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Montales Gedichte La Poesia und Le parole. Postmoderne Reflexionen über Lyrik.

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 20 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist „postmodern“?

3. La poesia
3.1. Die Frage nach der Inspiration
3.2. Der Leser als Produzent
3.3. Subjekt und Sprache
3.4. Kontingenz und Ereignishaftigkeit
3.5. „Sinnfrage“
3.6. Gegen Interpretation und für die Lust am Lesen
3.7. Der Tod des Autors
3.8. Form und Inhalt oder Form vs. Inhalt?

4. Le parole
4.1. Kritik an der Institutionalisierung der Literatur und elitärer Kunst
4.2. Die Überwindung vom „Ende der Literatur“
4.3. Arbeitsweise des (post-)modernen Dichters
4.4. Form und Struktur des Gedichts

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eugenio Montale ein postmoderner Dichter? Bisher wurde dieser Aspekt in Montales dichterischem Werk von Kritikern und Literaturwissenschaftlern nur wenig besprochen. Aufgrund seiner frühen Werke Ossi di seppia, Le Occasioni und La bufera e altro wird Montale als moderner oder hermetischer Dichter bezeichnet. Stil und Inhalte seiner späteren Werke wie Satura oder Diario del ’71 e del ’72 weisen jedoch deutliche Brüche mit seiner frühen Phase auf. Diese Wandlung wird zwar von der Kritik erkannt, die Parallelen und Ähnlichkeiten dieser Werke zu den Gedanken und Ideen postmoderner Theoretiker jedoch nicht hervorgehoben. So ist Rebecca West eine der wenigen, die Montale als „profeta del postmoderno“ bezeichnet, sich damit jedoch nicht auf sein dichterisches, sondern lediglich auf sein essayistisches, journalistisches Werk bezieht.[1] In dieser Arbeit sollen hingegen die zwei poetologisch-reflexiven Gedichte La poesia und Le parole unter diesem Aspekt analysiert werden und die Reflexionen Montales mit denen verschiedener postmoderner und poststrukturalistischer Denker wie zum Beispiel Susan Sontag, Roland Barthes, Jacques Derrida und anderer verglichen werden.

Bevor die beiden Gedichte analysiert werden, ist es zunächst wichtig den Begriff „postmodern“ - so wie er in dieser Arbeit aufgefasst und verwendet wird – zu erläutern.

In einer umfassenderen Arbeit wäre es darüber hinaus interessant die Entwicklung bzw. den Bruch in Montales Werk, nämlich zwischen hermetisch-moderner und postmoderner Phase (ab Satura) genauer zu erforschen. Zudem könnte man untersuchen, ob und wie Montale die poetologischen Reflexionen aus La poesia und Le parole in späteren Gedichten umsetzt und ob auch in anderen Gedichten weitere postmoderne Gedanken auftauchen, um die These „Montale - ein postmoderner Dichter“ zu untermauern.

2. Was ist „postmodern“?

Wolfgang Welsch erläutert in seiner Einleitung des von ihm herausgegebenen Buches Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion eingehend, wie schwierig eine Definition der Postmoderne ist, da das Verhältnis von Postmoderne und Moderne verwickelter sei, als man häufig annehme. Schon der Begriff selbst sei durch das Präfix „post“ missverständlich und mehrdeutig, da es dazu verleite, den Ausdruck „epochal“ zu verstehen. Um die Postmoderne zu erklären, müsse man zudem den Be-griff der Moderne differenzieren, der ebenfalls sehr pauschalisierend gebraucht werde, von der Moderne des 18. Jh. und der Aufklärung, über die Industrialisierung des 19. Jh., bis hin zu den künstlerischen Avantgarden und der Grundlagenkrise der Wissenschaft im 20. Jh.[2]

Der Titel des Bandes Wege aus der Moderne ist doppelsinnig und drückt genau die Auffassung von Postmoderne aus, wie sie in dieser Arbeit angewandt werden soll – die Postmoderne als Wege, die aus der Moderne herausführen, aber auch als Wege, die aus der Moderne kommen. Das heißt, dass die Postmoderne sich aus der Auseinandersetzung mit den Fragestellungen, Ansätzen und Problemen der Moderne entwickelt hat, und somit weder in totaler Opposition zu ihr steht, noch ihre schlichte Weiterführung darstellt.[3]

Das entscheidende Herzwort der Postmoderne ist Pluralität – und zwar eine radikale Pluralität in allen Bereichen des Lebens, ob in der Kultur, den Naturwissenschaften, der Ökonomie, der Politikwissenschaft oder der Theologie.[4] Damit geht die Ablehnung der Einheit, der Ordnung und Ganzheit einher. In der Kunst führt dies unter anderem zu der Forderung Leslie A. Fiedlers, die Kluft zwischen elitärer Kunst und Popkultur zu schließen, das heißt, in ein postmodernes Werk Elemente aus beiden Bereichen zu integrieren und es somit vielfältiger zu machen.

Generell kann man feststellen, dass die Postmoderne den klagenden Ton der Moderne ablegt. Man trauert nicht mehr um den Verlust des Ganzen, sondern erkennt die Freiheit, die die Pluralität bietet.[5] Die Erkenntnis, dass alles schon gesagt wurde und dass die Möglichkeiten künstlerischen Schaffens endlich sind, führt in der postmodernen Literatur nicht wie in der Moderne zu dem besagten Beklagen oder einem Verstummen, sondern zum Gebrauch neuer künstlerischer Mittel wie Intertextualität, Selbstreflexivität, Experimentierfreude, (Wort)spiel und Ironie.

Am deutlichsten kristallisieren sich in La poesia (1969) und Le parole (1968) die postmodernen Gedanken über Sprache, Autor, Leser, Textproduktion sowie -rezeption heraus. Dabei werden bekannte Thesen und Schlagwörter wie der Tod des Autors, die Loslösung des Signifikanten vom Signifikat und die Konstitution des Subjekts durch Sprache aufgegriffen.

Die Gedichte stehen rein zeitlich gesehen am Anfang der zu dieser Zeit vor allem in Amerika geführten „Postmodernedebatte“ (Fiedler, Sontag, Hassan, u.a.), während sich in Europa und besonders in Frankreich der Poststrukturalismus (Barthes, Foucault, Derrida) entwickelte. Die Begriffe postmodernistisch und poststrukturalistisch sind nicht synonym oder austauschbar zu verwenden; da viele Ideen und Gedanken jedoch in beiden Strömungen vorhanden oder sich ähnlich sind, sollen hier Theoretiker von beiden Seiten zitiert werden.

3. La poesia

LA POESIA

I

1 L’angosciante questione
2 se sia a freddo o a caldo l’ispirazione
3 non appartiene alla scienza termica.
4 Il raptus non produce, il vuoto non conduce,
5 non c’è poesia al sorbetto o al girarrosto.
6 Si tratterà piuttosto di parole
7 molto importune
8 che hanno fretta di uscire
9 dal forno o dal surgelante.
10 Il fatto non è importante. Appena fuori
11 si guardano d’attorno e hanno l’aria di dirsi:
12 che sto a farci?

II

13 Con orrore
14 la poesia rifiuta
15 le glosse degli scoliasti.
16 Ma non è certo che la troppo muta
17 basti a se stessa
18 o al trovarobe che in lei è inciampato
19 senza sapere di esserne
20 l’autore.

3.1. Die Frage nach der Inspiration

Das Gedicht beschäftigt sich zunächst mit der Frage nach der Inspiration: Was ist Inspiration, also woraus entspringt die Kreativität des Dichters? Ist sie „freddo“, entsprechend der Theorie, dass Dichtkunst auf feststehenden und zu erlernenden Regeln basiert und somit durch genaues Studium beherrschbar ist? Oder ist sie „caldo“, entsprechend dem Glauben, dass Gefühl und Intuition die Hauptrolle beim Dichten spielen? Zunächst wird hier ironisierend festgestellt, dass diese Frage nicht der „scienza termica“ zugehört. In dieser Aussage wird deutlich, dass Montale sich gegen den Glauben wehrt, die Kunst oder die Dichtung durch wissenschaftliche Begriffe erklären zu können. Hierin spiegelt sich der Bruch mit der modernen Auffassung, alles auf der Welt sei durch die Wissenschaften zu begreifen und zu erklären.[6] Anschließend wiederholt sich die antithetische Paarung in umgekehrter Form: Der „raptus“ erschaffe nichts, aus dem Leeren entstehe nichts (V.4). Der „raptus“ steht als Entsprechung zur „heißen“ Inspiration, wie sie in der Antike und der Enthusiasmoslehre Platons als Eingebung durch die Götter beschrieben und in den romantischen Künstleridealisierungen des Dichters als Genie weitergeführt wird[7], während die Leere die Entsprechung zum „kalten“, rationalen Schaffen in der Traditionslinie des poeta doctus, des gelehrten Dichters, darstellt.[8] Montale erteilt hier erneut eine Absage an diese beiden unterschiedlichen Richtungen innerhalb der Kunst- und Lyriktheorien, die seit der Antike bis in die Gegenwart viel diskutiert werden.

Interessant ist hierbei, dass die Frage nach der Inspiration als beängstigend bezeichnet wird (l’angosciante questione, V.1). Die Angst begründet sich darin, dass eine Antwort auf diese Grundsatzfrage gleichzeitig eine Legitimation sowie eine Definition der Kunst in sich birgt. Ein „inspiriertes“ Werk erhält seine Legitimation direkt von Gott; ein Gedicht, das nach allen Regeln der Dichtkunst geschrieben wurde, grenzt sich hierdurch von anderen Texten als Kunstwerk ab. Das Wesen der Kunst wird erklärbar und greifbar. Ohne eine eindeutige Antwort droht dieses Wesen der Kunst jedoch verloren zu gehen.

[...]


[1] Vgl. West 1998; S.202

[2] Vgl. Welsch 1994, S.2f

[3] Vgl. ebd., S.37

[4] Vgl. ebd., S.14

[5] Vgl. ebd., S,12

[6] Wrobel, S.97: „Auf der Basis der Arbeiten von Einstein, Heisenberg und Gödel konnte sich die Idee der matheis universalis nicht länger halten. Der Gültigkeitsanspruch des durch Wissenschaft bereitgestellten Wissens ist grundlegend eingeschränkt. Absolutheit kann durch Wissenschaft nicht länger angeboten werden, sie ist ein längst ausgeträumter Traum.“

[7] Vgl. Zimmermann, Bernhard: Antike, Literaturtheorien der. S.20. In: Nünning (2001), S.19-21

[8] Vgl. Bäumer, Rolf: Autor. S.37f. In: Borchmeyer/Zmegač (1994), S.33-40

Details

Seiten
20
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638361095
Dateigröße
809 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36503
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Romanisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Montales Gedichte Poesia Postmoderne Reflexionen Lyrik Eugenio

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