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Einführung eines Mindestlohnes. Kritische Analyse möglicher ökonomischer Auswirkungen

Ausarbeitung 2016 11 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Definition des Mindestlohns

2. Ziele des Mindestlohns

3. Mindestlöhne in Deutschland und in Nachbarländern

4. Auswirkungen der Einführung eines Mindestlohnes aus Sicht verschiedener
Wirtschaftstheorien
4.1 Neoklassisches Modell
4.2 Keynesianismus
4.3 Monopson-Theorie

5. Empirische Studien

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

Einführung

Seit 1. Januar 2015 gilt in Deutschland bundesweit ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Damit gesellt sich die Bundesrepublik zu den vielen anderen Ländern der Europäischen Union, die bereits seit längerem entsprechende Regelungen haben. Doch trotz zahlreicher Wirtschaftstheorien, empirischen Studien und internationalen Erfahrungen wird das Thema kontrovers diskutiert, Gegner und Befürworter führen fundierte Argumente ins Feld. In der voliegenden Arbeit sollen das Für und Wider eines Mindestlohns analysiert werden. Die möglichen ökonomischen Auswirkungen eines gesetzlichen Mindestlohns werden aus Sicht verschiedener Wirtschaftstheorien und Arbeitsmarktmodelle dargelegt, empirische Studien dienen der Ergänzung. Das Fazit fasst die Ergebnisse, die sich aus Theorie und Empirie ergeben, zusammen und stellt diese in Zusammenhang mit dem Mindestlohn Deutschlands.

1. Definition des Mindestlohns

„Ein Mindestlohn ist ein via gesetzlicher oder tarifvertraglicher Regelung in der Höhe festgelegtes kleinstes rechtlich zulässiges Arbeitsentgelt. Eine Mindestlohnregelung kann sich auf den Stundensatz oder den Monatslohn bei Vollzeitbeschäftigung beziehen“[1]. Demzufolge kann sich ein Mindestlohn sowohl aus der Gesetzgebung als auch aus tarifrechtlichen Verhandlungen zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften ergeben. Es gibt Mindestlöhne, die auf nationaler Ebene gelten, ebenso gibt es Regelungen, die nur bestimmte Branchen oder Regionen betreffen. Gesetzliche und tarifvertragliche Mindestlöhne können parallel bestehen, wobei Gewerkschaften mit starker Verhandlungsposition oft einen höheren Mindestlohn als den gesetzlichen aushandeln können.

2. Ziele des Mindestlohns

Die Forderung nach der Einführung eines Mindestlohns geht meist mit dem Argument einher, dass er zur Armutsbekämpfung beitrage[2]. Konkret auf Deutschland bezogen, soll der Mindestlohn „den vorhandenen breiten Niedriglohnsektor eindämmen“[3]. Verschiedene Entwicklungen, unter anderem die Hartz-Reformen, haben dazu geführt, dass fast 25% der Beschäftigten hierzulande zu diesem Sektor gezählt werden[4]. Durch den Mindestlohn soll auch diese Beschäftigtengruppe, meist Geringqualifizierte, ihren Lebensunterhalt durch ihr Arbeitsentgelt angemessen bestreiten können. Daneben sollen Arbeitnehmer auch vor der Ausbeutung durch Arbeitgeber geschützt werden[5], was besonders in Branchen ohne starke gewerkschaftliche Präsenz bzw. Durchsetzungsfähigkeit von Bedeutung ist. Da die Tarifbindung in Deutschland in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist und nunmehr nur annähernd die Hälfte aller Beschäftigten abdeckt[6], soll der Mindestlohn hier regulierend eingreifen.

3. Mindestlöhne in Deutschland und in Nachbarländern

Mit Einführung des Mindestlohns zum 1. Januar 2015 reiht sich Deutschland in die Gruppe der zahlreichen europäischen Länder ein, die bereits eine gesetzlich vorgeschriebene Lohnuntergrenze implementiert haben. Wie aus Abb. 1 ersichtlich wird, liegt Deutschland mit einem Mindeststundenlohn von 8,50 Euro im Mittelfeld. Erwähnenswert ist, dass der deutsche Mndestlohn flächendeckend, sowohl in Ost- als auch Westdeutschland gleichermaßen gilt, jedoch nicht für unter 18-jährige. Für einige Branchen und Beschäftigtengruppen, beispielsweise Erntehelfer und Zeitungsausträger, gibt es übergangsweise Ausnahmeregelungen vom Mindestlohn, ab 2017 gelten aber auch hier verbindlich die 8,50 Euro[7].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Gesetzliche Mindestlöhne pro Stunde in Euro, Januar 2015[8]

Es gibt auch ein paar europäische Lände ohne gesetzlich geregelte Mindestlöhne, dazu gehören Dänemark, Finnland, Schweden, Österreich und Italien. In diesen Ländern jedoch ist die Tarifbindung durch politische Besonderheiten so hoch, dass der tarifvertragliche Mindestlohn für die Mehrheit der Beschäftigten gilt.

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Tarifbindung in ausgewählten EU-Ländern ohne gesetzlichen Mindestlohn[9]

4. Auswirkungen der Einführung eines Mindestlohnes aus Sicht verschiedener Wirtschaftstheorien

Verschiedene Wirtschaftstheorien und -modelle versuchen, die ökonomischen Auswirkungen der Einführung eines Mindestlohnes zu analysieren. Im Folgenden sollen einige dieser Modelle vorgestellt werden, da diese auch oft in der politischen Diskussion um den Mindestlohn als Argumente verwendet werden.

4.1 Neoklassisches Modell

Die neoklassische Theorie geht von einem perfekten Arbeitsmarkt aus, es werden vollständige Konkurrenz und flexible Reallöhne vorausgesetzt. Das Angebot an Arbeitkraft und die Nachfrage danach pendeln sich letztendlich an einem Gleichgewichtspunkt ein, daraus ergibt sich der Gleichgewichtslohn. Wird nun ein gesetzlicher Mindestlohn eingeführt, der über diesem Gleichgewichtslohn liegt, so führt dies auf Grund der reduzierten Nachfrage der Unternehmen nach Arbeit zu Arbeitslosigkeit. Ist der Mindestlohn dagegen zu niedrig, verringert sich das Angebot an Arbeit, da weniger Arbeiter für einen niedrigen Lohn zu arbeiten bereit sind. In der Folge bieten die Unternehmen höhere Löhne, um ihre Nachfrage nach Arbeit zu decken, der Gleichgewichtslohn wird langfristig wieder erreicht.[10]

4.2 Keynesianismus

Das Modell von John Maynard Keynes basiert auf der neoklassischen Theorie, betrachtet den Arbeitsmarkt jedoch nicht isoliert, sondern trägt auch dem Einfluss von Finanz- und Gütermärkten Rechnung. Die Theorie besagt, dass Unternehmen nur Arbeit nachfragen, wenn sie ihre Güter auch absetzen können. Die Güternachfrage wiederum ist abhängig von der Kaufkraft der Konsumenten. Durch die Einführung eines Mindestlohnes kann die Kaufkraft von Geringverdienern erhöht werden, es werden mehr Güter nachgefragt, ebenso steigt die Nachfrage nach Arbeitskraft seitens der Unternehmen. Dadurch sinkt die Arbeitslosigkeit. Jedoch geht eine höhere Güternachfrage womöglich auch mit höheren Preisen einher, das senkt die Kaufkraft und folglich ist der Reallohn trotz eines höheren Nominallohns gleich geblieben.[11]

4.3 Monopson-Theorie

Die grundlegende Annahme in der Monopson-Theorie besagt, dass nur ein einziges Unternehmen Arbeit nachfragt – dadurch hat dieses Unternehmen Marktmacht inne. Es wird davon ausgegangen, dass alle Arbeitnehmer dieses einen Unternehmens den gleichen Lohn erhalten. Bietet der Unternehmer einen höheren Lohn, sind mehr Arbeitnehmer dazu bereit, für ihn zu arbeiten. Auf der anderen Seite steigt auch die Produktion und somit die Wertschöpfung des Unternehmens mit zunehmender Zahl an Arbeitskräften. Der Monopsonist hat zum Ziel, den Gewinn zu maximieren.[12] Er wird also genau die Zahl an Arbeitern einstellen, bei der die Differenz zwischen Produktionserlös und Lohnkosten ein Maximum erreicht. Dieses Maximum kann unter Umständen dann erreicht werden, wenn der Unternehmer den Lohn drückt, weniger Arbeiter für ihn arbeiten, die Wertschöpfung und der Produktionserlös sinken. Dies trifft dann zu, wenn die Lohnkostenersparnis durch eine geringere Zahl an Arbeitern höher ist als der zusätzliche Erlös bei höherer Produktion durch mehr Arbeitnehmer. Die Einführung eines Mindestlohns kann im Monopson-Modell die Höhe der Beschäftigung beeinflussen. Der Monopsonist ist in seiner Lohnsetzung nach unten begrenzt, er wird also ein neues Beschäftigungsniveau mit maximalem Gewinn suchen. Dies kann bedeuten, dass er zusätzliche Arbeitnehmer einstellt, wenn die zusätzliche Wertschöpfung die zusätzlichen Lohnkosten übersteigt. Liegt der Mindestlohn allerdings zu hoch, führt dies auch in der Monopson-Theorie zu Beschäftigungsverlusten.[13]

5. Empirische Studien

Aus dem vorigen Kapitel wird deutlich, dass die verschiedenen theoretischen Modelle sich in den Aussagen über die Wirkungen eines Mindestlohns teilweise widersprechen. Dies legt nahe, empirische Studien durchzuführen, um die prognostizierten Effekte mit der Realität abzugleichen.

Es gibt eine große Vielzahl an Studien, die sich mit den Beschäftigungswirkungen von Mindestlöhnen auseinandersetzen. Aber „selbst einfache Untersuchungen von Zusammenhängen zwischen Mindestlöhnen und Beschäftigung sollten immer theoretisch begründete ökonomische Kausalitäten berücksichtigen“[14]. Das bedeutet, dass innerhalb der empirischen Analyse verschiedene Variablen durch wirtschaftstheoretische Ansätze begründet werden müssen, was die Vergleichbarkeit der Studien wiederum in Frage stellt.

Neumark und Wascher[15] haben 2008 die Ergebnisse zahlreicher empirischer Studien zum Thema Mindestlohn aus den USA und anderen Ländern zusammengefasst und analysiert. „Trotz der größeren Bandbreite der Ergebnisse zeigt die große Mehrheit der Studien negative Beschäftigungseffekte, wohingegen nur in weniger als 10 Prozent der Fälle positive Effekte ermittelt wurden“[16]. Die umfassende Analyse von Neumark und Wascher zeigt, dass von einem flächendeckenden Mindestlohn langfristig eher negative Effekte zu erwarten sind[17].

In Deutschland wurden in den letzten Jahren mehrere Studien zu branchenspezifischen Mindestlöhnen durchgeführt. Die meisten dieser Untersuchungen zeigen keine nennenswerten Beschäftigungseffekte durch die eingeführten Mindestlöhne auf[18]. Allerdings muss man auch die Ergebnisse dieser Studien mit Vorsicht interpretieren, denn Datenprobleme und die Wahl der theoretischen Grundlagen können die Aussagen der jeweiligen Studie verzerren.

6. Fazit

Die vorliegende Arbeit hat einen Einblick in die theoretischen und empirischen Ansätze gegeben, die sich mit den Auswirkungen eines Mindestlohnes auf das Beschäftigungsniveau eines Landes beschäftigen. Aus der Analyse wird deutlich, dass weder die theoretischen Modelle noch die empirischen Studien eindeutige Ergebnisse liefern. Auch lassen sich die Erfahrungen aus anderen Ländern nicht einfach verallgemeinern, da eine Vielzahl an wirtschaftlichen und politischen Faktoren Einfluss auf die Zahl der Beschäftigten haben und somit der Einfluss eines Mindestlohnes nicht direkt abgeleitet werden kann. Welche Wirkung der neu eingeführte Mindestlohn von 8,50 Euro in Deutschland haben wird, „hängt von der Funktionsweise des Arbeitsmarktes, von der Höhe des Mindestlohns und von der Zahl der Betroffenen ab“[19]. Daher wird es unabdingbar sein, die Wirkungen des Mindestlohns stetig zu beobachten, zu analysieren und gegebenenfalls korrigierend einzugreifen. Eigene Erfahrungen zeigen, dass in Märkten wie z.B. der Reinigungsbranche, Mindestlöhne zu einem stärkeren Wettbewerb führen. Auf der einen Seite stärkt der Mindestlohn die Arbeitnehmer, leider sind Kunden häufig nicht bereit, höhere Preise zu bezahlen – hier muss ein Umdenken zum Wohle aller Marktteilnehmer stattfinden.

7. Literaturverzeichnis

1) Antonczyk, D., Fitzenberger, B., Sommerfeld, K.: Anstieg der Lohnungleichheit, Rückgang der Tarifbindung und Polarisierung. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2011. URL http://doku.iab.de/zaf/2011/2011_1-2_zaf_antonczyk_fitzenberger_sommerfeld.pdf, abgerufen am 07.08.2015.
2) Bispinck R., Schäfer C., Schulten T.: Argumente für einen gesetzlichen Mindestlohn. WSI Mitteilungen 10/2004, S. 575-577.
3) Bosch G., Weinkopf C.: Zur Einführung des gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 Euro in Deutschland. Arbeitspapier Nr. 304, Hans-Böckler-Stiftung 2014.
4) Bosch, G., Kalina, T., Weinkopf, C.: Stellungnahme zum Fragenkatalog „Mindestlohn“. Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie - Institut Arbeit und Technik, 2006.
5) Fehlhaber, J.: Mindestlohn als arbeitsmarktpolitische Maßnahme. Pro und Contra. Grin-Verlag, 2007.
6) Hellwig, A.: Der gesetzliche Mindestlohn, Argumente und Erfahrungen. Grin Verlag, München 2008.
7) Henneberger, F., Haug, L.: Die Auswirkungen von Mindestlöhnen auf das Gleichgewicht am Arbeitsmarkt: Eine theoretische Analyse anhand der beiden Marktformen des Polypols und des Monopsons. Diskussionspapier Nr. 121, Universität St. Gallen, 2010.
8) Knabe, A., Schöb, R., Thum, M.: Der flächendeckende Mindestlohn. Freie Universität Berlin, Fachbereich Wirtschaftswissenschaft, 2014. URL http://edocs.fu-berlin.de/docs/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDOCS_derivate_000000003072/discpaper2014_4.pdf?hosts=, abgerufen am 10.08.2015.
9) Neumark, D., Wascher, W. L.: Minimum Wages. Cambridge: MIT Press, 2008.
10) Ragacs, C.: Mindestlöhne und Beschäftigung: Ein Überblick über die neuere empirische Literatur. Working Paper No. 25, Wirtschaftsuniversität Wien 2003.
11) Schulten, T.: WSI-Mindestlohndatenbank. Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung, Januar 2015. URL http://www.boeckler.de/wsi-tarifarchiv_43610.htm, abgerufen am 07.08.2015.
12) Springer Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Mindestlohn, URL http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/136690/mindestlohn-v8.html, abgerufen am 05.08.2015.
13) Webseite der Bundesregierung: Gesetzlicher Mindestlohn. Die Bundesregierung 2014. URL http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2014/07/2014-07-03-mindestlohn-bundestag.html, abgerufen am 11.08.2015.

8. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Gesetzliche Mindestlöhne pro Stunde in Euro, Januar 2015 5

Abbildung 2: Tarifbindung in ausgewählten EU-Ländern ohne gesetzlichen Mindestlohn 5

[...]


[1] Gabler Wirtschaftslexikon online, abgerufen am 03.08.2015

[2] Vgl. Hellwig 2008, S. 5.

[3] Bispinck, Schäfer, Schulten 2004, S. 575.

[4] Vgl. Bosch, Weinkopf 2014, S.11.

[5] Vgl. Hellwig 2008, S. 5.

[6] Vgl. Antonczyk, Fitzenberger, Sommerfeld 2011, S.17.

[7] Vgl. Webseite der Bundesregierung 2014. Abgerufen am 11.08.2015.

[8] Schulten 2015, abgerufen am 11.08.2015.

[9] Eigene Darstellung in Anlehnung an Bosch, Kalina, Weinkopf 2006, S.3.

[10] Der Absatz folgt Fehlhaber 2007, S. 1.

[11] Dieser Abschnitt folgt Fehlhaber 2007, S. 3.

[12] Vgl. Henneberger, Haug 2010, S. 18 f.

[13] Vgl. Knabe, Schöb, Thum 2014, S. 4 ff.

[14] Ragacs 2003, S. 11

[15] Neumark, Wascher 2008.

[16] Knabe, Schöb, Thum 2014, S. 10.

[17] Ebenda, S. 11.

[18] Knabe, Schöb, Thum 2014, S. 14.

[19] Ebenda, S. 23.

Details

Seiten
11
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668431058
ISBN (Buch)
9783668431065
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358633
Note
1.0
Schlagworte
Mindestlohn Ökonomie Wirtschaft Lohn Gehalt

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