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Liturgie als Kommunikationssituation im Spätmittelalter. Alteuropa als Gegenwelt und Traditionszusammenhang

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 33 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Liturgie
2.1 Vorbedingungen und Einordnung
2.2 Definition Liturgie
2.3 Die Liturgie der Messe im Spätmittelalter
2.3.1 Die Hochamts-Messe (Missa solemnis)
2.3.2 Die stille Messe (Missa lecta)
2.4 Liturgischer Raum und liturgische Gegenstände bei der Feier der Messe
2.4.1 Liturgischer Raum
2.4.2 Liturgische Gegenstände

3. Liturgie als Kommunikationssituation
3.1 Unterschiedliche Kommunikationsmittel in der Liturgie der Messe
3.2 Instrumentalisierung der Messliturgie durch Kommunikationssituationen im Vorfeld
3.2.1 Votivmessen (Missa votiva)
3.2.2 Offizielle öffentlich egängnisse
3.2.3 Totenmessen und Stiftungsmessen
3.2.4 Bruderschaften
3.2.5 Prozessionen

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

Glaube und Religion haben im mittelalterlichen Europa eine sehr große Bedeutung. Aber können die kirchlichen Laien im Mittelalter die in den Kirchen vollzogene christliche (römisch-katholische) Liturgie nachvollziehen? Wie sieht diese Liturgie überhaupt aus? Was ist wesentlich? Was meint Liturgie im Mittelalter überhaupt? Welche Rolle spielen liturgische Gegenstände? Und an wen richtet sich die Heilige Messe? An welchen liturgischen Elementen können Laien partizipieren? Können die klerikalen Laien sich in das Gottesdienstgeschehen in der Gemeinde mit einbringen? Kann bei spätmittelalterlicher Liturgie von einer Kommunikationsform gesprochen werden?

Der Schwerpunkt dieser Darstellung liegt auf der Liturgie und fragt, ob und inwie- fern Liturgie im Spätmittelalter eine Kommunikationssituation ist. In dieser Arbeit und der darin erörterten Fragestellung wird sich auf die Zeit des Spätmittelalters beschränkt; es ist also der Zeitraum von etwa 1250 bis 1500, die Zeit der Hungersnöte, Seuchen und des Schwarzen Todes aber auch des (wissenschaftli- chen) Fortschritts in Europa.

Die Frage, wie die klerikalen Laien des Mittelalters die Liturgie individuell empfunden haben, kann hier nicht geklärt werden. Darüber gibt es keinerlei Quellen. Erste autobiographische Schriften, aus denen zu entnehmen ist wie Menschen die Feier des Gottesdienstes erlebten, sind in der Untersuchung von Friedrich Lurz (2003): Erlebte Liturgie. Autobiographische Schriften als liturgiewissenschaftliche Quelle zu finden und beziehen sich bereits auf die frühe Neuzeit.

Mit den verkürzten Begriffen der ‚Messe‘, ‚Messfeier‘ und der ‚Messliturgie‘ beziehe ich mich explizit auf die römisch-katholische Heilige Messe und ihre konkret festgelegte Liturgie nach dem ordo romanus im Spätmittelalter. Diese Einheitsliturgie schuf im Abendland einen einheitlichen Gottesdienst und wurde so zum wichtigen „Einheitsinstrument“ (Angenendt 2004, S. 38) im Reich.

Der besseren Lesbarkeit halber wird im vorliegenden Text immer nur die weibliche oder männliche Form eines Wortes auftauchen; auch wenn in dem verwendeten Kontext ebenso oder zusätzlich die männliche/weibliche Form hätte verwendet wer- den können. Eine wie auch immer geartete Diskriminierung ist damit nicht beab- sichtigt.

2. Liturgie

Alles, was Dinge und Anlässe betrifft, die sich zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen, bewegen und für die es Rubriken, Regeln oder Formen gibt, nenne ich Liturgie. Liturgie meint nach dieser weit gefassten Definition also in dieser Arbeit eine Fülle von Feierformen. Daraus folgt, dass also nicht nur die Messen selbst sondern „alle Formen kirchlich verantworteter gottesdienstlicher Feiern mit unterschiedlicher theologischer Bedeutung und verschiedenem rituellem Habitus“ (Gerhards und Kranemann 2006, S. 14) gemeint sind. In dieser Arbeit betrachte und definie e ich die Liturgie zudem bereits selbst ausdrücklich als Kommunikationssituation zwischen Gott und Mensch.

2.1 Vorbedingungen und Einordnung

Der gesamte Alltag im späten Mittelalter des Heiligen Römischen Reiches ist von der christlichen, römisch-katholischen Religion durchdrungen. Der Ablauf des Jahres ist geprägt durch Kirchen- und Heiligenfeste. Die Vielzahl der amtskirchlich gebotenen Festtage wird zusätzlich um die ungebotenen Festtage, den lokal variierenden Festta- gen (vgl. Dinzelbacher 2000, S. 276), erhöht. So feiern die Katholiken Jahr für Jahr die gleichen zyklisch wiederkehrenden Feste, die die Liturgie beherrschen. Ein Leben ausserhalb der Kirche ist vor der Reformation nicht denkbar. Jeder Mensch gehört selbstverständlich der Kirche an, der mittelalterliche Mensch definie t sich über sei- nen christlichen Glauben. Vereinzelt gibt es jüdische Gemeinden, jedoch nur in Han- delszentren. Zwar grenzen sich christliche Philosophen und hochgebildete Theologen explizit von Juden, Heiden und Häretikern ab (Goetz 2013, S. 815); im Alltag der Menschen des Spätmittelalter dürften diese theoretischen Überlegungen aber keine Rolle spielen. Die christliche Kirche ist allgegenwärtig, denn die Mikrogesellschaften, bestehend aus Einzelmenschen, Familien, Dorfgemeinschaften und Kommunen in ihren jeweiligen Zusammensetzungen, sind zu nahezu einhundert Prozent christ- lich. Die diversen grundherrschaftlichen Abhängigkeitsverhältnisse lasse ich in dieser Arbeit bewusst beiseite, denn alle, auch die höheren Stände, bedurften der Gnade Gottes und damit der Kirche; man denke nur an die Salbung oder Krönung eines Königs oder Kaisers. Selbst der Kaiser bedarf der Gnade Gottes (und damit braucht er einen auch noch so geringen und möglicherweise mangelhaft gebildeten Priester), umgekehrt braucht der Priester aber den Kaiser nicht für sein Seelenheil; er muss ihm lediglich gehorchen und bedarf seines irdischen Schutzes.

Aufgrund der hohen Kinder- und auch Jugendsterblichkeit liegt die durchschnittliche Lebenserwartung insgesamt bei nur 30 Jahren. Dennoch werden erwachsene Männer etwa 47 Jahre alt, Frauen haben, nach dem Überleben des Kinder- und Jugendalters, eine Lebenserwartung von 44 Jahren. Gefürchtete und hochansteckende Krankheiten sind neben der Pest auch Cholera, Typhus und Lepra (Hartmann 2004, S. 54). Der Tod ist alltäglich. Der Austausch von Nachrichten gestaltet sich schwierig, die Stra- ßen sind oft unbefestigt, selbst ein berittener Bote schafft am Tag nur wenig mehr als 30 Kilometer. Lesen und schreiben ist für das Leben der spätmittelalterlichen Men- schen unnötig, 80 Prozent der Bevölkerung arbeitet noch um 1500 in der Landwirt- schaft (a.A.o, S. 51). Auch die Pfarrer sind aus heutiger Sicht oft sehr ungebildet. Landpfarrer bewirtschaften als „Bauer unter Bauern“ (Angenendt 2004, S. 39) zu- gleich das Pfarrgut und können wenig mehr als die Messe zu lesen, denn die theologi- sche und pastorale Bildung der Pfarrer ist oft mangelhaft. Obwohl der Bildungsgrad beim Pfarrklerus klein ist, hat die geistliche Weisung des geweihten Amtsträgers ho- hen Rang. Denken wir nur an die ständige Angst vor dem Tod und damit verbunden an die Pflicht, jederzeit im Stand der Gnade zu bleiben. Beichte und Buße sind keine kollektiven Akte, sondern nur persönliche, denn Bußgottesdienste gibt es nicht. Die Bevölkerung nimmt am religiösen Leben automatisch und selbstverständlich teil. Eine Trennung von Staat und Kirche existiert noch nicht. Die Pfarrei als Kern (Pfarrzwang) und „Heilsinstitution“ (Bünz 2013, S. 32) gliedert und bestimmt das persönliche Leben; man denke nur an Taufe, Hochzeit und Beerdigung mit ihren liturgischen Geprägen. An Sonn- und gebotenen Festtagen besteht die Verpflichtung, in der eigenen Pfarrkirche („Mutterkirche“) an der Messe teilzunehmen (Bärsch 2013b, S. 54). Seelsorge im Mittelalter bedeutet lediglich, dass ein Priester die Messe durchführt, die Beichte abnimmt und die Sakramente spendet (Hartmann 2004, S. 75). Es gibt also keine personale Seelsorge, wie wir sie heute verstehen, weil per- sönliche Seelsorge im Mittelalter sich meistens nur auf Seelenheilvorsorge beschränkt, also konkret vor allem auf die Abnahme der Beichte und auf die Feier der Totenmesse für die Verstorbenen. Durch den Pfarrzwang und das katholische Kirchenrecht ist die kirchliche Sozialisation sehr hoch, die Menschen kleben förmlich an der Litur- gie - auch oder gerade weil sie sie aufgrund der Sprache nicht verstehen (Gerhards/ Kranemann 2006, S. 95) und sie nicht täglich zur Kirche gehen oder, wenn sie das tun, nur äußerst selten zur Kommunion (siehe unten). Alle Menschen sollen das Va- terunser (Pater Noster) und das Glaubensbekenntnis (Credo) kennen. Zudem vermag jedermann mindestens die Riten der Bezeichnung mit dem Kreuzzeichen und die Segnung mit Weihwasser anzuwenden. Diese „überirdische Schutzhülle“ (Angenendt 2009, S. 354, Erstausgabe 1997) aus persönlichen und allgemeinen Festen navigierte durch die Lebenszeit und führte „hinüber ins Heil. In diesem Sinne demonstriert gerade die Liturgie jene allgegenwärtige Religiosität, die am Mittelalter so kennzeich- nend hervorsticht“ (a.A.o.). Ein Austritt aus der Kirche ist unmöglich - es sei denn man wird, zum Beispiel als Folge von Häresie (im Mittelalter meint dieser Begriff „verwerfliche Falschlehren“; vgl. Angenendt 2009, S. 192, Erstausgabe 1997), von der Eucharistie beziehungsweise dem Kommunionsempfang ausgeschlossen, also exkommuniziert. Dies ist das Schlimmste, was einem Gläubigen geschehen kann, denn damit ist sein gesamtes Seelenheil verloren. Unter bestimmten Voraussetzungen ist eine stufenweise Wiederaufnahme zur vollen Gemeinschaft möglich; dieser Prozess dauerte allerdings mehrere Jahre (a.A.o. S. 642).

2.2 Definition Liturgie

Wie oben bereits erwähnt gibt es auch im Mittelalter eine Fülle von liturgischen Feierformen. Die im Mittelalter wichtigste, häufigste und entralste liturgische Feier ist die allein vom Priester (oder dem ihm hierarchisch übergeordnetem Bischof; im Folgenden schreibe ich auch Platzgründen immer Priester, auch wenn zudem der Bischof gemeint sein könnte) zu zelebrierende Messfeier (vgl. a.A.o., S. 444). Doch selbst wenn kirchliche Amts- und Würdenträger eine offizielle Amtshandlung e- remonialhandlung) mit formal ähnlichen Riten (Beweihräucherungen, Segnungen, Weihen, ...) wie in der Messfeier vornehmen, ist dies immer auch Liturgie. Wenn beispielsweise eine Brücke eingeweiht wird, steht an der Brücke ein Priester mit Weih- rauchfass und Weihwasserkessel und fungiert. Wenn der Papst einen Ablass auslobt, ruft die örtliche Kirche die Menschen zusammen. Der Erwerb von Ablässen mit bestimmten Regeln ist wichtig. Ein päpstlicher Legat oder ein Ortsbischof verkündigt das Ereignis. In so einer Zusammenkunft werden Gebete gesprochen, Lieder gesun- gen, es können Fanfaren zur Gehör gebracht werden. Auch das Abschiednehmen von einem Verstorbenen in seinem Sterbebett ist durch strikte kirchliche Vorgaben, einer Liturgie, geregelt. Peter Dinzelbacher (2000, S. 289) bezeichnet dies als „Paraliturgie“ und nennt als Beispiel das Ritual einer Ernteweihe im 12. Jahrhundert: „der Priester spricht ein Gebet über den Feldfrüchten mit der Dämonen vertreibenden Lichtmess- kerze in der Hand; dabei wird Jesus um Bewahrung und Schutz der Ernte angefleht“ Weitere Beispiele für religiöse, aber nicht amtskirchliche Veranstaltungen mit einer Liturgie sind die Passionsspiele von Alsfeld (vgl. Freise in: Bauer et al 2010, S. 239) oder das Gandersheimer Osterspiel (vgl. Herbers und Röckelein in: Bauer et al 2010, S. 279).

Generell ist die Liturgie also nicht begrenzt auf gottesdienstliche Handlungen in Ver- bindung mit Messe oder Stundengebet, sondern auf all das, was zwischen Himmel und Erde steht und für das es Rubriken oder Rahmen gibt und wo ein Liturg handelt (Liturgen in der Ämterhierarchie sind Bischof, Priester, Diakon und Subdiakon, vgl. Angenendt 2004, S. 39), sie meint also eine Fülle von Feierformen (siehe Kapitel 2). Gerhards und Kranemann (2006, S. 18) sprechen von Liturgie als „Geschehen in Zeichen“.

2.3 Die Liturgie der Messe im Spätmittelalter

Im Mittelalter ist die römische Liturgie für die Messfeier vorherrschend, ja sie wird als allein wahrer Ritus angesehen. Die Karolinger übernehmen die Herrschaft über das Frankenreich ab dem Jahr 751 und führen die römische Liturgie ein (ordus romanus). Dies führt dazu, dass ehedem mögliche plurale Liturgieformen verschwinden und die im gesamten Reich nun einheitliche Liturgie die römische Liturgie ist (bezie- hungsweise sein soll). Peter Dinzelbacher (2000, S. 288) stellt allerdings fest, dass die Liturgie trotz der prinzipiell gleichen Basistexte mit mancherlei Varianten gefeiert wird und Synoden in den Jahren 1455 und 1457 den Priestern mit Exkommunikati- on drohen, sollte es nicht zur Vereinheitlichung der Missale kommen. In der Durchführung der römischen Messliturgie ist es sehr wichtig, dass jede Geste und jedes Wort korrekt ausgeführt und gesprochen wird, da auch ein unbeabsichtig- ter Verstoß „Gottes eigenste Sache stört“ (vgl. Angenendt 2009, S. 385, Erstausgabe 1997). Wichtiger als die Intention der durchgeführten „rituell-sakralen Handlungen“ ist daher noch im späteren Mittelalter die feste „Formenstrenge“ (a.A.o., S. 381). Dies bedeutet, dass der absolut korrekte Ablauf des Ritus, die unabänderliche Durchführung der bestimmten Formen und Formeln, hochgradig wichtig ist. Das Schlimmste, was einem Priester innerhalb der Messliturgie geschehen kann, ist, dass er auch nur ein Wort falsch ausspricht (oder vergißt). Da er die Messe auf Latein zelebriert und je nach Messart (solemnis oder lecta) nicht, oder nur an bestimmten Stellen, deutlich hörbar spricht oder singt, sondern leise murmelt, würde dies einem möglichen Besucher der Messe nicht unbedingt auffallen. ennoch ist dies ausschlaggebend für die Wirksamkeit der zelebrierten Handlung.

Der Ablauf der Liturgie, die Messordnung, ist in den Messbüchern, den Missalia, beschrieben. Ihre Abschriften dürfen nur von „reifen Männern“ vorgenommen werden, da „fehlerhafte Bücher“ ein „schlechtes Beten“ bewirken und damit „den Gebetserfolg“ verhindern (a.A.o., S. 385).

Zwar kommt es im Spätmittelalter zu einer stetig wachsenden Anzahl von Gedächt- nismessen mit spezifischen Messformularen (ein Formular enthält die einem speziel- len Tag eigenen Texte, also zum Beispiel zum Gedenken an tagesspezifische Heilige), zudem zu einer steigenden Zahl von Privatmessen, die im Rahmen einer Missa lecta durch den Priester still vollzogen wird - die Grundform der Messe ist jedoch die Mis- sa solemnis. Die Liturgie ist und bleibt immer eine Priesterliturgie (Konzentration auf den Klerus, vgl. Bärsch 2013b, S. 55), bei der die Beteiligung des nicht zwangsläufig anwesenden Volkes für den gültigen Vollzug unerheblich ist. Das Hochamt mit Cho- ral (Missa solemnis) und die stille Messe (Missa lecta) sind bis auf die fehlende Predigt in der stillen Messe im inhaltlichem Ablauf identisch; sie unterscheiden sich nur in der Art der Ausführung (Gesang versus leisem Lesen).

Ab dem späten Mittelalter werden Predigten zwar häufiger auch in der j weiligen Lan- dessprache gehalten, die offizielle liturgische prache bleibt aber weiterhin das Latein als „allein heilige Sprache“ (Hartmann 2004, S. 76). Arnold Angenendt (2004, S. 38) zeigt das Problem auf: „Im Spätmittelalter, als Beten zugleich innerliches Verstehen sein sollte, blieb es gleichwohl bei dem für das Volk unverständlichen Latein.“ Die Texte der Messe sind in Ordinarium und Proprium unterschieden. Der festste- hende Ablauf der Messe (ordo missae) ist im Ordinarium festgelegt. Dort sind alle unveränderlichen Teile der Feier im Volltext notiert, also Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei. Das Proprium umfasst, an anderer Stelle notiert, die mit dem Kirchenjahr wechselnden Texte und muss stets eingefügt werden.

Seit dem Ende des christlichen Altertums beginnt die eucharistische Feier mit einem ihn einleitenden Abschnitt: Diese Schriftlesung soll eine „Atmosphäre des Glaubens“ (Jungmann 1952, S. 341, Erstausgabe 1948a) schaffen und wird Vormesse genannt. Danach folgen Wortgottesdienst/Lesegottesdienst (bei der Missa lecta ohne Homi- lie) und schließlich die Eucharistiefeier sowie der Schluss der Messe. Der die Messe abschließende Ruf, die sogenannte Sendung (lat. Missio) „ Ite, missa est “, gibt der Feier ihren Namen (vgl. Adam/Haunerland 2014, S. 248, Erstausgabe 1985).

2.3.1 Die Hochamts-Messe (Missa solemnis)

Der Idealtyp (!) einer Hochamts-Messe (Missa solemnis) nach dem römischen Ritus im Spätmittelalter gliedert sich nach folgendem durchkomponierten Ordo (feststehendem Ablauf ):

Vormesse

Praeparatio ad missam: Ein besonderes Gebet, mit dem der Priester sich vor dem Anlegen der liturgischen Gewänder auf die folgenden heiligen Handlungen vorbereitet (innere Vorbereitung), es wird bereits zum Ritus der Messe gezählt. Anlegen der liturgischen Gewänder: Die liturgischen Gewänder gehen auf Fest- kleidung der römischen Kaiserzeit zurück, sind also auch im Mittelalter keine Alltagskleidung. Das Anlegen dieser auch im Mittelalter nicht alltäglichen Kleidung dient der äußeren Vorbereitung auf die Messe.

Stufengebet: Dieses Gebet spricht der Priester, wenn er die Altarstufen emporsteigt. Ab dem 10. Jahrhundert war dies Psalm 43,4: „Introibo ad altare Dei ...“ (deutsch: „So will ich zum Altar Gottes treten ...“), seit dem 14. Jahrhundert sind die ersten Worte in der Messe der sogenannte trinitarische Eingang: „In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Amen.“ Diese ursprünglich reine Taufformel ist schon seit dem f ü- hen Mittelalter als Segensformel gebräuchlich. In der Liturgie schlägt sie eine Brücke zwischen den Sakramenten der Taufe und der Eucharistiefeier.

Confiteor: Das Schuldbekenntnis ist der zweite Teil des Stufengebets. Der Priester macht eine tiefe Verbeugung vor dem an der Wand stehenden Altar oder er kniet sich. Hinzu kommt ein Schlagen auf die eigene Brust als Zeichen des Bekenntnisses der Sünden (mea culpa).

Introitus: Auf das Sündenbekenntnis folgt seit dem 11. Jahrhundert ein Psalmen- gesang, konkret Psalm 124,8: „Adiutorium nostrum in nomine Domini“ (deutsch: „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn“), als Eröffnung aller folgenden liturgischen Akte.

Kyrie: Das Kyrie eleison (Herr erbarme dich!) hat sich seit dem 6. Jahrhundert kaum in seiner Form verändert. Es ist im späten Mittelalter ein dreifaches Wechselgebet, gestaltet als Wechselgesang zwischen Priester und (so vorhanden) Diakon. War kein Diakon oder nähere Assistenz vorhanden, sang der Priester das Kyrie alleine. Begrüßungen und Inszenierungen: Der Priester im Mittelalter begrüßt mit einem Altarkuss (und gegebenenfalls einem Kuss des Kruzifi es und des Evangeliums) die Stätte, an der sich das heilige Geheimnis vollziehen wird. Zudem kann der Altar seit dem 12. Jahrhundert mit Weihrauch geräuchert werden - gemeinsam mit Blumen- schmuck, Prunk der Paramente und Lichterglanz sollen diese Inszenierungen die Feierlichkeit erhöhen. Dabei ist der Priester der Gemeinde abgewandt, er steht mit dem Rücken zu ihr.

Gloria in exelsis: Der Hymnus des Gloria ist ein Gesang der Gemeinde. Er geht zurück auf den Gesang der Engel, beschrieben in Lukas 2,14. Der das Gloria an- stimmende Priester bleibt zunächst an der Stelle stehen, den er nach dem Altarkuß eingenommen hatte, ab dem 12. Jahrhundert steht er an der Altarmitte. Oration: Die versammelte Gemeinde wird erstmals vom Priester angesprochen und zum Gebet aufgefordert: „Dominus vobiscum“. Die Gemeinde bekräftigt ihren Gebetswillen und antwortet mit „Et cum spiritu tuo“. Nun geht der Priester mit der Auffo derung „Oremus!“ zum Gebet über. Dieses Gebet heißt Oration (von oratio - öffentliche ede), da der Priester als Sprecher des Volkes stellvertretend das Beten aller zusammenfasst, weshalb es an dieser Stelle auch collecta genannt wird. Dieses Gebet, ein einfacher Sprechgesang, in das die ganze Gemeinde mit einbezogen wird, wird mit „Amen“ beendet. Die Oration ist der finale Teil der Vormesse.

Wortgottesdienst/Lesegottesdienst

Epistel: Die Epistel ist der erste Teil des Wortgottesdienstes. An dieser Stelle wird an Sonntagen aus den Apostelbriefen gelesen (daher die Wortableitung Epistel); in der österlichen Zeit aber auch Passagen aus der Apostelgeschichte oder an Wochenta- gen aus den alttestamentarischen Propheten, je nach Plan. Die Epistel wird, wie die Oration in der Vormesse, im schlichten Accentus (Sprechgesang) vorgetragen. Vor der Lesung wird die Gemeinde wie vor der Oration mit dem Gruß „Dominus vobiscum“ angeredet, den sie auch beantwortet. Durch diese Einleitung der Lesung soll die Auf- merksamkeit der Zuhörer sichergestellt werden. Die Lesung der Epistel kann durch einen Messdiener oder Subdiakon erfolgen, oder aber durch den Priester selbst. Der Leser ist den Hörern zugewendet, zumeist steht er dafür am Ambo, am Übergang zwischen Altarraum zum Kirchenschiff oder aber, gehäuft ab dem 11. Jahrhundert, auf der Epistelseite rechts von Hochaltar, bei geosteten Kirchen also im Süden. Am Ende der Lesung antwortet die Gemeinde mit dem Abschlussruf „Deo gratias“ - als Zeichen, dass sie die Botschaft verstanden hat.

Graduale, Alleluja, Tractus und Sequenz (Zwischengesänge): Das Graduale (gradus = Stufen, gemeint sind die Stufen des Ambo/der Kanzel auf der der vortragende Pries- ter singend steht) folgt auf die erste Lesung, auf die Epistel. Die Texte stammen insbe- sondere aus dem Psalter - das Graduale ist der Überrest eines responsorial gesungenen Psalms. Da es mehrstimmig gestaltet sein kann, wird das Graduale im frühen 13. Jahr- hundert in Messen nach Möglichkeit mehrstimmig vorgetragen. Ursprünglich handelt es sich bei dem Graduale um ein Responsorium (Antwortgesang). Dabei trägt der Vorsänger einen Psalmtext vor; die Gemeinde antwortet nach jedem Psalmabschnitt mit der Wiederholung desselben (Responsorialpsalm). Erst ab dem späten Mittelalter kommt es häufiger or, dass der Priester die Psalmtexte auch alleine vorträgt.

Auf die zweite Lesung (Evangelium, siehe unten) folgt das Alleluja. Das Alleluja steht ebenfalls in Verbindung mit einem ausgewählten Psalm. In den kirchenjährlichen Zeiten mit Bußcharakter tritt an Stelle des Alleluja-Psalms der Tractus. Der Tractus ist ein sehr schlichter Psalmgesang. Das Alleluja und das Responsum fallen in diesem Fall weg. An Ostern, Pfingsten ronleichnam und dem Gedenktag der Schmerzen Mari- ens gibt es an dieser Stelle noch einen zusätzlichen Zwischengesang mit Jubelmelodi- en, die Sequenz.

Graduale, Alleluja, Tractus und Sequenz werden zwar als Zwischengesänge bezeichnet, sie sind jedoch eigenständig stehende liturgische Abschnitte, nicht nur der unter- stützende Gesang zu einer liturgischen Handlung. Weil die Texte je nach Festanlass wechseln, gehören diese so genannten Zwischengesänge zum Proprium, also zu den veränderlichen Teilen der Messe.

Evangelium: Das Evangelium ist die Hauptschriftlesung und einem der vier neu- testamentarischen Evangelien entnommen. Es wird in der Volkssprache verlesen. Das Evangelienbuch darf als einziges auf dem heiligen Altar liegen. Bezüglich der Lese- ordnung der jeweils vorzulesenden Abschnitte der Evangelien innerhalb des Kirchen- jahres gibt es jedoch bis in das 16. Jahrhundert regionale Unterschiede.

Homilie: Die Homilie (Predigt) wird häufig in der Volkssprache gehalten; entwe- der sitzend von der Cathedra (Predigtstuhl) aus oder aber stehend und über der Gemeinde thronend von der Kanzel, also im Kirchenschiff. Die Laien müssen bis in die Neuzeit stehen; Bänke oder Sitzgelegenheiten für das Volk gibt es zuerst in protestantischen Kirchen. Nur für den Klerus sind teilweise Sitzplätze vorgesehen, die einfachen Gläubigen stützen sich oft mit Stöcken, teilweise dürfen sich schwache Menschen während den Lesungen und der Predigt auch auf den Boden setzen. Die Predigt, eines der ältesten Bestandteile der Liturgie, deutet das vorgelesene Evange- lium (Schriftwort) und setzt es in einen aktuellen Zusammenhang für die Gemeinde (Auslegung). Ausserdem können das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser oder die Zehn Gebote Inhalt der Predigt sein und erklärt werden. In den seltensten Fällen ge- nügt die Predigt (bedingt durch die oft mangelhafte Klerikerbildung auf dem Land) intellektuellen Ansprüchen.

Credo: An Sonntagen und bestimmten Feiertagen folgt auf die Predigt das gesunge- ne Credo (Glaubensbekenntnis). Es geht zurück auf das Taufbekenntnis von Kons- tantinopel aus dem Jahr 381. Das Credo steht vor der Opferfeier. Bei ihr dürfen nur Getaufte anwesend sein. Katechumen, Häretiker und Büßer müssen die Kirche zu diesem Zeitpunkt verlassen (Entlassung). Das gemeinsame rezitative Singen des Glaubensbekenntnisses gleicht einer Erneuerung des Taufversprechens.

Eucharistiefeier

Offertorium: Nachdem jetzt nur noch getaufte Gläubige anwesend sind, beginnt mit dem Offertorium (Opfer) nun die Eucharistiefeier. In einem Opfergang gehen die Gläubigen zum Altar und bringen ihre Gaben (zunächst Brot und Wein, aber auch Wachs, Stoffe, Öl oder ähnliches) dar.

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Details

Seiten
33
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668442078
ISBN (Buch)
9783668442085
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v359470
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Geschichte und Gegenwart Alteuropas
Note
Schlagworte
Liturgie Kirche Spätmittelalter Kirchengeschichte Ordo katholische Kirche Reformation

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