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Die Herrschaft des Ayatollah Khomeini als eine charismatische nach Max Weber?

Hausarbeit 2017 17 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Macht und Herrschaft nach Max Weber
2.1 Charismatische Herrschaft

3. Historisch-religiöse Hintergründe des Shiismus

4. Die latente charismatische Situation
4.1 Kulturelle Dimension
4.2 Soziale Dimension

5. Manifest charismatische Herrschaft
5.1 Revolutionsführer Khomeini
5.2 Die neue Verfassung Irans
5.3 Führerkult und emotionale Vergemeinschaftung

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Daher sehe ich eine Analyse dessen, was die Masse diesen Einzelnen gegenüber zu frommen Jüngern macht und wie die soziale Beziehung zwischen Charismaträger und Charismagläubigen gestaltet ist, als unabdinglich an. Denn so wie diese Einzelpersonen die Möglichkeit haben, ihre Machtkonzentration für progressive Reformen zu nutzen, besteht ebenso die Gefahr des Missbrauchs und der Errichtung eines autoritären Systems der Selbstbereicherung. In dem ersten theoretischen Teil dieser Arbeit wird daher auf die Grundbegriffe der Herrschaftssoziologie nach Max Weber eingegangen, wobei der Schwerpunkt insbesondere auf die charismatische Herrschaft und die Veralltäglichung des Charismas gelegt wird. Nach einem kurzen Exkurs in die religiös-historischen Hintergründe der Herrschaft im Schiismus, der für das grundlegende Verständnis der Debatte um Herrschaft im Iran notwendig ist, wird anhand der Lepsius Interpretation eine Analyse und Einordnung des Falls Ayatollah Khomeini durchgeführt. Besonders in Zeiten, in denen die „(..)Staatskunst großer Männer“ unter dem Deckmantel der Religion wieder auf dem Vormarsch zu sein scheint, ist diesem Bewusstsein eine hohe Bedeutung zu zumessen.

2. Macht und Herrschaft nach Max Weber

Nach Max Weber ist „Macht jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ Aus dieser Definition wird deutlich, dass Webers Begriff der Macht soziologisch amorph ist. Schließlich können alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen jemanden in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen. Konkretere Formen erhält bei Max Weber der Begriff der Herrschaft, die er als die Chance definiert, bei einer angebbaren Gruppe Gehorsam für einen bestimmten Befehl zu finden (Weber, 1980, S. 28). Weber sieht verschiedene Gründe für diesen Gehorsam. So kann diese Fügsamkeit durch rein zweckrationale Erwägungen oder sogar ausschließlich durch eine bloße Zuneigung des Beherrschten zum Herrschenden bedingt sein. Des Weiteren sind auch traditionelle Motive, die sich an der „Sittlichkeit“ orientieren, möglich. Eine Herrschaft, die sich rein auf die eben genannten Gründen stützen würde, wäre allerdings außerordentlich instabil. Um den „Gehorsam“ und die „Fügsamkeit“ des Beherrschten zu garantieren und der potentiellen Instabilität entgegenzuwirken, ist es jeder Herrschaft inhärent, nach einer Legitimation ihrer selbst zu suchen. „Keine Herrschaft begnügt sich, nach aller Erfahrung, freiwillig mit den nur materiellen, affektuellen oder nur wertrationalen Motiven als Chancen ihres Fortbestandes. „[…]Jede Herrschaft sucht vielmehr den Glauben an ihre „Legitimität“ zu erwecken und zu pflegen“ (Weber, 2015, S.122). Aus dieser Prämisse entwickelte Weber drei Idealtypen legitimer Herrschaft. Es handelt sich um Idealtypen, weil sie in dieser theoretischen „reinen“ Form in der Realität nicht vorkommen, deren scharfe Abtrennung sich aber als forschungswissenschaftliches Werkzeug hervorragend eignet, um reale Herrschaft zu ordnen und zu unterscheiden. Die von Weber entwickelten Idealtypen sind zum einen die legale Herrschaft, deren Grundvorstellung ist, dass „durch formal konkrete korrekt gewillkürte Satzung beliebiges Recht geschaffen und abgeändert werden könne“ (Weber, 1988, S.475) sowie zum anderen die traditionale Herrschaft, bei der der Glauben an die seit jeher geltende Heiligkeit von Ordnung und Herrschaft maßgeblich ist. Der dritte Idealtyp ist die charismatische Herrschaft, die in dieser Arbeit im Mittelpunkt steht und somit ausführlich dargestellt wird.

2.1 Charismatische Herrschaft

Max Weber definiert die charismatische Herrschaft „kraft affektueller Hingabe an die Person des Herrn und ihre Gnadengaben.“ Diese Gnadengaben, langläufig auch als Charisma zu verstehen, kann beispielsweise auf magischen Fähigkeiten, Offenbarungen, Heroismus, sowie Wortgewalt oder außerordentlichem Intellekt beruhen. Als reinste Typen der charismatischen Herrschaft werden der Prophet, der Kriegsheld und der Demagoge genannt, die an der Spitze des jeweiligen Herrschaftsverband, der Gemeinde oder Gefolgschaft stehen und in dem Typus des „Führers“ Autorität über die Gehorchenden ausüben (vgl. Max Weber, 482). Es ist zu betonen, dass Weber „das ewig Neue, das Außerwerktägliche, nie dagewesene und die emotionale Hingenommenheit“ (Weber 2015, 481) als wesentliche Gründe der persönlichen Hingebung des Beherrschten sieht, um seinen Charismabegriff von anderen Wortdeutungen abzugrenzen. Um diese semantische Unschärfe weiter zu verringern führt Weber an, dass es gleichgültig sei, ob die betreffende Qualität objektiv zu bewerten sei. Einzig auf die Bewertung der charismatisch beherrschten Anhänger komme es an (vgl. Weber, 1988, S. 140). Diese hier genannte positive Bewertung oder auch „Anerkennung“ muss durch Wunder, Erfolge, Wohlergehen der Untertanten immer wieder aufs Neue begründet werden.

„Kein Prophet hat seine Qualität als abhängig von der Meinung der Menge über ihn angesehen, kein gekorener König oder charismatischer Herzog die Widerstrebenden oder abseits Bleibenden anders denn als Pflichtwidrige behandelt[…]“ (Weber, 1988, S140).

An diesem Zitat wird deutlich, dass die Anerkennung der Beherrschten nicht den eigentlichen Legitimitätsgrund, sondern eine Pflicht darstellt, die essentiell für das Verhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten ist. Da diese Anerkennung sich nicht selten aus Not und Hoffnung oder persönlicher Begeisterung speist, geht der charismatische Herrscher in dieser Beziehung auch eine Bringschuld ein. So besteht das Risiko, dass seine charismatisch begründete Autorität schwinden wird, falls seine Herrschaft kein Wohlergehen für seine Anhänger mit sich bringt und somit die positive Anerkennung der Beherrschten entfällt.Weber attestiert der „charismatischen Autorität (…) [den Status einer] der großen revolutionären Mächte der Geschichte, aber [sie] ist in ihrer reinen Form durchaus autoritären, herrschaftlichen Charakters“ (Weber, S. 483). Dieser Autoritarismus des Idealtypus der charismatischen Herrschaft zeigt sich auch daran, dass sich die Gefolgsamkeit einzig und rein persönlich dem Führer widmet. Die herrschende Ordnung ist eine Auslegung des „verkündeten und suggerierten revolutionären Naturrechts“ (Weber, S. 482). Maßgeblich für diese neue Ordnung ist der Satz, der alle genuin charismatischen Herrschaften charakterisiert: „Es steht geschrieben, aber Ich sage euch.“ So bekommt eine Rechtsprechung im eigentlichen Sinne einen „von Fall zu Fall Charakter“. Dem verkündeten Rechtsspruch des charismatisch Legitimierten ist gemäß des ewig gleichen Schemas zwischen Gefolgschaft und Führer Folge zu leisten.

3. Historisch-religiöse Hintergründe des Shiismus

Der gerade wieder aufflammende Grundkonflikt zwischen den zwei wichtigsten Richtungen des Islam – dem Sunnismus und dem Schiismus - ist durch einen Streit in der Erbfolge des Propheten Mohammad begründet. Während Sunniten davon ausgehen, dass diese Erbfolge von Mohammad selbst nicht willentlich und eindeutig geregelt wurde, seine damaligen Prophetengefährten keinerlei Designation anerkannten und sich selbst auf einen Nachfolger einigten, argumentierten jene, die sich heute Schiiten nennen, dass die Führung der muslimischen Gemeinde innerhalb der Familie Mohammads weitergetragen werden muss und somit seinem Stiefsohn Ali die Führungsrolle zusteht. Dieses grundlegende Frage über die legitime Herrschaft ist es, die zur Abspaltung der „Shia Ali“, der Partei Alis, aus der muslimischen Glaubensgemeinschaft geführt hat und noch heute eine Grundfrage dieses Religionszweiges darstellt (vgl. Amirpur, 2015, S.13).

So hinterließ Mohammad seine Gemeinde nicht nur den Koran, die „schweigende Offenbarung“, sondern auch noch seine Nachkommen, die12 Imame, die als „sprechende Offenbarung“ zu verstehen sind. Nur ihnen, die gegen „Fehler, Sühne und Irrtum“ gefreit sind, ist es möglich die beiden Offenbarungen zu verbinden und die genaue Bedeutung des Korans zu erfahren, was sie zu den einzigen legitimen politischen und religiösen Führern macht. Der letzte der zwölf Imame, der „Mahdi“ allerdings soll in die „große Verborgenheit“ gerückt sein und erst in Zeiten größter Not und kurz vor dem Ende der Welt wieder erscheinen, um seine „erlösende“ Herrschaft über die Partei Alis wieder auszuüben. „Erlösend“ ist hier simpel als die Erlösung von dem irdischen Leid, aber auch weitergehender als Erlösung von der illegitimen Herrschaft der Tyrannei anzusehen, die zwangsläufig jede weltliche Herrschaft darstellt, die nicht von einem Imam ausgeübt wird. Anhänger der Partei Alis leben in ihrer Minderheitenstellung daher seit jeher in ständiger sehnender Erwartung auf die Rückkehr des „Mahdi“ (vgl. Amirpur, 2015, S. 16ff.).

4. Die latente charismatische Situation

Als eine notwendige Bedingung für das Entstehen einer charismatischen Herrschaft führt Lepsius das Bestehen einer latenten charismatischen Situation an. „Vorraussetzung einer charismatischen Situation, einer Bereitschaft sich im Glauben an ein Charisma einer direkt persönlichen Herrschaft zu unterwerfen“ (Lepisus, 1993, S. 100). In diesem Falle einer genuin charismatisch bedingten Herrschaftsbeziehung ist es die notwendige Anerkennung der sozialen Gruppe derBeherrschten, die zur Unterwerfung unter dieser Herrschaft führt und diese soziale Beziehung somit aufrecht erhält. „Soziale Beziehung soll ein seinem Sinngehalt nach aufeinander eingestelltes und dadurch orientiertes Sichtverhalten mehrerer heißen“ (Weber). Dieses „aufeinander eingestellte und dadurch orientierte [gemeinsame] Sichtverhalten“, welches letztendlich nichts anderes als einen gemeinsamen Hintergrund zwischen dem Charismaträger und der breiten Masse darstellt wird von Lepsius in zwei Dimensionen aufgeteilt: Die kulturelle und die politische Dimension. Nur wenn beide Dimensionen hinreichend aufeinander abgestimmt sind, ist die Charismatisierung einer Herrschaft möglich.

4.1 Kulturelle Dimension

„The propensity to impute charisma is a potential in the moral, cognitive and expressional orientation of human beings.“ – Edward Shils

Von dieser Definition der kulturellen Dimension und einer Charakterisierung des Begriffes Kultur ausgehend, die besonders die Summe aller Werte, Denkmuster und Ideen beleuchtet, ist es leicht nachzuvollziehen, dass besonders der kulturelle Hintergrund über die Neigung zum charismatischen Glauben bestimmt. Lepsius führt weiter aus, dass diese Neigung durch die Vorstellung grundlegend geprägt wird, dass es transzendentale Kräfte wären, die unsere Welt formen und lenken und sich sogar in Menschen repräsentieren können (vgl. Lepsius, 1992, S.100).

Gerade dem Shiismus ist eine solche transzendentale mystische Sichtweise inhärent. Dies zeigt sich zum Beispiel an dem sechsten Glaubensinhalt des Islams, der vom Glauben an die göttliche Vorherbestimmung handelt und in Suren, wie:

„Vor Gott ist nichts verborgen, weder auf Erden noch im Himmel“ (Quran 3:5)

offensichtlich wird. Diese Vorhersehung Gottes zeigt sich auch in der Argumentation Khomeinis bezüglich der legitimen Herrschaft im shiitischen Islam. In diesem theokratischen Diskurs entwickelte Khomeini eine Position, in der er für die „Herrschaft des Rechtsgelehrten“ plädierte, also einer Herrschaft jener, die durch ihr außergewöhnliches Studium der heiligen Schrift am besten dazu geeignet sind, während der Abwesenheit des „Mahdi“ die Exekutive darzustellen und somit als „Statthalter Allahs“ im Auftrag dessen zu fungieren.Es ist anzumerken, dass Khomeini in seiner Bestimmung der Kriterien für potentielle Statthalter neben ihm selbst nur wenige andere mit einbezog, von denen eine Vielzahl dieser Position im theokratischen Diskurs mehr als kritisch gegenüber stand und die Meinung vertrat, dass der shiitische Klerus sich aus dieser politischen Sphäre rauszuhalten hätte.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668455528
ISBN (Buch)
9783668455535
Dateigröße
974 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366557
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Schlagworte
Macht Herrschaft Max Weber Herrschaftssoziologie Herrschaftsbeziehung Ayatollah Khomeini Charisma Iran Schiismus Revolutionsführer Khomeini Lepsius Führerkult Revolution

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Titel: Die Herrschaft des Ayatollah Khomeini als eine charismatische nach Max Weber?