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"Die Gelehrtenrepublik" von Arno Schmidt. Eine Untersuchung zur fiktionalen und sprachlichen Gestaltung

Hausarbeit 2017 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Arno Schmidts Theorie der Modernen Literatur

III. Aspekte der fiktionalen Gestaltung
III.1 Das Einbezogenwerden in die Subjektive Realität

IV. Aspekte der Sprachgestaltung
IV.1 Expressionistische Ästhetik im Werk

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„… und dann standen wir wieder draußen : ich riß mir das sterilisierte Gelumpe herunter; ich schrie : »Geht denn das ? !«. (Diese Gehirntransplantation nämlich.“ (S.172)[1]. Dieses Zitat stammt von dem Reporter Charles Henry Winer aus Arno Schmidts Kurzroman 'Die Gelehrtenrepublik' und es ist typisch für diesen. Mit prekären Darstellungen, ungewohnter Satzstruktur und unüblicher Interpunktion lehnt sich Arno Schmidt an den Stil expressionistischer Werke an, experimentiert in gewisser Weise. Seine Sprachgestaltung und die Art der Worte die er gekonnt seinen Erzählinstanzen in den Mund legt, lassen jene wirklichkeitsnähere Bewusstseinsabläufe vermitteln. Der Autor begriff es, sein Buch mit zwei verschiedenen Fiktionsebenen aufzubauen und den Leser damit in eine objektiv-subjektive Welt hineinschauen, aber nicht eintauchen zu lassen. Fünf Teile umfasst das Werk: Eine editorische Notiz, eine Tabelle, das Übersetzervorwort, die Schilderung des Hominidenstreifen und die Schilderung der IRAS. All dies gehört in 'Die Gelehrtenrepublik' und ist Teil von Schmidts Strategie einer Verbindung von subjektiver und objektiver Realität. 1957 schrieb der Autor an den deutschen Schriftsteller Alfred Andersch, dass der Hauptcharakter seines Romans sehr viele Eindrücke zu verarbeiten hätte, die „erst einmal schnell in ein paar ungefähr roh=angemessen Schubladen […] verstau[t]“ werden müssten[2]. Dies entspricht sehr gut dem Eindruck, der bei der Lektüre des Werkes aufkommt. In der folgenden Arbeit soll zu erst kurz auf Arno Schmidts Theorie der Modernen Literatur eingegangen werden auf deren Grundlage seine Intention im Sprachgebrauch und das Einsetzen anderer Mittel besser zu verstehen sein wird. Im weiteren Verlauf gilt es einige Aspekte der sprachlichen Gestaltung in 'Die Gelehrtenrepublik' zu untersuchen. Hierbei soll erklärt werden, wie Schmidt den Leser sofort in die dargestellte subjektive Realität mit einbezieht. Danach werden die zwei demonstrierten Erzählerinstanzen einander gegenübergestellt, die wie das danach am Titel dargestellt wird, sich in einem ironischen Spannungsverhältnis ergänzen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird Schmidts Bezug zum Expressionismus und die expressionistische Ästhetik im Werk herausgearbeitet und an einigen Beispielen anschaulich demonstriert werden.

II. Arno Schmidts Theorie der Modernen Literatur

Für Arno Schmidt war die strukturelle Anordnung innerhalb der Älteren Literatur zu sehr am gesellschaftlichen Normenkodex orientiert und deshalb hatte er das Ansinnen, in seinen neuen Prosaformen, Abläufe des Bewusstseins wirklichkeitsnaher zu gestalten, als das bisher der Fall gewesen war[3].

Betrachtet man sein Werk 'Die Gelehrtenrepublik' wird unweigerlich deutlich, dass hier nicht in „normaler Weise“ – insoweit es eine normale Form in der Literatur geben mag - verfahren wurde. Mit „nicht in normaler Weise“ soll hier die Art des Schreibens gemeint sein, die Einfügung von Fußnoten, Übersetzervorwort- und Fiktion, editorische Notiz und vieles Weiteres, was der Autor hier einsetzte um seine gewünschte Subjektivität in Darstellung einer dem Bewusstsein nahen Erlebniswelt zu erproben oder zu festigen. Der Text stellt den Leser bei einer ersten Lektüre womöglich vor einige Fragen, die erst mit einer Hintergrundrecherche zu Schmidts Arbeiten beantwortet werden können. In seinen „Berechnungen I“ sprach der Autor von vier neuen Prosaformen: „Erinnerung“, „Musivisches Dasein“, „Längeres Gedankenspiel“ und „Traum“[4]. Hierbei soll nicht direkt auf alle diese Formen, sondern eher auf Schmidts Intention dabei eingegangen werden. Bezogen auf die Erprobung neuer Formen, erscheint es auch logisch, dass der Autor meinte, dass sein Werk zu der sogenannten reinen Literatur gehöre[5]. In der Wissenschaft war dieser Begriff komplementär zu „angewandt“ schon durchaus anerkannt, woraus Schmidt es nun aber verstand eine Korrespondenz zur Literatur herzustellen, für die er so lange plädierte[6]. Schmidt meinte mit dem Ausdruck „reine Literatur“, Werke, bei denen der strukturelle Aspekt in einer übergeordneten Funktion stehe und dass die angewandte von der reinen Literatur somit profitiere. Wissenschaftlich – rein und angewandt sind ja eigentlich wissenschaftliche Begriffe die die Konnotation einer Strukturbedeutung tragen - erscheint uns der Text in jedem Fall, insofern der Leser schon zu Beginn des Romans mit einer Tabelle konfrontiert wird, die auf den ersten Blick nichts mit einem literarischen Text zu tun haben mag. Die Tabelle ist überschrieben mit „Daten“ (S.6) und lässt den Leser so stark an Statistik, Auswertung, eben wissenschaftlich reale Erfassung denken.

Auch der Begriff der „alltägliche[n] Lebenswelt“ spielt bei Arno Schmidt eine bedeutende Rolle. Hierzu könnten die Bedingungen genannt werden, die laut Schmidt in einer objektiven Realität geleistet werden müssten. Der wichtigste Aspekt der sich daraus herausfiltern lässt ist der Wahrheitsanspruch und der Bezug zum real Möglichen[7]. „Die Realität wird“, so Boy Hinrichs, „nicht in irrealen, irrationalen Perspektivierungen aufgehoben, sondern aus der Perspektive des in sie inbegriffenen Subjekts ›beobachtet‹ und ›beschrieben‹[8].“

Ebenso befasste sich der Autor mit dem Schaffen Sigmund Freuds und seiner Psychoanalyse, schuf eine Verbindung zwischen seiner Literatur und dem Schaffen Freuds, in dessen Zusammenhang seine Etymtheorie entstand[9]. Laut Schmidt, hätten Worte nicht nur die Bedeutung, die ihnen durch ihre besondere Schreibweise zukommen würden, sondern nebenbei würden sich daraus auch noch Konnotationen ergeben, was im Sinne von bewusst und unbewusst eben seinen Bezug zur Psychoanalyse habe, denn das Wort sei so gesehen das Bewusste, während das Unbewusste, die Konnotation, die Etymsprache sei[10]. Um auf die besser dargestellten Abläufe des Bewusstseins, für die Schmidt plädierte, zurückzukommen lässt sich also sagen: „Jede Wort-Etym-Kombination ist das dezidiert subjektive Produkt eines subjektiven Bewußtseins[11].“

Der wohl wichtigste Aspekt in Bezug auf Schmidts Theorie der Modernen Literatur, ist der des Längeren Gedankenspiels, worauf hier doch noch kurz eingegangen werden soll. Dabei ging er davon aus, dass wie das Wort es schon sagt, im Menschen immer längere Gedankenvorgänge vorhanden wären, die zwar so von der objektiven Realität abhängig seien, aber die Struktur der subjektiven Realität maßgeblich bestimmen würden, doch „das LG strukturiert nicht nur die subjektive Realität“, so Boy Hinrichs, „sondern beeinflusst auch den Ursprung seiner selbst, das Erleben der objektiven Realität[12].“ Dadurch, dass die objektive Realität zu Beginn eingeleitet werde, zeige dies also die Herkunft der subjektiven Realität an. Wenn folglich das längere Gedankenspiel beginnt, werde dies aus der subjektiven Warte aus betrachtet und mache so einen Zugang aus dieser Perspektive zur objektiven Realität möglich[13]. Subjektive und objektive Realität sind also unabdingbar ineinander verflochten.

III. Aspekte der fiktionalen Gestaltung

III.1 Das Einbezogenwerden in die Subjektive Realität

Arno Schmidt leitet in 'Die Gelehrtenrepublik' nicht sofort in die Geschichte ein, sondern stellt ihr ein Übersetzervorwort dem dann noch Daten vorausgehen, voran. Wo man sich bei einiger Literatur nicht einmal dem Vorwort zu widmen vermag, beziehungsweise über das Wort vom Übersetzer hinwegschauen möchte, so bleibt auch die Lektüre jenes Textes bei Arno Schmidt obligatorisch im Gesamtzusammenhang verankert, denn ebenso dies ist schon Teil der Erzählung und unabdingbar für das Verständnis des Werkes. Den Übersetzer, den der Autor somit schon im Vorwort – oder eigentlich noch früher, nämlich bei der Datenangabe – einführt, wird Chr. M. Stadion genannt und als Vermittler der niedergeschriebenen Ereignisse des Reporters Charles Henry Winers angeführt, ist eben somit bereits Bestandteil der literarischen Gestaltung Schmidts. Gerade diese Merkmale zeichnen schon die subjektive Realität aus[14]. Ohne weiter darauf hingewiesen zu werden, wird der Leser also mit in diese Realität aufgenommen und erfährt gleichrangig mit dem Übersetzer neue Informationen, wird eingeleitet in das Geschehen[15]. Beispielhaft ist das an einer Stelle im Übersetzervorwort mitzuverfolgen:

„Was die eigentliche „Gelehrtenrepublik“ anbelangt, so wird in der zweiten Hälfte der vorliegenden Beschreibung wohl bei jedem unbefangenen Leser der Eindruck entstehen, dass wir auch hier – sei es durch Rundfunk, sei es durch Fernsehen – nur selektiv unterrichtet worden sind.“ (S.7)

Hier lässt sich sehr gut beobachten, dass der Übersetzer seinen Unmut über diese fehlenden Informationen äußert und sich loyal auf die Seite der Leser zu stellen versucht indem auch er als der Typ Ununterrichtete dargestellt wird. So meint auch Boy Hinrichs, „[d]ie Übersetzungsfunktion insgesamt festigt diese Verbindung zwischen der subjektiven Realität und dem Leser auf einer ganz elementaren Ebene[16].“ Da der Leser nur mittelbar an dieser Welt teilhaben kann, wird auch die Sprache dieser Mittelbarkeit angeglichen und so erklären sich im Vorwort die Schwierigkeit des Übersetzens und das Hinzuziehen der Fußnoten.

[...]


[1] In der folgenden Arbeit werden die Zitate aus Arno Schmidts „Die Gelehrtenrepublik“ lediglich mit Seitenzahlen in Klammern im Fließtext markiert. Dabei wird aus Schmidt, Arno: Die Gelehrtenrepublik. Kurzroman aus den Rossbreiten. Bargfeld: Haffmans Verlag. 1993 zitiert.

[2] Vgl.: Albrecht, Monika: »Mir war nie wohl in meiner rosa Haut«. Arno Schmidts ›Kurzroman‹ Die Gelehrtenrepublik aus postkolonialer Sicht. In: Der Prosapionier als Letzter Dichter. Hg. von Timm Menke, Robert Weninger. Bargfled: Arno-Schmidt-Stiftung 2001, S. 56

[3] Vgl.: Suhrbier, Hartwig: Zur Prosatheorie von Arno Schmidt. Edition Text und Kritik. In: Bargelfelder Bote (1980), S. 8

[4] Ebd., S.9

[5] Vgl.: Hinrichs, Boy: Utopische Prosa als längeres Gedankenspiel: Untersuchungen zu Arno Schmidts Theorie der modernen Literatur und ihrer Konkretisierung in „Schwarze Spiegel“, „Die Gelehrtenrepublik“ und „Kaff auch Mare Christum“. Band 50. Tübingen: Niemeyer 1986, S. 10

[6] Ebd., S.11

[7] Ebd. S.37

[8] Ebd., S.38

[9] Ebd., S.44

[10] Vgl.: Hinrichs, B. 1968: 47

[11] Ebd., S.59

[12] Ebd.,S.100

[13] Ebd.,S.108

[14] Ebd., S.227

[15] Ebd., S.228

[16] Ebd.

Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668456822
ISBN (Buch)
9783668456839
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366846
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Utopie Arno Schmidt Die Gelehrtenrepublik Sprachstil Gestaltung

Autor

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