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Franz Kafkas "Brief an den Vater" aus autobiographisch-psychoanalytischer Sicht

Ein Leben unter dem Joch der väterlichen Herrschaft

Hausarbeit 2016 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung, Veröffentlichung und Rezeption des Briefes

3. Das Vater-Sohn-Verhältnis
3.1 Kindheit
3.2 Jugend und Erwachsenenalter

4. Fluchtversuche aus der väterlichen Herrschaft
4.1 Die Religion
4.2 Das Schreiben
4.3 Heirat

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem Testament bat der 1924 verstorbene Franz Kafka seinen engen Vertrauten Max Brod darum, alle erreichbaren, von ihm verfassten Schriftstücke restlos zu vernichten. Dieser Nachlass umfasste nicht nur etwa 40 vollendete Prosatexte und diverse literarische Fragmente, sondern auch umfangreiche Tagebücher und zahlreiche Briefe. Glücklicher- weise hatte Brod mehr Vertrauen in Kafkas schriftstellerisches Können als sein Freund selbst, erkannte den hohen literarischen Wert seiner Werke, entschied sich gegen eine Ver- nichtung und für die Veröffentlichung des Nachlasses. Insbesondere die vielen überliefer- ten Tagebucheinträge und Briefkorrespondenzen sind insofern unabdingbar für eine sach- gemäße Interpretation des Kafka'schen Gesamtwerkes, als dass sie gewissermaßen ein Eindringen in das Seelenleben des Autors und somit einen „Blick hinter die Kulissen“ der Kafka-Literatur ermöglichen.

Es ist der fünf Jahre vor Kafkas Tod von ihm verfasste „ Brief an den Vater “, der dieser Ar- beit zugrunde liegt und einer genaueren Betrachtung unterzogen werden soll. Indem er das Zeit seines Lebens konfliktreiche Verhältnis Franz' zu seinem Vater sehr umfassend und detailreich darlegt, ist er auch heute noch maßgebend für die Kafka-Forschung, die dem Vaterkomplex einen großen Einfluss auf Kafkas literarisches Werk einräumt. Nach einer kurzen Darstellung der Enstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte sowie der gegenwärtigen, recht unterschiedlichen Rezeptionsweisen des Briefes wende ich mich der Schilderung des im Brief formulierten Vater-Sohn-Verhältnisses zu. Ausgehend von diesen Überlegungen stelle ich heraus, auf welche Weisen Franz Kafka um die Beilegung dieses lebenslangen Konfliktes bemüht war und warum es ihm einfach nicht gelingen wollte, sich aus den väterlichen Fängen zu befreien.

Das Ziel dieser Arbeit ist also die auf eine autobiographisch-psychoanalytische Interpreta- tion des „ Brief an den Vater “ aufbauende Darlegung eines Vaterkomplexes, der zwei- felsohne zu den berühmtesten seiner Art gehört und nicht nur Kafkas Leben, sondern in der Folge auch eines der bedeutendsten Gesamtwerke aus dem Kanon der Weltliteratur maßgeblich prägte.

2. Entstehung, Veröffentlichung und Rezeption des Briefes

Kafka befand sich gerade in einem Erholungsurlaub im tschechischen Dorf Schelesen, als er im November 1919 den schon vorher gefassten Entschluss, sich in einem Brief an sei-nen Vater zu wenden, in die Tat umsetzte. Diesem Projekt, das letztendlich in einem sehr umfangreichen Dokument von über hundert Seiten mündete, widmete er insgesamt unge- fähr 3 Wochen. Neben der unmittelbar aus dem Brief hervorgehenden Frage Hermann Kafkas an seinen Sohn, warum dieser behaupte, in Furcht vor seinem Vater zu leben, kann insbesondere der gescheiterte Heiratsversuch Franz Kafkas mit Julie Wohryzek, der ihn, so Hartmut Binder in seinem Kafka-Kommentar, „nach den Ursachen seiner Nichtbewährung in den menschlichen Gemeinschaftsbindungen fragen ließ“1, als Auslöser für die Aufnah- me der Arbeit am Brief angesehen werden. Obwohl Kafkas Freund und Wegbegleiter Max Brod, der zur Zeit der Entstehung des Briefes zusammen mit ihm in Schelesen wohnte, in seiner berühmten Kafka-Biographie angibt, dass durchaus beabsichtigt war, den Brief an den Vater zu übergeben2, hat er seinen Empfänger nie erreicht. Hartmut Binder legt als mögliche Ursache hierfür nahe, „daß er, vielleicht auch unter dem Einfluß Ottlas und der Mutter, die beide um einen Ausgleich mit dem Vater bemüht waren […], Bedenken hatte, das Schriftstück seiner Bestimmung zu übergeben“3 ; die von Kafka gewünschte „Klärung der peinlich stockenden, schmerzhaft verharschten Beziehungen zum Vater“4 konnte durch den Brief also nicht erreicht werden.

Es war ebenfalls Max Brod, der als Verwalter und Herausgeber von Kafkas literarischem Nachlass zunächst Auszüge des Briefes veröffentlichte, nämlich in der 1937 erschienenen Kafka-Biographie. 1952 schließlich wurde in der „ Neuen Rundschau “ erstmals die gesam- te Schrift der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ein Jahr später nahm Max Brod den Brief außerdem in den Band „ Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlass “, also „in den Kontext der literarischen Texte Kafkas“5, auf.

Trotzdem wurde der „ursprünglich intendierte Briefcharakter“6 weiterhin von Brod betont. Es wird an dieser Stelle ein gewisses Konfliktpotenzial deutlich, das bei der Rezeption des Briefes allgegenwärtig ist und die Forschung bis heute prägt. Es gibt wohl kaum ein litera- risches Gesamtwerk, das mehr Raum für verschiedene Deutungsperspektiven bietet als dasjenige Franz Kafkas. Der „ Brief an den Vater “ stellt hier aber dennoch insofern eine Besonderheit dar, als dass das faktual-fiktionale Spannungsverhältnis des Textes besonders groß ist und heute nicht weniger Diskussionsstoff liefert als unmittelbar zur Zeit der ersten Veröffentlichung des Briefes. Dieses Spannungsverhältnis lässt sich in einer groben Einteilung wie folgt darstellen: Es stehen sich, um auf Carlo Brune und seine forschungsgeschichtlichen Betrachtungen7 zurückzugreifen, auf deiner einen Seite „nicht- fiktionale Einordnungen“ des Briefes, zu denen autobiographische sowie psychoanalytische Deutungsweisen zu zählen sind, und auf der anderen Seite „fiktionale Einordnungen“ des Briefes, hier zu nennen sind metaphysische und existential- ontologische sowie literarisch-ästhetische Deutungsperspektiven, gegenüber. Zudem existieren diverse hybride Interpretationsweisen des Briefes, also solche, die ihm sowohl literarische Qualitäten als auch historisches Potenzial zusprechen; von einem wissenschaftlichen Konsens kann in diesem Fall also absolut keine Rede sein.

In dieser Arbeit soll der „ Brief an den Vater “ als ein privates Schriftstück, als „intime[s] Dokument einer persönlichen Beziehung, der Beziehung eines Sohnes zu seinem Vater und des drängenden Wunsches des Sohnes um eine Verbesserung dieser Beziehung“8 er- kannt und dementsprechend autobiographisch-psychoanalytisch gedeutet werden. Einer solchen faktualen Deutungsweise ging ja bekanntlich schon Max Brod nach, der wohl der einzige wissenschaftliche Interpret des Briefes ist, der sich im direkten Gespräch mit dem Autor über ihn austauschen und entsprechende Eindrücke aus erster Hand gewinnen konn- te.

3. Das Vater-Sohn-Verhältnis

Obwohl der realhistorische Hermann Kafka, wie auch Daniel Weidner herausstellt, nicht mit dem im Brief beschriebenen Hermann Kafka übereinstimmen muss9 - es könnte sich hierbei schließlich auch um eine rein literarische Figur handeln - soll in der vorliegenden Arbeit genau dieser Annahme gefolgt werden. Es liegen im „ Brief an den Vater “ unbe- streitbare „Verzerrungen“ vor, die in der Forschung nicht selten als unumstößliches Argu- ment für einen literarischen Charakter des Werkes angeführt werden; dass „die Dinge in Wirklichkeit nicht aneinanderpassen [können], wie die Beweise [im] Brief“

[...]


1 Binder, Hartmut: Brief an den Vater. In: ders.: Kafka-Kommentar zu den Romanen, Rezensionen, Aphorismen und zum Brief an den Vater. München 1976, S. 424.

2 Vgl. Brod, Max: Franz Kafka. Eine Biographie. 3., erw. Aufl. Berlin/Frankfurt am Main 1954, S. 22f.

3 Binder, S. 424.

4 Brod, S. 22f.

5 Weidner, Daniel: Brief an den Vater. In: Kafka-Handbuch. Leben-Werk -Wirkung. Hg. von Manfred Engel und Bernd Auerochs. Stuttgart [u.a.] 2010, S. 293.

6 Ebd.

7 Vgl. Brune, Carlo: „Ein enterbter Sohn“. Studie zu Franz Kafkas „Brief an den Vater“. Essen 2000, S. 75-93.

8 Unseld, Joachim: Nachwort zu Franz Kafkas „Brief an den Vater“. In: Kafka, Franz: Brief an den Vater. Faksimile. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Joachim Unseld. Frankfurt am Main 1994, S. 189.

9 Vgl. Weidner, S. 297.

Details

Seiten
15
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668449466
ISBN (Buch)
9783668449473
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v365528
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Schlagworte
franz kafkas brief vater sicht leben joch herrschaft

Autor

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Titel: Franz Kafkas "Brief an den Vater" aus autobiographisch-psychoanalytischer Sicht