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Eine Krankheit zum Tode? Der Selbstmord von Goethes Werther aus kulturwissenschaftlicher Sicht

Seminararbeit 2012 29 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Die „letzten Worte“ von Goethes Werther

B. Werther und der Selbstmord
I. Der Selbstmord in den wissenschaftlichen Debatten des 18. Jahrhunderts
1. ) Selbstmord in der Theologie
2. ) Selbstmord in der Philosophie
3. ) Selbstmord in den Wissenschaften
4. ) Zwischenfazit
II. Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“
1. ) Wie kommt es zu Werthers Selbstmord?
2. ) Zwischenfazit

C. Endfazit

D. Literaturverzeichnis
I. Primarliteratur
II. Sekundarliteratur

A. Die „letzten Worte“ von Goethes Werther

Werther nannte seine Einstellung zum Leben selber eine ,,Krankheit zum Todte[1] ?[2] Albert hingegen nennt Werthers Lebenswandel ,,fur nichts als eine Schwache“.[3] Aber ist es denn so? 1st der Selbstmord die logische Konsequenz aus einem Lebenswandel wie die des Werthers, welches sich zu einem pathologischen Fall steigert, oder hat Albert recht, der in dem Selbstmord nicht die logische Konsequenz eines ubersteigerten Lebenswandels sieht, sondern eine Schwache?

Ich mochte in dieser Hausarbeit folgender These nachgehen: Werthers Selbstmord als logische Konsequenz der burgerlichen Prinzipien des 18. Jahrhunderts.

Hierbei mochte ich darlegen, dass Werthers Selbstmord nicht, wie uns in der Schule es beigebracht worden ist, aus Liebeskummer geschieht, sondern das es eine Reaktion auf die burgerlichen Prinzipien, die einen sensiblen Menschen wie Werther zu einem pathologischen Fall mutieren lassen, der nichts anderes mehr kann, als Suizid zu begehen, ist.

Als Textgrundlage hierfur dient die Erstfassung von Goethes Briefroman ,,Die Leiden des jungen Werthers“ aus dem Jahre 1774 mit der von Goethe selber verwendeten Orthographie.

B. Werther und der Selbstmord

I. Der Selbstmord in den wissenschaftlichen Debatten des 18. Jahrhunderts

1.) Selbstmord in der Theologie

a) Augustinus und Thomas von Aquin

Beide verurteilen den Suizid als eine Sunde, die den Verlust des Seelenheils nach sich zieht.[3]

Augustinus argumentiert dies mit dem 5. Gebot.[4] Hierzu schreibt er:

Wenn wir also das Verbot des Totens nicht auf das Pflanzenreich answenden, weil es da keine Empfindung gibt, desgleichen nicht auf die unvernunftige Tierwelt [...], weil ihnen im Unterschied von uns keine Vernunft verliehen ist, [...] so bleibt nur ubrig, das Gebot <<Du sollst nicht toten>> ausschlieBlich auf den Menschen zu beziehen, und zwar sowohl auf den anderen als auch auf dich selbst. Denn wer sich selbst totet, totet auch einen Menschen.[5]

AuBerdem argumentiert Augustinus damit, dass der Geist den Korper beherrscht, wenn er schreibt:

Vielmehr muss man den schwachen Geist tadeln, der die harte Knechtschaft seines Leibes oder die torichte Meinung der Menge nicht ertragen kann, und von Rechts wegen die Seele groBer nennen, die ein [5] kummervolles Leben lieber ertragt als flieht und das Urteil der Menschen, zumal des groben Haufens, das meist vom Nebel des Irrtums verdunkelt wird, in reinen Licht des guten Gewissens verachtet.[6]

Als letztes Argument bring Augustinus vor, dass allein Gott die Macht uber Leben und Tod hat, da Gott der Schopfer der Menschen sei und nur er allein das recht hat einen Menschen zu toten.[7]

Thomas von Aquin greift in seiner Schrift „Summa Theologica“ dieselbe Argumentation von Augustinus auf und erganzt sie um die „Trias der Pflichten“. Die Trias der Pflichten besteht aus:

1. Selbstliebe und somit der Pflicht zur Selbsterhaltung,
2. dem Dienst an der Gesellschaft und
3. der Unterwerfung der gottlichen Ordnung.[8]

In beiden Fallen wird also deutlich, dass der Selbstmorder ein Rebell gegen die naturliche und somit gegen die gottliche Ordnung ist und der, der sich selber umbringt, der Gesellschaft ein nutzliches Glied entreibt.

b) Johann Friedrich Teller

Teller ist der Fundamentalist unter den Theologen. In seinem Werk „Vernunfts- und christmasige Abhandlung uber den Selbstmord“ aus dem Jahre 1776 behauptet er, dass der Selbstmorder kein guter Christ sei, da ein guter

Christ wirksam ist und fur den Staat Leben produziert und sich nicht selber umbringt; er arbeitet also fleifiig und produziert reichlich Kinder fur den Staat.[9] Auch belegt er den Selbstmorder mit Begriffen wie ,,Unthier“[10], „Unmensch“n und ,,Unchrist“[12], der eine „verderbte Seele“ habe.[13]

Auch Teller teilt die Vorstellung Augustinus, dass die Vernunft den Korper beherrschen muss, da er schreibt:

Seine Herzensangst wurde niemals rasende Verzweiflung werden, wenn er wudte, dad das eben die Opfer sind, die Gott gefallen, ein geangster Geist, ein geangstet und zerschlagen Herz![14]

Der Mensch ist zwar frei zu tun was er will, aber fur Teller ist er nur solange frei, wie er auch das macht, was er zu machen hat.[15]

2.) Selbstmord in der Philosophic

a) Seneca

Fur Seneca ist die Antwort auf die Frage, ob man Selbstmord begehen sollte oder nicht einfach, da er der Ansicht ist, dass man, solange man ein gutes Leben noch fuhren kann, am Leben bleiben sollte; doch sobald dies nicht mehr der Fall ist kannst man ,,dorthin zuruckkehren, woher [man] gekommen [ist].“[16] Fur Seneca ist der Selbstmord ein frier autonomer Akt eines Individuums, der zwangslaufig in die Freiheit fuhrt.[17] Es ist demnach auch keine Handlung, die aus dem Affekt heraus geschieht, sondern eine Handlung, die wohl uberlegt ist: Daher wird ein Weiser leben, solange er mud, nicht solange er kann.[18]

b) Montesquieu

Der Mensch hat, laut Montesquieu, ein Recht auf Selbstmord. Dies rechtfertigt er in seinen „Persischen Briefen“:

Ich gebrauche nur ein Recht, das mir verliehen wurde und insofern kann ich nach meinem Belieben die ganze Natur storen, ohne dad man behaupten konnte, ich wurde mich der Vorsehung widersetzten.[19]

Der Mensch ist demnach autonom in seinen Entscheidungen, da nur er die Entscheidungsgewalt uber sich und sein Leben hat, wobei durch eben diese Entscheidung die naturliche Ordo nicht gestort wird. Vielmehr argumentiert Montesquieu okonomisch, da er behauptet, dass „die Gesellschaft [...] auf gegenseitigem Vorteil“ beruht und dass ihm das Leben als eine Vergunstigung gewahrt worden ist, welches man wieder zuruckgeben kann,

wenn es keine mehr darstellt; denn wenn die Ursache wegfallt, mud folgerichtig auch die Wirkung wegfallen.[20]

Dies bedeutet also, dass ein Leben nur solange als sinnvoll erachtet werden kann, solange man von der Gesellschaft auch etwas dafur zuruckerhalt; sobald dies nicht mehr der Fall ist, kann man auf das Leben verzichten, wenn es einem lastig wird.[21]

c) d’Hollbach undHume

Fur d’Hollbach, der im Jahre 1770 sein Werk „System der Natur“ anonym veroffentlichte, ist der Selbstmord eine Anordnung der Natur auf die Tatsache, dass diese denjenigen, der sich selber umbringt, nicht mehr benotigt.[22] Der Selbstmorder handelt somit aus einem Naturdeterminismus heraus, denn der, der sich selber totet, folgt dem Antrieb dieser Natur, indem er den einzigen Weg einschlagt, den sie ihm anweist, um seinen Leiden zu entgehen.[23]

Doch darf man laut d’Hollbach seine eigenen Tugenden nicht auf andere anwenden, denn „derjenige, der freiwillig stirbt, kennt kein Heilmittel gegen seine Leiden“.[24] Denn, so d’Hollbach, ist „der Tod [...] das einzige Heilmittel gegen die Verzweiflung.“[25]

[...]


[1] vgl. Augustinus, Gottesstaat, 37.

[2] vgl. Goethe, Die Leiden des jungen Werthers, Seite 51; im folgenden mit dem Sigle JW abgekurzt.

[3] vgl. JW, 49.

[4] vgl. Augustinus, Gottesstaat, 46-47; Aquin, Recht, 167.

[5] s. Augustinus, Gottesstaat, 38-39.

[6] s. Augustinus, Gottestaat, 40; so auch Aquin, Recht, 64.

[7] vgl. Augustinus, Gottesstaat, 46.

[8] vgl. Aquin, Recht, 164­165.

[9] vgl. Teller, Selbstmord, 54, 69-70,

[10] s. Teller, Selbstmord, 60.

[11] s. Teller, Selbstmord, 62.

[12] s. Teller, Selbstmord, 64.

[13] vgl. Teller, Selbstmord, 65.

[14] s. Teller, Selbstmord, 66, 91.

[15] vgl. Teller, Selbstmord, 69-70, 90-91.

[16] vgl. Seneca, Selbstmord, 59.

[17] vgl. Seneca, Selbstmord, 58.

[18] s. Seneca, Selbstmord, 56.

[19] s. Montesquieu, Briefe, 147.

[20] vgl. Montesquieu, Briefe, 146.

[21] ebd.

[22] vgl. d'Hollbach, Natur, 244.

[23] s. d'Hollbach, Natur, 248-249.

[24] vgl. d'Hollbach, Natur, 246 - 247.

[25] s. d'Hollbach, Natur, 245.

Details

Seiten
29
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668453395
ISBN (Buch)
9783668453401
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366650
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth
Note
2,0
Schlagworte
eine krankheit tode selbstmord goethes werther sicht

Autor

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