Lade Inhalt...

Gender, Geschlecht und Klischees. Konstruktion von Weiblichkeit im Roman "Mandelkern" von Lea Singer

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 33 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Spielt das Geschlecht (k)eine Rolle? – Geschlechterdifferenzierung und Gleichheitsnorm

3 Schubladen, Schablonen, Schema F – Die Frau im 21. Jahrhundert

4 Faust und das Faustische

5 Konstruktion von Weiblichkeit im Roman Mandelkern
5.1 Einordnung
5.2 Genderkonstruktion
5.2.1 Grace Eder – Erfolgreich, ledig sucht
5.2.2 Friedrich Faltmeier – Gärtner aus Leidenschaft
5.2.3 Lucie Brinkmann – Verführerin und Kritikerin

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Inzwischen sind es freilich nicht mehr die spätmittelalterlichen Studierstuben, in denen nach der Weltformel geforscht wird, sondern üppig ausgestattete Labore. Und dass experimentelle Wissenschaft allein Männersache sein soll, gehört selbst längst ins Reich der Legende. [1] (Sabine Döhring)

Faust ist ein Mann. Das scheint selbstverständlich zu sein, vor allem wenn davon ausgegangen wird, dass Goethes Faustfigur auch heute noch die populärste ist. Als unersättlicher Abenteurer, Teufelsbeschwörer, Frauenverführer, Schwarzkünstler, Weltreisender oder enttäuschter Wissenschaftler sind die verschiedensten Faustfiguren über die Jahrhunderte hinweg immer wieder aufgetaucht, neu interpretiert worden und haben neue Gestalt angenommen. Faust wurde zur Symbolfigur der Neuzeit, zur „Verkörperung des modernen, aufgeklärten, sich von den Fesseln geistiger Vorherrschaft befreienden Menschen schlechthin“[2]. Vor allem Goethes Faust wird als ein dem Zeitgeist entsprechendes Werk angesehen, d. h. die Maßstäbe, Ordnungsprinzipien, Gesetze der damaligen Gesellschaft, die Konventionen, ästhetischen Standards und Motive der damaligen Literaturszene spiegeln sich im Faust, in seiner dramatisch dargestellten Welt wider, werden hier wie dort zum Stein des Anstoßes und zur Not der Menschen.[3]

Faust als Symbol, Faust als „der Mensch“[4] ist männlich. Doch wie sieht es mit einer weiblichen Faustfigur aus? Einer Faustina, einer Fausta oder einer Faustine? Auch wenn sich die Faust-Forschung mit weiblichen Faustgestalten nicht in dem Maße auseinandergesetzt hat wie mit anderen Aspekten des Faust-Mythos, so hat Sabine Doering in ihrem Buch Die Schwestern des Doktor Faust aufgezeigt, dass es über die Jahrhunderte viele weibliche Faustgestalten gab. Dabei hat sich herausgestellt, dass die einzelnen Transformationen von Fausts Geschlecht „aufs engste mit der jeweils vorherrschenden Vorstellung über die Ordnung der Geschlechter verknüpft [sind] und [...] oft verblüffend deutlich die Tabus der modernen bürgerlichen Gesellschaft“[5] reflektieren.

Doch wie sieht es heute aus? Sind Fausts Probleme im 20. und 21. Jahrhundert noch aktuell? Gibt es noch eine Ordnung der Geschlechter, die mit Tabus für das jeweilige Geschlecht verbunden sind? Lea Singer geht diesen und anderen Fragen in ihrem Roman Mandelkern auf den Grund. Mit Grace Eder vollzieht sie eine Transformation der Faustfigur. Eine männlich konnotierte literarische Figur wird in die heutige Zeit versetzt und mit Problemen wie Wissenschaftsethik, Familien- sowie Geschlechterpolitik konfrontiert. Doch wie sieht diese weibliche Faustgestalt aus und wie reiht sie sich in den Faust-Mythos ein? Als Neurowissenschaftlerin begibt sich Grace Eder in eine männlich dominierte Umgebung und muss sich durchzusetzen wissen. Was unterscheidet sie von ihren männlichen Kollegen? Was für ein Gesellschaftskonstrukt entwirft Singer und welche Rolle spielen die Kategorien Mann/Frau dabei? Um diesen und anderen Fragen auf die Spur zu kommen, wird im Theorieteil erörtert, was die Kategorien Mann/Frau bedeuten und wie sie zustande kommen. Welche Rolle spielt dabei der Begriff gender und wie sieht das heutige Bild der Frau aus? Ein kurzer Exkurs zeigt auf, was Goethes Faust und seine Begleiter*innen Mephisto und Margarete ausmacht, wie sich weibliche Faustgestalten in den Faust-Mythos eingliedern, damit ersichtlich wird, wie sich der Roman Mandelkern in den Mythos einreiht. Anschließend wird anhand der Figuren Grace Eder, Lucie Brinkmann und Friedrich Faltmeier aufgezeigt, wie gender in Mandelkern konstruiert wird, was für ein Gesellschaftsbild dadurch entsteht und welche Probleme damit einhergehen. Im Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst und gedeutet.

Diese Arbeit ist in geschlechtergerechter Sprache geschrieben, um dies umzusetzen, wird das Gender-Sternchen angewandt. Bei der Benutzung des Gender-Sternchens wird zwischen der männlichen und weiblichen Schreibweise ein Sternchen hinzugefügt, um existierende Geschlechter, die bisher unsichtbar waren, miteinzubeziehen.

2 Spielt das Geschlecht (k)eine Rolle? – Geschlechterdifferenzierung und Gleichheitsnorm

Gender -Zeichen sind so allgegenwärtig, dass sie einem meist erst auffallen, wenn sie durchbrochen werden beziehungsweise fehlen oder zweideutig sind. Gender beginnt laut der Forschung schon bei der Geburt, wenn dem Kind eine bestimmte sex -Kategorie zugeordnet wird. Aber was genau bedeutet gender ?

Eingeführt wurde dieser Begriff aus dem Englischen und bezeichnet eine nicht angeborene, sondern sozio-kulturell erworbene Geschlechtsidentität. Demnach ist Geschlecht nicht etwa biologisch gegeben, sondern gesellschaftlich konstruiert. Laut Geschlechterforschung ist es ein gesellschaftliches Zeichen und eine grundlegende gesellschaftliche Strukturkategorie. Aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen wird Geschlecht so zu einer Variablen, die sich im Laufe der Zeit verändern kann.

Unsere heutige westliche Kultur ist geprägt von der Vorstellung, dass Frauen und Männer grundsätzlich verschieden sind.[6] Nicht nur bezüglich biologischer Körpermerkmale, sondern in viel umfassenderer Weise. Diese Annahme „bestimmt und strukturiert nicht nur unser gesamtes Sozialwesen, sondern auch den Prozeß der individuellen, psychosozialen und psychosexuellen Entwicklung.“[7] Frauen und Männern werden unterschiedliche Eigenschaften, Fähigkeiten und Bedürfnisse zugeschrieben. Auch die Auswirkungen dieser Annahme werden durch die unterschiedlichen reproduktiven Funktionen der Geschlechter, also von ihrer Sexualität, legitimiert. Demgegenüber steht die Theorie des gender, also von der Konstruktion von Geschlecht. Geschlecht wird demnach nämlich nicht als unhinterfragbare natürliche Gegebenheit angesehen, sondern als ein Ergebnis.[8]

Wichtig ist, dass die Geschlechterforschung die biologischen Fakten nicht leugnet, aber betont, dass sie keine Bedeutung haben. Sie werden erst von einer Gesellschaft durch klassifikatorische Praktiken bedeutsam gemacht. Dabei wird als problematisch dargestellt, dass das Geschlecht häufig als biologisch angesehen und dadurch eine Legitimierung der Geschlechterunterschiede vollzogen wird. West/Zimmermann haben deswegen eine dreigliedrige Neufassung zum Verständnis von Geschlecht aufgezeigt:

- ‚sex’: die Geburtsklassifikation des körperlichen Geschlechts aufgrund sozial vereinbarter biologischer Kriterien [Geburtsklassifikation];
- ‚sex-category’: die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht im Alltag aufgrund der sozial geforderten Darstellung einer erkennbaren Zugehörigkeit zur einen oder anderen Kategorie. Dieser muss der Geburtsklassifikation nicht entsprechen [soziale Zuordnung];
- ‚gender’: die intersubjektive Validierung in Interaktionsprozessen durch ein situationsadäquates Verhalten und Handeln im Lichte normativer Vorgaben die unter Berücksichtigung der Tätigkeiten, welche der in Anspruch genommenen Geschlechterkategorie angemessen sind [soziales Geschlecht].[9]

Nach Judith Butler können aber selbst gender und sex nicht heuristisch voneinander getrennt werden, „da sich die Biologie des Körpers der authentischen Wahrnehmungsmöglichkeit entziehe und immer nur als sozio-kulturelle Geschlechterzuschreibung erfaßt werden könne“[10]. Auch die historische Anthropologie geht mittlerweile davon aus, daß [...] sex keine ahistorische Größe ist bzw. daß [...] nature und sex Konzepte mit Geschichte sind, weil das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als naturhaft gilt, immer bereits im Kulturraum einer bestimmten Gesellschaft definiert ist.[11]

Demnach sind Weiblichkeit und Männlichkeit historisch-zeitgebundene Konstrukte, in denen sich die kulturelle Festlegung von Geschlechterrollen widerspiegelt. So wird ein Neugeborenes zumeist geschlechter gerecht gekleidet und eindeutig benannt. Ist somit erst einmal ersichtlich, zu welcher Kategorie ein Kind zugeschrieben wird, wird es von anderen Kindern und Erwachsenen dementsprechend behandelt. Über Interaktionen mit gleich- oder gegengeschlechtlichen Eltern entwickeln sich vergeschlechtlichte Persönlichkeitsstrukturen sowie sexuelle Orientierung. Auch Faktoren wie Schule, Peers und Massenmedien sollen einen großen Einfluss auf den Weg in die vergeschlechtlichten Rollenbilder haben. Laut Geschlechterforschung ist eine Person das gesamte Leben diesen Faktoren ausgesetzt, wodurch unterschiedliche Lebenserfahrungen und daraus unterschiedliche Beziehungen und Fähigkeiten entstehen. Diese von der Gesellschaft konstruierte Differenz führt zu der sozialen Konstruktion gender, die sowohl zugeschrieben, als auch erworben ist, da als Erwachsener die Rollen angenommen und weitergelebt werden. Dieser Prozess der Vergeschlechtlichung wird durch unterschiedliche Instanzen wie Religion, Wissenschaft, Recht oder das Wertesystem der Gesellschaft legitimiert.[12]

In der westlichen Welt gibt es nur die zwei anerkannten gender- Kategorien Mann/Frau, denen man entsprechen muss und denen bestimmte Rollenbilder zugewiesen werden. Irritierend ist es zumeist, wenn Menschen nicht eindeutig diesen Kategorien zugeordnet werden können. Bestimmt werden sie durch Aussehen, Kleidung oder Verhalten. Jedes Individuum ist an dieser Konstruktion – am doing-gender – beteiligt. Es wird verbreitet durch Lernen und Lehren sowie Nachahmung und Zwang. In anderen Gesellschaften gibt es jedoch auch andere gender -Kategorien wie Two-Spirit (Nordamerika), Hijras (Südasien) oder Chanith (Oman). So wurde dem Two-Spirit beispielsweise kein Geschlecht zugewiesen, konnte daher auch nicht als Mann/Frau und so auch nicht als homosexuell oder heterosexuell beschrieben werden. Auch wurden sie nicht im negativen Sinn als unnormal deklariert, sondern Two-Spirit wurde als drittes Geschlecht bezeichnet.[13] In der westlichen Gesellschaft ist es hingegen so, dass es kein drittes Geschlecht gibt. Stattdessen werden zu den Geschlechterkategorien des heterosexuellen Mannes und der Frau Unterkategorien wie lesbisch, schwul oder transgender hinzugefügt.[14] Dennoch werden diese in der breiten Gesellschaft häufig nicht anerkannt sowie in weiten Teilen auch nicht der heterosexuellen Beziehung rechtlich gleichgestellt. Stattdessen passen sich Intersexuelle oder Transsexuelle den Kategorien Mann/Frau an, führen eine operative Geschlechtsumwandlung durch und passen ihr Aussehen und ihr Verhalten den Rollenerwartungen an. Das „Ziel“ von Transsexuellen und Transvestiten ist es, feminine Frauen oder maskuline Männer zu sein, gender wird dabei nicht infrage gestellt.[15]

Obwohl aus den möglichen Kombinationen von Genitalien, Körperformen, Kleidung, Verhaltensweisen, Sexualität und Rollen bei den Menschen unendlich viele Varianten entstehen könnten, hängt die soziale Institition gender davon ab, daß gender als Status nur in einer begrenzten Zahl von Ausprägungen produziert und aufrechterhalten wird und daß die Angehörigen jedes Status aneinander angeglichen werden.[16]

Judith Lorber arbeitete heraus, dass es nichts wesenhaft Weibliches oder Männliches beim Menschen gibt, „aber sobald ein gender zugewiesen ist, werden die Individuen von der sozialen Ordnung nach stark vergeschlechtlichten Normen und Erwartungen konstruiert und auf sie festgelegt“[17].

In der heutigen Zeit ist gender ein Prozess zur Schaffung von unterschiedlichen Ausprägungen des sozialen Status, wobei den unterschiedlichen gender verschiedene Rechten und Pflichten zugewiesen werden. In einer gender geschichteten Gesellschaft wie der westlichen Welt wird häufig das, was Männer machen, höher bewertet, egal um welche Tätigkeit es sich dabei handelt.

Da gender auch mit jedem anderen konstruierten und zu unterschiedlichen Bewertungen führenden Status – nach Rasse, Religion, Beschäftigung, Klasse, Herkunftsland und so weiter – verflochten ist, verfügen männliche und weibliche Angehörige von privilegierten Gruppen über mehr Macht, Prestige und Eigentum als Angehörige von benachteiligten Gruppen. Innerhalb vieler sozialer Gruppen jedoch sind die Männer gegenüber den Frauen im Vorteil.[18]

3 Schubladen, Schablonen, Schema F – Die Frau im 21. Jahrhundert

Die heutige Frau hat auf den ersten Blick die Möglichkeit ihr Leben so zu gestalten wie sie es möchte. Es zeigt sich jedoch, dass auch heute noch Strukturen bestehen, die Frauen in eine bestimmte Rolle drängen – ob die Frauen es merken oder nicht. „Haben die Großmütter nicht erkannt, dass sie unterdrückt wurden, erkennen manche Enkelinnen nicht, dass sie manipuliert werden, dass sie sich eh und je den Interessen einer Männergesellschaft unterordnen.“[19] Sie sollen anschmiegsam, zärtlich und charmant bleiben, anstatt ihren eigenen Weg zu gehen. So beschränken sich 70 % der Frauen auf etwa 12 von 400 mögliche Berufe, wie beispielsweise Arzthelferin, Sekretärin, Verkäuferin, kaufmännische Angestellte, Grundschullehrerin oder Friseurin.[20] In gut bezahlten Positionen sind sie auch heute noch seltener zu sehen als Männer.

Die Lebensform weiblicher und männlicher Manager unterscheidet sich signifikant: Typische Topmanager sind verheiratet, kinderreicher als die Gesamtbevölkerung, sehen sich als Alleinverdiener, leben in traditionellen Familienrollen. Für die erfolgreiche Frau wurde noch keine adäquate, gesellschaftlich akzeptierte Lebensform gefunden.[21]

Daher ist es nicht verwunderlich, dass bei schlechteren Jobs, niedrigeren Löhnen, als Erste entlassen, als Letzte befördert, keine Kinderbetreuung, ein Großteil der Frauen einen bequemeren Weg einschlägt und den typischen Jobs nachgeht oder Hausfrau wird.

Das heutige Frauenbild, das unter anderem zu solchen Strukturen führt, wird zu einem sehr großen Teil von den Medien geprägt. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Struktur, die hinter den Sendern, Zeitschriften oder Kinos steht – nämlich eine männliche. So ist es nicht erstaunlich, dass Frauen häufig noch als Hausfrauen, Mütter und liebende Ehefrauen gezeigt werden. Sind sie doch mal Anwältin, Kommissarin oder Wissenschaftlerin, wird häufig gezeigt, dass eine Karriere nicht mit Familie und Mann vereinbar ist. Zudem müssen sie immer schön sein – ob Moderatorin, Schauspielerin oder Model, sie entsprechen immer einem Schönheitsideal, selbst reputierte Journalistinnen wie Anne Will, Maybrit Illner, Sandra Maischberger oder Sabine Christiansen. Sie sind attraktiv und jung, ältere Frauen sind nicht erwünscht. Zwar sind auch die heutigen Moderatoren nicht mehr gänzlich von einem gutaussehenden Erscheinungsbild zu lösen, doch sobald Expert*innen aus den unterschiedlichsten Bereichen gefragt sind – auch bei frauenspezifischen Themen – sind wieder Männer an der Reihe, ob attraktiv oder nicht, jung oder alt.[22]

Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass die heute 20-30 jährigen Männer in einer Epoche der Transformation der Geschlechterordnung aufgewachsen sind. Berufstätige Mütter sind für sie keine Seltenheit mehr, gleichaltrige Mädchen haben dieselbe Schulausbildung genossen wie sie und haben dieselben Bildungserfolge. Heutzutage gibt es nicht mehr die Neue Frau, sondern eher den Neuen Mann, der sich durch Einstellungen auszeichnet, „die eine Abkehr vom die tradierte Geschlechterordnung prägenden Orientierungsmuster der ‚hegemonialen Männlichkeit’ erkennen lassen“.[23]

Auf der strukturellen und kulturellen Ebene zeigt sich also eine Angleichung in den Lebenschancen junger Frauen und Männer? Die Leitbilder junger Frauen heutzutage weisen jedoch noch widersprüchliche Signale auf. So bestehen auch bei ihnen noch traditionelle Bilder, wie von der Hausfrau und Mutter, aber gleichzeitig auch Bilder der berufstätigen und gleichberechtigten Frau. Frauen übernehmen auch in der modernisierten Versorgerehe nur die Rolle der Zuverdienerin. Dies lässt sich auf unterschiedliche Gründe zurückführen. Gestützt wird dieses Modell beispielsweise durch die Familienmitversicherung der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung. Weiterhin sind die infrastrukturellen Rahmenbedingungen nicht von Vorteil. Kinderbetreuung und Erziehung wird immer noch als Aufgabe der Familie beziehungsweise Frau angesehen und die Unterstützung durch den Staat ist noch zu gering, wodurch Ganztagsbetreuungsmöglichkeiten nicht ausreichend gegeben sind. So besteht für die Frau keine realistische Wahlfreiheit zwischen kontinuierlicher Beschäftigung, Unterbrechung oder Voll- und Teilzeitarbeit.

Die Erwerbsquote der Männer lag 2010 in Deutschland bei 82,1 %, bei Frauen bei 70,7 %.[24] Da die Zahl der erwerbstätigen Frauen in den letzten Jahren stieg, werden sie als die Gewinnerinnen auf dem Arbeitsmarkt gesehen. Doch arbeiten sie häufig unter schlechteren Bedingungen als Männer. So sind sie unter anderem in ungeschützten Erwerbsarbeitsverhältnissen tätig, beispielsweise bezüglich der Vertragsdauer, Arbeitszeit, Sicherheit des Arbeitsplatzes oder Sonderleistungen. Dies ist vor allem in den sogenannten typischen Frauenberufen wie Reinigungskraft, Arbeitsplätze im Einzelhandel oder bei der Post der Fall.[25]

Die Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt vollzog sich in den letzten Jahrzehnten vor allem über die Ausweitung der Teilzeitverhältnisse.[26] Der Zugang zu tariflich abgesicherten Arbeitsverhältnissen verschlechtert sich für Frauen ständig. Obwohl die schulische und berufliche Ausbildung von Frauen dem der Männer entspricht und zum Teil sogar besser ist, verschwindet dieser Qualifizierungsvorsprung der Frauen im Beschäftigungssystem.

Die geschlechtshierarchische Segregation ordnet Männer eher die anspruchsvollen, markt- und entscheidungsbezogenen Tätigkeitsbereiche sowie Führungs- und Leitungspositionen zu, während Frauen auf zuarbeitende Positionen festgelegt werden, die am unteren Teil der Hierarchie angesiedelt sind.[27]

Europaweit verdienen Frauen 20 % weniger als Männer.

Eine Studie über weibliche Führungskräfte kommt zu dem Ergebnis, dass Frauen selbst dann weniger verdienen, ‚wenn sie auf gleicher Hierarchieebene, in derselben Branche, mit derselben Funktion’ arbeiten und‚ wenn sie genau so alt sind und die gleichen Abschlüsse aufweisen’.[28]

44 % der deutschen Berufstätigen sind weiblich, dennoch sind sie in Führungspositionen unterrepräsentiert. Ein Vergleich zeigt, dass 10 % aller beschäftigten Männern in Führungspositionen sitzen, bei Frauen handelt es sich jedoch lediglich um 4 %. Der Anteil von Frauen aller Führungskräfte in Deutschland betrug 2010 27,7 %.[29] Gleichzeitig zeigt sich auch hierbei wieder eine Aufteilung, die man klassischen Rollenbildern zuweisen kann. So sind Frauen in vielen Führungsetagen des Gesundheits- und Sozialwesens und der privaten Dienstleistungsbranche und weniger in Bereichen wie Banken oder Versicherungen anzutreffen.[30]

Auch im Wissenschafts- und Forschungsbereich sieht dies nicht anders aus. „[T]rotz einer deutlich erhöhten Teilhabe von Frauen im gesamten wissenschaftlichen Qualifikationsverlauf“[31] ist noch keine Gleichstellung von Mann und Frau erreicht.

So zeigen retrospektive Verlaufsanalyse von Karriereverläufen über alle Studienfächer, dass der Pool an potentiellen Wissenschaftlerinnen nicht genutzt wird: 2005 waren lediglich 14,3 Prozent der Professuren weiblich besetzt und das, obwohl rund 15 Jahre vorher – Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre – bereits 38,5 Prozent der Studienabsolventen Frauen waren.[32]

[...]


[1] Doering, Sabine: Da steh ich nun ich armes Gör. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/ belletristik/da-steh-ich-nun-ich-armes-goer-1549985.html. 2008. 30.05.2013.

[2] Doering, Sabine: Die Schwestern des Doktor Faust. Göttingen: Wallstein. 2004. S. 9.

[3] Kurzenberger, Hajo: Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der ‚unfaustische’ Faust – ein Figurenbild im Wandel des Theaters und der Literaturwissenschaft In: Literarische Figuren: Spiegelungen des Lebens. Oppermann, Gerard; Wintgens, Hans-Herbert (Hrsg.). Hildesheim: Universitätsverlag. 2007. S. 129.

[4] Leutbecher, Johann: Über den Faust von Göthe. Eine Schrift zum Verständnis dieser Dichtung nach ihren beiden Theilen für alle Freunde und Verehrer des großen Dichters. Nürnberg. 1839. S. 93 zitiert nach Doering: Die Schwestern des Doktor Faust. 2004. S. 7.

[5] Doering: Die Schwestern des Doktor Faust. 2004. S. 23.

[6] Vgl. Mühlen Achs, Gitta: Geschlecht bewußt gemacht. Körpersprachliche Inszenierungen – Ein Bilder- und Arbeitsbuch. München. Frauenoffensive. 1998.

[7] Ebd. S. 23.

[8] Vgl. Ebd.

[9] Gildemeister, Regine: Doing Gender: Soziale Praktiken der Geschlechterunterscheidung In: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Becker, Ruth; Kortendiek, Beate (Hrsg.). Geschlecht & Gesellschaft Band 35. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. 2008. S. 138.

[10] Metzler Lexikon. Gender Studies. Geschlechterforschung. Kroll, Renate (Hrsg.) Stuttgard: J. B. Metzler. 2002. S. 141.

[11] Ebd. S. 357.

[12] Vgl. Lorber, Judith: Gender-Paradoxien. Opladen: Leske + Budrich. 1999.

[13] Vgl. Ebd.

[14] Vgl. Ebd.

[15] Vgl. Ebd.

[16] Ebd. S. 66.

[17] Ebd. S. 70.

[18] Ebd. S. 80.

[19] Schoenen, Judith: Das Image der Frau. Wege zu einem neuen Selbstbild. Opladen: Budrich. 2008. S. 16.

[20] Vgl. Ebd.

[21] Ebd. S. 18.

[22] Vgl. Ebd.

[23] Meuser, Michael: Junge Männer: Aneignung und Reproduktion von Männlichkeit In: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Becker, Ruth; Kortendiek, Beate (Hrsg.). Geschlecht & Gesellschaft Band 35. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. 2008. S. 420.

[24] Bundesagentur für Arbeit: Der Arbeitsmarkt in Deutschland. Frauen und Männer am Arbeitsmarkt im Jahr 2011. http://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Berichte-Broschueren/Arbeitsmarkt/Generische-Publikationen/Frauen-Maenner-Arbeitsmarkt-2012-07.pdf. 30.05.2013.

[25] Vgl. Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Becker, Ruth; Kortendiek, Beate (Hrsg.). Geschlecht & Gesellschaft Band 35. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. 2008.

[26] Vgl. http://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Berichte-Broschueren/Arbeitsmarkt/Generische-Publikationen/Frauen-Maenner-Arbeitsmarkt-2012-07.pdf S. 9.

[27] Notz, Gisela: Arbeit: Hausarbeit, Ehrenamt, Erwerbsarbeit In: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Becker, Ruth; Kortendiek, Beate (Hrsg.). Geschlecht & Gesellschaft Band 35. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. 2008. S. 476.

[28] Ebd. S. 477.

[29] Statista. Anteil von Frauen an Führungskräften in Deutschland 1996 und 2010:

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/190521/umfrage/frauenanteil-fuehrungskraefte-in-deutschland/. Quelle: Statistisches Bundesamt. 30.05.2013.

[30] Vgl. Hofmeister, Heather; Hünefeld, Lena: Frauen in Führungspositionen. http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauen-in-deutschland/49400/fuehrungspositionen. 30.05.2013.

[31] Dressel, Kathrin; Wanger, Susanne: Erwerbsarbeit: Zu Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt In: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Becker, Ruth; Kortendiek, Beate (Hrsg.). Geschlecht & Gesellschaft Band 35. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. 2008. S. 484.

[32] Ebd. S. 485.

Details

Seiten
33
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668447790
ISBN (Buch)
9783668447806
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v365397
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,3
Schlagworte
gender geschlecht klischees konstruktion weiblichkeit roman mandelkern singer

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Gender, Geschlecht und Klischees. Konstruktion von Weiblichkeit im Roman "Mandelkern" von Lea Singer