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Die Minangkabau

Seminararbeit 2000 40 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Begriffe und ihre Bedeutung

2. Historischer Hintergrund

3. Geographische Lage

4. Wirtschaft- und Infrastruktur
4.1 Landwirtschaft und Handel
4.2 Das Verkehrswesen
4.3 Das Bildungs- und Gesundheitswesen

5. Die Bevölkerung
5.1 Der Geschichte der Naturvölker
5.2 Riten und Mythen

6. Die traditionelle Sozialstruktur der Minangkabau (Geschlechterpositionen)
6.1 „Adat“
6.1.1 Die Familie
6.1.2 Der ländliche Lebens- und Wohnraum
6.1.2.1 Die Residenzregel (Wohnfolgeordnung)
6.1.3 Heirat, Ehe und Mutterschaft
6.1.4 Die Arbeitsteilung
6.1.5 Die Besitz- und Erbordnung
6.2 Der Islam
6.2.1 Die Eheschließung
6.2.1.1 Monogamie und Polygamie
6.2.1.2 Die Ehescheidung
6.2.1.3 Züchtigung und Verschleierung
6.2.3 Die Familienführung
6.2.4 Das Erbrecht
6.2.5 Frauen vor Gericht

7. Widersprüche und Vereinbarkeiten zwischen „adat“ und dem Islam

8. Zusammenfassung

9. Literatur

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit beschäftigen wir uns mit dem Volk der Minangkabau

in West-Sumatra /Indonesien.

Da es sich hierbei um eine „Gesellschaft ohne Männerdominanz“ handelt, wollen wir der Frage nachgehen, ob Begriffe, wie Frauenmacht und/ oder Frauenherrschaft bei der Beschreibung dieses Volkes anzuwenden sind.

Als ersten Schritt in diese Thematik werden wir Definitionen klären, historische und geographische Hintergründe beleuchten, auf Strukturen dieser Gesellschaft aufmerksam machen.

In Kapitel 5 beschäftigen wir uns eingehender mit der Kultur dieses asiatischen Naturvolkes, dazu ist es unablässig grundlegende, tief verwurzelte Elemente, wie die Bedeutung von Riten und Mythen herauszustellen, um die Tradition „adat“ verständlich zu machen.

Die hier wesentliche Frage nach den Widersprüchen und den Vereinbarkeiten zwischen matrilinearem „adat“ und der durch patrilineare Prinzipien gekennzeichneten Religion des Islam ist unter Berücksichtigung der Ausgangsfrage Hauptbestandteil unserer Arbeit.

Die sich herauskristallisierenden Erkenntnisse zur Beantwortung der Frage nach Frauenmacht, bzw. Frauenherrschaft werden zusammenfassend unter Kapitel 7 offengelegt.

1.1 Begriffsbestimmungen

Mit Macht, Herrschaft und Autorität sind meist Komponenten in asymmetrischen sozialen Beziehungen gemeint.

Asymmetrisch meint hier, dass von einem der Interaktionspartner dieser Beziehung jeweils dauerhafter, übergewichtiger sozialer Einfluss auf das Handeln des anderen ausgeübt wird. Es handelt sich demnach um eine soziale Beziehung, in der die Chance besteht, durch soziales Verhalten das Verhalten anderer nach eigenem Willen so zu bestimmen, dass sie sich anders verhalten, als sie es sonst getan hätten. (vgl. Bahrdt 1997, S. 161 f)

Formen von Einflussnahme sollen im Folgenden näher beschrieben werden.

Macht

bedeutet nach M. Weber „ jede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung, den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“. (Max Weber1980, S. 28, in: Reinhold 1997, S. 413)

Diese Definition beschreibt das Machtverhältnis innerhalb einer sozialen Beziehung, d.h. die Gesamtbeziehung beinhaltet hier die Möglichkeit von sozialer Machtausübung (Macht über Menschen), welche unterschiedlich bedingt sein kann.

Mit der Formulierung, den Widerstand brechen zu können, verweist Max Weber auf die Verortung dieses Prozesses- die Position des Siegers wird unterstrichen und gleichzeitig betont er dann den amorphen Charakter, indem er verschiedene Qualitäten eines Menschen und unterschiedliche Konstellationen zur Willensdurchsetzung (Machtausübung) aufschließt.

(vgl. Lenz/ Luig 1990, S. 44)

Macht kann demzufolge in vielerlei Form auftreten (Monopolisierung von Produktionsmitteln, Informationen und Wissen, von Mitteln zur Anwendung physischer Gewalt, u.a.).

Wichtig ist herauszustellen, dass es sich hier bei der Verwendung des Terminus „Macht“, um soziale Macht handelt, d.h. um Macht über Menschen.

Die Verfügung über Dinge kann gemeint sein, wenn durch sie typischerweise auch gleichzeitig eine intendierte Machtausübung über Menschen einhergeht. Dieses wird, wie wir sehen werden, im Verlauf unserer Arbeit eine wichtige Rolle spielen- wir halten hierfür jedoch fest, dass Eigentum an Sachen keine Machtquelle sein muss, dass jedoch resultierend daraus Positionen gestärkt werden können.

Herrschaft

Der Begriff „Herrschaft“ beschreibt ein verfestigtes Machtverhältnis.

Darunter ist zu verstehen, dass diese einen an Vergangenheit und Zukunft orientierten (dauerhaften) Charakter aufweist, also situationsübergreifend und komplexer ist.

Herrschaft findet meist mit Hilfe von institutionellen Regellungen statt, welche mit den Herrschenden im engeren Sinn nur wenig zu tun haben.

An den Herrschaftsbegriff gekoppelt ist der Begriff des Gehorsams, denn Herrschaft verwirklicht sich durch eine dauerhafte „Einstellung“ (welche durch Widerwillen oder positive Anerkennung gekennzeichnet sein kann) der Gehorchenden.

Der Einsatz von Zwangsmitteln, welche zu jeder Herrschaftsbeziehung gehören, ist um so geringer, je mehr „Autorität“ dem Herrschenden entgegengebracht wird. (vgl. Bahrdt 1997, S. 161 f)

Autorität

Wenn wir von Autorität sprechen, meinen wir: anerkannten/ akzeptierten sozialen Einfluss auf Personen, Gruppen oder Institutionen.

Diese Akzeptanz des Autoritätssuchenden gegenüber dem Autoritätsträger resultiert aus einer, dem Autoritätsträger zugeschriebenen Überlegenheit.

Autoritätsbildende Faktoren sind unspezifisch. Viele Eigenschaften des Autoritätsträgers können zur Bildung von Autorität beitragen, z.B. Erfahrung aufgrund des Alters, körperliche Kraft, Intelligenz/Wissen, etc.

(vgl. Bahrdt 1997, S. 168 f)

Die Grundbedeutung von Autorität setzt jedoch in jedem Fall die freie Zustimmung desjenigen voraus, über den Autorität ausgeübt wird.

Mutterrecht und Matriarchat (Mutterherrschaft)

Auf den Schweizer Anthropologen Johann Jakob Bachofen (1815 – 1887) geht der Begriff des Mutterrechts zurück. Er entwickelte ihn 1861 bei seiner Erforschung griechischer Mythen und hernach wurde dieser Begriff von Ethnologen auf Naturvölker übertragen. (vgl. Schweer 1995, S. 17)

Seiner Meinung nach war das Mutterrecht, neben dem Übergewicht der Frau in der Familie und der Abstammungsfolge nach der Mutterseite, grundsätzlich auch verbunden mit einem politischen Übergewicht in der Gesellschaft, mit einer Herrschaft der Frauen über die Männer.

In den achtziger Jahren entstand der Begriff Matriarchat (mater = Mutter und archein = herrschen).

Da es jedoch Herrschaft und Recht (politische Herrschaft) in früheren Zeiten nicht gegeben hat- scheint die Verwendung dieser Begriffe problematisch, da sie Herrschaft als wesentlichen Faktor implizieren.

Eindeutiger ist es, von: matristischen Gesellschaften zu sprechen.

Matrifokalität (mater = Mutter und focus = der Brennpunkt, Mittelpunkt)

Matrifokalität (1970) beinhaltet gleichzeitig die Kombination der Begriffe: Matrilinearität (Verwandtschaft in Mutterfolge) und Matrilokalität (Wohnsitz der Lineage der Frau), wonach die gesamte Ordnung einer Gesellschaft auf die Frauen ausgerichtet ist, nämlich in Abstammung und Residenzregelung.

Als matristisch werden demnach regelmäßige Gesellschaften bezeichnet, die matrilinear und matrilokal sind. Die gesellschaftliche Stellung der Frau kann hier außerordentlich gut sein, jedoch ist es nicht zulässig automatisch von einer Herrschaft über und damit Schlechterstellung von Männern zu sprechen (s. Matriarchat, als Gegenbegriff zu Patriarchat, in welchem Frauen von Männern unterdrückt werden). (vgl. Wesel 1980, S. 33 ff; S. 151 f)

Bei Wesel finden wir zudem einen wichtigen Hinweis zu den Ursprüngen von Matrilinearität und damit von vorausgegangener Matrilokalität.

Matrilineare Gesellschaften zeigen sich besonders häufig in Gegenden, in denen wegen der Bodenbeschaffenheit eine bestimmte Form von Landwirtschaft betrieben wird, nämlich: der Garten- oder Hackbau ohne Pflug.

(Von den Ethnologen wird eine derartige Zone in Afrika- von Zaire bis Tansania- als „matrilinearer Gürtel“ bezeichnet, denn es findet sich hier fast ausschließlich Matrilinearität).

Die Arbeitskollektive im Garten- oder Hackbau ohne Pflug bestehen hauptsächlich aus Frauen, woraus der Rückschluss gezogen werden kann, warum die Männer zu den Frauen ziehen und nicht umgekehrt.

Die regelmäßige Ursachenkette für Matrilinearität lautet also:

Hackbau – weibliche Arbeitskollektive – Matrilokalität – Matrilinearität.

(ebd. 127 f)

Patriarchalismus

Der Begriff meint: Mannesherrschaft in einem sozialen Gebilde (Familie, Sippe, Staat, etc.), welche nicht auf Wahlen oder Leistungen basiert, sondern auf Herkunft oder tradierten Nachfolgeregeln.

Hierbei handelt es sich meist um den Vater, den Sippenältesten oder sonstige ältere Männer, die Verhalten und Normen steuern und kontrollieren.

In dieser Gesellschaftsordnung obliegt dem Mann/ Vater die oberste Entscheidungs- und Verfügungsgewalt über alle Familienmitglieder.

Der Terminus stammt aus der späten griechischen Sprache- der Übersetzung des Alten Testaments (Patriarchen = Erzväter). (vgl. Wesel 1980, S. 152)

2 Historischer Hintergrund

Der Name Minangkabau tauchte erstmals im Jahre 1365 (Loeb 1935) auf. Etwa auf diese Zeit geht die Gründung des Königreichs Minangkabau zurück.

Im Laufe des 16. Jahrhunderts gelangte der Islam in das zentrale Hochland, allerdings nicht durch Araber, sondern durch Minangkabau, die den Islam an der Küste kennen gelernt hatten (Joustra 1923).

Zur etwa selben Zeit setzte der Niedergang des Reiches ein. Zuerst geriet die Westküste unter die Kontrolle fremder Mächte, erst der Aceh, dann der holländischen ostindischen Kompanie (17./18. Jh.), der Engländer (1795-1819) und schließlich der holländischen Kolonialherrschaft.

Die Holländer waren es dann auch, die eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen dem Königshaus und einer fanatischen Muslimsekte, den „padri“, ausnutzten, um ihren Herrschaftsbereich von der Westküste in das Hochland hinein auszudehnen (1837). Die rund 500jährige Geschichte des Minangkabau -Reiches wurde durch die Verbannung des letzten Minangkabau - Königs nach Batavia (1842) beendet. Von da an blieb West-Sumatra ein fester Bestandteil des Kolonialimperiums von Niederländisch Indien bis zur Unabhängigkeit Indonesiens im Jahre 1945. (vgl. Scholz 1977, S. 31 f)

3 Die geographische Lage

Die Zipfel des 6400 langen Inselreichs Indonesiens liegen so weit auseinander wie Hamburg und z.B. der Kongo. Die gesamte Land- und Wasserfläche Indonesiens umfasst fünf Millionen Quadratmeter, davon sind mehr als zwei Millionen Quadratmeter Land. Von den zehn größten Inseln der Erde gehören drei weitgehend und vollständig zu Indonesien (Neuguinea, Borneo und Sumatra); außerdem gibt es ca. 30 Inselgruppen, von denen jede mehr als tausend Inseln zählt. Von den 13677 Inseln, die zum Staatsgebiet gehören, haben etwa 6000 einen Namen, und nur 992 sind ständig bewohnt. (vgl. Dalton 1991, S. 14)

Der Siedlungsraum der Minangkabau, einer der dynamischsten jungmalaiischen Bevölkerungsgruppen ganz Indonesiens, zieht sich von der Westküste Mittelsumatras bis in das vulkanische Hochland des Bukit Barisan-Gebirges hinaus.

Das Siedlungsgebiet der Minangkabau liegt im Hochland des westlichen Zentralsumatra, gesäumt vom Barisan-Gebirge. Das Kerngebiet, darek, umfasst die drei Distrikte Agam, Tanah Datar und Limapuluh Koto, die um die drei Vulkane Merapi, Singgalang und Sago gelegen sind. Das umgebende Gebiet dieser drei Distrikte wird Peripherie, rantau, genannt.

Hier in der „Urheimat“, leben etwa 3,5 Millionen Minangkabau, eine weitere Million lebt in der Peripherie bis zur Küste am Indischen Ozean und ca. 3,5 verstreut im indonesischen Archipel sowie Malaysia, Singapur und Australien.

Die beiden urbanen Zentren sind Pandang, sie ist die Provinzhauptstadt an der Südwestküste mit 700000 Einwohnern, und Bukittinggi, sie ist die Kultur- und Handelsmetropole des Hochlandes mit 100000 Einwohnern. (vgl. Benda-Beckmann 1985, S. 504)

4 Wirtschaft- und Infrastruktur

Im Agrarland West-Sumatra finden sich, mit Ausnahme kleinerer weiterverarbeitender Industrien landwirtschaftlicher Produkte, keine nennenswerten industriellen Produktionsstätten, denn die mangelnde infrastrukturelle Ausstattung der Provinz und die abseitige Verkehrslage lassen potentielle Investoren auf Abstand bleiben. (vgl. Scholz 1977, S. 173)

Auch die Viehzucht spielt wegen des Regenwaldklimas hier nur eine untergeordnete Rolle, Wasserbüffel und Pferde werden lediglich als Arbeitstiere eingesetzt, daneben gibt es Kleinvieh (Hühner und Enten). (vgl. Scholz 1977, S. 38)

Gründe für die Bedeutsamkeit der Landwirtschaft in dieser Region sind u.a. das Fehlen von Bodenschätzen und die Tatsache, dass vorhandene Holzbestände (70 % der Gesamtfläche sind noch mit Wäldern bedeckt) u.a. aufgrund der äußerst großen Höhenunterschiede (Gebirge) und den daraus resultierenden Transportproblemen, sowie ökologischen Gründen nicht wirtschaftlich verwertbar sind.

4.1 Landwirtschaft und Handel

Der überwiegende Teil der Minangkabau in West-Sumatra lebt demzufolge von der Landwirtschaft, welche neben Handwerk und Handel den mit Abstand wichtigsten Wirtschaftszweig darstellt (44,8 % des gesamten Bruttosozialprodukts in der Gesamtwirtschaft West-Sumatras 1969; Quelle: ESMARA 1971, in: Scholz 1977, S. 38).

Schätzungen zufolge sind 70 – 80 % aller Personen im erwerbsfähigen Alter haupt- oder nebenberuflich in der Landwirtschaft beschäftigt.

Beträchtliche Niederschläge (-Bewässerung der Reisterrassen), ein gleichbleibend hohes Wärmeangebot und günstige Bodenqualitäten gewährleisten den ganzjährig ununterbrochenen, bodenkultivierenden Anbau verschiedenster Nutzpflanzen. (Scholz 1977, S. 14; 38)

Die unterschiedlichen Höhenlagen der Dörfer erlauben variable Anbauformen, wodurch eine wirtschaftliche Diversifizierung (Vielfalt) nach ökologischen Aspekten begünstigt wird:

tiefer gelegene Dörfer konzentrieren sich auf Reis und den Gartenbau; Dörfer in Mittellagen kombinieren Reisanbau mit dem Anbau von Marktfrüchten auf Trockenfeldern (ladang) für den regionalen und den Exporthandel; Bergdörfer konzentrieren sich, aufgrund fehlender Bewässerungssysteme, auf den Anbau von Marktfrüchten auf ladang und auf das dörfliche Handwerk (Weben und Färben von Textilien). (vgl. Lenz 1990, S. 285 f)

Neben der wichtigsten Nahrungspflanze, dem Nassreis, werden Maniok, Bergreis, Chilli und Mais angebaut.

Zu den wichtigsten Handelpflanzen zählen: Kautschuk, Kokospalmen, Gewürze (Zimt, Nelken, Muskat) und Kaffee.

Nahezu die gesamte agrarische Produktion stammt aus Klein- bzw. Kleinstbetrieben, mit relativ hohem anbautechnischen Niveau (aus Mangel an Kapital steckt die Mechanisierung jedoch noch in den Anfängen), deren vorrangiges Ziel es ist, den Eigenbedarf zu sichern.

[...]

Details

Seiten
40
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638122658
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3667
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Sozialwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Minangkabau Seminar Frau Familie Vergleich

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Titel: Die Minangkabau