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Geschlechterkonstruktionen, -stereotype und -ungerechtigkeiten in Schulbüchern für das Fach Chemie an Gymnasien in Sachsen

Hausarbeit 2017 14 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Geschlecht als soziale Konstruktion

Geschlechterstereotype

Bedeutung von Schulbüchern

Kriterien für die Schulbuchanalyse

Ergebnisse

Fazit

Literatur

Einleitung

Was Richtlinien, Lehrplänen und Verordnungen vorschreiben, ist nicht alles was in der Schule gelernt wird. Durch das Zusammenleben von Menschen in einer Gemeinschaft werden Verhaltensweisen und Einstellungen erworben, die nicht aus den bewussten pädagogischen Intentionen der Lehrkräfte hervorgehen. Dieser andere, inoffizielle Teil wird als der „heimliche Lehrplan“ bezeichnet, zu dem z.B. soziale Regeln, Regelungen und Routinen des Alltags, also vor allem soziale Lernerfahrungen gehören (vgl. Hilgers, A. 1994, S.91-93). Das Verhältnis der Geschlechter ist eine dieser Lernerfahrungen und es wird gleichzeitig mit bestimmten Verhaltensweisen und Erwartungen assoziiert. Nicht selten folgen auf abweichendes Verhalten Ablehnung oder Sanktionen. Als „Konstruktionen und […] Konstrukteure sozialer Ordnungen und gesellschaftlichen Wissens“ (Bittner 2011, S.7) vermitteln Schulbücher neben Wissen über das jeweilige Fach auch implizit gesellschaftlich akzeptierte Vorstellungen über Frauen und Männer durch den heimlichen Lehrplan. In der Regel entfällt dabei die aktive Auseinandersetzung mit den in Bezug auf die Geschlechter dargestellten Inhalte, welche dann nur unbewusst und unreflektiert aufgenommen werden. Traditionelle Rollenbilder werden durch stereotype Darstellungen aufrechterhalten und Kinder erhalten nur eingeschränkte Identifikationsmöglichkeiten (vgl. Moser, Hannover & Becker 2013). Damit tragen auch Schulbücher in gewissem Maße zur sozialen Konstruktion von Geschlecht bei. Ältere Schulbuchanalysen konnten vor allem eine Unterrepräsentation von Frauen und starke Stereotypisierungen feststellen, aber mit Tendenz zu mehr Geschlechtergerechtigkeit (vgl. Hilgers 1994, S.121; Moser et. al. 2013). In dieser Schulbuchanalyse soll deshalb herausgefunden werden, welche Geschlechterkonstruktionen, -normen und -stereotype in Chemielehrbüchern (ein Fach, das in Bezug auf Geschlecht bis jetzt weniger Aufmerksamkeit erfahren hat) für das Gymnasium in Sachsen zu finden sind. Es soll um die Frage gehen, ob beide Geschlechter in einer angemessenen Vielfalt an Verhaltensweisen dargestellt, für Mädchen und Jungen gleichermaßen vielfältige Identifikationsmodelle zur Verfügung stehen und Geschlechterstereotypen entgegengewirkt wird oder ob vorhandene Stereotypisierungen und Normen dargestellt und reproduziert werden.

Für diese relativ kurze Untersuchung wurden exemplarisch zwei Lehrbücher für die Klassenstufe 10 von den Schulbuchverlagen Volk und Wissen und Schroedel ausgewählt. Der Klett-Verlag als dritter großer Verlag für Schulbücher bietet für die Sekundarstufe 1 und 2 nur jeweils einen Gesamtband an. Die Ergebnisse können allerdings nicht repräsentativ für den gesamten Schulbuchmarkt in Sachsen für das Fach Chemie stehen, schon dadurch, dass davon auszugehen ist, dass auch ältere Exemplare der beiden Verlage noch verwendet werden. Die Untersuchten Chemiebücher sind Chemie plus (2016) von Volk und Wissen sowie Chemie heute (2007) vom Schroedel-Verlag, beide für die Klassenstufe 10.

Im Folgenden wird zunächst kurz auf das zu Grunde gelegte Verständnis von Geschlecht erläutert. Im anschließenden Kapitel wird kurz erklärt, was Stereotype und speziell Geschlechterstereotype sind und welche Auswirkungen mit diesen für die Geschlechter verbunden sein können, da auf Geschlechterstereotypen ein Schwerpunkt der Analyse liegt. Bevor Kategorien für die Analyse ausgewählt werden, wird auf die Bedeutung von Schulbüchern als Untersuchungsgegenstand eingegangen und zuletzt die Ergebnisse ausgewertet.

Geschlecht als soziale Konstruktion

In Alltagstheorien werden Menschen anhand des biologischen Geschlechts in Männer und Frauen unterteilt, wobei das eine das andere grundsätzlich ausschließt, d.h. Geschlecht wird dichotom gedacht. Das biologische Geschlecht wird in unserer Gesellschaft zur Geburt anhand der primären Geschlechtsmerkmale festgelegt und gleichgesetzt mit dem sozialen Geschlecht (gender). Geschlecht wird als biologisch determinierte, unveränderliche Tatsache gedacht (vgl. Hilgers 1994, S.21f.; Bittner 2011, S.8).

Dieser Arbeit hingegen liegt ein Verständnis von Geschlecht als soziale Konstruktion zu Grunde, das davon ausgeht, dass die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht erworben wird und in alltäglichen Interaktionen ständig inszeniert werden muss (vgl. Faulstich-Wieland 2008). Menschen werden erst durch ihre Handlungen, sowie Kleidung, Stimme und Bewegungen als Männer oder Frauen erkannt (vgl. Degele et. al. 2008, S.107). Die Inszenierung von Geschlecht erfolgt nach dem als „normal“ akzeptierten Geschlechterverhältnissen, die dadurch schließlich reproduziert werden und ihre „Normalität“ bestätigen (vgl. Faulstich-Wieland 2008, S. 675). Auch Geschlechterdifferenzen in Eigenschaften; Fähigkeiten, Neigungen, Interessen und Verhaltensweisen sind damit nicht natürlichen Ursprungs, sondern gesellschaftlich hergestellt. Relativ früh im Verlauf der Sozialisation lernt ein Mensch durch Sprache sowie nonverbale Signale in der Regel unbewusst und auf zahlreichen Wiederholungen beruhend, dass er ein Junge oder ein Mädchen ist. Mit den als Gegensätzen gedachten Kategorien werden Einstellungen, Werte und Erwartungen verknüpft. Dadurch wird das gleiche Verhalten je nach Geschlecht auch unterschiedlich bewertet (vgl. Degele et. al. 2008, S.105; Hilgers 1994, S.22).

Mit Geschlecht gehen außerdem soziale Rollen einher. Soziale Rollen haben normativen Charakter, denn an die Rollenträger werden jeweils spezifische Verhaltenserwartungen herangetragen. In unterschiedlichen Rollen von Männern und Frauen (z.B. Mutter, Familienernährer) spiegelt sich ein gesellschaftliches Ungleichgewicht wider (vgl. Athenstaedt et. al. 2011, S.13). Geschlechterstereotype u.a. auch Ergebnisse von den Rollenverteilungen, wenn z.B. Berufstätige als weniger maskulin beschrieben werden in Berufen, in denen mehr Frauen als Männer arbeiten (vgl. Athenstaedt et. al. 2011, S.22).

Geschlechterstereotype

Soziale Stereotype sind verinnerlichte, relativ änderungsresistente und sozial geteilte kognitive Muster, die unsere Wahrnehmung mitbestimmen, indem sie die Selektion aufgenommener Informationen beeinflussen oder als Beurteilungsgrundlage für Wahrnehmungen dienen. Anhand an anderen Menschen wahrgenommenen Merkmalen wird auf die Zugehörigkeit einer Gruppe geschlossen und gleichzeitig werden der Person auch andere für diese Gruppe als typisch angesehene Merkmale zugeschrieben (vgl. Athenstaedt & Alfermann 2011, S. 13 & 43; Hilgers 1994, S.41-43; Thiele 2016). Stereotype stellen die Realität allerdings nur unzulänglich und stark vereinfacht dar. Ein „wahrer Kern“ von Stereotypen entsteht wahrscheinlich eher dadurch, dass Stereotype letztlich das Verhalten von Menschen beeinflussen und Stereotype im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung hergestellt werden (vgl. Thiele 2016).

Stereotype haben eine Entlastungsfunktion, indem durch sie komplexe soziale Phänomene einfacher verarbeitet werden können und sie uns bei der Entscheidungsfindung helfen. Das Arbeitsgedächtnis kann dadurch entlastet werden. Allerdings ist damit auch ein Informationsverlust verbunden (Athenstaedt et. al., S12; Hilgers 1994, S.41; Thiele 2016). Als Bewertungsmaßstab ermöglichen Stereotype es uns, das gleiche Verhalten bei z.B. Männern und Frauen unterschiedlich zu bewerten (vgl. Hilgers 1994, S.43; Athenstaedt et.al S.40) Außerdem spielen sie eine Rolle bei der Identitätsbildung (vgl. Thiele 2016) und werden zur Legitimation von Statusunterschieden zwischen Gruppen herangezogen (Athenstaedt et. al., S.14), was n soziale Ungleichheiten verfestigt (Thiele 2016). Stereotype sind also sowohl deskriptiv (wie sind Frauen und Männer) als auch präskriptiv (wie sollen Frauen und Männer sein) (vgl. Athenstaedt et. al. 2011.S.14).

Beruhen Stereotype auf der sozialen Kategorisierung in Mann und Frau und nach sexueller Orientierung, spricht man auch speziell von Geschlechterstereotypen, womit wiederrum eine Zuschreibung bestimmter, für Männer und Frauen als typisch erachteter Charakteristika einhergeht (vgl. Athenstaedt et. al., S.12; Thiele 2016). Einige stereotype Eigenschaften die länderübergreifend für Männer und Frauen in Untersuchungen herausgefunden wurden (Athenstaedt et. al., 2011, S. 16), sind z.B.:

Männer: abenteuerlustig, aggressiv, aktiv, dominant, egoistisch, ehrgeizig, emotionslos, entschlossen, erfinderisch, faul, hartherzig, laut, logisch denkend, mutig, rational, realistisch, selbstbewusst, selbstherrlich, stark, stur, tatkräftig, unabhängig, unordentlich, überheblich,

Frauen: abergläubisch, abhängig, affektiert, attraktiv, charmant, einfühlsam, emotional, furchtsam, gefühlvoll, geschwätzig, liebevoll, milde, neugierig, schwach, sanft, träumerisch, unterwürfig, weichherzig

Es sei darauf verwiesen, dass sich stereotype Zuschreibungen häufig auf mehrere Kategorien (z.B. Hausfrau, Karrierefrau, Rentnerin) beziehen und es zwischen ihnen zu Wechselwirkungen kommen kann, wonach in der Intersektionalitätsdebatte gefragt wird (vgl. Thiele 2016).

Die normativen Erwartungen, die mit Geschlechterstereotypen verbunden sind, stellen letztlich Einschränkungen für beide Geschlechter dar (vgl. Hilgers 1994, S.93; Bittner 2011, S.11), was die Schülerinnen und Schüler unter anderem daran hindern könnte, ihre individuellen Potentiale voll auszuschöpfen. Außerdem beeinflussen sie unsere Wahrnehmung anderer Menschen, was letztlich dazu führt, dass das gleiche Verhalten bei Männern und Frauen unterschiedlich bewertet wird (vgl. Bittner 2011, S. 11). Wenn nicht geschlechtstypische Rollen eingenommen werden, muss mit Sanktionen gerechnet werden (z.B. Ablehnung, sozialer Ausschluss), was Stereotype stabilisiert (vgl. Athenstaedt et. al. 2011, S. 49). Insbesondere bei Jungen werden Abweichungen von den als für das männliche Geschlecht als typisch angesehenen Charakteristika als besorgniserregend erachtet. Letztendlich werden aber beide Geschlechter in der Entfaltung ihrer individuellen Fähigkeiten und Neigungen eingeschränkt. (vgl. Hilgers, A., S.50). Durch stereotype Darstellungen von z.B. Berufsfeldern könnte die Gefahr bestehen, dass sich die Schülerinnen oder Schüler des jeweils anderen Geschlechts nicht mit diesen Berufen identifizieren können und diese Berufe tendenziell eher in ihrer Berufswahl gar nicht erst in Betracht ziehen, was für beide Geschlechter Einschränkungen schafft. Geschlecht wird damit auch zum „sozialen Platzanweiser“ (Hilgers, 1994, S. 22).

Auch Autoren von Medien greifen (zumindest unbewusst) auf Stereotype zurück. Mittels Texten, Bildern etc. werden schließlich gesellschaftliche Normen übermittelt, indem die Medienbilder mit bereits vorhandenen „Bildern in unseren Köpfen“ verknüpft werden (vgl. Thiele 2016). In der Schule werden Geschlechterstereotype vor allem über den „heimlichen Lehrplan“ vermittelt (vgl. Hilgers 1994, S.93), wozu die Darstellung der Geschlechter in Schulbüchern definitiv gehört. Auf stereotype Darstellungen wird deshalb in der Analyse besonders geachtet, weil Stereotype der Schülerinnen und Schüler dadurch verfestigt werden können (vgl. Hilgers 1994, S.129).

[...]

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668447998
ISBN (Buch)
9783668448001
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v365365
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Schlagworte
Geschlecht Stereotype Schulbuchanalyse

Autor

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Titel: Geschlechterkonstruktionen, -stereotype und -ungerechtigkeiten in Schulbüchern für das Fach Chemie an Gymnasien in Sachsen