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Tradition oder Innovation? Ein Vergleich der Erziehungskonzepte Michel de Montaignes und Jean-Jacques Rousseaus

Seminararbeit 2005 22 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literaturgeschichtliche und historische Einordnung Montaignes und Rousseaus
2.1 Montaigne zwischen Renaissance und Glaubenskrieg
2.2 Rousseau und das Jahrhundert der Aufklärung

3.Vergleich der Erziehungskonzepte Montaignes und Rousseaus
3.1 Wer soll lehren?
3.2. Wer soll lernen?
3.3 Was soll gelernt werden?
3.4. Wie soll gelehrt werden?
3.5. Wie soll gelernt werden?
3.6. Was ist das Ziel der Erziehung?

4. Ausblick

5. Bibliographie

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Der letzte Gastgeber Jean-Jacques Rousseaus (1712 – 1778), Le Marquis de Girardin, ließ in seinem Garten einen Tempel der Philosophie erbauen, in welchem folgende Inschrift zu lesen war (hier aus dem Lateinischen in das Französische übersetzt):

« Qu’à la philosophie encore inachevée soit consacré ce temple commencé, dédié à Michel de Montaigne, qui a tout dit.

Newton a dit la lumière – Descartes la matière sans vide – Penn l’humanité – Montesquieu la justice – Rousseau la nature – Voltaire le ridicule. – Qui achèvera ceci ? – Connaître les causes des choses. »[1]

Dieser Tempel und seine Inschrift stehen symbolisch für die Rolle, die Michel de Montaigne (1533 – 1592) für die Entwicklung der Philosophie gespielt hat. Er war derjenige, der alles gesagt hat. Die, welche ihm folgten, schöpften aus seinen Schriften, seinen Gedanken und Ideen, entwickelten diese weiter, änderten diese manchmal, doch seine grundsätzlichen Ideen lebten in ihren Werken fort. Dies soll in meiner Arbeit am Beispiel der Erziehungskonzepte Montaignes und Rousseaus nachgewiesen werden, welche ich miteinander vergleichen werde.

Als primäre Quellen dienen dabei Rousseaus Erziehungsroman « Emile ou de l’éducation » und Montaignes Essays « Sur le pédantisme » und « Sur l’institution des enfants ».

Der Vergleich soll unter der Fragestellung stattfinden, inwieweit Montaigne Rousseau in seinem Erziehungskonzept beeinflusst hat, welche Übereinsstimmungen und Unterschiede es gibt und auf welche Umstände die Unterschiede zurückzuführen sind. Anders und etwas polemischer formuliert hieße die Fragestellung: Steht Rousseau mit seinem Erziehungskonzept in der Tradition Montaignes oder sind seine Gedanken zur Erziehung völlig innovativ?

Die Arbeit gliedert sich in einen ersten Teil, in welchem kurz der historische und literaturgeschichtliche Hintergrund der beiden Autoren beleuchtet werden soll. Dabei möchte ich auch kurz auf die Kulturkritik Rousseaus eingehen, da sein Erziehungskonzept auf dieser aufbaut.

Im Hauptteil der Arbeit werde ich die Erziehungskonzepte der beiden Philosophen anhand sechs konkreter Fragestellungen vergleichen. Diese Fragestellungen beziehen sich auf die Auswahl des Lehrenden und des Lernenden, auf den Gegenstand der Erziehung, die Art wie gelehrt und wie gelernt werden soll und schließlich auf das angestrebte Ziel der Erziehung.

Meiner Vergleichsanalyse möchte ich noch vorausschicken, dass der Umfang der zu untersuchenden Texte sich erheblich voneinander unterscheidet. Die Essais von Montaigne, die sich konkret mit der Erziehung beschäftigen, umfassen in etwa 50 Seiten, während Rousseau seinen Emile auf etwa 500 Seiten erzieht. Dies hat zur Folge, dass Rousseaus Erziehungskonzept natürlich sehr viel detaillierter, auf verschiedene Phasen der Entwicklung bezogen, beschrieben ist, während Montaigne viele Ideen nur anspricht, aber nicht ausführlicher behandelt. Trotz dieser Tatsache denke ich, dass ein Vergleich der beiden Konzepte gerechtfertigt ist, da es hier nicht so sehr darum geht, die Lösungen bestimmter erzieherischer Probleme wie beispielweise die Frage danach, was zu tun sei, wenn ein Säugling schreie, zu behandeln und zu vergleichen, sondern vielmehr die grundsätzlichen erzieherischen Ideen zu vergleichen.

2. Literaturgeschichtliche und historische Einordnung Montaignes und Rousseaus

Im Folgenden möchte ich kurz auf die historischen, kulturellen und literarischen Hintergründe Michel de Montaignes und Jean-Jacques Rousseaus eingehen, soweit diese für das Verständnis der beiden Autoren von Bedeutung sind.

2.1 Montaigne zwischen Renaissance und Glaubenskrieg

Das 16. Jahrhundert wird heute im Allgemeinen als Beginn der Neuzeit in Frankreich angesehen, da sich in dieser Epoche wichtige Veränderungen in allen politischen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Bereichen vollzogen haben, so dass dieses Zeitalter zu einem Bindeglied zwischen Mittelalter und Klassik geworden ist.

Seit dem 14. und 15. Jahrhundert hatte sich in Italien der Humanismus entwickelt, eine Bewegung, die unter Berufung auf das Erbe der griechischen und römischen Antike dem Menschen die Fähigkeit zuspricht, sich aus eigener Kraft zu bilden und zu vervollkommnen. Diese Bewegung breitet sich in ganz Europa aus und ergreift alle Lebensbereiche, so dass man von einer Renaissance der antiken Wissenschaften und Künste sprechen kann. Montaigne steht mit seinem Erziehungskonzept ganz in der Tradition dieser humanistischen Renaissance, wenn er sich immer wieder am Denken antiker Schriftsteller wie Platon, Seneca, Plutarch und vieler anderer orientiert.

Der Historiker Jules Michelet bezeichnet die Renaissance als Geburt des modernen Denkens und als Beginn der im 18. Jahrhundert sich vollendenden Aufklärung mit ihrem Fortschrittsglauben. An dieser Stelle können wir also auch literaturgeschichtlich einen Zusammenhang zwischen Montaigne und Rousseau erkennen: Während Montaigne noch ganz am Anfang der aufklärerischen Bewegung steht, schließt sich bei Rousseau der Kreis wieder. Während die Hinwendung zur Antike von französischen Humanisten wie Montaigne und Rabelais als Voraussetzung für die Erneuerung der Künste und Wissenschaften und als Befreiung von mittelalterlicher Finsternis und Unwissenheit gefeiert wurde, beantwortete Rousseau 200 Jahre später die von der Académie française gestellt Preisfrage danach, ob die Erneuerung der Künste und Wissenschaften zu einer Läuterung der Sitten beigetragen habe, mit einem klaren „Nein“. Hier zeigt sich, welch großer Schritt, trotz der vielen Gemeinsamkeiten der beiden Autoren, zwischen dem Skeptizismus Montaignes und der Kulturkritik Rousseaus liegt.

Kein anderer Humanist hat die französische Renaissance und damit auch Montaigne so sehr beeinflusst wie Erasmus von Rotterdam. Er war Theologe, Bibelphilologe, Philosoph, Pädagoge und Literat in einem und trat sein Leben lang für die Synthese von Antike und Christentum und den rechten Gebrauch der Vernunft ein. Als Kämpfer für den Frieden und Gegner jeglichen Fanatismus glaubte er an das Gute im Menschen, der nur richtig erzogen werden müsse, womit er schon ganz im Sinne Montaignes und Rousseaus spricht.

Das Frankreich des 16. Jahrhunderts ist ein nach außen von Kriegen und nach innen von Bürgerkriegswirren zerrüttetes Land. Die Glaubenskämpfe beginnen im März 1562, spalten das Land in Katholiken und Hugenotten und gipfeln in der Bartholomäusnacht, während derer allein in Paris 4000 Protestanten ermordet werden. Trotz dieser kriegerischen Wirren blühen Kunst und Wissenschaft, unterstützt durch reiche und adlige Mäzen. Die politische Zentralisierung kommt der Vereinheitlichung der Sprache entgegen, die unter anderem die Voraussetzung für das Entstehen bedeutender literarischer Werke bildet. Durch die Aneignung der antiken Literatur werden die Grundlagen für die geistige Entwicklung des Jahrhunderts insgesamt gelegt. Die Auseinandersetzung mit reformatorischem Gedankengut erzeugt eine kreative Spannung, von der beispielsweise die Werke Rabelais und Marguerite de Navarres profitieren.

Die Regierungszeit Heinrichs II (1547-59) gestaltet sich ruhiger und ermöglicht das Aufblühen der Pléiade. „Im letzten Drittel des Jahrhunderts droht die Literatur im Zeichen des Bürgerkriegs gänzlich in Propaganda zu entarten (...), ein Vorgang, gegen den der Skeptiker Montaigne sich durch den Rückzug in seine Studierstube und die Beschäftigung mit sich selber zu wehren sucht.“[2]

Sowohl aus sprachgeschichtlicher als auch aus gattungstheoretischer Sicht sind die Essays, die Michel de Montaigne zwischen 1580 und 1588 veröffentlichte, ein Novum, da sie als erste bedeutendes und originelles Gedankengut ausschließlich in einer Vulgärsprache zum Ausdruck bringen, während alle anderen bedeutenden romanischen wissenschaftlichen Schriften bis dahin lateinisch waren, und da Montaigne mit ihnen den Gattungsbegriff « Essai », Versuch, prägt.

Die Tatsache, dass Montaigne seine Essays in der Volkssprache Französisch abfasste, steht symbolisch für das Bestreben dieser Zeit, eine eigene Sprache und Kultur zu entdecken. In diesem Zusammenhang sei auch der Buchdruck genannt, ohne dessen Erfindung eine solch schnelle Verbreitung einer nach Einheit strebenden Volkssprache Französisch nicht möglich gewesen wäre.

In seiner Eigenschaft als Richter und Rat im Parlament von Bordeaux kam Montaigne in Berührung mit den oben bereits angesprochenen Religionskämpfen, die auch später den großen zeitgeschichtlichen Hintergrund seines Lebens bildeten. Die Glaubensspaltung seiner Epoche schlug sich auch in seiner eigenen Familie nieder. Er selbst war katholisch-konservativ, während ein Bruder und zwei Schwestern sich der Reformation angeschlossen hatten. Einer seiner Vettern war Jesuit und die Familie seiner Frau bestand aus notorischen Gegnern der Hugenotten. So spiegelt seine eigene Familie die religiöse Zerrissenheit seiner Zeit wieder und ist unter anderem ausschlaggebend für seine eigene tolerante Haltung gegenüber anderen Konfessionen.

„Mit einem modernen Begriff ausgedrückt, darf man sagen, dass die Essays ein Glied in der philosophischen Anthropologie des nachantiken Europa sind, und zwar das gehaltvollste, das der Geist der französischen Spätrenaissance anzufügen hatte. Fast die ganze Wesenskunde vom Menschen, die in Frankreich seither gepflegt wurde, hat in den Essays ihren Ursprung.“[3]

2.2 Rousseau und das Jahrhundert der Aufklärung

Das Jahr 1715, Todesjahr Ludwig XIV, bedeutet für die Geschichte Frankreichs einen wichtigen, das Ende einer Epoche markierenden, Einschnitt. Nach Jahrzehnten der Repression steht die Regierungszeit des Herzogs von Orléans unter dem Zeichen einer Liberalisierung auf vielen Ebenen, die die Entwicklung der folgenden Jahre prägt. Da der Adel nun von Kriegen unbelastet ist, kann er sich vollends dem „divertissement“, welches Rousseau in seinen Diskursen so sehr kritisiert, widmen. Der Schwerpunkt des kulturellen Lebens verlagert sich von Versailles nach Paris und in seine Kultur fördernden Salons, welche für die französische Aufklärung und ihre Literatur als Diskussionsforum eine wichtige Rolle spielen.

Hier verkehren auch die Philosophen der Frühaufklärung, Diderot und d’Alembert, die später das Jahrhundertwerk, die « Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, par une société de gens de lettres » herausgeben. Diese Encyclopédie vereint in sich die Summe des „theoretischen und praktischen Wissens, der Wissenschaften und des Gedankenguts der Aufklärung (...).“[4] Zu den Mitarbeitern an der Encyclopédie gehören unter anderem Voltaire, Condillac, Montesquieu und Diderot, sowie eben auch Jean-Jacques Rousseau, der die Artikel über Musik verfasste, und sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht von den Enzyklopädisten abgewandt hatte.

Neben den Salons und den Pariser Cafés, deren Ausbreitung zu Beginn des Jahrhunderts stark zugenommen hat, ist die Académie française ein wichtiges Forum der Auseinandersetzung mit literarischen, wissenschaftlichen und kulturellen Fragen. Auch außerhalb von Paris werden Akademien gegründet, welche maßgeblich an der Entwicklung des aufklärerischen Denkens beteiligt sind.

Die Aufklärung kann von Anfang an als keine einheitliche Bewegung gesehen werden. Es gibt beispielsweise eklatante Unterschiede zwischen den Ansichten über religionsphilosophische und staatspolitische Fragen.

„Was indessen die Einheitlichkeit der nicht zuletzt aufgrund der französischen Kulturhegemonie auf alle Teile Europas ausstrahlenden Aufklärungsbewegung ausmacht, ist die auf einer Selbstbefreiung von Normierungen basierende Infragestellung, Dekuvrierung und Entmachtung der überkommenen Dogmen insbesondere im religiösen (philosophischen) und politisch-sozialen, aber auch im ökonomischen Bereich, durch die kritische Vernunft.“[5]

Die Idee des wissenschaftlichen Fortschritts und des vernunftgeleiteten Denkens weitet sich auf alle Bereiche aus, weshalb das 18. Jahrhundert auch das Jahrhundert der « lumières » genannt wird, denn wie schon Rousseau in seinem «Discours sur les sciences et les arts » schreibt:

[...]


[1] Fleuret, C.: Rousseau et Montaigne. Paris, 1980. S. 83.

[2] Biermann, K.-H., u.a. (Hrsg.): Französische Literaturgeschichte. Stuttgart, 1991. S. 107.

[3] Friedrich, H.: Montaigne. Tübingen, 1993. S. 87.

[4] Biermann, K.-H., u.a. (Hrsg.): Französische Literaturgeschichte. Stuttgart, 1991. S. 201.

[5] ebd. S. 183.

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638357852
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36032
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Französische Philologie
Note
1
Schlagworte
Tradition Innovation Vergleich Erziehungskonzepte Michel Montaignes Jean-Jacques Rousseaus

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