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Das Menschenbild des Homo oeconomicus. Kritik und Alternativen

Ausarbeitung 2016 23 Seiten

Ingenieurwissenschaften - Wirtschaftsingenieurwesen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abkürzungsverzeichnis

1. Das Menschenbild des Homo oeconomicus - Kritik und Alternativen
1.1. Einleitung
1.2. Zielsetzung
1.3. Aufbau der Arbeit

2. Der Homo Oeconomicus
2.1. Ursprung des Konzepts und seine Wirkung
2.2. Die Annahmen des ökonomischen Verhaltensmodells
2.3. Eigenständigkeit der Entscheidung:
2.4. Zum Begriff der Rationalität
2.4.1. Vollständige Rationalität
2.4.2. Begrenzte Rationalität

3. Der Homo Oeconomicus als Erklärungsmodell
3.1. „Heuristische Fiktion“ oder reales Menschenbild
3.2. Abstraktion von der Gesamtheit
3.3. Restriktive Annahmen

4. Das Modell des Homo Oeconomicus in der Kritik

5. Erweiterungen des Konzepts des Homo Oeconomicus

6. Ausblick

II. Literaturverzeichnis

I. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Das Menschenbild des Homo oeconomicus - Kritik und Alternativen

1.1. Einleitung

Mit dem Homo Oeconomicus als rational und eigenständig entscheidendes und handelndes Individuum haben die Wirtschaftswissenschaften einen Ansatz zur Erklärung individuellen Verhaltens hervorgebracht, der über die Wirtschaftswissenschaften hinaus, auch Einklang in „benachbarte“ Wissenschaften wie der Soziologie, Psychologie, aber auch der Politologie und der Rechtswissenschaft gefunden hat.1

Über die Erklärung individuellen Handelns hinaus lassen sich aus diesem Konzept auch Aussagen über soziale Sachverhalte auf Basis aggregierter, individueller Entscheidungen und Handlungen ableiten.

Wenngleich der Ansatz über die Wirtschaftswissenschaften hinaus einige bedeutsame Erkenntnisfortschritte erzielt hat, so kam und kommt es gerade hierbei immer wieder zu Interpretation- und Deutungsschwierigkeiten, die sich mitunter in sehr emotional geführten Diskussionen und Kritiken gegenüber dem ökonomischen Verhaltensmodells des Homo Oeconomicus erstrecken.

1.2. Zielsetzung

Im Rahmen dieser Arbeit wird zunächst das Modell des Homo Oeconomicus vorgestellt und näher beleuchtet. Hierbei wird dargelegt, welches Menschenbild diesem zugrunde liegt. Bereits in der Einleitung wurde erwähnt, dass der Homo Oeconomicus eigenstän- dig und rational handelt. Doch was versteht man genau darunter? Da das Modell des Homo Oeconomicus bereits seit seiner Einführung (nicht nur aus Bereichen außerhalb der Wirtschaftswissenschaften) heftiger Kritik unterworfen ist, gilt es zunächst die we- sentlichen Kritikpunkte herauszustellen und zu erklären. In diesem Zusammenhang stellen sich auch die folgenden Fragen:

- Handelt der Homo Oeconomicus wirklich vollständig rational und eigenständig?
- Liegt dem Konzept ein realistisches Menschenbild zugrunde oder handelt es sich vielmehr um eine Heuristik, ein Erklärungskonzept?

Abschließend gilt es die Frage zu klären, welche alternativen Konzepte, außer dem Homo Oeconomicus diskutiert werden und wie sich diese unterscheiden.

1.3. Aufbau der Arbeit

Diese Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel. Nach dem einleitenden Kapitel wird im zweiten Kapitel der Homo Oeconomicus mit den wesentlichen ihm zugrundeliegenden Annahmen vorgestellt. Hierbei wird explizit auf die Rationalitätskriterien und die Eigenständigkeit seiner Entscheidungen eingegangen.

Das dritte Kapitel setzt sich mit dem Homo Oeconomicus als Erklärungskonzept für kollektives Verhalten auseinander. Das darauf folgende Kapitel vier hebt die wesentlichen Kritiken am ökonomischen Verhaltensmodell heraus und leitet dann im fünften Kapitel zu möglichen Erweiterungen dieses Ansatzes über.

Diese Ausarbeitung endet mit einem Ausblick und einer Schlussbetrachtung.

2. Der Homo Oeconomicus

2.1. Ursprung des Konzepts und seine Wirkung

Historisch betrachtet stammt das Modell des Homo Oeconomicus aus der klassischen Nationalökonomie, die ihrerseits auf Überlegungen und Äußerungen bis hin zur griechi- schen Antike zurückgriffen.2 Während das Modell des Homo Oeconomicus zunächst danach ausgelegt war, individuelles Verhalten darzustellen, erfolgten im Rahmen des methodologischen Individualismus Erweiterungen, um auch kollektives Verhalten in Form der Aggregation individueller Entscheidungen beschreiben zu können.3 Darauf aufbauend wird mittlerweile das Verhaltensmodell aggregierten menschlichen Handelns nun auch zur Analyse anderer gesellschaftlicher Prozesse herangezogen.

Wenngleich das Konzept auch in anderen Sozialwissenschaften mit Erfolg Eingang erhalten hat, so wird es nach wie vor vorrangig in der Ökonomie eingesetzt.

2.2. Die Annahmen des ökonomischen Verhaltensmodells

Die Handlung, die dem Homo Oeconomicus zugrunde liegt, ist als eine eigenständige, rationale Auswahl aus Alternativen zu verstehen.4 Sein Verhalten lässt sich anhand sei- ner Präferenzen beschreiben sowie der Restriktionen, die seinen Handlungsspielraum begrenzen. Zwei wesentliche Punkte sind für ein Individuum wichtig, sich zwischen ver- schiedenen Alternativen im Rahmen des ökonomischen Verhaltensmodells zu ent- scheiden. Zum einen ist das die Eigenständigkeit der Entscheidung, zum anderen seine Präferenzen. Diese werden als konstant angesehen, so dass Verhaltensänderungen auf leichter beobachtbare und messbare Kosten- bzw. Restriktionsänderungen zurück- geführt werden können.5 Hierbei ist es wichtig klarzustellen, wie eigenständiges, ratio- nales Handeln im Rahmen des ökonomischen Verhaltensmodells zu verstehen ist. Da der Mensch jedoch nicht alleine, sondern in einer Gesellschaft lebt, muss auch die Be- deutung von Normen und Regeln, die ebenso Restriktionen darstellen, für das mensch- liche Verhalten näher beleuchtet werden.6

2.3. Eigenständigkeit der Entscheidung:

In der Regel geht man im Rahmen des ökonomischen Verhaltensmodells vom sogenannten Eigennutzaxiom aus. Dies besagt, dass das Individuum entsprechend seiner eigenen Interessen und Präferenzen, nicht aber nach denen anderer handelt. Missgunst, Neid und Altruismus sind somit ausgeschlossen.7

Da der Mensch nicht alleine lebt, bzw. leben kann, sondern in einem sozialen Umfeld, sind soziale Orientierungen und Motive in seinen Präferenzen enthalten. Nun kann man hier bereits kritisch anmerken, dass gerade weil der Mensch in einem sozialen Umfeld agiert, es in einer Vielzahl an Fällen Rückkopplungen des individuellen Verhaltens auf das soziale Ergebnis gibt. So kann das soziale Ergebnis der individuellen Handlungen sehr unterschiedlich sein, je nachdem, ob sich die Individuen rein eigennützig oder bspw. kooperativ verhalten.8 Tatsächlich kann man beobachten, dass sich viele Indivi- duen kooperativ verhalten, auch im Hinblick darauf, wie sich ein Gegenüber möglicherweise verhalten würde.9

2.4. Zum Begriff der Rationalität

Der Begriff „Rationalität” bezieht sich auf das Verhalten von Wirtschaftssubjekten (Produzenten und Konsumenten) in Entscheidungssituationen. Das ökonomische Verhaltensmodell setzt voraus, dass sich die Menschen rational verhalten. Nach Eidenm ü ller 10 bedeutet dies, dass ein Mensch, der vor zwei Handlungsalternativen steht, angeben kann, welche der beiden er vorzieht oder ob er indifferent ist. Rationalität bedeutet mit anderen Worten, dass der Mensch eine „Präferenzordnung“ hat.11

Grundsätzlich lassen sich zwei Formen der Rationalität unterscheiden. Zum einen gibt es die formale, zum anderen die substanzielle Rationalität. Die formale Rationalität be- zieht sich auf die Art und Weise, wie ein Individuum seine Entscheidungen trifft. Trifft es diese systematisch aus den ihm zur Verfügung stehenden Alternativen und handelt es auch entsprechend, so ist dies rational. Die formale Rationalität testet und bestätigt so- mit die logische Folgerichtigkeit und Konsistenz aller Handlungen. Eine solche Überprü- fung ist für einen externen Beobachter nur dann möglich, wenn ihm die vorliegenden Situationselemente bekannt sind.12

Dies bedeutet, dass je nachdem, welches Wertesystem (mit den entsprechenden Re- geln und Normen) dem Individuum zugrunde liegt, fast jedes Handeln als rational ange- sehen werden kann. Herder - Dorneich/Groser verdeutlichen dies mit folgendem Beispiel: „Der Mönch, der auf alles verzichtet, und der Gangster, der alles an sich reißt, handeln beide innerhalb ihres jeweiligen Wertesystems rein formal gesehen rational“.13 Denn entscheidet und handelt man bewusst gegen verinnerlichte (und auch damit selbst ak- zeptierte) Normen und Regeln, entstehen psychische Kosten (z.B. schlechtes Gewis- sen).14 Dies klingt zwar plausibel und wissenschaftlich überzeugend, führt aber im Rahmen des ökonomischen Verhaltensmodells zu erheblichen Problemen, weil mit ihnen letztlich jedes Verhalten erklärt, aber keines ausgeschlossen wird. Demnach handeln Menschen immer nach ihren eigenen Interessen, was den empirischen Gehalt und die Erklärungskraft des Modells aufweicht.15 Kirchg ä ssner empfiehlt daher, „[…]wann immer dies möglich erscheint, auf die Einbeziehung psychischer Kosten zur Erklärung menschlichen Verhaltens zu verzichten.“16

Da sich das Handeln eines Individuums auf ein bestimmtes Ziel - seine Nutzenmaximie- rung - bezieht, ist das Verhalten des Homo Oeconomicus nicht nur formal sondern auch substanziell rational. Gerade die Fähigkeit, sich bewusst Ziele zu setzen und das eige- ne Handeln auf die Erreichung dieser auszurichten sind für die Analyse menschlichen Handelns von zentraler Bedeutung. Somit wird die substanzielle, also die zielgerichtete Rationalität zum grundlegenden Erklärungsprinzip menschlichen Handelns.17

Neben den Formen der Rationalität gibt es verschiedene Grade: die vollständige Rationalität sowie die begrenzte bzw. eingeschränkte Rationalität, mit der wir uns nachfolgend näher beschäftigen.

2.4.1. Vollständige Rationalität

Dem Homo Oeconomicus, wie er in den klassischen und neoklassischen Theorien dargestellt ist, liegen in der Regel folgenden Annahmen zugrunde:

1. Er verfügt über vollständige Informationen und ist in der Lage sofort und aus al- len ihm zur Verfügung stehenden Alternativen die für ihn beste herauszufinden.
2. Er kennt seine eigenen Präferenzen genau.
3. Seine Präferenzen sind (zeit-)stabil.
4. Er möchte seinen eigenen Nutzen maximieren.

Diese Annahmen werden nicht widerspruchsfrei akzeptiert, da sie in der Realität so nicht vorkommen werden. Bspw. vollständige Transparenz anzunehmen und die Mög- lichkeit alle vorhandenen Daten (zugleich) zu analysieren, ist unrealistisch.18 Die aus einem solchen Modell abgeleiteten Verhaltensnormen stimmen folglich so nicht mit den tatsächlichen Verhaltensweisen von Individuen überein.

Eine solche Übereinstimmung wird von der ökonomischen Theorie nicht erwartet. Diese Annahmen erlauben es jedoch, Handlungsempfehlungen zu geben, da das fokussierte Problem in übergeordneten Strukturen gesehen wird und die Folgen von Handlungen betrachtet werden. Das rationale Vorgehen wird somit als Annahme gesetzt, um die Komplexität der Betrachtung zu reduzieren.19

Rationalität ist hierbei nicht so zu verstehen, dass ein Individuum in allen Situationen und in jedem Augenblick optimal handelt. Diese Zuspitzung des Rationalitätsprinzips stellt ein Zerrbild des Homo Oeconomicus dar, das bis heute in vielen Lehrbüchern der Mikroökonomie zu finden ist. Rationalität ist vielmehr dahingehend zu verstehen, dass das Individuum gemäß seinem relativen Vorteil handelt.

2.4.2. Begrenzte Rationalität

Der Großteil der Kritik und des Widerspruchs bezieht sich nicht auf das Verhaltensmodell selbst, als vielmehr auf die vollständige Rationalitätsannahme. Diese Annahme entspricht auch nicht (mehr) der modernen Interpretation des ökonomischen Verhaltensmodells.20 Sie ist unrealistisch und empirisch widerlegt.21

Der Mensch ist nach Simon „intendedly rational, but only limited so“.22 Um ebendiese Diskrepanz zwischen ökonomischen Modellen und dem tatsächlichen Verhalten von Individuen abzubauen, wurden neue Modelle entwickelt, die den beschränkten Möglichkeiten Rechnung tragen sollen. Sargent spricht von „…a theory with behavioral foundations by eliminating the asymmetry that rational expectations build in between the agents in the model and the econometrician who is estimating it. We can interpret the idea of bounded rationality broadly as a research program to build models populated by agents who behave like working economists or econometricians.”23

[...]


1 Vgl. Kirchgässner, G. (2013); S. 152ff.: Dieses Vordringen in „fremde Gebiete" wird in diesen Wissenschaften zum Teil als „ökonomischer Imperialismus" empfunden was im Bereich der Sozialwissenschaften im Prinzip nichts Ungewöhnliches ist. Gerade bei den Rechtswissenschaften ist ein besonders großer „Imperialismus" ausgeprägt, da rechtliche Belange in nahezu allen Lebensbereiche hineinspielen. Ähnliches gilt für Soziologische und Psychologische Erkenntnisse.

2 Vgl. Kirchgässner, G. (2013); S. 66.

3 Vgl. Kirchgässner, G. (2013); S. 23. Die Erklärung kollektiven Verhaltens als Aggregation individueller Entscheidungen steht hierbei im Gegensatz zur traditionellen Soziologie, die ein eigenes Interesse und Handeln von Kollektiven und somit entsprechende Gruppendynamiken und -prozesse unterstellt.

4 A.d.V.: Zu den Interpretationen des „modernen" Homo Oeconomicus kommen wir bei der näheren Betrachtung der begrenzten Rationalität (Kapitel 2.4.2) sowie im Kapitel 4, in dem nochmals explizit auf die Kritik am Homo Oeconomicus sowie möglichen Erweiterungen dieses Modells eingegangen wird.

5 Vgl. Wallacher, J. (2003); S. 763.

6 Vgl. Kirchgässner, G. (2013); S. 13.

7 Vgl. Kirchgässner, G. (2013); S. 16.

8 a A.d.V.: Auf die Auswirkungen von Normen und Regeln wird explizit nochmals in Kapitel 2.4.2 eingegangen. Nach Kirchgässner, G. (2006); S. 99 versteht man unter kooperativem Verhalten ein Verhalten, das sich an bestimmten Regeln oder Normen orientiert, deren überwiegende Einhaltung für alle Mitglieder der Gesellschaft oder Gruppe von Vorteil ist, deren Einhaltung jedoch nicht durch explizite Sanktionen erzwungen wird, bzw. möglicherweise gar nicht erzwungen werden kann, so dass die Möglich-

keit zu Abweichung von der Regel gegeben ist. Während ein rein eigennütziges Individuum eine solche Regel oder Norm brechen würde, um seinen Nutzen zu optimieren, hält sich ein kooperierendes Individuum an sie und vergibt damit einen möglichen individuellen Nutzen bzw. Vorteil.

9 Vgl. Kirchgässner, G. (2013); S. 53: Kooperationen führen nicht notwendigerweise zu einem gesellschaftlich besseren Ergebnis. Bspw. lassen sich durch Kartellbildung Kooperationen erzielen, die auch (unbeteiligte) Dritte schlechter stellen. Eine solche Dilemmastruktur stellt bspw. das bekannte Gefangenendilemma aus der Spieltheorie dar.

10 Vgl. Eidenmüller, H. (1995); S. 29. Etwas weiter gehen Schäfer und Ott, die ein Verhalten als rational bezeichnen, das die bestmögliche Zweck-Mittel-Relation erreicht - vgl. Schäfer, H.-B.; Ott, C. (2012); S. 51. Damit verstehen sie Rationalität gewissermaßen als die Fähigkeit zur Eigennützigkeit.

11 Vgl. Reich, M. (2006); S. 25.

12 Vgl. Gäfgen, G. (1963); S. 24f.

13 Herder-Dorneich, P.; Groser M. (1977); S. 27.

14 A.d.V.: Oie psychischen Kosten können unter Umständen höher sein, als die beobachtbaren „realen" Kosten einer Handlung oder einer unterlassenen Handlung.

15 Vgl. Topisch, E. (1965); S. 59f.

16 Kirchgässner, G. (2013); S. 60f.

17 Vgl. Suchanek, A. (1994); S. 85ff.

18 Vgl. Raub. W.; Voss, T. (1981); S. 42.

19 Vgl. Riesenhuber, M. (2006); S. 34.

20 Vgl. Kirchgässner, G. (2013); S. 17.; sowie vgl. Arrow, K. J. (1986); S. 385-399.

21 Vgl. Kirchgässner, G. (2013); S. 29.

22 Simon, H. A. (1961): S. xxiv.

23 Sargent, T. J. (1993); S. 21f.

Details

Seiten
23
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668431522
ISBN (Buch)
9783668431539
Dateigröße
726 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v357337
Institution / Hochschule
AKAD University, ehem. AKAD Fachhochschule Stuttgart – Wirtschaftsingenieurswesen
Note
1,3
Schlagworte
Homo Oeconomicus Rationalität Reciprocans Sociologicus

Autor

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Titel: Das Menschenbild des Homo oeconomicus. Kritik und Alternativen