Lade Inhalt...

Die Politisierung des Fußballs in autoritären und totalitären Systemen unter besonderer Berücksichtigung des Fußballkrieges zwischen El Salvador und Honduras

Seminararbeit 2002 19 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die Politisierung des Fußballs als Propagandainstrument von autoritären und totalitären Staaten am Beispiel des Fußballkrieges zwischen El Salvador und Honduras
1. Die Ursachen des Konfliktes zwischen El Salvador und Honduras.
2. Schürung der nationalen Emotionen durch die Politisierung der WM- Qualifikationsspiele zwischen El Salvador und Honduras.
2.1. Die Politisierung der Fußballspiele als Katalysator des Konflikts
2.2. Der Begriff der politischen Kultur
2.2.1. Die politische Kultur in Bezug auf El Salvador und Honduras
2.2.2. Die Bewertung der politischen Kultur der beiden Staaten durch wichtige politische Entscheidungsträger.
3. Die Entwicklung des Mythos vom Fußballkrieg in den deutschen Medien.

II. Weitere Beispiele der Politisierung des Fußballs in autoritären und totalitären Staaten
1. Fußball als Möglichkeit der Machtdemonstration.
2. Eine Fußballweltmeisterschaft als positive Selbstdarstellung eines autoritären
Systems
3. Unerwünschte Politisierung von Fußballspielen als Gefahr für autoritäre und totalitäre Staaten
3.1. Bewusste Vermeidung einer Politisierung der Fußballspiele gegen westdeutsche Mannschaften seitens der DDR-Führung.
3.1.2. Das erste Europapokalduell der Meister aus Ost und West
3.1.3. Das einzige Länderspiel der BRD gegen die DDR
3.2. Politischer Druck zur Vermeidung eines unerwünschten Fußballspiels

Fazit und Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Spätestens seit der Einsetzung des Fußballs als Propagandamittel durch den Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland hat sich gezeigt, dass sich Fußball politisch instrumentalisieren lässt, sich dabei aber auch als unberechenbares Instrument erweisen kann. Fußballspiele wurden in der Vergangenheit vor allem von autoritären oder totalitären Regimen benutzt, um gegen den Feind zu agitieren oder um durch sportliche Erfolge das Selbstwertgefühl einer isolierten Nation zu heben. Deutlich wurde diese Politisierung in jüngster Zeit an dem Sieg des Iran über die Vereinigten Staaten von Amerika bei der Weltmeisterschaft 1998. Dieser Sieg über den Erzfeind löste eine große nationale Euphorie im Iran aus.

Der Fußball bietet sich als Instrument zur Politisierung an, da er einerseits die beliebteste Mannschaftssportart der Welt ist und Massen in die Stadien und vor den Fernseher lockt und zweitens bisweilen zu einer Art Stellvertreterkrieg in den Augen der Fans mutiert, wo latente Ressentiments durch Siege und Niederlagen ausgelebt werden. Aus dieser starken Emotionalisierung des Fußballs resultiert wohl auch die kriegerische Sprache: „Der Ball schlug im Tor wie eine Granate ein“, Die Flanke segelte an Freund und Feind vorbei“ und „Die Borussen schlugen sich in der Abwehrschlacht tapfer“. Da lag es nahe, den Konflikt, der 1969 zwischen Honduras und El Salvador in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu zwei Weltmeisterschaftsqualifikationsspielen zwischen den beiden Staaten ausbrach, durch die Medien des Landes als Fußballkrieg zu verkaufen. Die oligarchischen Regime der Nachbarländer nutzten gezielt die Emotionen der Länderspiele, um die Aversionen der beiden Nationen gegeneinander derart zu schüren, dass unter dem Deckmantel der Fußballspiele ein Krieg zwischen El Salvador und Honduras ausgetragen wurde.

Beide Länder kaschierten den Konflikt um die Migration von Siedlern aus dem überbevölkerten El Salvador nach Honduras und die ungleichen Wirtschaftsverhältnisse durch die Erhöhung von Fußballspielen zu einem Kriegsgrund. Den Medien hierzulande erschien der Konflikt gerade durch diese Besonderheit als interessant, passte er einerseits in das Klischee vom heißblütigen Lateinamerikaner und konnte andererseits durch die Titulierung „Fußballkrieg“ ein sonst eher uninteressanter Krieg in der dritten Welt massenwirksam dargestellt werden.

Im Folgenden ist nun zu untersuchen, inwiefern diese Arbeitshypothese zutrifft und wie die Fußballspiele durch die Medien sowie durch die autoritären Regime der beiden zentralamerikanischen Staaten politisiert wurden und dadurch der Mythos vom „Fußballkrieg“ entstanden ist.

Im weiteren Verlauf der Arbeit ist zu untersuchen, welche anderen Formen es von Politisierung von Fußballspielen durch autoritäre Regime gibt und wann sich eine Politisierung des Fußballs für autoritäre Staaten als Gefahr darstellen kann. Die Literaturlage zum Konflikt zwischen El Salvador und Honduras ist nicht sehr umfangreich. Da es für diese Arbeit aber von besonderer Relevanz ist, die Entwicklungen des Konflikts in den Medien nachzuzeichnen und es zu den weiteren Beispielen überwiegend Presseberichte gibt, bildet die Medienanalyse einen Schwerpunkt dieser Arbeit.

I. Die Politisierung des Fußballs als Propagandainstrument von autoritären und totalitären Staaten am Beispiel des Fußballkrieges zwischen El Salvador und Honduras

Für die Untersuchung der Gründe zur Politisierung von Fußballspielen unter besonderer Berücksichtigung des Fußballkrieges zwischen El Salvador und Honduras ist zunächst zu definieren, was einen autoritären und einen totalitären Staat kennzeichnet. Ein autoritärer Staat lässt sich im wesentlichen durch sieben Merkmale charakterisieren: Die Herrschaft selbsternannter Führungsschichten, stark eingeschränkter Pluralismus und damit verbunden eine geringe Partizipationsmöglichkeit in der Politik, wenig Chancen, eigene Interessen zu artikulieren, keine institutionelle Absicherung, was bedeutet, dass eine Gewaltenteilung nicht vorhanden ist, nicht repräsentative Beteiligung der Bevölkerung am politischen Geschehen, Konfrontation der Bürger mit diffusen politischen Ideologien und die massive Begrenzung individueller Freiheiten, bei jedoch weitgehender Respektierung von Privatangelegenheiten, die nicht im Zusammenhang mit politischen Belangen stehen.[1] Dieter Nohlen charakterisiert die Eigenschaften eines autoritären Staats als ein System, das nur über einen begrenzten Pluralismus verfügt, keine umfassend ausformulierte Ideologie besitzt und außer in seiner Entstehungsphase weder auf eine extensive noch intensive Mobilisierung zurückgreift.[2]

Vom Totalitarismus[3] unterscheiden sich autoritäre Systeme durch die unklare ideologische Ausrichtung und die Grenzziehung zwischen öffentlichen und privaten Angelegenheiten, die ein totalitäres System nicht zulässt.[4] Ein totalitäres System ist darauf ausgerichtet, dass gesamte gesellschaftliche Leben zu erfassen und zu reglementieren.[5] Besonders von Relevanz für diese Arbeit ist, dass sowohl autoritäre als auch totalitäre Systeme gezielt von oben gewünschte Politisierungen erzielen können und dadurch auch mit Hilfe eher unpolitischer Ereignisse wie Fußballspielen propagandistische Effekte zur Schürung von Emotionen oder von positiver Selbstdarstellung erreichen können. Natürlich spielt dabei auch der Nationalismus-Begriff eine wichtige Rolle, er macht es erst möglich, dass die Bevölkerung eines Staats den Fußball als Ventil sieht, um Aversionen gegen den Gegner auszuleben. Außerdem ist der Betrachtung der unterschiedlichen Ausprägung einer politischen Kultur besondere Aufmerksamkeit zu widmen, um aufzuzeigen, warum sich beispielsweise der Fußball in Lateinamerika stärker zur Politisierung eignet als in Europa.

1. Die Ursachen des Konfliktes zwischen El Salvador und Honduras

Hier können nur die zwei wesentlichen Ursachen kurz skizziert werden, obwohl die Gründe für den

Ausbruch des Krieges „vielschichtig wie ein Diamant sind“.[6] Zum einen fühlte sich Honduras in dem Mittelamerikanischen Gemeinsamen Markt benachteiligt.[7] Hauptauslöser des Konflikts war aber die ungeklärte Migrationsproblematik zwischen El Salvador und Honduras,[8] die in den Vordergrund der emotionalen Auseinandersetzung gestellt wurde, wobei Honduras sogar des Völkermordes an den illegal im Land lebenden salvadorianischen Bauern bezichtigt wurde. Eine wichtige Rolle spielte auch das sehr stark ausgeprägte Nationalbewusstsein beider Staaten. Nach der Unabhängigkeit im 19.Jahrhundert hatten sich besonders in Mittelamerika, verursacht durch unklare Grenzverläufe und ethnische Unterschiede, rivalisierende Nationen herausgebildet.

2. Schürung der nationalen Emotionen durch die Politisierung der WM-

Qualifikationsspiele zwischen El Salvador und Honduras

Die ungleichen Verhältnisse in Mittelamerikanischen Markt und die Migrationsproblematik schürten den Nationalismus in beiden Ländern, der von den autoritären Regimen beider Staaten gezielt propagandistisch ausgenutzt wurde. Besonders deutlich wurde dies an den zufällig in dieser aufgeheizten Stimmung stattfindenden WM-Qualifikationsspielen. Sowohl in Honduras als auch in El Salvador warfen die heimischen Fans in den Spielerhotels der gegnerischen Mannschaft die Scheiben ein, die salvadorianischen Anhänger schmissen sogar tote Ratten durch die zerstörten Scheiben, um die honduranische Nationalmannschaft einzuschüchtern.[9] Auch die Medien nutzten die emotionale Stimmung, um den Konflikt anzuheizen. Als sich nach dem Sieg Honduras im ersten Qualifikationsspiel in Tegucigalpa am 8.6.1969 in El Salvador ein Mädchen namens Amelia Bolanos erschoss, schrieb die Zeitung El Nacional:

„Ein junges Mädchen, das es nicht verwinden konnte, dass sein Vaterland in die Knie gezwungen wurde.“[10]

Die Regierung El Salvadors nutzte das Begräbnis zu einer großen Inszenierung, zu der neben den Ministern auch die Nationalelf kam. Amelia Bolanos wurde zur Nationalheldin und Märtyrerin hochstilisiert. Hierhin zeigt sich, dass die Regierung und die Medien den Tod des Mädchens bewusst als Propagandamittel ausnutzten, um die Emotionen gegen Honduras vor dem Rückspiel in San Salvador zu schüren. Höhepunkt der Politisierung der WM-Qualifikationsspiele war das Hissen eines Stofffetzens statt der honduranischen Nationalflagge bei dem Rückspiel in El Salvador, das die Gastgeber 3-0 gewannen.[11] Aussagen wie die des Trainers der Nationalmannschaft Honduras, Mario Griffin, der sagte, dass er froh sei, dieses Spiel verloren zu haben[12], zeigen, dass die Emotionen zu einer Art Lynchstimmung gesteigert worden waren. Ein Indiz dafür, dass diese Politisierung von der autoritären Regierung erwünscht war, ist darin zu sehen, dass sie nichts gegen die Übergriffe gegen die honduranischen Fans tat und keine Versuche unternahm, den schwelenden Konflikt zu entschärfen.[13] Die Medien El Salvadors nahmen den Umgang mit den salvadorianischen Siedlern in Honduras zum Anlass, von Völkermord zu sprechen.[14] Der UNESCO-Beauftragte El Salvadors, Gallardo ließ sich zu der Äußerung hinreißen, die Geschehnisse in Honduras glichen dem Völkermord in Vietnam und Biafra.[15] Gerade die Sprache der politischen Propaganda diente in diesem Konflikt dazu, unter dem Deckmantel der durch die Fußballspiele ausgelösten Emotionen mittels einer stark ausgeprägten Komponente der Polemik den gegenseitigen Hass zu verstärken.[16]

[...]


[1] Vgl. dazu, Schmidt, Manfred G.: Wörterbuch zur Politik, Stuttgart, 1995, S.95ff.

[2] Nohlen, Dieter: Wörterbuch Staat und Politik, Bonn 1997, S.40.

[3] Die Totalitarismustheorie wurde im 2.Weltkrieg entwickelt, um neue Entwicklungen wie den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus greifbar zu machen. Nach dem 2.Weltkrieg wurde die Theorie auf die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten übertragen. Ein wichtiges Werk zur Theorie des Totalitarismus hat Eckhard Jesse verfasst: Totalitarismus im 20.Jhd., Bonn 1999.

[4] Schmidt, S.96.

[5] Vgl. dazu auch Nohlen, S.784ff., Schmidt, ,S.961f.

[6] Anderson, Thomas P.: The War of the Dispossessed, Honduras and El Salvador 1969, London 1981, S.169.

[7] in dieser 1960 gegründeten Freihandelszone war Honduras benachteiligt, weil es kaum industrialisiert war, 1966 lag der Anteil der Industrie am Bruttosozialprodukt bei 18% und außerdem die Ausfuhr seiner konkurrenzfähigen Agrargüter nicht erhöhen konnte.[7] Der Freihandel bevorzugte die ökonomisch stärkeren Staaten und verschärfte zunehmend das Entwicklungsgefälle.[7] 1969 hatte Honduras ein Defizit von 20,7 Millionen Dollar im Handel mit den anderen Mitgliedsländern des Mittelamerikanischen Marktes. Verstimmt über den wirtschaftlichen Vorsprung El Salvadors begann sich die oligarchische Führung in Honduras im Rahmen ihres Agrarreformprogramms für das Land zu interessieren, das salvadorianische Bauern jahrzehntelang illegal bearbeitet hatten, dies war aber bis zu diesem Zeitpunkt in Honduras geduldet worden.

[8] Aufgrund der sehr angespannten Bevölkerungssituation in El Salvador (größte Bevölkerungsdichte in Zentralamerika: 184,4 EW/qkm) und des hohen Anteils landloser Bauern (insgesamt waren 93% der Agrarbevölkerung ohne ausreichenden Landbesitz) waren seit den dreißiger Jahren salvadorianische Bauern illegal in Honduras eingewandert und hatten sich auf freiem Land niedergelassen. Der honduranische Präsident López Arellano erließ am 2.3.1969 ein Regierungsdekret, dass alle Salvadorianer ohne gültige Dokumente aufforderte, das Land zu verlassen.[8] Die Regierung von El Salvador reagierte erbost, weil sie den erzwungenen Exodus landloser Bauern in ihr Land nicht absorbieren konnte.[8] Resultierend aus dem kriegerischen Konflikt, der in der Migrationsproblematik seine Hauptursache hat, entwickelten sich in El Salvador in den siebziger Jahren gravierende Probleme. Zum einen wurde mit der Schließung der honduranischen Grenze ein Sicherheitsventil für das übervölkerte El Salvador geschlossen, was den Anteil der landlosen Bauern rapide ansteigen ließ. Bis 1975 stieg der Anteil der landlosen Agrarbevölkerung auf 41%[8]. Oligarchische Strukturen und die Aufteilung des Grundbesitzes unter „14 Familien“ sowie diese große Zahl landloser Bauern ebneten den Weg für den langjährigen Bürgerkrieg in El Salvador, in dem die landlosen Bauern eine wichtige Stütze der Guerillabewegung darstellten. Wird in der Forschung davon gesprochen, dass der Krieg zwischen El Salvador und Honduras unentschieden endete, muss in dieser Entwicklung ein Indiz gesehen werden, dass El Salvador der Verlierer des Konflikts ist, da es die Landfrage nicht mehr durch die Abschiebung landloser Bauern nach Honduras lösen konnte und vor große innenpolitische Probleme gestellt wurde.

[9] Kapuscinski, Ryszard: Der Fußballkrieg, Frankfurt 1992, S.258.

[10] Ebd. S.252 und Sendemanuskript der WDR-Sendung Zeitzeichen.

[11] Ebd. S.253.

[12] Kapuscinski, S.253. Bei Ausschreitungen nach dem Spiel wurden honduranische Fans ermordet und aus El Salvador geradezu verjagt.

[13] Vgl. dazu : El Conflicto Honduras-El Salvador (1969), Ciudad Universitaria Rodrigo Facio, Costa Rica, 1980, S.61.

[14] Vgl. dazu ILA, Nr.136, Juni 1990.

[15] Spiegel, Nr.30, 21.7.1969.

[16] Vgl. zur Sprache der Propaganda auch die Definition bei Mickel, Wolfgang W.: Handlexikon zur Politikwissenschaft, Ehrenwirth Verlag, München 1983, S.486f.: „Die Sprache der politischen Propaganda ist das wichtigste Medium des sprachlich geführten Kampfes um politische Macht. Der hohe Grad an Emotionalität ihrer Begriffssysteme und die im Vergleich mit den anderen Sprachfeldern der Politik stark ausgebaute Komponente der Polemik erklären die oft anzutreffende Gleichsetzung der Sprache der politischen Propaganda. mit der Sprache der Politik schlechthin.“

Details

Seiten
19
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638360524
ISBN (Buch)
9783638761963
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36419
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Seminar für Politische Wissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Politisierung Fußballs Systemen Berücksichtigung Fußballkrieges Salvador Honduras Proseminar Fußball Politik

Autor

Zurück

Titel: Die Politisierung des Fußballs in autoritären und totalitären Systemen unter besonderer Berücksichtigung des Fußballkrieges zwischen El Salvador und Honduras