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Die Erarbeitung eines Lebensbuchs mit Grundschulkindern. Effekte auf das Selbstwertgefühl

von Christine Fürst (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 15 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Überblick über die Biografiearbeit

3 Das Lebensbuch als Methode der Biografiearbeit
3.1 Rahmenbedingungen zur Erstellung
3.2 Aufbau
3.3 Erstellung
3.3.1 Recherche und Einbezug des Umfelds
3.3.2 Umsetzung

4 Definition 'Selbstwertgefühl'
4.1 Selbstwertgefühl im Grundschulalter

5 Die Stärkung des Selbstwertgefühls durch die Erstellung eines Lebensbuchs

6 Fazit

QuellenverzeichnisEinleitung

1 Einleitung

Die Bedeutung der Kindheit als prägender Abschnitt im Leben eines Menschen hat in den letzten Jahrzehnten zunehmend Beachtung gefunden. Damit einhergehend setzt sich die Wissenschaft und Forschung damit auseinander, welche Faktoren im Kindesalter prägend für die psychische Entwicklung sind. Die Frage nach einem geeigneten Erziehungsstil wird daher unablässig diskutiert. Die Anzahl und Unterschiedlichkeit der auf dem Markt befindlichen Erziehungsratgeber gibt einen Eindruck der Vielfalt der Meinung und spiegelt gleichzeitig den Wunsch und die Verunsicherung der Eltern darüber wider, das Aufwachsen ihrer Kinder möglichst optimal zu gestalten.

Als gültiges Erziehungsziel hat sich die Resilienz der Kinder, beziehungsweise zukünftigen Erwachsenen etabliert. Die Resilienz wird verstanden als erworbene Fähigkeit, beständige Stresssituationen oder belastenden Ereignissen möglichst schnell und ohne psychische Schäden zu überwinden.

Mit einer ausgeprägten Resilienz lassen sich somit Lebenskrisen effektiver verarbeiten. Ob ein Mensch Resilienz entwickelt oder nicht, hängt von vielen verschiedenen inneren und äußeren Ursachen ab, die weiterhin Thema der akutellen Forschung sind.

Ein positives Selbstwertgefühl hat sich als einer der förderlichen Faktoren herausgestellt. Das erleben von problematischen Situationen kann das Selbstwertgefühl vermindern. Werden solche Krisen aber begleitet und aufgearbeitet, kann aus der erlebten Schwierigkeit ein höheres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wachsen und sich der Selbstwert erhöhen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einer Methode der Biografiearbeit, dem Lebensbuch, die insbesondere Kinder in und nach Lebenskrisen begleiten und ihnen helfen soll, Erlebtes zu verarbeiten. Die Vermutung liegt daher nahe, dass die Erstellung eines Lebensbuchs Einfluss auf das Selbstwertgefühl des Kindes hat. Inwieweit es zu einer Stärkung des Selbstwerts beitragen kann, soll im Folgenden herausgearbeitet werden. Die Betrachtung bezieht sich dabei ausschließlich auf Kinder im Grundschulalter.

Zuerst wird die Biografiearbeit skizziert um das Lebensbuch als eine ihrer Methoden einordnen zu können. Es wird erläutert werden, welche Rahmenbedingungen die Erstellung eines Lebensbuchs erfordert, wie es aufgebaut ist und wie die Durchführung aussehen kann. Als nächstes wird der Begriff des Selbstwerts eingegrenzt um im Folgenden einen Zusammenhang zwischen der Erstellung eines Lebensbuchs und dem Selbstwertgefühl des Kindes herzustellen.

2 Überblick über die Biografiearbeit

Das Wort "Biografie" stammt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus den Worten "Bios" für "Leben" und "graphéin" für "dokumentieren".

Im Gegensatz zum gesprochenen Wort ist jede Dokumentation, ob Film, Bild, Tonaufnahme oder Schriftstück haltbar, erweiterbar und veränderbar.

Menschen erleben in ihrem Leben kleinere und größere Veränderungen. Manche von ihnen werden in ihrer Tragweite als Brüche erlebt, die sich von den Betroffenen nicht mehr in den aktuellen Lebenszusammenhang integrieren lassen.

Die Biografiearbeit ist eine strukturierte Methode der pädagogischen und psychosozialen Arbeit, um Menschen zu helfen, ihre Vergangenheit zu rekonstruieren und ihre Erlebnisse wieder in Einklang mit ihrem Selbstbild als Produkt ihres Werdens zu bringen. Sie ist keine Psychotherapie, kann aber im Rahmen einer solchen angewendet werden.

Bei der Biografiearbeit geht es um mehr als nur die Beschreibung der Lebenseckdaten in ihrer chronologischen Reihenfolge. Der Klientin und dem Klienten wird Raum gelassen, Episoden und Ereignissen Bedeutung und Sinn zuzuschreiben. Ihr und sein Lebenslauf wird damit zu einer interpretierten und konstruierten Wirklichkeit, die jederzeit durch die Reflexion der Biografie verändert werden kann.

Durch das Reflektieren über das eigene vergangene, derzeitige und zukünftige Leben lassen sich Lebenszusammenhänge erkennen, wodurch wiederum Sinnzusammenhänge erschlossen werden können. Somit kann Biografiearbeit zum Verständnis für die eigene Identität und ihrer Vergewisserung dienen, sie kann helfen, die eigene Familie und das soziales Netz zu überblicken und die Rolle innerhalb dieser zu erkennen und zu verstehen. (Wiemann u.a. 2011, 13f)

Grundsätzlich eignet sich Biografiearbeit für Menschen aller Personengruppen, wird jedoch vor allem mit Menschen mit geistiger Behinderung, alten Menschen und Kindern und Jugendlichen angewendet. (Wiemann u.a. 2011, 23)

Ganz besonders Kinder und Jugendliche, die sehr große Brüche erleben mussten, wie die Aufnahme in ein Heim oder durch eine Pflegefamilie, können zu einem besseren Verständnis für ihre Geschichte gelangen und gestärkt in ihre Zukunft gehen. Eine Methode der Biografiearbeit, die sich auch mit Kindern gut anwenden lässt, ist das Anfertigen eines Lebensbuchs.

3 Das Lebensbuch als Methode der Biografiearbeit

Seit etwa den achtziger Jahren werden in Großbritannien Lebensbücher erstellt im Rahmen von biographischer Arbeit. Dort werden solche "Life Books" insbesondere mit Heim-, Pflege-, und Adoptivkindern angelegt, aber auch mit Jugendlichen und Erwachsenen. Das sich diese Arbeit auf die Spezifika der Biographiearbeit mit Kindern bezieht, wird im Folgenden darauf verzichtet, Jugendliche und Erwachsene zu nennen. Dem Kind soll Mithilfe der Anfertigung eines Lebensbuchs geholfen werden, einen Zugang zu seiner eigenen Geschichte zu bekommen und deren Verarbeitung und Akzeptanz unterstützen.

Auch die Bewältigung von Scheidung oder Trennung der Eltern, Migration und Flucht, dem Tod eines Familienmitglieds oder andere traumatische Erlebnisse können durch das Anfertigen eines Lebensbuchs unterstützt werden. Das Lebensbuch kann ein Medium für das Kind sein, seine Gefühle auszudrücken und dokumentiert sein Leben gleichzeitig auf persönliche und für das Kind zugängliche Weise. (Hölzle u.a. 2009, 123-127)

3.1 Rahmenbedingungen zur Erstellung

Um ein Lebensbuch mit einem Kind zu gestalten, braucht es eine erwachsene Begleiterin oder einen erwachsenen Begleiter. Diese oder dieser muss nicht zwangsläufig Therapeutin oder Pädagogin, beziehungsweise Therapeut oder Pädagoge sein. Wichtig ist, dass die Person verständnisvoll und ehrlich an der Biografie des Kindes interessiert ist. Sie muss bereit sein, sich dem Kind gegenüber zu verpflichten, regelmäßig Zeit für die Erstellung des Lebensbuchs zu finden und die Arbeit bis zum vorläufigen Ende durchzuhalten. Die oder der Erwachsene sollte weiterhin so viel soziale und kommunikative Kompetenz sowie Empathie besitzen, dass sie oder er ein Gespür dafür hat, wie dem Kind geholfen werden kann, einen Zugang zu seinen Gefühlen und Erlebnissen zu finden und dem Kind nicht die eigene Sichtweise aufzudrängen.

Es gibt einige Regeln, die die Begleiterin und der Begleiter unbedingt befolgen muss: (Ryan u.a. 2007, 19f)

"1. Niemals das Vertrauen verraten, das das Kind einem schenkt.
2. Nicht vermeiden, über Sachen zu sprechen, über die das Kind sprechen will, weil sie einem selbst unangenehm sind.
3. Dem Kind keiner Wörter in den Mund legen. [...] 5. Weder das Endprodukt noch die durchgeführte Biografiearbeit als Belohnung oder Druckmittel benutzen, sondern lediglich als einen normalen Teil des gemeinsamen Lebens.
6. In der Geschwindigkeit des Kindes vorgehen, nicht in der eigenen – es geht auf diese Art und Weise sogar schneller! Ein Kind zu hetzen bringt es nur dazu, langsamer zu werden oder an Details hängen zu bleiben." (Ryan u.a. 2007, 19f)

Was den zeitlichen Rahmen angeht, ist die einzige Regel, dass die Termine regelmäßig stattfinden müssen. Wichtig für das Kind ist die Vorhersagbarkeit der Termine, nicht die Häufigkeit. Kann das Kind sich nicht darauf verlassen, ob und wann der Termin wiederholt wird, bedeutet das einen Vertrauensverlust bis hin zum Vertrauensbruch. Nicht die Frequenz der Termine ist entscheidend, sondern ihre Verbindlichkeit. (Ryan u.a. 2007, 26f)

Wie lang eine solche Sitzung dauern sollte, hängt von mehreren Faktoren ab. Vor allem entscheidet die Konzentrationsfähigkeit des Kindes und des Erwachsenen. Jedoch sollte eine Sitzung nicht länger als eine Stunde dauern. (Ryan u.a. 2007, 36f)

Als Ort sollte ein Raum gewählt werden, der die ungestörte Arbeit mit dem Kind zulässt. (Lattschar 2005, 9ff)

Auch die Materialien sollten zu Beginn bereits vorhanden sein. Es bietet sich an, einen Ringordner oder Schnellhefter zu besorgen, den das Kind selbst gestalten kann. Gegenüber einem Buch oder Heft bieten diese den Vorteil, dass sich nachträglicher Blätter einheften lassen. Außerdem werden Papier, Stifte und Bastelmaterialien benötigt.

Alternativ dazu können auch vorgefertigte Lebensbücher gekauft und eingesetzt werden. Sie bieten die Möglichkeit auch dann thematisch zu arbeiten, wenn der Erwachsene keine Zeit hat um selbst Vorlagen und Fragebögen zu erarbeiten.

Die freie Gestaltung ist der vorstrukturierten Variante jedoch vorzuziehen, da sie die Möglichkeit bietet, auf die Fähigkeiten des Kindes, seine Interessen und den Informationsstand beispielsweise über seine Herkunftsfamilie einzugehen. (Wiemann u.a. 2011, 103)

3.2 Aufbau

Das Lebensbuch ist in mehrere Kapitel untergliedert, die sich in ihrem Umfang an den Bedürfnissen des Kindes orientieren. Es können bei Bedarf Kapitel hinzugefügt werden, beispielsweise bei Kindern mit Migrationshintergrund oder Kindern, die um einen Menschen trauern.

Grundsätzlich sollte sich immer jeweils mindestens ein Kapitel mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft des Kindes beschäftigen.

Es empfiehlt sich, folgende Themen in das Lebensbuch aufzunehmen: (Wiemann u.a. 2011, 105)

"- Das bin ich! Was ich über mich selbst weiß! Persönliche Daten des Kindes (Geburtsdatum, Name, [...] meine Stärken, Schwächen, Fähigkeiten, Interessen usw.).
- Das ist meine leibliche Familie! Daten und Informationen der leiblichen Eltern und Geschwister [...]
- Das ist meine Pflegefamilie/Adoptivfamilie/das Kinderheim, in dem ich lebe! Daten und Informationen der jetzigen Familie/Unterbringung [...]
- Meine Gefühle! (Wie fühlt sich das Kind in der jetzigen Situation? Was tut ihm gut? Welche Ängste hat das Kind? Was macht es ärgerlich?
- Das ist meine Geschichte! Lebenslauf und Umstände des Wechsels der Lebensumstände [...]
- Meine Gegenwart! Ein Tag oder eine Woche in meinem Leben - Meine Zukunft! Wie stellt sich das Kind seine Zukunft vor? [...]" (Wiemann u.a. 2011, 105)

Die einzelnen Kapitel können und sollten nach Bedarf ausgeschmückt werden. Es sollten die Vorlieben das Kindes berücksichtigt werden; manche malen lieber, andere schreiben gern, wiederum andere möchten der Erwachsenen oder dem Erwachsenen diktieren, was sie oder er aufschreiben soll oder ihre Texte am Computer verfassen.(Lattschar 2005, 105)

3.3 Erstellung

Am Anfang der Erstellung eines Lebensbuchs stehen einige Vorüberlegungen und die Recherche. Die gründliche Vorbereitung ist entscheidend für den positiven Verlauf der Arbeit am Lebensbuch. Daher sollten Erwachsene von Beginn an sorgfältig und gewissenhaft vorgehen. (Wiemann u.a. 2011, 99ff)

3.3.1 Recherche und Einbezug des Umfelds

Es ist ratsam, den Lebenslauf des Kindes vor Beginn der Arbeit anhand von Dokumenten und Berichten bereits zu kennen und sämtliches Material zum Leben des Kindes wie Fotos, Schriftstücke und dergleichen zusammengetragen zu haben, um während der Arbeit nicht darauf warten zu müssen, um selbst bereits einen Eindruck davon zu bekommen, welche Themen das Kind beschäftigen könnten und um Wissenslücken des Kindes gegebenenfalls schließen zu können.

Zur Informationsbeschaffung können Eltern, Verwandte, Ärztinnen und Ärzte und Bezugspersonen der Kinder befragt werden

Die gesammelten Daten werden dann zu einem Lebenslauf gefasst, der mit dem Kind gemeinsam und seiner Persönlichkeit gerecht erarbeitet und durch dieses oft auch erweitert und ausgebaut wird.

Weiterhin ist es notwendig, die aktuellen Bezugspersonen des Kindes über das Vorhaben zu informieren und sie um ihre Mitarbeit bezüglich der Materialbeschaffung, aber auch der emotionalen Begleitung des Kindes während der Arbeitsphase, zu bitten. (Wiemann u.a. 2011, 99ff)

3.3.2 Umsetzung

Nachdem man die Informationssuche weitgehend abgeschlossen hat (sollten sich später noch einmal Lücken auftun, kann sie selbstverständlich fortgesetzt werden) und man sich entweder für ein vorstrukturiertes Lebensbuch oder die freie Gestaltung entschieden hat, gilt es, dem Kind das Vorhaben verständlich zu erklären.

Es sollte dem Kind unbedingt klar gemacht werden, dass man ein ehrliches Interesse an seiner Geschichte und seiner Person hat, es gern besser kennen lernen möchte und dass es immer selbst entscheiden kann, was und wie viel es erzählt. Es bietet sich an, ihm bereits die Kapitel vorzustellen, die man mit ihm nach und nach füllen möchte.

Es gibt Fragen und Aufgaben mit niedriger, mittlerer und hoher Intensität bezüglich ihres Potenzial, das Kind mit starken Emotionen zu konfrontieren und zu belasten. Je höher die Intensität, desto besser sollte das Vertrauensverhältnis zwischen dem Kind und der und dem Durchführenden bereits sein. Erfahrungsgemäß entscheiden sich Kinder intuitiv anfangs für niederschwellige Übungen und kommen erst auf schwierige und belastende Themen zu sprechen, wenn sie genug Sicherheit und Vertrauen gefasst haben. (Wiemann u.a. 2011, 104f)

Wichtig ist, dem Kind zwar Impulse zu geben, ihm aber die Freiheit zu lassen, in seinem Tempo an den von ihm gewählten Themen zu arbeiten. (Lattschar 2005, 99ff)

In den einzelnen Sitzungen lässt die Begleiterin oder der Begleiter das Kind nun die Vorlagen zu einem Kapitel ausfüllen, lässt es zum Thema malen und basteln, Fotos aufkleben und beschriften, je nach Vorliebe des Kindes, und heftet alles im Lebensbuch unter dem entsprechenden Kapitel ab.

Während des gesamten Prozess ist es wichtig, immer wieder die positiven Aspekte des Kindes und seiner Herkunft und Vergangenheit zu betonen. Es soll stolz auf sein Buch sein können und es soll ihm als Referenz dafür dienen können, dass gut so ist, wie es ist. (Lattschar 2005, 9ff)

Beendet ist die Arbeit am Lebensbuch theoretisch nie, da sich jeder Mensch bis zu seinem Tod wandelt und jede Veränderung festgehalten und reflektiert werden könnte. Die Arbeit mit dem Kind sollte einen Abschluss finden, wenn alle Kapitel bearbeitet worden sind und es seine Situation und seine Geschichte besser verstehen kann. (Wiemann u.a. 2011, 105)

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668446380
ISBN (Buch)
9783668446397
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v364730
Institution / Hochschule
Fachhochschule Erfurt
Note
1,0
Schlagworte
Biografiearbeit Lebensbuch Selbstwert Resilienz Grundschulalter Kinderpsychologie Kinder- und Jugendtherapie Entwicklungspsychologie Methoden Selbstwertgefühl kindliche Entwicklung

Autor

  • Christine Fürst (Autor)

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Titel: Die Erarbeitung eines Lebensbuchs mit Grundschulkindern. Effekte auf das Selbstwertgefühl