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Plattformen zum Thema Essstörung. Bedeutung und ein mögliches Verbot von "Pro-Ana"-Foren

Hausarbeit 2017 25 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anorexia nervosa
2.1.Begriff und Erstbeschreibung
2.2.Diagnose
2.3.Verlauf
2.4.Epidemiologie
2.5.Komorbidität
2.6.Ätiologie
Soziokulturelle Einflüsse
Familiendynamische Einflüsse

3. Diskussion über ein Verbot von Pro-Ana- Foren
3.1.Aufbau und äußere Form der Foren
3.2.Aussagen der Kritiker
3.2.1. Krankhaftes Schönheitsideal
3.2.2. Thinspiration
3.2.3. religiöse Züge
3.2.4. Thinlines
3.2.5. Soziale Vereinsamung
3.2.6. In Pro- Ana- Foren animieren sich die Essgestörten gegenseitig
3.3. Negative Aspekte

4. Fazit

5. Literatur
Internetquellen
Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„ Im Internet ist eine zunehmende Zahl von Websites und Foren zu finden, die sich mit Essstörungen auseinandersetzen. Auch im Web 2.0 tauchen vermehrt derartige Inhalte auf. Darunter gibt es viele jugendschutzrelevante Angebote, die Magersucht verherrlichen. “

(Rauchfuß 2008, S. 19)

Dieses doch ziemlich eindeutig negativ eingestellte Zitat macht die Gefährlichkeit von sogenannten Pro- Ana- Foren deutlich.

Pro- Ana- Foren sind im öffentlichen Diskus oft negativ dargestellte Plattformen in den sich Menschen mit Essstörungen austauschen.

In dieser Arbeit möchte ich der Frage nachgehen, ob diese Foren verboten werden sollten? Sind Foren, in denen sich Personen aufhalten, die eine Essstörung besitzen, wirklich so gefährlich, dass Besucher, die keine solche Störung aufweisen, allein durch diese Foren eine bekommen? Das lässt sich zumindest in den Schriften der Befürworter_innen eines Verbotes dieser Foren vermuten. Wird in diesen Foren wirklich das Hungern bis in den Tod propagiert?

Bevor sich jedoch mit den Argumenten der jeweiligen Seiten befasst werden kann, ist es wichtig sich einen kurzen Überblick über die Anorexia nervosa zu verschaffen. Die erste Frage, der hier nachgegangen werden soll und die für das Verständnis für Pro- Ana- Foren wichtig ist, ist die Frage was Anorexia nervosa eigentlich ist.

Im Anschluss an die kurze Übersicht des Krankheitsbildes der Anorexia nervosa wird das äußere Erscheinungsbild der Foren beschrieben. Dann folgt in Kapitel 3.3 die Diskussion der Argumente, die für ein Verbot von Pro- Ana- Foren sprechen. Im Fazit wird abschließend ein Resümee der Diskussion gezogen und abschließend auf die einleitenden Fragen eingegangen.

2. Anorexia nervosa

2.1. Begriff und Erstbeschreibung

Die Anorexia nervosa ist eine psychische Erkrankung, die sich durch ein gestörtes Essverhalten ausdrückt.

Die Bezeichnung Anorexie (griech. Anorexis) bedeutet übersetzt „fehlendes Verlangen“ (vgl. Kock, 2007, S. 13), diese Übersetzung wird dem Krankheitsbild der Anorexia nervosa jedoch nicht gerecht. Sie suggeriert, dass anorektischen Klienten_innen ein Bedürfnis zur Nahrungsaufnahme fehlt. Anorektische Klienten_innen haben durchaus ein Bedürfnis Nahrung zu sich zu nehmen und zu essen. Anorektische Klienten_innen versuchen jedoch, dieses Verlangen zu unterdrücken.

„ Natürlich hatte ich Hunger, aber das konnte ich doch nicht zugeben. Ich war diesem Gefühlüber- legen, also ignorierte ich es, wenn mein Magen knurrte. Wenn ich dann doch einmal etwas gegessen habe, dann tat ich es heimlich. So als ob ich etwas Verbotenes tun würde. Ich schämte mich richtig. “

(Zitiert nach Kock 2007, S. 13)

Der Zusatz nervosa bezeichnet dann erst die psychische Ursache der Erkrankung (vgl. Kock 2007, S. 13).

Im Jahr 1870 wurde die Anorexia nervosa erstmals von den Franzosen E.- C. Lasegue als „ Anorexia hysterica, und dem Engländer W. Gull als „Anorexia nervosa“ beschrieben.

2.2. Diagnose

Bei der Anorexia nervosa handelt es sich um eine anerkannte psychische Erkrankung. Die sowohl im ICD- 10 als auch im DSM- V beschrieben ist.

Hauptdiagnosekriterium ist ein selbstverursachter und willentlich herbeigeführter, lebensbedrohlicher Gewichtsverlust der Klienten_innen (vgl. Scheitenberger 2005, S. 13). Im nachfolgenden sind die Kriterien nach ICD- 10 und DSM- V aufgeführt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Diagnostische Kriterien für die Anorexia nervosa und deren Subtypen nach

ICD 10 (Drilling et al. 2014, S. 205 f) und dem DSM-V (Falkai et al. 2015, S. 463 f)

Sowohl das ICD- 10 als auch das DSM-V verwenden zur Diagnose den Body- Mass- Index (BMI) der Klienten_innen als auch deren gestörte Körperwahrnehmung.

Um eine Anorexia nervosa zu diagnostizieren, ist ein BMI von ≤ 17,5kg/m² angegeben. Dieser BMI sollte jedoch nur zur Diagnostik von Erwachsenden Klienten_innen heran gezogen werden. Bei Kindern und Jugendlichen sollten BMI- Perzentile bestimmt werden, um deren Entwicklungstand zu berücksichtigen (vgl. Falkai et al. 2015, S. 461 ff.).

Die WHO definierte einen BMI von 18,5 kg/ m² als untersten Gewichtswert des Normalgewichtes (vgl. Falkai et al. 2015, S. 461 ff). Die Störung der Körperwahrnehmung drückt sich entweder durch das Empfinden der Klienten_innen aus, übergewichtig zu sein oder zwar zu erkennen, dünn zu sein, jedoch besorgt zu sein, dass bestimmte Körperpartien zu dick seien (vgl. Falkai et al. 2015, S. 461 ff).

Zusätzlich wird im ICD- 10 eine Amenorrhoe (bei Frauen) und einem Libido- Potenzverlust (bei Männern) als Diagnosekriterium beschrieben. Bei einer Amenorrhoe handelt es sich um eine Hormonell bedingte Störung der Ovulation der Frau (vgl. Leidenderger & Rabe 2009).

Das Kriterium der Amenorrhoe lässt sich jedoch nur begrenzt beurteilen. So lässt es sich beispielsweise nicht auf junge Mädchen vor ihrer ersten Menstruation und ebensowenig auf Frauen nach ihrer Menopause anwenden (vgl. Friederich et al. 2014, S. 7).

2.3. Verlauf

Eine Anorexia nervosa dauert im Durchschnitt sechs Jahre. Ca. 50% bis 75% der klinisch erfassten Klienten_innen erfahren eine vollständige Heilung ihrer Erkrankung; dabei steigt die Genesungsrate zwischen dem vierten und sechsten Krankheitsjahr. Im Schnitt behalten 30% eine Restsymptomatik, bei ungefähr 20% nimmt die Erkrankung einen chronischen Verlauf mit schweren somatischen und psychischen Komplikationen. Bei leichten Verläufen der Erkrankung von nicht klinisch erfassten Klienten_innen kam es bei 67% nach ca. 5 Jahren zu einer Selbstheilung (vgl. Friederich et al. 2014, S. 10; Scheitenberger 2005, S. 16).

Anorexia nervosa ist heute die häufigste Todesursache junger Frauen im Alter zwischen 11 und 25 Jahren(vgl. Friederich et al. 2014, S. 10). 5,9% der chronisch Erkrankten sind bis 14 Jahre nach Er- stdiagnose der Erkrankung an Komplikationen die in einem Zusammenhang mit der Anorexia ner- vosa stehen oder durch Suizid (20%) verstorben (vgl. Friederich et al. 2014, S. 14). Die Wahrscheinlichkeit eine Heilung von der Anorexia nervosa zu erfahren, steigert sich, je jünger die Klienten_innen bei Beginn einer Therapie sind (vgl. Friederich et al. 2014, S. 10). Mit zunehmen Alter verschlechtert sich sowohl der mögliche Verlauf als auch die Mortalitätsrate (vgl. Scheiten- berger 2005, S. 16).

2.4. Epidemiologie

Anorexia nervosa ist hat eine Lebenszeitprävalenz von ca. 0,3% bis 1% bei Frauen und 0,03% bis 0,1% bei Männern, bei schweren Verläufen liegt das Geschlechterverhältnis damit bei 10 Frauen zu einem Mann (vgl. Pschyrembel 2014, S. 109). Durchschnittlich beginnt die Anorexia nervosa in einem Alter zwischen 11 und 25 Jahren (vgl. Friederich et al. 2014, S. 8).

Die Anorexia nervosa tritt überwiegend in westlich geprägten Gesellschaften auf, in denen es einen Nahrungsmittelüberschuss gibt (vgl. Reich & Cierpka 2010, S. 29). Kock (2007, S. 45) beschreibt, dass die Anorexia nervosa ihren Sinn für die Betroffenen nur dann erfüllen kann, wenn der Verzicht auf Nahrung freiwillig erfolgt.

2.5. Komorbidität

Die Anorexia nervosa kann mit einer Vielzahl anderer psychischer Erkrankungen einher gehen. So werden mit einer Anorexia nervosa gemeinsam oft Depressionen (94 bis 98%), Zwangsstörungen (56bis 63%), Lebenszeitprävalenz (vgl. Fichter 2005, S. 1145) sowie Angststörungen (22%) (vgl. Scheitenberger 2005, S. 17) diagnostiziert. Viele der anorektischen Kinder und Jugendlichen haben mindestens einen Versuch des Suizid unternommen (vgl. Scheitenberger 2005, S. 17). Fichter (2005, S. 1145) spricht von einer Lebenszeitprävalenz von 4 bis 21% in Verbindung mit Suizidver- suchen Auch besteht eine Komorbidität einer Anorexia nervosa mit weiteren Persönlichkeitsstörun- gen wie der Borderline Persönlichkeitsstörung (vgl. Friederich et al. 2014, S. 12).

2.6. Ätiologie

Die Entstehung sowie die Aufrechterhaltung einer Anorexia nervosa ist meist multifaktional. Es werden soziale, genetische, biologische und familiäre Hintergründe als Ursache für die Entstehung einer Anorexia nervosa diskutiert (vgl. Scheitenberger 2005, S. 18). Auf Grund des Umfanges und des Schwerpunktes dieser Arbeit können hier jedoch nicht alle Ansätze vorgestellt werden.

Soziokulturelle Einflüsse

Die Anorexia nervosa ist eine sogenannte „Wohlstandskrankheit“. Sie tritt in westlich orientierten Überflussgesellschaften auf (vgl. Reich & Cierpka 2010, S. 29). Eine Anorexia nervosa kann nur dann bestehen, wenn der Verzicht auf Nahrung selbst auferlegt ist. Bei schon bestehender Nahrungsmittelknappheit kann die Erkrankung ihren Sinn einer Nahrungsverweigerung nicht erfüllen (vgl. Kock 2007, S. 45).

Vor allem in westlich geprägten Gesellschaften besteht ein Schönheitsideal, mit besonderer Fix- ierung auf ein schlankes und attraktives Äußeres. In diesen Gesellschaften werden Schönheit und Schlankheit gleich gesetzt und als erstrebenswerte Attribute verstanden, man bedenke nur die Ein- schaltquoten von „Germany’s next Topmodel“. Beide Attribute werden mit Erfolg und Ehrgeiz as- soziiert. Wer es schafft abzunehmen, wird nicht nur als ehrgeizig und mit besonderem Erfolgswillen angesehen; diejenige erhält auch sehr viel positiven Zuspruch und Bewunderung (vgl. Kock 2007, S. 45). Abnehmen wird in den westlichen Gesellschaften ohne Kritik akzeptiert, es wird gar als er- strebenswert angesehen. Der Zwang schlank und attraktiv sein zu müssen ist mittlerweile zu einem vermeintlich intrinsischen Selbstbild geworden, für das nur selten Erklärung mehr reflektiert wer- den kann.

Besonders gut lässt sich dies in den Medien beobachten. Dort wird ein gerade zu kachektisches Frauenbild beworben. Zudem sind diese zumindest innerhalb der Werbung immer erfolgreich, be- liebt und voller Energie. Sie bilden also das ideale Vorbild in westlich geprägten Gesellschaften.

Ein weiteren wichtigen Aspekt spielt die Rolle der Frau in den westlichen Gesellschaften. Von Frauen wird erwartet, dass sie schön, klug, gepflegt sind und dafür auch viel Zeit aufwenden. Auch müssen sie sich im Geschäftsleben behaupten können und Karriere machen. Trotz alledem müssen sie in der Beziehung noch romantisch, süß und zärtlich sein. In der Ehe wird erwartet, dass sie die ideale Gattin sind und eine hingebungsvolle Mutter darstellen, die keinen Beruf mehr ausübt (vgl. Selvini Palazzoli 2003, S. 51). Oft wird den Kindern dieses Rollenbild von ihren Müttern vorgelebt. So kann es vorkommen, dass anorektische Kinder versuchen sich gegen dieses Rollenbild durch die Essstörung zu wehren.

„ Ich wusste, dass ich als Frau nicht mein eigenes Leben leben kann. Mir wurde jede Mündigkeit, jedes eigenverantwortliche Handeln als Mädchen abgesprochen. Meine Mutter war mir ein leben- des Beispiel dafür, was mich als Frau erwartete; das machte mir Angst und schreckte mich ab. “

(Gerlinghoff und Backmund, 2004, S. 66)

Familiendynamische Einflüsse

Das familiäre System der anorektischen Patient_innen und die in diesem System vollzogenen Interaktionen spielen bei der Betrachtung von der Entstehung der Anorexia nervosa eine immer wichtigere Rolle. Viele Autoren_innen, unter anderem Bruch (2002), Selvini Palazzoli (2003) und Minuchin et al. (1995), haben sich mit den Familieninteraktionen und deren Auswirkungen auf die Entstehung einer Anorexia nervosa befasst.

Die Familie bildet für Kinder das maßgebliche Grundgerüst für ihre eigene Identitätsbildung. In der Familie erfährt das heranwachsende Kind seine Normen und Werte. Dafür dienen alle Familienmitglieder als Maßstab. In Familien als wichtig erachtete Eigenschaften wird sich das Kind im Laufe der Zeit zu eigen machen und selbst nach diesen leben.

Von Außenstehenden werden Familien mit anorektischen Kindern und Jugendlichen im allgemeinen als gut situiert, gebildet und sehr harmonisch wahrgenommen.

Bruch (2002) beschreibt anorektische Kinder und Jugendliche als leistungsorientiert. Ihre Leistun- gen in der Schule sind oft sehr gut. Was oft auf einen sehr ausgeprägten Fleiß zurückzuführen ist. Durch diesen Fleiß und die damit verbundenen guten schulischen Leistungen bekommen die Kinder Anerkennung von Seiten der Eltern und werden über andere erhoben. Solche Kinder leben jedoch oft in der Angst unzulänglich sein, dadurch die Eltern zu enttäuschen und so die Liebe und Fürsorge ihrer Eltern zu verlieren. Dies führt zu weiteren Steigerungen ihrer Leistungen. Unterbewusst wird so impliziert, dass Belohnungen eine Leistung voraussetzen. Belohnungen müssen sich verdient werden. Viele der anorektischen Kinder opfern ihr ganzes Leben dem Wunsch den Erwartungen der Familie zu entsprechen. Dabei haben sie beständig Angst im Vergleich mit anderen nicht gut genug, gar Versager_innen zu sein.

„ Die ganze Kindheit der Mädchen, die schließlich magensüchtig werden, ist durchtränkt von dem Bedürfnis, andere zuübertreffen, das zu tun, von dem sie glauben, daßandere es von ihnen er- warten. “

(Bruch 2002, S. 62)

Bei einem andauernden Vergleich mit anderen ist es nicht verwunderlich, dass die Kinder und Ju- gendlichen oft angaben in dem Gefühl gelebt zu haben „unwürdig, „unwert“ und „undankbar“ für das Erhaltene zu sein. Diesen Kindern ist auch oft das Gedanken machen über eine empfundene Diskrepanz zwischen dem, was sie verdienen und dem was sie erhalten und bekommen, gemein (vgl. Bruch 2002, S. 58).

Das Bedürfnis den Eltern zu gefallen geht so weit, dass etwas Angenehmes wie das Empfangen von Geschenken eine Belastung darstellt. Auch Geschenke müssen sich nach Ansicht der anorektischen Kindern und Jugendlichen durch Leistung verdient werden (vgl. Bruch 2002, S.62).

Minuchin et al. (1991) unterscheiden vier entscheidende Merkmale in den Interaktionsmustern der Familien mit anorektischen Kinder und Jugendlichen. Diese sind Verstrickung, Überfürsorglichkeit, Rigidität und ein hohes Maß an Konfliktvermeidung.

Verstrickung

Der bereits beschriebene Wunsch von anorektischen Kindern und Jugendlichen die elterlichen Wünsche und Hoffnungen zu erfüllen, weis bereits auf eine hohe Verbundenheit der anorektischen Kinder und Jugendlichen mit den Eltern hin.

Oft kommt es in Familien mit anorektischen Kindern und Jugendlichen zu einer gesteigerten Identi- fikation mit den andern Familienmitgliedern. Diese Identifikationen sind so stark, dass das einzelne Individuum in der Familie aufgeht. Minuchin et al. (1991, S. 81) beschreibt die häufige Benutzung eines „wir“ auch bei individuellen Fragen an eine einzelne Person. Bei einer so engen Bindung zu den Eltern ist es den Kindern nicht möglich sich ab zu grenzen. Eine Abgrenzung der Kinder und Jugendlichen ist jedoch für die Entwicklung zu Autonomie und einer guten Selbstverwirklichung wichtig.

Als eine Ehe zu dritt wird das Familiensystem von Reich (2003, S. 49) beschrieben. In einer solchen Ehe zu dritt können die Kinder und Jugendlichen nicht Partei für einen Elternteil ergreifen, ohne dass sich der andere Elternteil verletzt oder gekränkt fühlt. Das Enttäuschen eines Elternteils würde auch dem bereits beschriebenen Streben widersprechen, die elterlichen Wünsche und Hoff- nungen nicht zu enttäuschen. Enge Bindungen innerhalb der Familie lassen dem Kind auch nicht den nötigen Raum, um tiefere Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen (vgl. Selvini Palazzoli 2003, S. 88). Die Verstrickung in anorektischen Familien ist aber nicht nur innerhalb der Kernfami- lie, sondern auch mit den Großeltern der anorektischen Kindern und Jugendlichen gegeben (vgl. Minuchin et al. 1991, S. 78).

Überfürsorglichkeit

Die Überfürsorglichkeit in Familien mit anorektischen Kindern und Jugendlichen geht von beiden Eltern aus. Als Beispiel soll hier angeführt werden, das die Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder nicht wahrnehmen können, dies wird oft berichtet. Dabei stellt das nicht wahrnehmen Können von Bedürfnissen keinen Widerspruch zu einer Überfürsorglichkeit dar.

Eltern, die das Kind füttern, sobald es beginnt zu quengeln, ohne dabei aber auf den Grund des Quengeln einzugehen, soll zwar überfürsorglich für ihr Kind da, beachtet aber höchstwahrscheinlich dessen momentane Bedürfnisse nicht.

Es kann vorkommen, dass die Überfürsorglichkeit der Kinder und Jugendlichen mit einer Bevor- mundung dieser einhergeht. Dies geschieht dann meistens unter dem Deckmantel des Wohles der Kinder; „Du musst das jetzt machen, weil es das Beste für dich ist“. Hierbei wird das Kind oder Ju- gendliche auf viele verschiedene Arten beeinflusst. Es wird suggeriert, dass die Eltern immer wis- sen was das Beste für das anorektische Kind und Jugendlichen ist. Es wird aber auch eine emo- tionale Erpressung vorgenommen, diese sagt aus: „ich liebe dich so sehr, ich will nur das Beste für dich“. Durch eine solche Überfürsorglichkeit, kann das Kind keine Autonomie erlernen (vgl. Min- uchin et al. 1995, S. 78).

Konfliktvermeidung

Die Aufrechterhaltung der Familienharmonie hat in solchen Familien hohe Priorität. Harmonie wird versucht durch das Vermeiden von Konflikten aufrecht zu erhalten. Innerhalb der Familie aufkommende Probleme werden zum Wohl der Familienharmonie nicht beachtet. Dies geschieht entweder durch Ausweichen mindestens einer der potentiellen Konfliktparteien oder das beständige Unterbrechen und Ablenken von dem Konflikt. Wie die Verstrickung und die Überfürsorglichkeit verhindert auch eine Vermeidung von Konflikten eine Ablösung in der sonst von vielen inner familiären Konflikten gekennzeichneten Adoleszenz (vgl. Kock 2007, S. 48).

Rigidität

Familien mit später anorektischen Kindern und Jugendlichen zeigen ein hohes Maß an starrem Festhalten an der bestehenden Ordnung (vgl. Reich 2003, S. 50). Besonders bei einem Eintritt des Kindes in die Adoleszenz kann ein stures Festhalten an bereits bestehenden Regeln die Autonomieentwicklung des Kindes hemmen. In dieser Zeit wäre es für das Kind wichtig, sich von bestehenden familiären Ordnungen zu lösen.

3. Diskussion über ein Verbot von Pro-Ana- Foren

Pro- Ana- Foren haben besonders in den letzen zehn Jahren an Aufmerksamkeit gewonnen. In diesem Kapitel sollen die Argumente, die für ein Verbot sprechen, mit den Argumenten, die gegen ein solches Verbot sprechen, diskutiert werden. Dafür wird zu Beginn ein allgemeiner Überblick zu Aufbau, Atmosphäre und Inhalt der Foren gegeben.

3.1. Aufbau und äußere Form der Foren

Um einen Überblick über diese Foren zu bekommen wurden im Zuge der Recherche verschiedene öffentliche Bereiche der Pro (with)- Ana- Foren besucht. Die besuchten Foren waren: www.hunger- land.org, www.Fireleaf-forum.com, www.wayofperfection.org, www.schattensturm.info.

Der erste optische Eindruck von der Atmosphäre dieser Pro (with)- Ana- Foren ist traurig, mit Kon- trasten von weiß und schwarz. Farben kamen selten zum Einsatz, und wenn, waren dies Melan- cholie erweckende Farben. Lediglich die Seite www.wayofperfection.org hatte Blautöne eingear- beitet, was der Seite jedoch eine winterliche und damit kühle Atmosphäre verlieh. Oft sind auch Fabelwesen wie Elfen abgebildet; diese entsprechen in ihrer äußeren Erscheinung dem modernen, schlank = schön Ideal. Trotz der traurigen, deprimierenden Atmosphäre der Foren wirken diese harmonisch und friedlich; gar melancholisch.

Alle für die Recherche besuchten Pro (with)- Ana- Foren haben Bedingungen, die von den Bewer- ber_innen erfüllt werden müssen; nur dann werden diese in den internen Forenbereich aufgenom- men. Auch wenn diese Bedingungen erfüllt werden, ist es den Anwärter_innen nicht einfach möglich sich auf einer solchen Seite anzumelden. Jedes Forum verlangte eine Bewerbung von den Anwärter_innen, welche per E- Mail an die Administratoren_innen geschickt werden musste. Teil- weise wurde dann innerhalb der Foren abgestimmt, ob eine Aufnahme erfolgen könne.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bedingungen für die Aufnahme in ein Forum

Während des bereits erwähnten medialen Hypes um Pro (with)- Ana- Foren kam es in der Presse immer wieder zu Schlagzeilen wie dieser aus der Neon von 2006:

„ Die Anhänger von » Pro Ana « betrachten ihre ESSSTÖRUNG als Lifestyle - und erklären eine Krankheit zum Leistungsport. Eine gefährliche Illusion.

( … )

Beide Essstörungen

gelten als schwere psychische Krankheiten. Die meisten Pro-Ana-Anhänger glauben aber nicht, dass sie krank sind. Für sie ist die Welt eine Galerie, in der menschliche Körper ausgestellt werden - und deswegen, glauben sie, müssen diese Körper Kunstwerke sein. Sie vertreten ein Schönheitsideal, das krasser ist als alles, was in Paris und New Yorküber die Laufstege stöckelt. Wie es aussieht, erklären Pro-Ana-Anhänger auf zahllosen Websites, in Foren und Blogs: Fett ist hässlich, Knochen sind schön. Ein perfekter Bauch darf im Sitzen keine Falten werfen, sondern muss sich nach innen wölben “

(Bäuerlein, 2006, ohne Seitenangabe)

Dies führte innerhalb der Pro- Ana- Foren- Community dazu, dass es einen neuen Trend, weg von Pro- Ana- Foren hin zu With-Ana- Foren gab. Im Gegensatz zu Pro- Ana- Foren grenzen sich With- Ana- Foren- Nutzer_innen von dem in den Medien verschrienen „Essstörung als Lifestyle“ ab. Sie verstehen die Essstörung als ernst zu nehmende Erkrankung, mit der sie leben und umgehen müssen. Es wird sich regelmäßig von der Ansicht, Essstörungen seien ein Lifestyle, distanziert. Alle für diese Arbeit besuchten Foren bezeichneten sich als With- Ana- Foren; sie verstehen die Es- sstörung somit als Erkrankung.

So schreibt www.wayofperfection.org:

„ Was als Pro Ana Forum anfing, ist inzwischen eine Gemeinschaft mit einer kritischen und realis tischen Einstellung zum Thema Essstörungen. “

(Way of Perfection“ http://wayofperfection.org/forum/.)

In der Folgenden Arbeit wird daher nur noch von Ana- Foren gesprochen werden.

3.2. Aussagen der Kritiker

3.2.1. Krankhaftes Schönheitsideal

Nicht nur in den Massenmedien, sondern auch in der Fachliteratur gab es Kritik an Ana- Foren. So wird verbreitet die Meinung vertreten, diese Foren würden ein krankhaftes Schönheitsideal produzieren und vertreten.

Bereits in den öffentlichen Bereichen der besuchten Ana- Foren waren viele Abbildungen von deutlich untergewichtigen Mädchen oder jungen Frauen zu sehen. Es kann also auch durchaus davon ausgegangen werden, dass ähnliche Bilder auch im internen Bereich zu sehen sind. Angesichts des in den heutigen Massenmedien dargestellten Schönheitsideals stellt sich die Frage, ob nicht in den Massenmedien ein krankhaftes Schönheitsideal produziert wird, das eine viel tiefgreifendere Auswirkungen auf die anorektischen Kinder und Jugendlichen hat. Bilder von eindeutig magersüchtigen Models (Abb. 3) werden in den Boulevardzeitschriften, Fernsehen und Internet als erstrebenswerte Schönheitsideale angepriesen.

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Abbildung 2: Magersüchtigen Model

Es bedarf offensichtlich keiner Ana- Foren, um ein krankhaftes Schönheitsideal zu propagieren. Die Modewelt und die berichtenden Massenmedien tun dies bereits hinreichend. Der Einfluss der Massenmedien nicht nur an von Anorexia nervosa Betroffenen, sondern auch der restlichen Gesellschaft lässt sich gut an der Studie von Aschenbrenner (2002) darstellen. Bei ihrer Umfrage von Schülern_innen und Student_innen gaben 42,8% an, sich übergewichtig zu fühlen. Wobei lediglich 12,9% dies auch tatsächlich waren.

Eine Bloggerin mit Essstörung schrieb zum Thema Schönheitsideal:

„ Den wenigsten Essgestörten geht es um die "Bikini-Figur" für den Sommer oder darum, dem durch die Medien diktierten Schlank- und Schönheitsideal zu entsprechen. Das magersüchtige Motiv hinter dem Wunsch Abzunehmen, hat oft eine wesentlich höhere Priorität. Es geht um Kontrolle, Macht und eigene Ideale. Aber auch um Angst, Askese und Perfektionismus. Und sehr viele andere (gr öß tenteils unterbewusste) Dinge. “

( http://krankhaft-duenn.blogspot.de/2013/08/es-ist-immer-zu-fruh-um-aufzugeben.html ) (Rechtschreibfehler in Ursprungstext)

Es wäre also vermessen Ana- Foren unter dem Vorwand zu verbieten, sie würden ein krankhaftes Schönheitsideal verherrlichen. Mit dieser Argumentation müssten auch Formate wie „Germany’s next Topmodel“ und Boulevardzeitschriften, die dieses Schönheitsideal vertreten, verboten werden.

3.2.2. Thinspiration

Ein weiterer Kritikpunkt, der angeführt wird, sind auf solchen Foren gepostete „Thinspiration“. Mit „Thinspiration“ werden Bilder von sehr dünnen bis hin zu eindeutig magersüchtigen Mädchen und Frauen bezeichnet. Oft sollen diese Bilder zum Durchhalten oder weiteren Abnehmen anregen. Sie dienen somit den Nutzer_innen von Ana- Foren als Vorbild und Inspiration. Bei der Interne- trecherche zu diesen Bildern wurden Fotos wie diese Thinspiration Bilder auf entsprechenden Seit- en gefunden:

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Abbildung 3: Thinspiration Bild eins

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Thinspiration Bild zwei

Vergleicht man die Abbildung 3 mit den Abbildungen 4 und 5, so stellt sich die Frage, ob sich Thinspiration in Ana- Foren wirklich so dramatisch auswirken wie von den Kritikern von Pro- AnaForen beschrieben?

Es ließe sich jetzt argumentieren, dass es darauf ankommt, in welchem Kontext die Bilder innerhalb des Forums als auch in den Massenmedien verwendet werden. Ein möglicher Kontext könnte dazu sein, wie schön diese Frauen sind. Diesen Kontext werden sich die Betroffenen, besonders im Hinblick auf ihr gestörtes Körperschema auch ohne Thinspiration in den Foren schaffen. Und sich Anregungen oder besser gesagt Thinspiration in den Massenmedien suchen.

Nicht zu unterschätzen ist auch die unterschwellige Botschaft, die durch die ständige Präsenz von Werbung und den darauf abgebildeten Models ausgeübt wird. Auf diese Weise wird nicht nur das Produkt beworben, es wird auch ein Lebensgefühl verbunden mit dem Schönheitsideal geschaffen. Diese Werbung ist sicherlich „inspirierender“ als Thinspiration Motive in Ana- Foren.

Thinspiration- Bilder lassen sich mittlerweile auch als YouTube Videos finden. Auch dort lassen sich Bilder wie das in Abbildung 4 und 5 finden; oft sind diese mit melancholischer Musik hinter- legt.

In diesem Zusammenhang wird vermehrt darauf hingewiesen, dass diese Bilder oft mit Photoshop bearbeitet sind. Den Nutzer_innen von Ana- Foren wird oft unterstellt, dass sie nicht wüssten, dass diese Bilder bearbeitet worden sind (vgl. Nemetz 2008 S. 56). Nach kurzer Suche in den öf- fentlichen Bereichen der Foren lassen sich aber eine Vielzahl von Kommentaren wie diesem finden:

„ Ganz abgesehen davon, dass bei fast allen Bildern Photoshop gr üß en lässt und die meisten Frauen ebenfalls untergewichtig sind. “

(http://wayofperfection.org/forum/diskussionsbereich/9534-fitspiration.html;)

Denkt man über den Einfluss solcher Thinspiration Bilder nach, wird man nicht um die Frage herum kommen, wie hoch der Einfluss solcher Bilder oder Videos ist, in Anbetracht einer mit der Anorexia nervosa einhergehenden Körperschemastörung, welche den Betroffenen vorgaukelt immer zu dick zu sein. Sicherlich sollte gerade unter dem Gesichtspunkt der Körperschemastörung der Einfluss solcher Thinspiration Bilder nicht zu hoch gehandelt werden. Bereits der Blick an sich hin- unter oder in den Spiegel stellt für die an Essstörungen Leidenden ausreichend Motivation dar.

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Details

Seiten
25
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668432666
ISBN (Buch)
9783668432673
Dateigröße
860 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358945
Institution / Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Anorexia nervosa Anorexie Pro Ana Pro Ana Foren Essstörungen Magersucht

Autor

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