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Burnout im Arbeitsbereich Psychiatrie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 36 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Pflegemanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beschreibung des Burnout-Syndroms
2.1 Was ist ein Burnout-Syndrom
2.2 Die Verlaufsstadien des Burnout-Syndroms
2.3 Differentialdiagnose des Burnout-Syndroms

3. Allgemeine Entstehungsbedingungen für Burnout
3.1 Subjektive Autonomie und Streß
3.2 Merkmale der betroffenen Person
3.3 Merkmale der Arbeitsbedingungen

4. Besonderheiten im psychiatrischen Arbeitsgebiet
4.1 Personenbezogene Besonderheiten bei Helfern
4.2 Klientenbezogene Besonderheiten
4.3 Organisationsbezogene Besonderheiten
4.4 Gesellschaftliche Besonderheiten

5. Burnout Prävention in der Psychiatrie
5.1 Analyse der Situation
5.2 Persönliche Prävention
5.3 Institutionelle Prävention

6. Fazit / Ausblick

7. Literaturverzeichnis

8. Internetverzeichnis

1.Einleitung

In den letzten Jahren ist der Begriff „Burnout“ zu einem neuen Schlagwort in den Medien geworden und auch in den psychiatrischen Arbeitsbereich vorgedrungen.

Nach Burisch (Zitat Burisch, M.; 1994, S. 6) ist das Burnout-Syndrom „eine langandauernde zu hohe Energieabgabe für zu wenig Wirkung bei ungenügendem Nachschub “.

Das Erreichen eines selbst oder von außen gesteckten Zieles ist genauso unmöglich wie das Aufgeben dieses Ziels.

Meist handelt es sich hierbei um einen Prozess, der mit Motivationsverlust und Desillusionierung beginnt. Das Burnout-Syndrom ist ein Phänomen unserer unmittelbaren Gegenwart, das durch unsere heutigen Lebens- und Arbeitsweltansprüche entstehen kann. Letztlich liegt diesem Prozess ein „Leiden an der Moderne“ zugrunde.

In Deutschland leiden nach Schätzungen etwa 300.000 bis zu 1,5 Millionen Menschen an Burnout (Werner, A.; Kronlage, H.; 2001). Der Grund für diese große Zahlenspanne liegt in dem Krankheitsbild selbst, da dieses sehr unterschiedlich definiert wird. Oft werden Dauerbeschwerden, wie z.B. Virusinfektion, grippale Infekte, Rückenschmerzen sowie andere Beschwerden nicht in Zusammenhang mit einem Burnout gebracht. Von besonderer Bedeutung erscheint mir die Problematik der Krankheitszustände und Frühpensionierung, die bei der Burnout-Diskussion immer wieder beschrieben wird.

Der Begriff Burnout wird in der Arbeitswelt seit den 70er Jahren beschrieben (Killmer, Ch.; 1998). Burnout kommt in allen Berufständen und auch außerhalb des Berufslebens vor. Oft sind die besten Mitarbeiter mit besonderem Engagement betroffen. Typische Aussagen der Betroffenen sind:

„Ich bin frustriert...“

„Ich bin nur noch ein Hamster im Rad.“

„Ich habe die Begeisterung für meine Arbeit verloren.“

Da ich schon seit vielen Jahren in einem psychiatrischen Zentrum arbeite und im Zuge der Sparmaßnahmen und Budgetierungen ähnliche Phänomene beobachtet habe, möchte ich mich mit der Thematik Burnout in diesem psychiatrischen Arbeitsgebiet auseinander setzen.

Um die Problematik im psychiatrischen Arbeitsbereich besser verstehen zu können, werde ich zunächst das Burnout-Syndrom und seine allgemeinen Entstehungsmechanismen beschreiben und mich mit der Frage beschäftigen, inwieweit Menschen, die in einer psychiatrischen Einrichtung arbeiten, gefährdet sind, ein Burnout-Syndrom zu bekommen.

Weitergehend werde ich einige Besonderheiten des Burnout-Syndroms im psychiatrischen Arbeitsbereich beschreiben und nach Möglichkeiten der Prävention und den Konsequenzen in den psychiatrischen Institutionen aufzeigen.

Wegen der Begrenzungen im Rahmen dieser Abschlussarbeit werde ich nicht auf die medizinische und therapeutische Behandlung des Burnout-Syndroms eingehen.

2. Beschreibung des Burnout-Syndroms

2.1 Was ist ein Burnout-Syndrom

Burnout wird erstmals 1969 von H.B. Bradley erwähnt und 1974 von dem Psychoanalytiker H.J. Freudenberger als Veränderung der Persönlichkeit bei Mitarbeitern in Selbsthilfe- und Krisengruppen näher beschrieben. In Sport- und Kunstbereichen ist das Phänomen in den USA seit 1930 bekannt.

Der englische Journalist und Erzähler G. Greene (1904 –1991) gebrauchte den Begriff “A burnt-out case“ 1961. In den 70er Jahren wurde der Begriff als Beschreibung von Erschöpfungszuständen bei Mitarbeitern von Hilfsorganisationen benutzt. (Payk, Th.; 2000)

Seither ist der englische Begriff „Burnout“ auch im Deutschen gebräuchlich. Er bedeutet soviel wie „ausgebrannt sein.“

Es ist so, als würde man eine Kerze an beiden Enden anzünden. Dadurch brennt sie zwar heller, aber sie ist auch schneller abgebrannt. (Rush, M.; 2000)

Mit viel Einsatz und „brennendem“ Herzen kann in vielen Lebensbereichen einiges bewegt werden. Doch kann der vorher sehr aktive Mensch seine Kraftreserven verlieren und sich später selbst nicht mehr erkennen.

Burnout ist ein meist schleichend beginnender Zustand körperlicher, geistiger und psychischer Erschöpfung, der durch eine langandauernde Überforderung ohne angemessene Korrektur hervorgerufen wird. Meist fehlt den Betroffenen Zeit und Kraft für persönliche Psychohygiene und Entspannung. Die zunehmende Erschöpfung entwickelt sich zum Normalzustand.

Dabei wird die eigene Müdigkeit verdrängt, und das Gefühl, nur noch eine Arbeitsmaschine zu sein, wird als unveränderbar angenommen. Im weiteren Verlauf des Bournout werden negative Gefühle verleugnet und die Augen werden vor der Realität verschlossen, um die unangenehmen Gefühle wie Druck, Spannungen, Frustrationen, Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, Überforderung oder Unterforderung nicht wahrzunehmen. Die Vereinsamung aufgrund der Überlastung nimmt einen fortschreitenden Verlauf; der Wunsch nach Erholung, Geselligkeit, Privatleben oder Zeit für sich selbst wird zunehmend ignoriert.

Die Symptomatik des Burnout geht weiter einher mit Kreislaufstörungen, Müdigkeit, Schlafstörungen, körperlichen Beschwerden, innerer Leere, fehlendem Engagement und reduzierter Leistungsfähigkeit. Der Mensch ist physisch, psychisch und geistig „ausgepowert“. Das Leben wird nicht mehr als etwas Positives empfunden, es kann sogar zum Suizid kommen.

Eine typische Aussage ist: „Ich wollte anderen Menschen helfen, war engagiert und habe meinen Beruf geliebt. Aber jetzt freut mich nichts mehr und ich fühle mich innerlich ausgebrannt und leer“ (Zitat Fabach, S.; Burnout bei Frauen, S.3).

Der Liederdichter Andreas Frey fasst Burnout im Folgenden humorvoll zusammen:

„Am Anfang voller Enthusiasmus so als wie noch jungfräulich im Schwung und mit Phantasie Einsatzkraft und Wille voll in Blüte stehn voll Zuversicht – ganz John Wayne. Mit der Zeit wie nach durchzechter Nacht sind Kraft und Idealismus abgeflacht. Müd der Enthusiamus, es fehlt an drive bin wohl wieder urlaubsreif.

Burn out, burn out, bis zum burn out da wird gepowert bis man psychisch auf der Felge kaut Burn out, burn out, down und burn out der Akku leer, da wächst kein Kraut.

Mit Strand, Natur, mit Bar und Relax gemischt im Urlaub kräftemäßig scheinbar neu erfrischt. Doch Ruhe und Erholung zeigt sich schon bald danach als lllusion. Ausgebrannt – das kann doch nicht sein! Er bäumt sich auf, klotzt noch mal rein. Durch Streß, Konflikte, Ansprüche vollends schlapp sackt er dann mental ganz ab.

Refrain: Burn out ...

Keine Lust, kein Antrieb, nur (noch) Müdigkeit zieht sich innerlich zurück von alle Leut Schwarzer zynischer Humor sitzt tief nach innen leer und kühl und äußerlich voll depressiv

Burn out ...

( Frey, A.; Liederdichtung für das Burnout Seminar am 19.10.02, Hohe Mark, Oberursel)

2.2 Verlaufsstadien des Burnout-Syndroms

Die Verlaufsstadien des Burnout-Syndroms werden in der Literatur unterschiedlich eingeteilt. Ich möchte hier die zwölf Stadien des „Burnout-Zyklus’“ in Anlehnung an H. Freudenberger und G. North (1992) anhand der folgenden Grafik darstellen (Zier,G. 2002).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.Stadium: R Der Zwang sich zu beweisen

In der Anfangsphase zeigen die betroffenen Personen ein vermehrtes Engagement.

Sie definieren und legitimieren sich durch ihre Tätigkeit, wodurch sie in Leistungszwang geraten. Die Betroffenen suchen Bestätigung und Anerkennung durch ihre Arbeit.

Damit möchten sie sich selbst und der Welt beweisen, wie „gut“ sie sind, wollen Einfluss auf Leben und Geschehnisse nehmen. Dieses wird von einigen Mitarbeitern oft über Jahre hinweg geleistet.

2.Stadium: R Verstärkter Einsatz

Diese Kollegen leisten meistens mehr als andere und sind die „ Macher“ der Station. Es gibt nichts, was ihnen zuviel wird; sie zeigen einen erhöhten Einsatz, bzw. „die anderen Kollegen machen die Arbeit einfach nicht so gut“. Sie können Aufgaben schlecht oder gar nicht delegieren. Ihre Arbeit bekommt für sie eine unerträgliche Dringlichkeit.

Ebenso entstehen Ängste, dass sie für gewisse Anforderungen nicht ausreichend qualifiziert sind. Es können Bedenken entstehen, zu wenig vorbereitet zu sein, über zu wenig Wissen zu verfügen und Abläufe nicht zu durchschauen. Auch die Angst des „Nicht-kontrollieren-Könnens“ ist wesentlich.

3.Stadium: R Subtile Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse

Durch Bestätigung und Anerkennung für ihre Leistungen arbeiten die Betroffenen so weiter, bis langsam eine subtile Vernachlässigung der Aufmerksamkeit für sich selbst und ihre Bedürfnisse entsteht. Erste Zeichen der Erschöpfung werden sichtbar. Die täglichen Alltagspflichten werden lästig oder als unnötige Störung erlebt. Teilweise werden diese alltäglichen Dinge dann aufgeschoben oder vergessen, da für sie keine Zeit mehr vorhanden ist.

Am Abend sind die Betroffen dann völlig erschöpft, „fallen ins Bett“. Sie verlieren sie den Sinn für den Humor und können nicht mehr aufgeheitert werden.

4.Stadium: R Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen

Nun spürt man den inneren Konflikt und die Unausgeglichenheit des Betroffenen. Seine Gedanken fangen an zu kreisen um das, was ihm Sorgen macht, wie z.B. Schlaf, Müdigkeit, Ernährung, Gesundheit, Fitness, Bewegung und natürlich die Arbeit.

Oft treten zusätzlich weitere Symptome auf. Die betroffenen Personen fühlen sich krank, zeigen erste psychosomatische Krankheiten, grippale Infekte, chronisches Müdigkeitsgefühl, Gefahr des körperlichen Zusammenbruchs, vegetative Dystonie, Kreislaufkollaps, Heiß-Kalt–Gefühle und Ängste.

Der Betroffene sucht nach immer besseren anderen Möglichkeiten, um die von ihm wahrgenommenen Störungen (Konflikte) zu verdrängen und sich davon mehr und mehr abzulenken.

5.Stadium: R Umdeutung von Werten

In dieser Phase des Burnout-Syndroms kommt es zu Veränderungen des Normen - und Wertesystems. Die Wahrnehmungen werden verzerrt und eingeschränkt. In Beziehungen zu anderen Menschen kommen Wahrnehmungsstörungen oder Verständigungsprobleme zum Vorschein. Zeitplanungen erweisen sich selten als realistisch, nur die Gegenwart existiert.

Die soziale Position bekommt eine übermäßige Wichtigkeit. Ihr möglicher Verlust wird mit massiven Ängsten erwartet, die als lebensbedrohlich empfunden werden. Das Gefühl der Desorientierung und Verwirrung ergreift diesen Menschen.

6.Stadium: Verstärkte Verleugnung der aufgetretenen Probleme

Jetzt verändert der Betroffene seine Weltsicht. Er wird seinen Mitmenschen gegenüber zunehmend intoleranter und lässt sich von anderen nur noch wenig beeinflussen. Aufgrund des Energiemangel ist er ungeduldig und reizbar.

7.Stadium: Rückzug

Mit zunehmendem introvertierten, „eigenbrötlerischen“ Verhalten und zynischen Äußerungen nimmt der Rückzug in sich selbst seinen weiteren Verlauf. Dadurch kommt das Gefühl der Hoffnungs- und Orientierungslosigkeit verstärkt zum Tragen.

Die Verachtung für die Welt, die Kollegen, die Familie und die Gesellschaft nimmt enorm zu und Sarkasmus macht sich breit.

Die „Freunde“ des Betroffenen sind nun der Fernseher, Kino, Videos, Bücher oder das Sofa. Immer häufiger werden Gedanken vom Aussteigen und „Ausgepowertsein“ erwähnt.

Der Umgang mit Nahrungs- und Genussmitteln gerät meist aus dem Gleichgewicht.

In zunehmenden Mengen werden z.B. Alkohol, Drogen, Nikotin, Kaffee, Medikamente eingenommen. Der Missbrauch von Suchtmitteln schreitet voran.

8.Stadium: R Für Außenstehende beobachtbare Verhaltensänderung

Diese Betroffenen fühlen sich in Gesprächen sofort persönlich angegriffen und können Kritik nicht mehr ertragen. Vermehrtes Rauchen, Trinken und Ruhebedürfnis fällt ebenfalls den anderen Mitarbeitern auf. In Notzeiten oder bei Ausfall anderer Kollegen kann man sie zunehmend schwerer an die Arbeit rufen. Oft erreicht man nur noch den Anrufbeantworter. Sie gehen dem Kontakt mit anderen Menschen systematisch aus dem Weg und erfinden Ausreden, um absagen zu können. Hinzu kommt die immer negativere Einstellung fast allen Mitmenschen gegenüber.

(Bis zu diesem Stadium des Burnout-Syndroms sind die Heilungschancen noch relativ gut; die Störungen sind bei schneller Hilfe noch reversibel.)

9.Stadium: Depersonalisation, Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit

Krankheiten und körperliche Schäden finden keine Berücksichtigung mehr im Alltag.

Der Betroffene hat den Kontakt zum eigenen Körper verloren und verleugnet ihn. Es treten unter anderem massive Schäden des Herzkreislaufsystems, Diabetes mellitus und Neuralgien auf.

Der Wert der eigenen Person wird (komplett) in Frage gestellt und man betrachtet sich selbst als absolut unwichtig. Dementsprechend werden eigene Bedürfnisse nicht mehr erkannt und wahrgenommen. Es gibt auch keine reale Vorstellung mehr von der Existenz anderer Personen.

10. Stadium: Innere Leere

Die nun entstandene „innere Leere“ weckt noch manchmal ganz schwach den Wunsch aufzutanken, sich neu „auffüllen“ zu lassen. Diese Versuche sind dann aber oft sinnlos, fruchtlos, kraftlos und sehr trügerisch. Der Zustand der Leere erscheint kaum aushaltbar und ist eine schmerzhafte Erkenntnis. Man erkennt seine Unfähigkeit, allein zu bleiben. Das entstandene Loch wird mit Drogen, Essen und Trinken „gefüllt“.

[...]

Details

Seiten
36
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638356336
ISBN (Buch)
9783638650076
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v35826
Institution / Hochschule
Berufsakademie Nordhessen Kassel
Note
1,0
Schlagworte
Burnout Arbeitsbereich Psychiatrie Weiterbildung Pflegedienstleitung

Autor

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Titel: Burnout im Arbeitsbereich Psychiatrie