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Prädiktoren für Gewaltbereitschaft bei Minderjährigen im Alter von 11 bis 17 Jahren. Eine Modellbildung anhand der KiGGS-Basiserhebung

Hausarbeit 2017 73 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Begriffsklärungen Gewalt, Aggression, Delinquenz
2.2 Ontogenese von Gewalt und Aggression
2.3 Potenziell relevante Einflussfaktoren: Jugendgewalt

3 Fragestellungen und Hypothesen

4 Methodik
4.1 Datengrundlage: KiGGS-Basiserhebung 2003-2006
4.2 Stichprobenbeschreibung
4.3 Variablen: wählen, operationalisieren, umkodieren
4.3.1 Abhängige Variable: Gewalttäter
4.3.2 Unabhängige (erklärende) Variablen
4.4 Statistische Analyse: bivariate Teststatistik
4.5 Multivariate Statistik: binär logistische Regression

5 Ergebnisse
5.1 Bivariate Statistik: Beantwortung der Hypothesen
5.2 Multivariate Statistik: Logit-Modell via Einschluss

6 Diskussion
6.1 Methodendiskussion
6.2 Ergebnissdiskussion

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhangsverzeichnis

Vorwort

Diese Hausarbeit richtet sich an die in der Gewaltprävention und Jugendsozialarbeit tätigen und ist als Hilfsmittel für die Programmentwicklung gedacht. Es fällt auf, dass die Präven- tionsforschung überwiegend opferbezogen ist. Jedoch sollten Täter, als Auslöser gravie- render Folgen, ebenso im Fokus des präventiven Handelns stehen. Über die Medien wird diese Forderung durch immer brutalere Gewaltextrema verdeutlicht. Freilich sind U-Bahn- treter, Obdachlosenanzünder, Amokläufer und Anschläge nicht die Regel, doch wurden uns die schmerzlichen Folgen solcher Handlungen erst im Dezember anhand der Ereignisse in Berlin bewusst. Häufig sind die Täter Minderjährige oder junge Erwachsene, welche durch gewisse Einflüsse die eigene Persönlichkeit früh mit krimineller Energie versehen und sich so zu Gewalt- und Intensivtätern wandeln. Obwohl die Zahl der Gewaltdelikte insgesamt rückläufig ist, betrachten viele diese Entwicklung mit Sorge. Weiterhin werden etliche Kör- perverletzungen, bspw. in der Schule, nicht gemeldet und unterliegen einer Dunkelziffer.

Schon Albert Schweitzer ruft 1965 in seinem Wort an die Menschen zur Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben auf. Wir als ein hoch entwickeltes Volk sollten mit Leben respektvoll umge- hen (Schweitzer 1965, S. 1). Nur ein gewaltfreies Leben ist auf Dauer ein Leben mit hoher Lebensqualität. Es muss in einer Welt, in der Gewalttätigkeit fester Bestandteil ist, gefragt werden: Wann ist es so weit, dass der Gewalt Boden unter den Füßen entzogen wird? Wann wird bei Jugendgewalt und -kriminalität nicht weggeschaut, sondern gehandelt? Am besten ist es, wenn Jugendliche gar nicht erst gewalttätig werden, Entwicklungsdefizite früh erkannt werden und Primärprävention erfolgt. Jedes weitere Gewaltopfer ist eines zu viel. Um dieser Herausforderung und Verantwortung gegenüber Minderjährigen nachzukommen müssen evidenzbasierte Präventionsprogramme entwickelt werden. Konsequente For- schung über mögliche Einflussfaktoren, Prädiktoren auf Gewalttätigkeit ist dabei essenziell.

Den Opfern muss entstandener Schaden ersetzt und ihrem Leid Respekt entgegenge- bracht werden. So schlimm die Folgen für sie auch sind, liegt dieser Arbeit ein humanisti- sches Menschenbild zugrunde. Ich gehe davon aus, das der Mensch im Kern gut ist und nur durch widrige Umstände und fehlende Handlungsalternativen zu bösem neigt. Junge Menschen lernen bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung aus Fehlern. Des Weiteren stellt sich die Frage: Wie sollte mit bereits durch Gewalttätigkeit aufgefallenen umgegangen werden? Welche Lösungen lassen sich für Täter entwickeln? Wir sollten diese Minderjährigen gezielt auf den richtigen Weg bringen und ihnen Chancen als Teil unserer Gesellschaft anbieten.

Domenic Sommer, Zwickau den 05.02.2017

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Mehrebenenmodell für Gewalt im Lebenslauf: Individuum und Situation

Abb. 2: Begriffe und deren Einordnung in den Kontext

Abb. 3: Kurzüberblick über die KiGGS-Studie

Abb. 4: Ausschnitt aus dem KiGGS-Kinderfragebogen der Basiserhebung

Abb. 5: Prüfung von Zusammenhangs- und Unterschiedshypothesen

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Gemeinsamkeiten verschiedener Gewaltdefinitionen

Tab. 2: Kerneinflussfaktoren auf die Gewalttätigkeit von Kindern und Jugendlichen und deren Effekte

Tab. 3 Überblick: Einflussfaktoren, unabhängige Variablen aus der KiGGS-Studie

Tab. 4: Assoziationen der unabhängigen Variablen/ Regressoren mit jugendlicher Gewaltausübung (vs. keine Gewaltausübung), binär logistische Regression, Einschluss aller Items mit p < 0,05

Tab. 5: Manifestationsformen von Gewalt und Aggression im Lebenslauf

Tab. 6: Englischsprachige Suchstrategie/ -protokoll in der Datenbank von EBSCO

Tab. 7: Deutschsprachige Suchstrategie/ -protokoll in der Datenbank von EBSCO

Tab. 8: Englischsprachige Suchstrategie/ -protokoll in der Datenbank von PubMed

Tab. 9: Deutschsprachige Suchstrategie/ -protokoll in der Datenbank von PubMed

Tab. 10: Deskriptive Darstellung wichtiger (soziodemografischer) Variablen

Tab. 11: Überblick über die im Datensatz vorhandenen, relevanten Variablen und deren (Um)- Kodierung..

Tab. 12: Zusammenhang zwischen abhängiger Variable und unabhängigen Variablen/ Regressoren stratifiziert nach Gewalttägkeit ja/ nein

Tab. 13: Zusammenhänge zw. metrischen UV und AV, Test auf Normalverteilung.

Tab. 14: Auflistung aller signifikanten, weiter ins Modell eingeschlossene Variablen.

Tab. 15: Hinweis/ Überblick über die Signifikanztests nach Skalenniveau

Tab. 16: Korrelation: Multikollinearität zwischen gewählten Variablen mit verm. Zsh

Tab. 17: Überprüfung aller abhängigen Variablen auf Multikollinearität

Tab. 18: Assoziationen der unabhängigen Variablen/ Regressoren mit jugendlicher Gewaltausübung (vs. keine Gewaltausübung), binär logistische Regression, Einschluss aller unabhängigen Variablen (UV)

Tab. 18: Assoziationen der Regressoren mit jugend. Gewaltausübung (vs. keine Gewaltausübung), binär logistische Regression, vorwärts-blockweise

1 Einleitung

Jugendliches Gewaltverhalten ist weltweit ein zentrales, seit 20 Jahren wiederkehrendes „Skandalon“ (Eisner et al. 2009, S. 46). Studien zeigen, ein nicht geringer Prozentsatz von Kinder und Jugendlichen ist in Gewalt involviert (Baier et al. 2009, S. 10; Fingerle et al. 2012, S. 8). Über 20% der Heranwachsenden berichteten in den letzten 12 Monaten in Gewalt verwickelt gewesen zu sein (Albert et al. 2011, S. 201). Opferzahlen zeigen, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen (Baier et al. 2009, S. 9). Gewalterfahrungen sind dabei nicht auf die Opferrolle limitiert. 14% der deutschen Jugendlichen akzeptieren über- dies Gewalt als geeignete Konfliktlösungsmethode (Albert et al. 2015b, S. 23). Neben Er- wachsenen, bspw. Eltern, können Minderjährige selbst direkte Gewalttäter sein. So belegt die Kriminalstatistik, dass ein Großteil der Straftaten im Jugendalter (14 bis unter 18 Jahre) durch Körperverletzungen begangen werden (Bundesministerium Inneren und Bundeskri- minalamt 2015, S. 11). Körperliche Gewalt nimmt eine wichtige Rolle ein. Jährlich wird, als schlimmste Folge von Gewalthandlungen, ein Kind aus 100.000 Kindern getötet (Ellsäßer 2014, S. 24; WHO 2002, S. 8). Im EU-Vergleich werden laut Eurostat überdurchschnittlich viele Kinder in Deutschland Todesopfer durch Gewalthandlungen (Ellsäßer 2014, S. 18).

Obwohl die Anzahl jugendlicher Gewalttaten in Deutschland kontinuierlich abnimmt, ist Ju- gendgewalt, aufgrund des Enormen, entwicklungsgefährdenden Potenzials für die Präven- tion bedeutsam (Baier et al. 2009, S. 15). Jugendliche die Gewalt ausüben begehen häufig auch andere Straftaten (Farrington und Loeber 2000, S. 733). Ferner kann sich dissoziales Verhalten manifestieren und im Erwachsenenalter zu brutaleren Gewalt- und Straftaten füh- ren (Ercan et al. 2007, S. 375). Frühe Prävention ist hierbei in der Lage Delinquenz und Entwicklungsprobleme zu vermeiden (Jäggi 2016; Bannenberg 2010, S. 11). Langfristige Schäden, unter denen Opfer aber auch Täter leiden, werden verursacht (Cook et al. 2010, S. 66). Die Therapie sowie die Resozialisierung der Täter kosten Millionen und führen ebenso zu hohem Handlungsbedarf (Baier et al. 2009, S. 15). Gewalttätige Minderjährige sind zusätzlich einem höheren Risiko von Verletzungen, Substanzmissbrauch und Suizid ausgesetzt (Tremblay et al. 2004, 43). An Jugendgewalt sterben weltweit mehr Jugendliche als an Krankheiten (David-Ferdon und Simon 2014, S. 7). Einige Risikofaktoren (Armut, Männlichkeit, beengte Wohnung, Missbrauchserfahrungen) welche Jugendgewalt erhöhen sind bereits bekannt (Schepker 2008, S. 836). Die deutschsprachige Forschung weißt je- doch Lücken auf (Strauß 2012, S. 18; Bannenberg 2010, S. 9, 2010, S. 9). Wenige der Präventionsprogramme sind evidenzbasiert und an Risiko- und Schutzfaktoren orientiert (Eisner et al. 2009, S. 10). Bisherige Programme haben zudem kleine Effekte und verschen- ken das vorhandene Potenzial (Pawils und Metzner 2016, S. 55; Fingerle et al. 2012, S. 9). Mit dieser Hausarbeit soll die kriminologisch und gesundheitspolitisch relevante Frage ge- klärt werden: Welche protektive und risikosteigernde Faktoren beeinflussen die Gewaltaus- übung in der Adoleszenz? Die Fragestellung fokussiert auf Minderjährige von 11 bis 17 Jahren in Deutschland. Grundlage und Begründung für die Wahl dieser Altersgruppe sind die KiGGS Basiserhebung (2003 bis 2006) sowie eine eigens damit durchgeführte binär logistische Regression. Ziel ist es mittels multivariater Analyse das Wissen über Einfluss- faktoren auf die Gewalttätigkeit von Kinder- und Jugendlichen zu erweitern. Vorliegende Arbeit will einen Beitrag zur Gewaltprävention leisten als auch die Diskussion über gewalt- begünstigende Faktoren zwischen Beratungsstellen, Bildungsstätten, sozialen Diensten, Eltern und Experten anregen. Primär soll demzufolge das Kindeswohl verbessert werden.

Die Struktur der Arbeit gliedert sich in die üblichen Kapitel einer wissenschaftlichen Arbeit. Die Hypothesen werden im dritten Kapitel erläutert. Nach den Ergebnissen der Modellbil- dung und einer Diskussion werden im Schluss Empfehlungen für die Prävention formuliert.

2 Theoretischer Hintergrund

Nachdem der Anlass dieser Arbeit verdeutlicht wurde, muss sich dem Begriff Gewalt ge- sundheitswissenschaftlich angenähert werden. Die Gewalt- und Aggressionsforschung ist eine relativ junge Disziplin mit noch wenig konsensfähigen Definitionen und Theorien (WHO 2002, S. 5). Da allgemeingültige Definitionen fehlen, ist folgendes Kapitel eine Annäherung.

2.1 Begriffsklärungen Gewalt, Aggression, Delinquenz

Zuerst werden Gewalt und dann aufgrund der thematischen Nähe Aggression sowie Delin- quenz definiert. Unter Anhang 1, S. 42 sind die Schnittstellen der Begriffe verdeutlicht. Aus Perspektive der öffentlichen Gesundheitspflege (Public Health) soll sich angenähert wer- den. Die Terminologie kann wegen kultureller Werte, Sanktionierung und Legitimierung va- riieren und sich verändern (WHO 2002, S. 5). Gewalt, Aggression und Delinquenz können übergeordnet aber als abweichendes oder deviantes Verhalten bezeichnet werden (Lu- edtke 2008, S. 185). Die Verhaltensweise in den Begriffen weicht vom üblichen Maß ab.

Tab. 1: Gemeinsamkeiten verschiedener Gewaltdefinitionen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorhergehende Tabelle fasst die Bestandteile von Gewaltdefinitionen zusammen. Es wird deutlich, dass Gewalt immer in einem sozialen Kontext stattfindet. Gewalt wird gesellschaft- lich (mit)produziert und unter Umständen durch andere Menschen provoziert (Luedtke 2008, S. 190). Die WHO stimmt dabei sogar zu, dass sich Gewalt vorwiegend auf Lebewe- sen (v. a. Menschen) und nicht auf Sachen bezieht (WHO 2002, S. 6). Dadurch wird Gewalt von Sachbeschädigung und Vandalismus abgegrenzt. Weiterhin ist Gewalt eine absichtlich geplante, zielgerichtete, freiwillig durchgeführte Aktion, welche die destruktive Absicht ver- folgt anderen Personen Schaden zuzuführen (Schlack und Holling 2007, S. 819). Gewalt kann, mit und ohne Waffen, zu ernsthaften Verletzungen, psychischen Schäden aber auch Tod führen (Ercan et al. 2007, S. 375). Die Schäden sind vielfältig, wirken auf die Lebens- qualität und gefährden bei jungen Menschen eine gesunde Entwicklung (Schlack und Hol- ling 2007, S. 819; Baier et al. 2009, S. 38). Gewalt fällt im ICD-10 unter „Symptome, [welche] die Stimmung betreffen“ (DIMDI 2013, S. 622). Gewalt führt bei jungen Opfern neben Ver- letzungen zu höherem Risiko schlechter Schulleistungen, psychosomatischen Problemen, Schlafstörungen, Suizid, Psychosen, Depressionen, Essstörungen und kann Auslöser für Substanzmissbrauch sein (Zych et al. 2015, S. 15). Lebenslange Probleme entstehen durch Gewalt (Chan et al. 2014, vii). Gewalt aber als Skandalisierungskonzept zu verstehen wäre falsch (Autrata 2010, S. 23). Die Sensibilisierung ist vorangeschritten (Eisner et al. 2009, S. 66). Wichtig ist, dass alle Typologien primär gegen sich selbst gerichtete (intrapersonal) und gegen andere gerichtete (interpersonale) Gewalt unterscheiden (WHO 2002, S. 7). Die vorliegende Hausarbeit fokussiert dabei auf die interpersonale Gewalt von Jugendlichen.

Gewalt umfasst in seiner Ausübung und Schädigung die Psyche und Physis (Toprak und Alshut 2013, S. 288; Strauß 2012, S. 17). Beide Komponenten haben Auswirkungen auf den gesamten Menschen. Gewalttäter können sich sowohl physischer Handlungen (Schläge, Tritte, etc.) als auch psychischer Mittel (Androhung von Gewalt, Verleumdung, etc.) bedienen. Verdeutlicht werden kann dieser Zusammenhang durch sexuelle Gewalt und Mobbing, welche sich als systematischer Missbrauch von Macht, ebenso an beiden Komponenten bedienen (Cook et al. 2010, S. 65). Die körperliche Form von Gewalt steht dabei im öffentlichen Diskurs immer im Vordergrund (Haller und Corbi 2004, S. 3). Beson- derheit speziell bei Jugendlichen ist, dass diese die Gewalt viel stärker als rein physische Handlung verstehen (Remschmidt 2012, S. 5). Bezüglich Minderjährigen ist daher die Ter- minologie Jugendgewalt passend (Autrata 2010, S. 23). Jugendgewalt bezeichnet eine Ge- samtheit von Angriffen auf die physische, psychische, sexuelle und soziale Integrität von Menschen (Stucker 2004, S. 4). Gewalt findet dabei häufig gegen Gleichaltrige (Peers) und häufig im Umfeld Schule statt (Schlack und Holling 2007, S. 819). Der in Jugendgewalt enthaltene Begriff Jugend meint bevorzugt die Y- und Z-Generationen (Albert et al. 2015a, S. 33). Definiert man Jugend nach dem §1 des Jugendschutzgesetzes (JuSchG), dann sind alle 13 bis 18-jährigen Jugendliche, während Kinder unter dieser Altersspanne und Erwach- sene darüber liegen (Deutscher Bundestag 18.07.2016). Vor allem soziale Netzwerke neh- men aufgrund der typisch hohen Mediennutzung dieser Generation eine sehr wichtige Rolle ein. Gewalt kann im Film, Fernsehen und Videospielen täglich erlebt und schnell verbreitet werden (Lehmkuhl und Frölich 2013, S. 83). Zusätzlich muss beachtet werden, dass Ju- gendgewalt eine geringe Hemmschwelle und im Vergleich zu früher eine höhere Brutalität, bzw. Schwere aufweist (Bundesministerium Inneren und Bundeskriminalamt 2015, S. 9).

Eine strikte Trennung mit dem Begriff Aggression (lat. aggredi = herangehen) ist unscharf und nicht zielführend (Cook et al. 2010, S. 65). Delinquenz, Aggression und Gewalt sind nicht isoliert, sondern als multiple Probleme zu sehen (Lösel 2012, S. 72). Obwohl jeder Mensch aggressives Verhalten aufweist, ist dessen Ausleben sehr unterschiedlich (Rem- schmidt 2012, S. 9). Aggressionen können offen oder indirekt ausgelebt werden (Pawils und Metzner 2016, S. 52). Unter offener, direkter Aggression können klassische Schulhof- schlägereien und verbale Entgleisungen (Beleidigungen, Beschimpfungen, etc.) verstan- den werden. Indirekte Aggressionen finden hingegen hinter dem Rücken einer Person durch Verleumdung oder Beauftragung eines Schlägers statt und sind genauso gravierend (Eisner et al. 2009, S. 16). Offene, tätliche Aggression kann für körperliche Gewalthandlun- gen synonym verwendet werden (Haller und Corbi 2004, S. 2). Aggression ist vornehmlich als Teil von Gewalt zu verstehen (Remschmidt 2012, S. 4). Manche Autoren sehen Aggres- sion auch als übergeordneten Begriff, der wieder in den Kontext aggressiv-dissozialer Ver- haltensweisen einzuordnen ist (Haller und Corbi 2004, S. 3). Einige Definitionen unterschei- den Gewalt und Aggression jedoch gar nicht, sondern teilen das Erleben solcher Erfahrun- gen in Täter und Opfer (Schlack und Holling 2007, S. 819). Aggression ist zusammenge- fasst ein zu Gewalt gehörendes Konstrukt, welches sehr unterschiedlich definiert wird. Ge- walt und Aggression können sogar krankheitsähnlich als pathologische Verhaltensweise, deren Defekte heil- und therapierbar sind, bezeichnet werden (Roth et al. 2005, S. 7).

Da Aggression und Jugendgewalt oft repressiv gehandhabt werden, ist die Erläuterung des Begriffs Delinquenz notwendig (Autrata 2010, S. 23). Delinquenz (lat. delinquentia) bezeich- net straffälliges Verhalten einer Person (Dudenredaktion 2014, S. 254). Der Duden verwen- det auch das weit gefasste Synonym „Fehltritt“. Delinquenz selbst bezieht sich überwiegend auf jugendliche (Gewalt-)Täter, während der ähnliche Begriff Kriminalität häufiger allgemein für Erwachsene verwendet wird (Strauß 2012, S. 17). Kinderdelinquenz beginnt dabei mit der Strafmündigkeit (Vollendung des 13. Lebensjahres) und Verstoß gegen Gesetze (Rem- schmidt und Walter 2009, S. 1). Gewalt und Aggression hängen mit delinquentem Verhalten zusammen, da ausgelebte Gewalt oft Straftatbestände erfüllt (Lohaus und Vierhaus 2013, S. 203). Gewalt ist somit ein wesentlicher Bestandteil von Delinquenz und sogar wechsel- seitiger Indikator (Hoops und Holthusen 2011, S. 36). In Kriminalstatistiken bildet sich Ge- walt dabei vor allem durch Körperverletzung, Raub und Erpressung ab (Baier et al. 2009, S. 21). Jugenddelinquenz stellt die „Gefährlichkeit der Jugendlichen in den Vordergrund“. (Hoops und Holthusen 2011, S. 36) Wenn man über Delinquenz diskutiert ist es wichtig, die sogenannte Dunkelfelddelinquenz (polizeilich bekannt gewordene Kriminalität) zu beachten (Bundesministerium Inneren und Bundeskriminalamt 2015, S. 2). Die Aussagekraft entspre- chender Statistik ist begrenzt, denn nicht jeder Gesetzesbruch wird tatsächlich angezeigt.

2.2 Ontogenese von Gewalt und Aggression

Gewalt entwickelt sich bei Heranwachsenden, die früh Verhaltensauffälligkeiten zeigen (Pa- wils und Metzner 2016, S. 52). Fragt man danach, wie Gewalt entsteht, rücken die „Grund- bedingungen und Störfelder der Sozialisation“ in den Vordergrund (Bannenberg 2010, S. 9). Sozialisation meint dabei einen Anpassung- und Einordnungsprozess in die Gesell- schaft (Dudenredaktion 2014, S. 831). Der Lebensverlauf und die Entwicklungsaufgaben sind wesentlich (Sampson und Laub 2005, S. 12). Vor allem das Jugendalter stellt mit sei- nen Entwicklungsaufgaben, der persönlichen Individualisierung und gesellschaftlichen In- tegration, eine Herausforderung dar (Albert et al. 2015a, S. 33). Gewalt kann dabei als stufenweiser Lernprozess zur Lebensbewältigung verstanden werden (Armbrust et al. 2012, S. 73). Sie kann als Methode zur Zielerreichung konditioniert werden (Roth et al. 2005, S. 8). Je nach Alter differenziert Gewalt daher (Anhang 2, S.43). Besonders gravie- rend sind Folgen ab dem 12. Lebensjahr, da durch höhere körperliche Kraft und Waffenge- brauch Schäden zunehmen (Eisner et al. 2009, S. 15). Eine frühe Intervention ist sinnvoll, zumal sich negative Verhaltensmuster (Gewalt) gemäß der Sozialisationslogik verfestigen können (Remschmidt 2012, S. 28). Obwohl ein ungünstiges Aufwachsen unter schlechten Bedingungen die Ursache für Gewalt sein kann, soll nicht die komplette Jugend- und Kin- desentwicklung erläutert werden. Schließlich ist die Sozialisation allgemein gut erforscht (Bannenberg 2010, S. 9). Stattdessen wird durch ein Mehrebenenmodell die wichtige Er- kenntnis verdeutlicht, dass verschiedene Ebenen an der Gewaltentstehung beteiligt sind (Schepker 2008, S. 838). Gewalt stellt ein multidimensionales Problem dar, welches uni- verselle Prävention mit Berücksichtigung des gesamten Menschen und seiner Umgebung notwendig macht (Reicher und Jauk 2012, S. 34). Entsprechende Präventionsprogramme müssen entwicklungsbezogen gestaltet sein (Lösel 2012, S. 71). Die „age-graded develo- pment“ Theorie, auf der folgende Abbildung basiert, warnt Gewalt aber als konstante Ent- wicklung zu verstehen (Sampson und Laub 2005, S. 12). Abweichendes Verhalten im Le- benslauf ist sowohl durch Kontinuität als auch Veränderung gekennzeichnet (Luedtke 2008, S. 188). Zudem entwickelt sich nicht jeder unter Gewalttätern vom Einzel- zum Intensivtäter.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Mehrebenenmodell für Gewalt im Lebenslauf: Individuum und Situation (Eisner et al. 2009, S. 13)

Die Entwicklung von Gewalt und Aggression ist, wie die gesamte Kinder- und Jugendent- wicklung komplex, da viele Faktoren im Lebensverlauf junger Menschen relevant sind (Stemmler und Reinecke 2016, S. 2). Ein gewisses Maß an Aggression ist sogar als normal anzusehen (Hergenhan 2015, S. 41). Einige Bestandteile der Gewaltentwicklung, sind in obiger Abbildung bereits dargestellt. Die Situation und auch die Umwelt des Individuums nehmen eine entscheidende Rolle ein, denn Gewalt wird häufig nur dann als Konfliktlösung eingesetzt, wenn Handlungsalternativen und Kompetenzen fehlen (Toprak und Alshut 2013, S. 289). Sind zudem wenige Teilhabemöglichkeiten vorhanden, wird Gewalt begüns- tigt (Autrata 2010, S. 23). Die Unterteilung in Individuum und Situation ist üblich und mit der situationalen Handlungstheorie (SAT) zu vergleichen (Wikstrom und Butterworth 2006, S. 128). Ein Gesellschaftskontext kann dabei aktiv Gewalt provozieren (Wikstrom und Butter- worth 2006, S. 132). Fehlen geeignete Opfer, wie andersartige Schulkinder, dann kann auch nicht gemobbt werden (Ttofi et al. 2011, S. 82). Die situationalen Ursachen für Gewalt können neben Gruppendruck durch sogenannte Peers (Gleichaltrige) auch in Langeweile, Frustration, Hilflosigkeit oder einer fehlenden Anerkennung liegen (Ritter 2012, S. 26).

Das Individuum steht mit seinen Konfliktfeldern und seiner Umwelt ständig in Verbindung. Gewalt entsteht letztendlich durch ein Zusammenspiel mehrerer Ebenen (Eisner et al. 2009, S. 1; Sood und Berkowitz 2016, S. 243). Die eigene Persönlichkeit, Nachbarschaft, Schule, der Kontakt zu Gleichaltrigen und die Familie können zum Gewaltpotenzial beitragen (Roth et al. 2005, S. 15). Alle Ebenen vermitteln eine gewisse Wertekultur. Durch die Familie wird bspw. Leistungsdruck aufgebaut. Werden Erfolg und Status vorgelebt, aber vom Kind nicht erreicht, kann Gewalt eine Reaktionsmöglichkeit darstellen (Engel und Hurrelmann 2015, S. 113). Ähnliches könnte sich auch bei ungünstigen sozialen Verhältnissen, wie Vernach- lässigung zeigen, da Jugendgewalt eine zur Lebensbewältigung notwendige Reaktion dar- stellt (Autrata 2010, S. 23). Fehlende Sozialkompetenz ist weiterhin ein Faktor (Roth et al. 2005, S. 20). Daneben lassen sich noch viele weitere Entwicklungsbestandteile, wie das stark nach Geschlecht differenzierende Freizeitverhalten nennen (Albert et al. 2011, S. 201). Zu der Seite des Individuums könnte ebenso die zunehmende Mediennutzung, wel- che sich vor allem bei bildungsfernen Schichten negativ auswirkt, genannt werden (Albert et al. 2011, S. 202). Inwieweit die einzelnen Ebenen aber auf das Individuum und die Ent- wicklung von Gewalt wirken ist teilweise indifferent. So lässt sich selbst bei der alten Krimi- nalitätsforschung mit der „Age Crime Curve“ bis heute nicht mit 100%-iger Sicherheit sagen, wie typische kriminelle Karrieren entstehen (Wikstrom und Butterworth 2006, S. 13). Für Gewalt gestaltet sich dies noch schwieriger. Hinter vielen Faktoren wird ein Zusammenhang vermutet, jedoch fehlt es an Wissensverknüpfung (Roth et al. 2005, S. 7). Im folgenden Kapitel soll deshalb der Forschungsstand zu signifikanten Einflussfaktoren gelistet werden.

2.3 Potenziell relevante Einflussfaktoren: Jugendgewalt

Die Entstehung von Gewalt wurde als Lernprozess mit vielen Ebenen verstanden (Strauß 2012, S. 21). Durch die unter Anhang 3, S. 44 exakt beschriebene Literaturrecherche konn- ten potenzielle Einflussfaktoren herausgefunden werden. Folgende Erkenntnisse bilden die Grundlage für eine Modellbildung. Die in meist systematischen Reviews genannten signifi- kanten Riskofaktoren werden mit einem Plus und Schutzfaktoren mit einem Minus tabella- risiert. Hierbei wird nach den BZgA-Empfehlungen klassifiziert (Bengel et al. 2009, S. 49).

Tab. 2: Kerneinflussfaktoren auf die Gewalttätigkeit von Kindern und Jugendlichen und deren Effekte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Signifikanz: *p < 0,01, ansonsten p < 0,05 - Tabelle ist nach Effektstärke sortiert

Genannte Einflussfaktoren stellen den gegenwärtigen Forschungsstand zur Jugendgewalt und anderem Problemverhalten, wie Straffälligkeit, dar (Lösel und Bender 2014, S. 60). Wie sich zeigt, existiert eine Vielzahl an Risikofaktoren, die alle auf die bio-psycho-soziale Ein- heit des Menschen einwirken (Stemmler und Reinecke 2016, S. 3). Die stärkste Effektgröße wird in der Literatur beim männlichen Geschlecht konstatiert. Zumindest darüber ist sich die Forschung einig (Zych et al. 2015, S. 1). Signifikant im Zusammenhang mit Gewaltaus- übung steht weiterhin Hyperaktivität und Bewegung (Lösel und Bender 2014, S. 66). Inner- halb der Familie stellt eine erlebte körperliche Misshandlung den größten Einflussfaktor dar. Zeuge oder Opfer von Gewalt zu werden führt in vielen Übersichtsarbeiten zu psychischen Störungen und lässt eine Gewaltanwendung wahrscheinlicher werden (Maier et al. 2016, S. 53). Eine funktionierende Eltern-Kind-Beziehung ist hingegen viel Wert und kann vor Gewalt schützen. Bezüglich des Umfelds nehmen Alkohol und Drogen eine bedeutende Rolle ein (Assink et al. 2015, S. 52). Es wird angenommen, je öfter diese Substanzen kon- sumiert werden, umso höher ist auch das Gewaltrisiko (Maier et al. 2016, S. 56). Zusätzlich wirken sich der in obiger Tabelle angeführte hohe Medienkonsum und der Kontakt zu einem kriminellen, gleichaltrigen Milieu negativ aus. Bildungsferne, sozial niedrig gestellte Schich- ten sind besonders betroffen (Cassidy et al. 2014, S. 78). Dies gilt gleichermaßen für Kinder und Jugendliche, deren Schultyp und Leistungsbereitschaft unterdurchschnittlich ist. Aus den gewonnenen Erkenntnissen lassen sich folgende theoriegeleiteten Hypothesen bilden.

3 Fragestellungen und Hypothesen

Die übergeordnete Fragestellung lautet: Welche protektiven und risikosteigernden Faktoren beeinflussen die Gewaltausübung im Alter von 11 bis 17 Jahren? Es ist von Interesse, wel- che Parameter im Zusammenhang mit der Gewaltausübung von Jugendlichen in ihrer Ado- leszenz stehen. Wie stark ist der Einfluss bzw. die Relevanz dieser Faktoren? Um die Be- ziehung zwischen der abhängigen, binären Variable (Gewalt) und mehreren unabhängigen Variablen zu erforschen, können exemplarisch drei Hypothesen aufgestellt werden. Die Art der gerichteten Hypothesen ist dabei durch die binär logistische Regression vorgegeben. Prinzipiell gibt es drei Kernmöglichkeiten, wie die Beziehung zwischen den Variablen aus- gestaltet sein könnte: es gibt einen positiven (1), negativen (2) oder keinen (3) Zusammen- hang (Schendera 2014, S. 144). Vorheriger theoretischer Hintergrund hat dabei bereits be- gründet, dass gewisse Kausalzusammenhänge möglich und begründbar sind. Um es über- sichtlich zu gestalten, wird nicht für jede unabhängige Variable eine Hypothese aufgestellt.

Als erste exemplarische Hypothese ist der Einfluss der Medien auf Jugendliche zu nennen: H0= Medienkonsum (TV und PC) erhöht die Gewalttätigkeit nicht oder senkt diese sogar. HA= Medienkonsum (TV und PC) erhöht die Wahrscheinlichkeit gewalttätig zu werden.

Medien als Einflussfaktor für Gewalt zu sehen ist besonders wichtig, da sich das haupt- sächliche Freizeitverhalten in den virtuellen Bereich verschiebt (Frölich et al. 2009, 393; Lehmkuhl und Frölich 2013, S. 83). Die tägliche Mediennutzungszeit nimmt in Industriena- tionen, wie Deutschland, jährlich zu (Kläser 2015, S. 27). Kinder sehen bis zum Verlassen der Grundschule durch unsere Medien ca. 8.000 Mordfälle und 100.000 andere Gewaltta- ten (Zemp und Bodenmann 2015, S. 1). Es stellt sich daher zurecht die Frage: Inwieweit wirkt sich dieses Maß an Gewalt, dem Kinder und Jugendliche in den Medien ausgesetzt sind, gewaltfördernd aus? Sind Menschen, die am Bildschirm viel Brutalität erleben, also einen hohen Medienkonsum aufweisen, im wahren Leben gewaltbereiter? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Mediennutzung und der Gewaltausübung in der realen Welt? Vor allem das Vergnügen mit PC-Spielen hat bei Kindern oft Ähnlichkeiten einer chemi- schen Sucht (Kläser 2015, S. 26). In PC-Spielen, mit denen sich zudem viele junge Men- schen gezielt beschäftigen, wird jede Menge virtuelles Blut vergossen. In bisherigen Stu- dien verursachen gewalttätige Inhalte via Gewöhnungseffekten ein Absenken der Hemm- schwelle und wirken potenziell aggressionsfördernd (Lehmkuhl und Frölich 2013, S. 84; Zemp und Bodenmann 2015, S. 1; Strittmatter et al. 2014, S. 85). Selbst Medienunterneh- men sind sich ihrer Verantwortung für potenzielle Schäden bewusst und klären Eltern über die Kompetenz zum Schutz ihrer Kinder vor gewaltgefährdenden Inhalten auf (ARD 2016).

Die zweite Hypothese bezieht sich auf die eigenen Gewalt- und Missbrauchserfahrungen: H0= Eigene Gewalt- und Missbrauchserfahrungen beeinflussen die Gewaltausübung nicht. HA= Die Gewalterfahrung und die Gewaltausübung sind statistisch voneinander abhängig.

Es wird hinterfragt, inwieweit ein Zusammenhang zwischen eigenem Missbrauch und Ge- waltausübung besteht. Gewaltopfer werden stigmatisiert (Lampert et al. 2014, S. 764). Bis- herige internationale Literatur konnte belegen, dass Missbrauch immer ein wichtiger Ein- flussfaktor darstellt, der spätestens im Erwachsenenalter zu erhöhter psychosozialer Be- lastung und Gewaltbereitschaft führt (König et al. 2016, S. 263). Inwieweit diese Erkenntnis jedoch auf die Gewaltausübung von Jugendlichen in Deutschland anwendbar ist, ist unein- deutig. Lassen sich die Erkenntnisse über den Einfluss von Gewalt- und Missbrauchserfah- rungen mit dem KiGGS-Datensatz bestätigen? Stellt die eigens erlebte Gewalt für das fol- gende Modell eine signifikante Variable dar? All das muss in Erfahrung gebracht werden.

Drittens wird noch auf den Einfluss des sozioökonomischen Status (SES) eingegangen: H0= Die Wahrscheinlichkeit für Gewalttätigkeit ist unabhängig vom sozialen Status (SES). HA= Je niedriger der sozioökonomische Status, desto wahrscheinlicher Gewaltausübung.

Die Alternativhypothese (HA) zielt darauf ab, dass ein niedriger sozioökonomischer Status die Wahrscheinlichkeit einer Gewaltausübung erhöht, während die Nullhypothese (H0) dies nicht annimmt. Die Fragestellung dazu würde lauten: Wie stark ist der Zusammenhang zwi- schen dem sozioökonomischen Status und der Gewaltausübung? Der soziale Schichtindex selbst stellt einen komplexen, mehrdimensionalen und punktebasierten Index dar, der Ver- gleichbarkeit mit anderen Wissenschaftsarbeiten bietet. Er umfasst übergeordnet die Bil- dung, den Beruf und letztendlich das Einkommen (Lampert et al. 2014, S. 764). In der KiGGS-Studie bildet sich dies vor allem durch Fragen an die Eltern ab. Um den sozioöko- nomischen Status zu messen wird der soziale Schichtindex nach Winkler verwendet (Lam- pert et al. 2014, S. 766). Dieser differenziert zwischen hoher, mittlerer und niedriger Schicht.

Zuletzt wird darauf hingewiesen, dass Hypothesen nicht nur einzeln zu betrachten sind (Schwarz und Enzler 2016). Die Hausarbeit geht über die Deskription bivariater Zusam- menhänge hinaus. Vielmehr soll die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Gewaltausübung er- höht, durch viele Faktoren (unabhängige Variablen) untersucht werden. Bezüglich der Hy- pothesen ist insgesamt zu fragen: Haben eine hohe Mediennutzung, eigene Gewalt- und Missbrauchserfahrungen sowie ein niedriger sozioökonomischer Status Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit der Gewaltausübung bei Kindern und Jugendlichen? Weitere Faktoren lassen sich einbeziehen. Um multivariat die Stärke und Richtung von signifikanten Einfluss- variablen zu messen bietet sich die Regressionsanalyse an (Reinecke et al. 2016, S. 198).

4 Methodik

Im folgenden wird die Methodik erläutert. Da hier eine Sekundärdatenanalyse vorliegt ist es sinnvoll zuerst auf die hierzu verwendete Basiserhebung der KiGGS-Studie einzugehen.

4.1 Datengrundlage: KiGGS-Basiserhebung 2003-2006

Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) ist eine repräsentative Langzeitstudie im Auftrag des Robert-Koch-Instituts (RKI). Ziel ist es das Gesundheitsmonitoring zu ergän- zen und Auskünfte über den gesundheitlichen Status von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zu erlangen (Lampert et al. 2014, S. 762). Die Basiserhebung von 2003 bis 2006, welche für die statistische Analyse die Grundlage darstellt, ist eine Querschnittstudie. Insgesamt wurden 17.641 Probanden untersucht (Dölle et al. 2007, S. 569). Kinder im Alter von 11 bis 17 Jahren wurden durch einen Kinderfragebogen evaluiert, während bei jünge- ren Kindern allein die Eltern Auskünfte erteilten. Bei den 11- bis 17-Jährigen fand beides, sowohl die Befragung des Kindes als auch der Eltern statt. Einen Überblick über die Basis- erhebung im Zusammenhang mit weiteren Befragungswellen bietet Anhang 5, S. 48. Das exakte methodische Vorgehen und Studienmanagement beschreibt hier Hölling et al. 2007.

4.2 Stichprobenbeschreibung

Die ursprüngliche Studienpopulation von 17.641 Personen konnte reduziert werden. Die betrachtete Subgruppe sind Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren sowie de- ren Eltern. In SPSS wurden genau diese Fälle (N = 7.697) via Altersvariable (alt) gefiltert und in ein neues Datenset kopiert. Nachdem dies stattfand wurden die wichtigsten Variab- len deskriptiv dargestellt. Zur Stichprobenstruktur gehören dabei vor allem soziodemogra- fische Variablen wie Geschlecht, Alter, Migrantenstatus, soziale Schicht, Schulform und die Umgebung (Gemeindegrößen). Die Gemeindegrößenklassen und die Schulform mussten hierfür umkodiert werden, weil die Zellengröße bei einigen Merkmalen (bspw. Grundschule) zu gering erschien. Bezüglich der Gemeindegrößen erschien es zudem sinnvoll alle städti- schen Merkmale zusammenzufassen. In der Literatur wird ein geografischer Raum als länd- lich bezeichnet, sofern er weniger als 5.000 Einwohner aufweist (Robert Koch Institut 2008, S. 9). Alles darüber ist städtisch. Unter Anhang 6, S. 49 wird die Stichprobe exakt darge- stellt. Es ergeben sich lediglich bei den Gewaltopfern und -tätern Auffälligkeiten. Geschlecht und Alter sind sehr ausgeglichen verteilt. Generell finden sich im Datensatz aber etwas mehr Menschen mit mittlerem Status, höherem Bildungsstand und städtischem Wohnsitz.

4.3 Variablen: wählen, operationalisieren, umkodieren

Eine umfangreichere Deskription und Zusammenhangsdarstellung erfolgt später durch die Tabellen der bivariaten Statistik. Zuerst muss jedoch auf die einzelnen Variablen eingegan- gen werden, da zur Forschungsmethode immer eine transparente Darstellung von Auswahl, Definition und Operationalisierung der Variablen zählt (Bengel et al. 2009, S. 151). Eine Auflistung aller wichtigen Variablen und der Umkodierung findet sich unter Anhang 8, S. 51. Zudem stellt dies eine der notwendigen Vorarbeiten für binär logistische Regressionen dar.

4.3.1 Abhängige Variable: Gewalttäter

Die KiGGS-Studie definiert Gewalt ganzheitlich und differenziert bei den Tätern nicht zwi- schen Gewaltformen, wie bspw. Handygewalt, Mobbing oder Körperverletzung (Schlack et al. 2011, S. 41). Es handelt sich um selbstberichtete Gewalt unter der die Jugendlichen meist körperliche Schädigung Gleichaltriger verstehen (Rieck 2008, S. 27; Strauß 2012, S. 14). Eigenauskünfte über Einstellungen, Viktimisierung und Gewaltausübung sind nicht zu ignorieren, da sie zu einem vollständigen Bild über Gewalt beitragen (WHO 2002, S. 8).

Die Ausgangsvariable (k115) für die Hausarbeit stellt die Frage: „Wie oft warst du gegen- über anderen in den letzten 12 Monaten gewalttätig?“ (Robert Koch Institut 2003, S. 15). Sie konnte mit „Nie“, „Einmal“ und „Mehrmals“ von Minderjährigen im Alter von 11 bis 17 beantwortet werden (Anhang 7, S. 50). Ausgeschlossen wird dabei Autoaggression (Gewalt gegen sich selbst) und Gewalt die sich nicht gegen Menschen, sondern bspw. Tiere richtet.

Grundlegend muss bezüglich der binär logistischen Regression aber einiges beachtet wer- den. Die anhand der Fragestellung bewusst gewählte abhängige Variable (der sogenannte Regressand) muss binär, das heißt dichotom codiert sein (Schendera 2014, S. 143). Die Ausgangsvariable, welche die 12-Monats-Prävalenz von Gewalt angibt, wurde daher in 0 = nie gewalttätig und 1 = mehr als einmal gewalttätig umkodiert. Ein Minderjähriger gilt in der Hausarbeit folglich als gewalttätig, wenn er angibt, in den letzten 12 Monaten mindestens einmal Gewalt gegen andere Personen ausgeübt zu haben. Die Kodierung kann auch als 1 = nein und 2 = ja zur Gewaltausübung interpretiert werden. Angemerkt werden muss, dass systembedingt fehlende Werte auch als solche ausgewiesen wurden. Neben der Me- thodik begründet sich die Dichotomisierung inhaltlich dadurch, dass es für die vorliegende Fragestellung erst einmal irrelevant war, ob es sich um Einzel- oder Mehrfachtäter handelt. Aus der Literatur ist bekannt, dass bereits ein einmaliges Ausüben von Gewalt im Jugend- alter gravierende Folgen haben kann (Grigsby et al. 2016, S. 18; Ttofi et al. 2011, S. 80).

4.3.2 Unabhängige (erklärende) Variablen

Um Einflussfaktoren auf das Gewaltverhalten für die Modellbildung zu identifizieren wurde eine systematische Literaturrecherche durchgeführt. Diese stellt die Basis der Hausarbeit dar. Um das Methodenkapitel nicht unnötig aufzublähen erfolgte dessen Beschreibung un- ter Anhang 3, S. 44. Nicht alle durch die Recherche identifizierten Faktoren werden in der KiGGS-Studie erfasst. Folgende Tabelle stellt die in das Schätzmodell eingeschlossenen unabhängigen Variablen vor. Sie ist wie im theoretischen Hintergrund aufgebaut. Die Vari- ablen mit „k“ stammen dabei aus dem Kinder- und die mit „e“ aus dem Elternfragebogen.

Tab. 3: Überblick: mögliche Einflussfaktoren, unabhängige Variablen aus der KiGGS-Studie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einige Variablen mussten angepasst werden (Anhang 8, S. 51). Eine sparsame Umkodie- rung soll Informationsverlust vorbeugen. Alle Variablen, bis auf den Puls, das Selbstwert- gefühl und den Familienscore, sind nominal oder ordinal skaliert. Die Umkodierung wird nun chronologisch begründet. Hyperaktivität wird im KiGGS umfangreich durch Variablen, wie der Diagnose oder der Hyperaktivitätsskala des Strengths and Difficulties Questionnaire (SDQ) abgebildet (Robert Koch Institut 2008, S. 11). Um sowohl den Verdacht als auch die Diagnose, bzw. Kinder die generell Auffälligkeiten zeigen, einzuschließen wurde beides in einer neuen Variable zusammengefasst. Der SDQ spielt auch bei anderen Variablen, wie dem prosozialem Verhalten eine Rolle. Durch den SDQ soll die Sozialkompetenz und emo- tionale Stabilität abgebildet werden. Beim Puls gab es ebenfalls zwei Messungen. Es wurde sich für die zweite Messung entscheiden, da diese im Gegensatz zur ersten Ruhepulsmes- sung mehr Werte enthält. Die nächste Variable k1163 zum Gewaltverständnis bezeichnet die Akzeptanz von Gewalt als Konfliktlösungsmethode. Sie korreliert jedoch möglicher- weise mit prosozialem Verhalten und wurde ebenso umformuliert. Beim darauffolgenden Selbstwertgefühl ist darauf hinzuweisen, dass diese Skala bis maximal 100 reicht. Je höher dieser Wert, desto besser ist auch das Selbstwertgefühl (Robert Koch Institut 2008, S. 10).

Bei den familienbezogenen Faktoren müssen ebenso ausgewählte Variablen beschrieben werden. Beispielsweise war beim sexuellen Missbrauch nur von Interesse, ob solche Hand- lungen stattgefunden haben. Ob diese durch Erwachsene oder Jugendliche begangen wur- den ist irrelevant, sodass die Möglichkeit einer Kombination beider Kategorien genutzt wurde. Beim Hauptaufenthaltsort, der die zentrale Erziehungsperson abbildet, konnten auf- grund geringer Zellengrößen bspw. die Großeltern als Ort ausgeschlossen werden (Anhang 8 S. 53). Relevant ist für Gewalt vor allem der ausschließliche Aufenthalt bei Mutter oder Vater (Dayton und Malone 2016, S. 3). Sind sowohl Mutter und Vater vorhanden wird dies unabhängig vom Ehestatus in der Soziologie als Kernfamilie zusammengefasst (Luedtke 2008, S. 185; Dudenredaktion 2014, S. 991). Bezüglich der innerfamiliären Beziehung exis- tiert eine Skala für das Wohlbefinden in der Familie (Robert Koch Institut 2008, S. 10). Be- züglich des Umfelds ist der Alkoholkonsum hervorzuheben. Im KiGGS wurden Jugendliche gefragt, wie viel Alkohol sie durch verschiedene Getränke zu sich nehmen. Die Trinkmen- gen der differenzierten Getränke wurden umkodiert. Eine Differenzierung nach Risikotrin- kern, regelmäßigen Konsumenten, Gelegenheitstrinkern und Alkoholabstinenten entstand. Als Riskant gilt jugendlicher Alkoholkonsum, wenn täglich mehr als ein Glas getrunken wer- den (Burger und Mensink 2003, S. 6). Für die anderen Kategorien wurde sich an der gän- gigen Klassifizierung des Substanzkonsums orientiert (Raiser und Bartsch 2010, S. 2). Das Getränk Bier wurde ausgewählt, weil es unter Jugendlichen am häufigsten verbreitet ist. Bezüglich Drogen wurde aus den verschiedenen Substanzen Marihuana gewählt, weil die Literatur ebenso verfährt, Vergleiche ermöglicht werden und andere Drogen noch zu wenig verbreitet sind (Herrenkohl et al. 2012, 43). Bei den Medien wurde sich für die größte Zel- lengröße entscheiden. Ebenso beim Sport wurde nach der Zellengröße zusammengefasst.

Anschließend muss kurz auf die Dummykodierung (Bezeichnung in SPSS: Indikator) ein- gegangen werden. Bühl et al. sieht in der Bildung von Dummies verschiedene Möglichkei- ten (Bühl und Zöfel 2002, S. 357). Einerseits bildete man vor SPSS Versionen 11 eigen- ständige Variablen (Fromm 2012, S. 115). Kategoriale Variablen mussten in neue Indika- torvariablen mit einer binären 0 (nein) und 1 (ja) Kodierung umkodiert werden. Auch wenn sich der Rechenaufwand erhöht hat dies den Vorteil, dass qualitative (nominalskalierte) Variablen miteinbezogen werden dürfen (Backhaus et al. 2016, S. 17). Andererseits ist es möglich mit SPSS Referenzkategorien festzulegen, was ebenso oft als Dummy bezeichnet wird. „SPSS führt die Berechnung […] automatisch durch.“ (Fromm 2012, S. 114) Zweites wird für die vorliegende Hausarbeit gewählt. Die Voreinstellung in SPSS (letzte) bezüglich der Referenzkategorie muss mittels Syntax angepasst werden. Bei nominalen Variablen wird dabei das häufigste Item (Extremgruppenvergleich) gewählt, denn im Regressionsmo- dell erfolgt die Interpretation immer im Bezug zur Referenzkategorie (Fromm 2012, S. 116).

4.4 Statistische Analyse: bivariate Teststatistik

Zur statistischen Analyse wurde das Softwareprodukt SPSS Statistics Version 23 (IBM Corp., Armok, USA) eingesetzt. Es ist vorab darauf hinzuweisen, dass der Gewichtungs- faktor (wKiGGS) von Anfang an aktiviert wurde. Der Autor ist sich bewusst, das eventuell Signifikanzen überschätzt werden könnten. Er rechnet daher das Regressionsmodell zu- sätzlich ohne Gewichtung durch und vergleicht. Im nächsten Abschnitt wird dabei zuerst auf die bivariate Statistik eingegangen. Sie soll eine sparsame Modellbildung ermöglichen.

Nachdem die Variablen, wie unter Anhang 8, S. 51 ersichtlich, (um)kodiert wurden, erfolgte eine Darstellung des Zusammenhangs zwischen der abhängigen Variable und den unab- hängigen Variablen. Die Kreuztabelle mit den Signifikanztests findet sich unter Anhang 9, S. 56. Es sollte in Erfahrung gebracht werden, ob die einzelnen Merkmale in ihrer Anzahl ausreichend sind oder ob Merkmal zusammengefasst werden müssen (Fromm 2012, S. 108). Zudem wurde je nach Skalenniveau auf Unterschiede getestet. Gemäß Schwarz und Enzler 2016, wurde für ordinalskalierte Variablen der Mann-Whitney-U-Test durchgeführt. Nominalskalierte Variablen wurden mit dem Chi2 -Test getestet (Anhang 9, S. 59). Metrische Variablen untersuchte der Autor zuerst via Kolmogorov-Smirnov-Tests auf Normalvertei- lung. Da aber alle metrischen Variablen (Puls, Selbstwertgefühl und Familienscore) nicht normalverteilt waren konnte ebenso der Mann-Whitney-U-Test erfolgen. Das übliche Signi- fikanzniveau von α = 0,05 wurde angenommen (Urban und Mayerl 2011, S. 135). Dieses erklärt, dass mit 95%iger Wahrscheinlichkeit der α-Fehler bezüglich falscher Nullhypothe- senablehnung reduziert werden kann. In die weitere Analyse wurden nur signifikante Vari- ablen eingeschlossen (Anhang 9, S. 59). Dies war bei 18 unabhängigen Variablen der Fall. Ausgeschlossen werden konnten hingegen das Alter, der Alkoholkonsum in der Schwan- gerschaft, emotionale Auffälligkeit, sexueller Missbrauch, Geschwisterkinder, genereller Al- koholkonsum, die Umgebung mit der Gemeindeklassengröße sowie das Selbstwertgefühl.

Eine Modellvoraussetzung ist, dass zwischen den Prädiktoren keine Multikollinearität vor- liegt (Fromm 2012, S. 108). Da überdies Verzerrungen im Schätzmodell möglich sind, wird die Korrelation unabhängiger Variablen untereinander geprüft (Anhang 10, S. 60). Für die verschiedenen Skalenniveaus mussten unterschiedliche Korrelationskoeffizienten (Spe- arman-Koeffizienz, Phi, Cramer-Index sowie Eta) berechnet werden (Schwarz und Enzler 2016). Einen guten Überblick über die Prüfung von Zusammenhängen liefert Anhang 11, S. 63. Als Grenzwert wurde ein r von 0,50 festgelegt. Ab dieser Koeffizientengröße darf ein Zusammenhang angenommen werden (Wittenberg et al. 2014, S. 210). Selbst Variablen bei denen dies vermutet wurde überschreiten diese Grenze nicht (Anhang 10, S. 61). Da keine Multikollinearität vorliegt müssen keine weiteren Variablen ausgeschlossen werden.

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Details

Seiten
73
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668433915
ISBN (Buch)
9783668433922
Dateigröße
2.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v357340
Institution / Hochschule
Westsächsische Hochschule Zwickau, Standort Zwickau
Note
1,0
Schlagworte
Jugendgewalt Aggressiv-dissoziale Störung Risikofaktoren Prävention Täter youth violence conduct disorders risk factors offender Regression KiGGS

Autor

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Titel: Prädiktoren für Gewaltbereitschaft bei Minderjährigen im Alter von 11 bis 17 Jahren. Eine Modellbildung anhand der KiGGS-Basiserhebung