin grenzt die Tragödie vom Trauerspiel wie folgt ab:

Denn deren [der Tragödie] Gegenstand ist nicht Geschichte, sondern Mythos, und die tragische Stellung wird den dramatis personae nicht durch den Stand – das absolute Königtum – sondern durch die vorgeschichtliche Epoche ihres Daseins – vergangenes Heroentum – angewiesen. Im Sinne des Opitz ist es nicht die Auseinandersetzung mit Gott und Schicksal, die Vergegenwärtigung einer uralten Vergangenheit, die Schicksal des lebendigen Volkstums sind, sondern die Bewährung der fürstlichen Tugenden, die Darstellung der fürstlichen Laster, die Einsicht in den diplomatischen Betrieb und die Handhabung aller politischen Machinationen, welche den Monarchen zur Hauptperson des Trauerspiels bestimmt.[6]

Das Trauerspiel kann also als Geschichtsdrama bezeichnet werden.[7] Es ist jedoch nicht eines, das traurig macht, als vielmehr jenes, über dem die Trauer ihr Genügen findet: Spiel vor Traurigen.[8]

2.3 Das Trauerspiel bei Gryphius

Gryphius selbst äußert sich nicht direkt zu seinen eigenen Vorstellungen über das Trauerspiel, es gibt jedoch eine Bemerkung in der Vorrede des „Leo Armenius“[9]: Die Alten gleichwol haben diese Art zu schreiben nicht gar so geringe gehalten / sondern als ein bequemes Mittel menschliche Gemuetter von allerhand unartigen und schaedlichen Neigungen zu saeubern / geruehmet.[10] Hierbei wird zum einen die Nützlichkeit des Trauerspiels benannt, zum anderen werden mit der Formulierung unartige und schaedliche Neigungen auch ethische Werte angesprochen, die in Verbindung zu tatsächlichen politischen Ereignissen stehen.[11] Denn weiter heißt es bei Gryphius: Gleichwol muß ich nur erinnern das / was bey regierenden Fuersten / theils gelobet / theils nicht gestattet wird.[12]

Gryphius klammert das Thema der Liebe und des Hofierens für das Trauerspiel in ebenjenem Vorwort aus:

Die jenigen welche in diese Ketzerey gerathen / als koente kein Trauerspiel sonder Liebe und Bulerey vollkommen seyn: werden hierbey erinnert / daß wir diese / den Alten unbekandte Meinung noch nicht zu glauben gesonnen / und desselben Werck schlechten Ruhms wuerdig achten / welcher unlaengst einen heiligen Maertyrer zu dem Kampff gefuehret / und demselben wider den Grund der Wahrheit eine Ehefrau zugeordnet / welche schier mit ihrem Buhlen / als der Gefangene mit dem Richter zu thun findet…[13]

In den Trauerspielen von Andreas Gryphius wird das menschliche Verhalten im Umgang mit Macht und im Gebrauch derer thematisiert.[14]

3. Brenners Zugang zu den Trauerspielen von Andreas Gryphius

3.1 Brenners Thesen und Lesart

Brenner ist der Ansicht, dass sich insbesondere die ältere Forschung lang an dem von Gryphius persönlich vorgegebenen Verständnismodell angelehnt hat, wodurch die den Dramen zugrunde liegende heilgeschichtliche Weltauslegung aufgezeigt wird.[15] Brenner befindet dies per se für richtig, bemängelt jedoch fehlende Erklärungen für den Umstand, das Gryphius sich auf eben dann auf jene heilsgeschichtliche Weltsicht zurückzieht, als in weiten Teilen Europas das moderne Denken Einzug erhält.[16]

Neben der Vernachlässigung der fortschrittlichen Dimension von Gryphius` Texten durch die ältere Forschung, gilt es für Brenner außerdem zu erwähnen, dass im Gegenzug die neuere Forschung die bereits oben angeführte heilsgeschichtliche Dimension etwas außer Acht lässt.[17]

Es stellt sich für Brenner somit die Frage nach der Funktion der Einbettung dieser traditionellen Elemente in eine neuzeitliche und modernere Gesellschaft, wobei er zunächst eine Analyse der Hinrichtungsszenen aus den Stücken „Catharina von Georgien“[18] (ca.1649/50) und „Papinian“[19] (1659) heranzieht. Hier sieht Brenner die Möglichkeiten zu zwei Interpretationsperspektiven: Die Perspektive der Heilsgeschichte, wobei die Hinrichtungsszenen als ein Sinnbild der Vergänglichkeit fungieren, um die Zuschauer unempfindlich werden zu lassen dem Leid der Welt gegenüber – stattdessen sollen die unerschrockenen Märtyrer dem Publikum ein Vorbild sein.[20]

Zieht man jedoch statt der heilsgeschichtlichen die politische Interpretationsweise heran, so können die Exekutionen als Ergebnis der Willkür von Tyrannen erachtet werden und das ganz und gar qualvolle Sterben der Protagonisten als Verdeutlichung der Schlechtigkeit dieser illegitimen Herrscher.[21]

Brenner selbst führt jedoch Gründe an, die gegen seine These der heilsgeschichtlichen Sichtweise sprechen: So hätte Gryphius bei der Beschreibung der genannten Hinrichtungen die Qualen der Figuren weitaus intensiver ausfallen lassen können, als beispielsweise bei Papinian, der durch seine Enthauptung wohl einen vergleichsweise raschen Tod sterben darf.[22]

Weitere Indizien sind die metaphorische Sprache und der Umstand, dass die den Figuren zugefügten Grausamkeiten nicht auf der Bühne dargestellt werden – typisch ist das für Gryphius nicht: In der Tragödie „Felicitas“ von Nicolaus Caussinus, die Gryphius übersetzte, ist er in der Schilderung von Folter deutlich rigoroser.[23]

Die These, die Schilderung der Szenen seien die Zurschaustellung der Tyrannenwillkür, widerlegt Brenner ebenfalls selbst, indem er darlegt, dass sich die Handlungen der Herrscher, beispielsweise bezüglich der Durchführungen von Bestrafungen, mit dem Rechtssystem ihrer Zeit im Einklang bewegen.[24] So kann sich Chach Abas, der Gegenspieler der Catharina von Georgien, auf geltendes Recht berufen und die Vergehen, die Catharina vorgeworfen werden, auch benennen.[25] So heißt es zum Beispiel in der zweiten Abhandlung:

Die/ die Er frey begehrt/ hat (wie die Recht` es geben)

Reich/ Cron und Hals verschertzt.[26]

Catharina hat also Krone, Reich und den siegreichen Kaiser verlacht und beschmutzt.[27]

Und auch Papinian lässt sein Leben nicht als Opfer eines übermächtigen und gewalttätigen Herrschers, er stirbt vielmehr, weil er sich dem Rechtsanspruch des Staates nicht entziehen kann oder möchte.[28]

Allerdings entsteht aus den bewiesenermaßen rechtmäßigen Hinrichtungen der Märtyrer seitens der Monarchen ein Dilemma. Denn der Märtyrer, der dem Publikum ja eigentlich als Vorbild dienen sollte, avanciert selbst durch eben diese legitimen Exekutionen zum Gesetzesbrecher. Gryphius stellt den Märtyrer daher unter höheres, heilsgeschichtlich abgesichertes Recht.[29]

3.2 Staatsrechtstheorie im 17. Jahrhundert: Hobbes und sein Einfluss auf Andreas Gryphius

Um die Argumentationen der Machtträger in Gryphius` Werken nachvollziehen zu können, muss man sich näher der Staatstheorie des 17. Jahrhunderts widmen. Hier ist der Fürst selbst kein Individuum und auch seine Handlungen sind nicht persönlich motiviert, sondern Ausdruck der Staatsräson.[30] Der Fürst ist uneingeschränkt souverän, jeder Widerstand gegen ihn ist streng untersagt, da er einem Widerstand gegen den Staat selbst darstellt.[31] Allein mit Hilfe dieser Theorie lässt sich die Problematik der Reichseinheit, die gegen eventuelle Gefahren durch Bürgerkrieg zu schützen ist, im modernen absolutistischen Staat lösen.[32]

Unter diesem Aspekt muss festgestellt werden, dass die Märtyrer in den angeführten Werken von Gryphius durch ihre wie auch immer geartete Zuwiderhandlung gegen den Fürsten (und somit eben auch gegen den Staat) rechtmäßig die Todesstrafe erhalten haben.[33]

Die Aktualität von Gryphius` Darstellungen beweist ein Blick auf den Staatstheoretiker und Philosophen Thomas Hobbes ( 1588 – 1679), der sowohl im „Leviathan“ (1651) als auch in „De cive“ (1642) der gleiche Frage wie Gryphius auf den Grund geht: Wie vermeidet man Bürgerkriege und befriedet den Staat?[34] Hobbes, an sich ein Verfechter des Absolutismus, benennt mit den von ihm als gleichbedeutend erachteten Begriffen „Gewissen“, „Glaube“ und „Meinung“ einen Raum eines auch für den Staat unangreifbaren Individualrechts.[35]

Der Staat darf den Menschen, so Hobbes, Glaube, Meinung und Denken nicht vorschreiben – dies gilt zumindest für das Innere, für das Seelenleben der Untertanen, obschon sie nach außen hin strikt den Grenzen und Gesetzen des Staates unterliegen, wie auch Catharina von Georgien und Papinian erfahren müssen.[36] So empfiehlt Hobbes in seinem Werk „De cive“ bei einem Widerspruch des eigenen Gewissens mit den Gesetzen des Staates den Märtyrertod.[37]

Für Gryphius entspringt der absolutistische Herrschaftsanspruch dem Gottesgnadentum, auf Grund dessen die Menschen auch kein Recht zum offenen Aufbegehren gegen ihren Herrscher haben. Papinians Widerstand gegen Bassian jedoch ist eher von passiver Natur und damit für Gryphius akzeptabel.[38]

3.3 „Macht“ und „Moral“ bei Gryphius

Das Gewissen, welches in dieser Zeit als Samen aufkommender Individualrechte gesehen werden kann, spielt auch bei Gryphius eine nicht unbedeutende Rolle: Bei ihm nimmt eben jenes die Rolle eines säkularen Vorgangs ein, aus dem der Konflikt zwischen Staat und Individuum und somit der wesentliche Konflikt der Staatstheorie hervorgeht.[39]

[...]


[1] Brenner, S. 246.

[2] Bremer, S. 189.

[3] Bremer, S. 190.

[4] Sommer/ Opitz, S. 27.

[5] Bremer, S. 189.

[6] Benjamin, http://www.textlog.de/benjamin-geschichte-gehalt-trauerspiels-trauerspiel-tragoedie.html

[7] Meid, S. 406

[8] Benjamin, http://www.textlog.de/benjamin-trauer-tragik-trauerspiel-tragoedie.html

[9] Reichelt, S. 35.

[10] Reichelt, S. 35.

[11] Reichelt, S. 35.

[12] Reichelt, S. 35.

[13] Mannack/ Gryphius, S. 12 f.

[14] Arnold, S. 35.

[15] Brenner, S. 246 f.

[16] Brenner, S. 247.

[17] Brenner, S. 248.

[18] Haas/ Gryphius, V 65 ff.

[19] Barth/ Gryphius, V 299ff.

[20] Brenner, S. 248 f.

[21] Brenner, S. 249.

[22] Brenner, S. 249.

[23] Brenner, S. 250.

[24] Brenner, S. 251.

[25] Brenner, S. 252.

[26] Haas/ Gryphius, II 178 f.

[27] Brenner, S. 252.

[28] Brenner, S. 253.

[29] Brenner, S.256.

[30] Brenner, S. 254.

[31] Brenner, S. 255.

[32] Brenner, S. 255.

[33] Brenner, S. 256.

[34] Brenner, S. 258.

[35] Brenner, S. 259.

[36] Brenner, S. 260.

[37] Brenner, S. 262.

[38] Reichelt, S. 42.

[39] Brenner, S. 260.

Details

Seiten
11
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668429338
ISBN (Buch)
9783668429345
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v357317
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur/ Frühe Neuzeit
Note
1,7
Schlagworte
Frühe Neuzeit Andreas Gryphius Märtyrer

Autor

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