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Die Allmendeproblematik. Über kollektive Handlungen, die Probleme und die Lösungen

Seminararbeit 2002 26 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
1.1 Relevanz des Themas
1.2 Plan für den Rest der Arbeit
1.3 These

2. Kapitel I: Die Situation
2.1 Definition von öffentlichen Gütern
2.2 Warum sich öffentliche Güter nicht für die Untersuchung eignen
2.3 Definition der Allmende
2.4 Exklusive und inklusive Gruppen
2.5 Gruppengröße I

3. Kapitel II: Die Probleme
3.1 Hardins Hirtenbeispiel
3.2 Dasguptas Kritik an Hardin
3.3 Das Gefangenendilemma
3.4 Alternativen zum Gefangenendilemma
3.5 Gruppengröße II
3.6 Das Trittbrettfahren
3.7 Der alleinige Allmendennutzer

4. Kapitel III: Die Lösungen
4.1 Hardins Lösungsvorschlag. Wechselseitiger Zwang
4.2 Selektive Anreize
4.3 Die Firma, der Staat
4.4 Private Eigentumsrechte
4.5 Die selbstfinanzierte kontraktgestützte Lösung

5. Kapitel IV: Der Schluss
5.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
5.2 These

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Relevanz des Themas:

Es gibt viele Probleme in unserer Welt, die scheinbar nicht rational erklärbar sind. Warum werden die Wale bis zu ihrer Ausrottung gejagt, wo sich die Walfänger doch so ihrer eigenen Erwerbsquelle berauben? Warum versucht die Industrie nicht die Verschmutzung der Umwelt zu vermindern, wo doch niemand den Planeten zerstören will? Warum kann es im nahen Osten keinen Frieden geben, wo doch jeder rationale Mensch Frieden dem Krieg vorzieht? Man kann diese verschiedenen Situationen auf eine allgemeinere Frage zurückführen: Wie kann es sein, dass eine Gruppe nicht die Ziele, die die Gruppenmitglieder für die Gruppe haben, verwirklicht? Das ist die Allmendenproblematik. Oder: Wie funktionieren kollektive Handlungen?

1.2 Plan für den Rest der Arbeit:

Um diese Frage beantworten zu können, muss man zuerst einmal wissen, von was für Gruppen man spricht. Denn wenn eine Gruppe aus sehr verschiedenen Individuen besteht oder sehr groß bzw. sehr klein ist, hat das Einfluss auf die Fähigkeit der Gruppe, das Gruppeninteresse zu verwirklichen. Was für verschiedene spezifische und signifikante Unterschiede es bei Gruppen gibt, werde ich im ersten Kapitel klären. Hier will ich auch versuchen, einen zweiten Begriff näher zu definieren. Es ist nämlich so, dass, wenn ein Gut von einer Gruppe genutzt wird, dasselbe Problem auftritt. Eben das Nichtrealisieren des Gruppeninteresses. Bei der Nutzung eines Gutes durch mehrere Individuen ist die Fähigkeit der Gruppe, das Gruppeninteresse zu realisieren auch von der Art des Gutes abhängig. Welche Unterscheidungen hier zu treffen sind und was Begriffe wie Allmende, öffentliches Gut., kollektive Ressource etc. eigentlich bedeuten, werde ich in diesem Kapitel klären.

Im zweiten Kapitel werde ich dann auf die Probleme eingehen, die sich bei der Nutzung von Gütern durch Gruppen ergeben. Ich werde dazu verschiedene spieltheoretische Modelle benutzen. Auch werde ich zeigen, dass es gegensätzliche Meinungen bezüglich der Strukturen solcher Güternutzung gibt. Und zwar gegensätzliche Meinungen, die wichtig sind für die Lösungsvorschläge. Für die Vorschläge, um die Probleme, die in Gruppen bei der Nutzung von Gemeinschaftsgütern auftreten, zu lösen.

Diese Lösungsvorschläge werde ich in Kapitel drei besprechen. Dabei werde ich auf die Alternativen der Verstaatlichung, der Privatisierung und der Selbstverwaltung eingehen und die Argumente für bzw. gegen sie abwägen.

Im vierten und letzten Kapitel werde ich eine Zusammenfassung der Ergebnisse geben. Außerdem werde ich meine eigene Meinung zu vorgetragen Positionen und Argumenten abgeben und begründen.

1.3 These:

So werde ich zeigen, dass die beste Lösung für die Allmendenproblematik in großen Gruppen auf zweistufige Konzeption bauen muss, die zwischen Handlungsbedingungen und Handlungen unterscheidet, und die Schuld von den Handlungen und das Handlungssystem überträgt. Dann muss das Handlungssystem durch eine äußere zentrale Instanz geändert werden. In dieser Konzeption werden dann die nicht realisierten Kooperationsgewinne genutzt, um Konsens bezüglich des neuen verbesserten Handlungssystems zu erreichen. Dieser Konsens legitimiert nicht nur Institutionen als Instrument für die Bewältigung der Probleme, sondern ist auch Implementationsbedingung für das regelkonforme Verhalten der Betroffenen. Darüber hinaus werde ich zeigen, dass eine solche wirtschaftstheoretische Konzeption nur verwirklicht werden kann, wenn sie auch informell verbreitet wird.

2. Kapitel I: Die Situation

2.1 Definition von öffentlichen Gütern:

Wenden wir uns zuerst der Frage zu, von was für Gütern wir sprechen. Öffentliche Güter, wie Michael Taylor sie nennt, erfüllen zwei Eigenschaften: „some degree of indivisibility and non-excludable“[1]. Dieselbe Definition von öffentlichen Gütern gibt Russell Hardin: „Public Goods are defined by two properties: jointness of supply and impossibility of exclusion”[2]. Die erste Eigenschaft bedeutet, dass der Konsum einer Person nicht den der anderen Personen, die ebenfalls das Gut nutzen, reduziert. Im Gegensatz dazu gibt es Güter, die absolut teilbar sind, also zwischen mehreren Individuen aufgeteilt werden können. Wenn aus ihnen eine Einheit entnommen wurde, steht diese Einheit anderen Nutzern nicht mehr zur Verfügung und der Betrag an Einheiten, der den anderen Nutzern zur Verfügung steht, reduziert sich. Ein solches Gut ist eine privates Gut. Also muss ein öffentliches Gut wenigstens einen Grad an Unteilbarkeit aufweisen.[3] Russell Hardin nennt ein solches Gut Ideen. Andere immaterielle Güter, wie die Informationen in einer Zeitung oder die öffentliche Sicherheit fallen ebenfalls in diese Kategorie. Wie Russell Hardin allerdings auch feststellt, ist es schwierig, physische Güter zu finden, die diese Eigenschaft erfüllen. Zwar könnte man die Luft in Amerika in der Vor-Columbuszeit als ein solches Gut ansehen. Doch auch die Luft nutzen wir, indem wir sie verschmutzen. So wird auch die Luft zu einem teilbaren Gut.

Die zweite Eigenschaft bedeutet, dass es unmöglich ist, bestimmte Mitglieder der Gruppe, die das Gut nutzt, vom Konsum des Gutes auszuschließen. Oder dass es zumindest so teuer ist, dass es unerschwinglich ist, sie auszuschließen.

Dabei ist es so, dass Unteilbarkeit nicht gleichzeitig auch die Möglichkeit zum Ausschließen impliziert. Ein Beispiel ist eine Kinovorführung. Bei einer Kinovorführung verringert der Konsum eines Zuschauers nicht den Konsum der anderen Zuschauer. Sie ist also ein unteilbares Gut. Gleichzeitig ist es zwar so, dass meistens alle Menschen, die keine Kinokarte bezahlt haben, von der Aufführung ausgeschlossen sind, doch es besteht auch die Möglichkeit niemanden von der Vorführung auszuschließen. Taylor nennt als Beispiele Strassen, Brücken oder Parks. Teilbarkeit auf der anderen Seite impliziert auch nicht die Unmöglichkeit des Ausschließens. Taylor nennt hier das Beispiel von einem Blumengarten, dessen Nektar von Bienen konsumiert wird. Hier verringert zwar der Konsum einer Biene den Betrag, den die anderen Bienen konsumieren können, doch es ist nicht möglich eine bestimmte Biene von der Nutzung des Gartens auszuschließen.[4]

2.2 Warum sich öffentliche Güter nicht für die Untersuchung eignen:

Taylor und Russell Hardin untersuchen beide die Probleme, die bei kollektiven Handlungen auftreten., im besonderen bei der Nutzung von physischen Gütern durch Gruppen. Wo wir jetzt wissen, was ein öffentliches Gut ist, stellt sich die Frage, ob diese Güter überhaupt geeignet sind für die angestrebte Untersuchung. Aus mehreren Gründen sind sie es nicht. Taylor geht es (genau wie mir selbst) bei der Analyse von kollektiven Handlungen im besonderen um die Möglichkeit des Trittbrettfahrens. Trittbrettfahren bedeutet, dass ein Individuum von einem Gut profitieren kann, ohne für dessen Bereitstellung zu sorgen. Das Problem des Trittbrettfahrens kommt bei Gütern vor, von denen kein Konsument ausgeschlossen werden kann und die gleichzeitig teilbar sind. Bei Gütern also, die nicht öffentliche Güter sind. Ein zweiter Grund, nicht von öffentlichen Gütern zu sprechen ist für Russell Hardin, dass die Frage, ob Gruppen erfolgreich ein Gut nutzen können, nicht am Konsum der Nutzer, sondern an der Bereitstellung des Gutes durch die Nutzer zu entscheiden ist. Außerdem sind seiner Ansicht nach physische öffentliche Güter schwer zu finden. Und : „Very few of the goals or goods that groups seek can accurately be described as public goods”[5], sagt Russell Hardin. Aus diesem Grund will er lieber von kollektiven oder Gruppengütern sprechen.

2.3 Definition der Allmende:

Doch wovon wollen wir sprechen? Wenden wir uns einer anderen Definition von Gütern zu, die von Gruppen genutzt werden. Dies ist die Definition von Elinor Ostrom. Ostrom spricht von CPR’s. Von common-pool resources. „The term „common-pool resource” refers to a (…) resource system that is sufficiently large as to make it costly to exclude potential beneficiaries from obtaining benefits from its use”[6]. CPR’s sind also genau wie öffentliche Güter von der Eigenschaft geprägt, dass bestimmte Nutzer nur unter hohen Kosten von dem Gut ausgeschlossen werde können. Bei CPR’s allerdings besteht immerhin die Möglichkeit dazu. So gibt es auch bei CPR’s die Möglichkeit zum Trittbrettfahren. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied von CPR’s zu öffentlichen Gütern. In CPR’s nämlich, „the resource units (…) are not subject to joint use or appropriation”[7]. CPR’s sind also teilbare Güter und nicht unteilbar wie öffentliche Güter. Aus diesem Grund gilt auch die folgende Feststellung, die wichtig ist in Hinblick auf die angestrebte Untersuchung von kollektiven Handlungen: „„Crowding effects“ and „overuse“ problems are chronic in CPR situations, but absent in regard to pure public goods“[8]. Die CPR’s von Ostrom vereinen Eigenschaften von öffentlichen Gütern wie von privaten Gütern.

Ich will jetzt also festlegen, von was für einer Art Gut ich in der folgenden Untersuchung reden will. Für meine Zwecke, genau wie für die von Taylor, Russell Hardin und Ostrom muss das Gut einige bestimmte Eigenschaften aufweisen, damit an ihm die Probleme von kollektiven aufgezeigt werden können. Diese Eigenschaften sind:

i. Die Unmöglichkeit des Ausschlusses von Nutzern, oder sehr hohe Kosten für den Ausschluss.
ii. Ein Mindestgrad an Teilbarkeit des Gutes.
iii. Die Begrenztheit des Gutes.[9]

Diese Definition geht einher mit der von Ostroms CPR’s. Ich will für dieses Gut den Begriff ’Allmende‘ benutzen, weil er die Übersetzung des englische Wortes ’common‘ ist und Ostrom in ihrem Buch mit Hilfe der CPR’s versucht, eine Möglichkeit zum ’governing the commons‘ zu finden.

2.4 Exklusive und inklusive Gruppen:

Wenden wir uns nun der Frage zu, welchen Einfluss die Art der Gruppe auf kollektive Handlungen hat, was besonders von Mancur Olson untersucht wurde. Er unterscheidet Gruppen nach zwei Kriterien. Nach ihrer Größe und danach, ob sie exklusive Gruppen oder inklusive Gruppen sind. Dies zweite Kriterium hängt ebenfalls mit der Gruppengröße zusammen. Es geht nämlich darum, ob es im Interesse der Gruppe liegt, viele Mitglieder oder wenige Mitglieder zu haben. Also ob es im Interesse der Gruppe liegt, groß oder klein zu sein. Olson unterscheidet Gewerbezweige oder Marktgruppen, also marktorientierte Gruppen und nicht-marktorientierte Gruppen. Dabei nennt er marktorientierte Gruppen exklusiv und nicht-marktorientierte Gruppen inklusiv. Es ist nämlich so, dass ein Unternehmen, das in einem bestimmten Gewerbezweig tätig ist, bestrebt ist, die Zahl der anderen Unternehmen in diesem Gewerbezweig möglichst klein zu halten oder sogar zu vermindern. Das liegt daran, dass „das Kollektivgut – der höhere Preis – der Art ist, dass immer, wenn eine Unternehmung zu diesem Preis mehr verkauft, andere Unternehmungen notwendiger Weise weniger verkaufen müssen“[10]. In einer marktorientierten Gruppe beeinträchtigt die Nutzung des Gutes also den Betrag, der anderen Nutzern zur Verfügung steht. Es gibt Gewinner und Verlierer. „Die Firmen in einem Markt sind also Konkurrenten oder Rivalen“[11]. Das Kollektivgut, das in einer solchen Marktsituation genutzt wird, nennt Olson „wegen der (...) begrenzten Höhe des Gewinnes (...) „exklusives Kollektivgut““[12]. In einer nicht-marktorientierten Gruppe hingegen bedeutet „eine Vergrößerung der Gruppe (...) für niemanden Konkurrenz, kann aber zu geringeren Kosten für diejenigen führen, die bereits in der Gruppe sind“[13]. Es gibt hier also keine Rivalität und der Konsum eines Nutzers beeinträchtigt nicht den Betrag, der den anderen Nutzern zur Verfügung steht. Daher sollte nach Olsons Meinung, „da sich (...) in marktunabhängigen Situationen das Angebot eines Kollektivgutes automatisch ausdehnt, wenn die Gruppe wächst, (...) diese Art Kollektivgut „inklusives Kollektivgut“ genannt werden“[14]. Ob eine Gruppe als exklusive oder inklusive Gruppe bezeichnet werden muss, leitet sich für Ostrom also von der Art des Kollektivgutes ab, das sie nutzt.

[...]


[1] Taylor 1987; S. 5

[2] Hardin 1982; S. 17;

[3] vgl. Taylor 1987; S. 6

[4] vgl. Taylor 1987; S. 6

[5] Hardin 1982; S. 19

[6] Ostrom 1990; S. 30

[7] Ostrom 1990; S. 31

[8] Ostrom 1990; S. 32

[9] Die beiden letzten Eigenschaften sollen das Kriterium der ’divisibility‘ wiedergeben. Da dieses bei allen Autoren (Hardin, Taylor, Ostrom) bedeutet, dass der Konsum eines Nutzers den Betrag, der anderen Nutzer zur Verfügung steht, beeinträchtigt, füge ich der Genauigkeit wegen zur Teilbarkeit noch explizit die Endlichkeit des Gutes hinzu.

[10] Olson 1998; S. 35

[11] Olson 1998; S. 35

[12] Olson 1998; S. 36

[13] Olson 1998; S. 35

[14] Olson 1998; S. 36

Details

Seiten
26
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638361453
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36552
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Allmendeproblematik Handlungen Probleme Lösungen Proseminar

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