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Kaspar Hauser als post-moderner Pop-Messias. Historische Figur und Manulis "The Legend of Kasper Hauser"

Seminararbeit 2016 12 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. The Legend of Kaspar Hauser – Ein Handlungsabriss

3. Die historische Figur des Kaspar Hauser

4. Kaspar Hauser - zwischen Messias, Pop & Postmoderne

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich will ein Reiter werden, wie mein Vater“. Der Wortschatz Kasper Hausers begrenzt sich nahezu ausschließlich auf diese Worte. 1828 erscheint ein verwahrloster Junge in Nürnberg. Keiner weiß wo er herkommt, wo er hinwill. Bis auf den oben erwähnten Satz ist er unfähig zu sprechen. Seine Identität wird nie vollständig geklärt. Etwa 180 Jahre später interpretiert Davide Manuli in The Legend of Kasper Hauser die historische Grundlage neu. Ein androgyner Kasper Hauser wird an einer mediterranen Insel angespült, unfähig zu sprechen, bis auf den Satz: „Ich will ein Reiter werden, wie mein Vater.“ Damit enden die offensichtlichen Gemeinsamkeiten beider Figuren.

Dieses Essay hat das Ziel sich mit dem Protagonisten Kasper Hauser in Davide Manulis The Legend of Kasper Hauser zu beschäftigen, seine Rolle innerhalb des Films zu betrachten und ihn, analog zum Seminar „Jugend – Pop – Protest“, in Relation zu Mechanismen des Pop zu setzen, die auf einem postmodernen Blickwinkel fußen. Darüber hinaus muss die den Charakter auszeichnete Messias-Metaphorik besprochen werden.

2. The Legend of Kaspar Hauser – Ein Handlungsabriss

Der Sheriff erwartet die Ankunft von Kasper Hauser. Tatsächlich wird dieser vor den Augen des ihn antizipierenden Sheriff am Strand angespült - Kopfhörer auf den Ohren, oberkörperfrei, scheinbar geschlechtsneutral. Sein Name steht auf der Brust. Leblos wirkend, was der Freude des Sheriff allerdings keinen Abbruch zu tun scheint. In einem Käfig liegend erwacht Kasper Hauser schließlich, von den virtuellen Klängen, die durch seine nirgends angeschlossenen Kopfhörer in sein Nervensystem strömen. Der inkorporierte Rhythmus, das intrinsische Verlangen zu tanzen lässt ihn wieder auferstehen. Die Bewohner der Insel sind in hellem Aufruhr. Der Sheriff wird zum Mentor von Kasper Hauser und führt ihn als eine Art Guru in die Kunst des DJing ein. Der Priester der Insel versucht sich exegetisch Kasper Hauser zu nähern und scheint dank ihm seine nihilistische Glaubenskrise zu überwinden. Die machtgierige Gräfin sieht die Ordnung der Insel gestört und ihren eigenen Einfluss schwinden, sodass sie gemeinsam mit dem, die Inselbewohner – allen voran den Sheriff und den Priester – mit Heroin versorgenden Pusher ein Mordkomplott schließt, dem Kasper Hauser schließlich zum Opfer fällt.

Die Handlung des Films wirkt mosaikhaft, narrativ rudimentär, wird aber durchaus linear erzählt. Angekündigt durch plakative Titel, die den Inhalt der einzelnen Akte beschreiben[1]. Interpretativ-psychedelische Szenen reihen sich aneinander, symbolträchtig, aber nie eindeutig. Getragen von einer offensichtlichen Dialektik – Schwarz gegen Weiß[2], Gut gegen Böse, Ordnung gegen Unordnung, Melancholie gegen Euphorie, etc. - orientiert sich dieser surreale Techno-Western, untermalt von der Musik des Elektro-Künstlers Vitalic, höchstens bruchstückhaft an der historischen Vorlage. Sie dient als initiale Inspiration und schwebt als patronisierender Geist über dem Film, wird aber kaum konkret. Manulis äußerte sich in einem Interview selbst zu den vielfältigen Interpretationsebenen des Films:

„The movie has hundreds of layers of understanding, and like any work of art, everyone should get just what he must get. There cannot be a single definition for this movie, everyone is free to define it himself... let's not forget that it's also a movie about individual freedom.“[3]

„Man muss bei dir viel interpretieren“, ist also nicht nur eine Aussage des Priesters in Richtung Kaspar Hauser, sondern womöglich eine Botschaft des Regisseurs an sein Publikum.

Somit ist The Legend of Kapsar Hauser ein Film in der Tradition der Post-Moderne stehend. Als doppelbödiger Science-Fiction-Techno-Western dem typisch post-modernen Stilpluralismus verpflichtet, sich gegen den Konsens richtend. So erhebt naturgemäß keine der folgenden Interpretationen einen Anspruch auf Vollständigkeit oder Eindeutigkeit. Nicht nur, weil es auf anmaßende Art und Weise den Aussagen von Mulis widersprechen und sogar seiner eigenen Intention diametral gegenüberstehen würde, sondern auch weil es dem Geist der Postmoderne, der nicht nur über den Film zu schweben schien, sondern auch dem bereits erwähnten Seminar, in der dieser Film besprochen wurde - vor allem in Form von Leslie A. Fiedler[4] - widersprechen würde.

3. Die historische Figur des Kaspar Hauser

The Legend of Kasper Hauser basiert auf der Geschichte des realen Kasper Hausers. Am 26. Mai 1828 erschien Kaspar Hauser in Nürnberg. Man schätzte ihn etwa auf 16 Jahre alt – seine Herkunft ist bis heute unklar. Er wird in unterschiedlichen Quellen auf verschiedene Weise rezipiert, wird aber generell als geistig zurückgeblieben und introvertiert bezeichnet. Laut eigenen Aussagen wurde er in einem dunklen Raum gefangen gehalten, ausschließlich bei Wasser und Brot. Seine körperliche Verfassung widersprach aber seinen Aussagen. Dennoch: Das Interesse der Bevölkerung war geweckt. Es wurde vermutet er sei ein badischer Erbprinz, andere bezichtigen ihn als Betrüger[5]. Fünf Jahre nach seiner plötzlichen Ankunft starb Hauser an Schnittsverletzungen. Er selbst gab vor seinem Tod an, er wurde Opfer eines Attentats. Medizinische Untersuchungen sollten aber zeigen, dass Hauser sich die Verletzungen wahrscheinlich selbst zugefügt habe. Womöglich aus Enttäuschung über das nachlassende Interesse an seiner Person.

Mehrere Theorien ranken sich sowohl um die Herkunft, als auch die Existenz Hausers. Bis heute ist nicht genau erklärt, wer Hauser war oder woher er kam.

Als literarische, mythische Figur wurde Hauser über die Jahre rezipiert. In Film, Literatur, Poesie genau so wie in Medizin, Psychologie, Soziologie oder Kriminalistik.

[...]


[1] Z.B.: Die Szene „Auf dem Maultier“ zeigt Hauser, wie er auf einem Maultier reitet.

[2] Der (gute) Sherrif trägt immer schwarz, der (böse) Pusher immer weiß.

[3] Zit. In: Blair, Jo (2012): The Legend of Kaspar Hauser: an interview with surrealist filmmaker Davide Manuli. URL: https://www.ica.org.uk/bulletin/legend-kaspar-hauser-interview-surrealist-filmmaker-davide-manuli. [Stand: 30.09.2016]

[4] Vgl. Fiedler, Leslia A (1969): Cross the Broder – Close the Gap. In: Playboy 12, S. 151, 230-252, 256-258

[5] „Caspar Hauser ist ein pfiffiger, durchtriebener Kauz, ein Schelm, ein Taugenichts, den man todmachen sollte“ (Schreibmüller, Walter: (1991): Bilanz einer 150jährigen Kaspar Hauser Forschung. S.53. In: GenealogischesJb 31, S. 43-84)

Details

Seiten
12
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668453166
ISBN (Buch)
9783668453173
Dateigröße
862 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366576
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Schlagworte
Kaspar Hauser Legend of Kaspar Hauser Davide Manuli Pop Postmoderne

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Titel: Kaspar Hauser als post-moderner Pop-Messias. Historische Figur und Manulis "The Legend of Kasper Hauser"