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Japanische Farbholzschnitte. Entwicklung, Technik und ihr Einfluss auf die europäische Kunst

Wissenschaftlicher Aufsatz 2002 24 Seiten

Kunst - Grafik, Druck

Leseprobe

Inhalt

1. Das Aufkommen in Europa

2. Historischer Abriss

3. Herstellungsverfahren

4. Themenbereiche und Stilmerkmale

5. Meister und Schulen

6. Auswirkungen auf die europäische Kunst

Abgekürzt zitierte Literatur

1. Das Aufkommen in Europa

Als Japan 1853 nach einer über 200 Jahre dauernden Abgeschiedenheit von der westlichen Welt gezwungen wurde, mit Amerika und Europa Handelsbe-ziehungen einzugehen, kamen bald auch die ersten Farbholzschnitte nach Europa. Dort wurden sie entweder als Einwickelpapier für Porzellanwaren benutzt oder sie waren in Kolonialwarengeschäften billig zu erwerben.[1]

1855 konnte Japan seine kunstgewerblichen Exporte erstmals auf der Pariser Weltausstellung zeigen. Die positive Resonanz, die diese Artikel erfahren hatten, führte dazu, dass 1862 in der Pariser Rue de Rivoli das Geschäft „La Porte Chinoise“ eröffnet wurde[2]. Nach der Eröffnung dieses Geschäftes, das Kunstgegenstände aus Japan verkaufte, darunter auch Drucke von Farbholz-schnitten, entwickelte sich „ein wahrer Japankult“ und für die Entwicklung der modernen westlichen Malerei sollte die japanische Kunst, wie ein Kunstkritiker am Ende des 19. Jahrhunderts feststellte, eine ähnliche Rolle spielen wie die Antike für die Renaissance.[3]

Entdeckt und in Mode gebracht wurde die japanische Kunst jedoch schon früher. 1856 war dem französischen Maler, Graphiker und Porzellanmodelleur Felix Bracquemond durch Zufall ein Exemplar von Hokusais Skizzenbüchern in die Hände geraten, das er „voller Begeisterung“[4] seinen Freunden zeigte, unter denen sich viele Künstler befanden.

Die Impressionisten waren die ersten, die sich für japanische Farbholzschnitte interessierten und sie zu sammeln begannen, denn diese Arbeiten unter-schieden sich wegen ihrer Hinwendung zu trivialen und genrehaften Motiven und ihrem völlig anderen Raumempfinden grundlegend von der offiziellen französischen Kunst des 19. Jahrhunderts.[5] Gombrich schreibt dazu:

„In ihnen fanden sie eine Kunst, die nichts von all den akademischen Regeln und Formeln wußte, von denen sie sich frei zu machen suchten. Die japa-nischen Holzschnitte zeigten ihnen, wie befangen sie trotz allem noch waren und wie sehr ihnen gewisse Konventionen der europäischen Überlieferung noch im Blut steckten. Den Japanern war jeder überraschende und frappante Naturausschnitt willkommen.“[6]

2. Historischer Abriss

Die Kunst des Druckens kam zwar, wie als sicher gelten kann, ursprünglich aus China, doch die ältesten erhaltenen Exemplare dieser Kunst stammen aus Japan. Im japanischen Mittelalter diente der Holzschnitt vorwiegend der Vervielfältigung buddhistischer Schriften, die ab ca. 1088 in die japanische Sprache übersetzt wurden. Im 12. Jahrhundert wurden ihnen Dekorationen aus Holzschnitten hinzugefügt.[7]

Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts war das Drucken allein den Tempeln und Klöstern vorbehalten. Mit dem Beginn der Edo-Zeit (1603-1868) vollzogen sich in Japan weitreichende politische, soziale und kulturelle Wandlungen. Waren in den vergangenen Epochen Aristokratie, Ritterstand und Priesterschaft als Träger der Kultur und Kunst hervorgetreten, so strebte jetzt ein kulturbeflissenes Bürgertum in diese Rolle. Der Regent Tokugawa Ieyasu (1542-1616) hatte sich 1603 von Kaiser Go-Yosai zum Shogun[8] ernennen lassen und Edo, das heutige Tokyo, zum Regierungssitz erklärt. „Mit eiserner Faust erzwang er die innere Einheit, rottete das Christentum aus und verbannte alle Fremden, auch die holländischen Händler, auf eine künstliche Insel vor Nagasaki.“[9]

1639 wurde das Land hermetisch vom Ausland abgeriegelt (sakoku) Die 255 Jahre dauernde Periode des Tokugawa-Shogunats, bekannt als die Edo-Zeit, ist durch den Aufstieg Edos zu einem politischen, administrativen und kommer-ziellen Machtzentrum gekennzeichnet. Mit dem schnellen Wachstum Edos einher ging die Entstehung einer blühenden Mittelschicht, die mit den tradi-tionellen japanischen Künsten, die vor allem in der alten Kaiserstadt Kyoto weiterhin gepflegt wurden, in keiner Verbindung mehr stand. Die neue Mittelschicht wollte keine Kunst, die das höfische Leben einer vergangenen Epoche widerspiegelte, sondern das Alltagsleben des Bürgertums.

Sie entwickelte einen eigenen Lebensstil, eine eigene Literatur und eine eigene Kunst, der man den Namen ukiyo gab.[10]

Ukiyo bedeutete in der frühen japanischen Poesie „die fließend dahintreiben-de, nicht-eitle, irdische Welt.“[11] Dieser von der chinesischen Dichtung herge-leitete Begriff war ursprünglich von einer pessimistisch-melancholischen Welt-sicht erfüllt. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts änderte sich die Bedeutung dieses Wortes jedoch: Nun bezeichnete man vor allem die Welt der Vergnü-gungen als ukiyo. Wie diese Vergnügungen aussehen könnten, hatte Asai Ryoi 1661in seinem Roman Ukiyo-monogatari beschrieben:

„Für den Augenblick leben, Mond, Schnee, Kirschblüten und Ahorn betrachten; den Wein, die Frauen, das Dichten lieben und sich vom Strom des Lebens treiben lassen, wie eine Kalebasse, die stromabwärts driftet.“[12]

Das japanische Wort für Bilder lautet e. Drucke, die Bilder von der fließenden Welt zeigen, werden deshalb ukiyo-e genannt.

Der steigende Wohlstand der Kaufleute in Edo führte zu einem „explosionsarti-gen Anwachsen“ der Produktion weltlicher Bücher und Drucke. Die ersten illustrierten Bücher gab es ab ca. 1650. Dabei handelte es sich zunächst um einfache Schriftrollen. Die Bilder waren noch Hand gemalt. Doch bald schon erschienen gedruckte und gebundene Bücher, deren Illustrationen mit Holzschnitten angefertigt worden waren, so dass Bild und Text nun in einem einzigen Arbeitsgang nebeneinander gedruckt werden konnten.

Viele dieser Bücher waren Handbücher für sexuelle Praktiken, „die an Deut-lichkeit nichts zu wünschen übrig ließen.“ Obwohl es immer wieder Phasen gab, in denen versucht wurde, diese shunga oder Frühlingsbilder genannten Darstellungen zu verbieten, „hatte die shunga- Tradition in der japanischen Druckkunst die gesamte Edo-Zeit hindurch Bestand“[13].

Im Herbst 1657 wurde Edo fast vollständig durch ein Feuer zerstört. Als die Menschen nach dieser Katastrophe daran gingen, ihre Häuser wieder aufzubauen, hatten sie einen großen Bedarf an preiswerten Wanddekorationen. Hishikawa Moronobu (um 1618-1694), ein in Edo arbeitender Illustrator, erkannte die Marktlücke und überredete seinen Verleger, seine Arbeiten künftig als Einzelblätter ohne Text zu verkaufen. Diese Drucke waren wenig später in den Verlagshandlungen, aber auch bei den Straßenhändlern erhältlich. Zwar variierten ihre Preise je nach Größe und Qualität, doch war es bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts möglich, „einen solchen Druck für den Preis einer Schale Nudeln zu erwerben - für die meisten Leute eine Hauptmahlzeit.“[14]

Das Mitte des 17. Jahrhunderts entstandene Werk Moronobus und seiner Zeitgenossen ist der Beginn dessen, was heute als die spezifisch japanische Form der Druckkunst angesehen wird, „denn in ihm kommen die wesentlichen Motive des ukiyo -e-Genres zur Entfaltung: die Sexualität, die Schönheit der Kurtisanen und das Kabuki.“[15]

Moronobu gilt als der „erste faßare Meister aus Edo“[16], der den graphischen Stil des Druckbildes geprägt hat. Er bildete modische Schönheiten ab und befasste sich mit der Darstellung von Szenen aus dem urbanen Alltag, darunter Aufzüge, Ausflüge zur Kirschblüte, die Straßen des Yoshiwara, „aber auch Küche und Hinterhof eines Restaurants.“[17]

Die ersten Holzschnitte waren monochrom, das heißt, es wurde mit schwarzer Tusche auf weißem Papier gedruckt. Doch die Kunstliebhaber interessierten sich vor allem auch für farbige Arbeiten. Deshalb wurden diese Drucke oft per Hand mit Rot und Grün nach-koloriert. Unglücklicherweise wurden dabei mineralische Pigmente benutzt, die im Laufe der Zeit zerfielen: „Das aus Mennige bestehende Rot wurde blauschwarz, und das mineralische Grün dunkelte stark ein und fraß sich manchmal durch das Papier.“[18]

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts fing man an, mathematische Diagramme farbig zu drucken. Dieses Verfahren wurde bald auch bei Glückwunsch- und Gedenkdrucken, den sogenannten surimonos angewandt. Es war jedoch sehr arbeitsaufwendig und teuer, so dass es für die Herstellung preiswert verlegter Drucke nicht in Frage kam.

In der Kyoho-Zeit (1716-1736) versuchte die Regierung, dem japanischen Volk „auf allen Ebenen einen ernsten und strengen Konfuzianismus aufzuzwingen“, was unter anderem dazu führte, dass die Herstellung dieser luxuriösen Publika-tionen untersagt wurde.

„Die Regierung beschränkte die zulässige Größe von Drucken und setzte fest, welche Farben allein verwendet werden durften. Die erotischen shunga oder Frühlingsbilder wurden ausnahmslos verboten, da man durch sie die öffentliche Moral gefährdet sah. Zudem wurden auch alle Drucke verboten, die aktuelle Ereignisse zum Thema hatten oder als Kritik am Shogunat gedeutet werden konnten. Die verhängten Strafen reichten von Gefängnis bis zur Verbannung und der Konfiszierung des Vermögens.“[19]

[...]


[1] vgl.: Cawthorne 1998, S. 90; Gombrich 1986, S. 443f

[2] vgl.: Blunden 1979, S. 64f; Hausenstein / Reidemeister 1993, S.87

[3] vgl.: Cawthorne 1998, S. 90

[4] ebd., S. 90

[5] vgl.: Blunden 1979, S. 64f; Hausenstein/Reidemeister 1993, S. 87

[6] Gombrich 1986, S. 444

[7] vgl.: Cawthorne 1998, S. 9; Hempel 1997, S. 11

[8] militärischer Regent

[9] Hempel 1997, S. 11

[10] vgl.: Hempel 1997, S. 11; Cawthorne 1998, S. 9f

[11] Hempel 1997 S. 11

[12] zit. nach: ebd., S. 11

[13] Cawthorne 1998, S. 13

[14] ebd., S. 13

[15] ebd., S. 13

[16] Hempel 1997, S. 17

[17] ebd., S. 17

[18] Cawthorne 1998, S. 17

[19] Cawthorne 1998, S. 17

Details

Seiten
24
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638122368
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3621
Schlagworte
Japanische Farbholzschnitte Entwicklung Technik Einfluss Kunst

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Titel: Japanische Farbholzschnitte. Entwicklung, Technik und ihr Einfluss auf die europäische Kunst