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Über die Verwendung von P300-basierten Polygraphen zur Lügendetektion

Eine Auseinandersetzung mit Farwells und Donchins "Interrogative Polygraphy ('Lie Detection') With Event-Related Brain Potentials"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 35 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Polygraphie
2.2. Oddball-Paradigma
2.3. Guilty Knowledge Test

3. Zielsetzung

4. Methodisches Vorgehen
4.1. Experiment 1
4.2. Experiment 2
4.3. Theoriebezogene Hypothesen
4.4. Datenakquise
4.5. Datenvorbereitung
4.6. Experimentbezogene Hypothesen

5. Ergebnisse
5.1. Experiment 1
5.2. Experiment 2

6. Diskussion und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang
A: ERPs aller Versuchspersonen des ersten Experiments in der Guilty-Condition
B: ERPs aller Versuchspersonen des ersten Experiments in der Innocent-Condition
C: Individualentscheidungen der Guilty- und Innocent-Condition des ersten Experiments
D: ERPs aller Versuchspersonen des zweiten Experiments in der Innocent- und Guilty-Condition
E: Individualentscheidungen der Innocent- sowie der Guilty-Condition des zweiten Experiments

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Bootstrap-Statistik Experiment 1 (korrigiert)

Abb. 2: Ergebnisse des ersten Experiments (korrigiert)

Abb. 3: Kriterien des Bootstrap-Index

Abb. 4: Ergebnisse des zweiten Experiments

1. Einleitung

Die verbale Sprache ist der einfachste Weg, eine Unwahrheit zu verbreiten. Ob im privaten, im beruflichen oder - wie in letzter Zeit wieder häufiger aufgetretenen - auch im politischen Kontext erzählen Menschen aus den verschiedensten Gründen kleinere oder größere Lügen. Darüber, wie häufig ein Mensch am Tag im Durchschnitt lügt, kursieren je nach Quelle höchst unterschiedliche Angaben. In einer Studie von Feldmann, Forrest & Happ (2002) gaben 121 Studierende der Universität Massachusetts in einem 10-minütigen Gespräch durchschnittlich 2,9 Aussagen zum Besten, die nicht der Wahrheit entsprachen. Ein Großteil dieser Lügen wird aus positiven sozialen Absichten getätigt. Jeder kennt die sogenannte Notlüge als Antwort auf Fragen wie „Sehe ich in diesem Kleid dick aus?“ oder „Wie verstehst du dich mit meinen Eltern?“. Neben diesen eher harmlosen Unwahrheiten existieren jedoch auch Lügen, die mitunter immense Folgen nach sich ziehen können. Eine haltlose Bombendrohung beispielsweise kann neben einem erheblichen wirtschaftlichen Schaden auch zu einer Massenpanik und damit zu Verletzten oder sogar Todesfällen führen.

Doch wie kann man die gesprochene Wahrheit von Lügen unterscheiden? Neben reiner Intuition oder dem Lesen von Körpersprache sind an dieser Stelle auch Polygraphen zu nennen, die vor allem im juristischen Kontext Anwendung finden. Diese sogenannten Lügendetektoren können anhand der erhobenen körperlichen Reaktionen jedoch auch nicht immer eine verlässliche Entscheidungshilfe bieten (vgl. bspw. Ben-Shakhar & Furedy, 2012; Horvath & Reid, 1971). Was aber wäre, wenn es einen Polygraphen gäbe, der mit unbeeinflussbaren körperlichen Reaktionen, wie der elektrischen Aktivität des Gehirns, arbeiten würde?

In der nachfolgend vorgestellten Studie von Farwell und Donchin (1991) wurde erstmals ein solches Verfahren zur Detektion von sogenanntem Schuldwissen (Guilty Knowledge) getestet, das mittels einer EEG-Aufzeichnung und der anschließenden Auswertung der P300-Komponente im ERP (Event Related Potential) arbeitet. In einem veränderten Odball-Paradigma des ersten von zwei Experimenten wurde den 21 Versuchspersonen spezifisches Schuldwissen präsentiert, das sie nur identifizieren konnten, wenn sie zuvor an einem von zwei inszenierten Spionageszenarien teilgenommen hatten. Mit Hilfe der P300-Komponente des während des Versuchs aufgezeichneten ERPs sollte anschließend eine Aussage darüber getroffen werden können, ob eine Versuchsperson in dem entsprechenden teilgenommen hatte und somit das entsprechende Schuldwissen besaß. In einem weiteren Versuch wurden vier Personen mit Schuldwörtern (Probes) konfrontiert, die mit einem tatsächlichen, kleineren Delikt aus ihrer eigenen Vergangenheit in Verbindung standen. Dies geschah ebenfalls mit Hilfe eines veränderten Oddball-Paradigmas. In beiden Fällen konnten die meisten Versuchspersonen (jeweils 87,5%) dem richtigen Szenario beziehungsweise dem entsprechenden Delikt zugeordnet werden.

Bevor diese Studie jedoch ausführlich beschrieben wird, werden im ersten Teil dieser Arbeit die theoretischen Grundlagen zum Thema Lügendetektion dargestellt. Dabei werden die Polygraphie, das klassische Oddball-Paradigma sowie den Guilty-Knowledge-Test beleuchtet. Anschließend folgt eine detailliertere Darstellung der Studie, welche die Beschreibung der Hypothesen, der Vorgehensweise sowohl bei der Datenerhebung als auch die der späteren Auswertung sowie der Ergebnisse umfasst. Im letzten Teil dieser Arbeit stehen die kritische Würdigung und Diskussion der Studienerkenntnisse, die auch mit neueren Studien in Bezug gesetzt werden. Daneben werden auch Implikationen für die Praxis vorgeschlagen.

2. Theoretische Grundlagen

In dieser Arbeit wird die Studie von Farwell und Donchin (1991) zum Einsatz eines P300-basierten Polygraphen ausführlich erläutert und hinsichtlich ihrer Einsetzbarkeit bewertet. Dafür ist jedoch eine vorangestellte, umfassende Beleuchtung des theoretischen Hintergrundes notwendig. Der Begriff des Polygraphen, das Oddball-Paradigma sowie der Guilty-Knowledge-Test werden dafür nachfolgend vorgestellt und bezüglich der Verwendung in der Studie dargelegt.

2.1. Polygraphie

Etymologisch leitet sich der Begriff Polygraph vom griechischen polygraphia („Vielschreiben“) ab und bezeichnet ein Gerät, mit dessen Hilfe multiple biologische Parameter des ANS (Autonomic Nervous System) aufgezeichnet werden können. Bei diesen Parametern handelt es sich beispielsweise um die elektrische Leitfähigkeit der Haut, Atmungs- oder kardiovaskuläre Veränderungen (vgl. bspw. Barland & Raskin, 1975; Podlesny & Raskin, 1978). Eine solche Erhebung findet meist in Verbindung mit der Befragung einer Person statt, wobei die körperlichen Daten später Auskunft über das Aktivitätsniveau dieser Person geben sollen. Anschließend wird dies in Bezug zu dem Befragungsinhalt (bspw. den Hergang einer Straftat) gesetzt. Diese hauptsächliche Verwendung bescherte dem Polygraphen auch die umgangssprachliche Bezeichnung „Lügendetektor“.

Die Grundlage der meisten eingesetzten Polygraphen sind die o.g. unwillkürlichen körperlichen Reaktionen des ANS, die zwar mehrere befürwortende Studien für eine interrogative Verwendung vorweisen (bspw. Barland & Raskin, 1975; Office of Technology Assessment, 1983; Raskin, 1986), jedoch auch einige Schwierigkeiten mit sich bringen. Demnach ist nicht auszuschließen, dass körperliche Reaktionen, wie der Puls oder die Atmungsfrequenz, doch zu einem bestimmten Grad willentlich oder durch chemische Substanzen beeinflusst werden können (bpsw. Ben-Shakhar & Furedy, 2012; Furedy, 1986; Horvath & Reid, 1971; Lykken, 1981). Beispielsweise könnte die Einnahme von Beruhigungsmitteln zu einer Verlangsamung des Pulses und damit zu einer Verfälschung der Daten führen. Damit würden diese biologischen Parameter keine verlässliche Grundlage für Entscheidungshilfen bieten.

2.2. Oddball-Paradigma

Beim Oddball-Paradigma (Fabiani, Gratton, Karis, & Donchin, 1987) handelt es sich um ein Versuchsdesign, das im Rahmen von ERP-Messungen Verwendung findet. Hierbei werden die Versuchspersonen mit einer Reihe von Stimuli konfrontiert, die sie nach einer vorher festgelegten Regel in zwei Kategorien (Targets und Irrelevants) einordnen sollen. Form und Inhalt sowohl der Kategorien als auch der Stimuli sind dabei flexibel und können somit dem jeweiligen Zweck der Untersuchung angepasst werden. Die genaue Vorgehensweise der Stimulikategorisierung muss den Versuchspersonen jedoch bereits vor dem Versuch bewusst und verständlich sein. Im Experiment erscheinen die Stimuli beider Kategorien in randomisierter Folge. Dabei müssen die Stimuli einer Kategorie deutlich seltener erscheinen (Targets) als die der anderen (Irrelevants). Ist diese Voraussetzung erfüllt, veranlassen die Stimuli der seltenen Kategorie im ERP der Versuchspersonen eine erhöhte P300-Komponente (Barland & Raskin, 1975). Die Amplitude dieser P300 ist dabei invers proportional zur Auftretenswahrscheinlichkeit eines Stimulus aus dieser Kategorie, und direkt proportional zur Bedeutung des Stimulus für die Person (da eine Einordnung in die seltene der beiden Kategorien mehr Konzentration erfordert). In entgegengesetzter Richtung lässt sich ebenso aus einer hohen P300-Amplitude relativ zu denen eines irrelevanten Stimulus schlussfolgern, dass die Testperson einen Stimulus als Target interpretiert und in die seltene Kategorie eingeordnet hat.

2.3. Guilty Knowledge Test

Beim Guilty Knowledge Test (GKT) von Lykken (1959, 1960) werden einer Person Fragen im Multiple-Choice-Format zu einem Ereignis gestellt, während sie an einen Polygraphen (siehe Kapitel 2.1) angeschlossen ist. Bei den dabei erhobenen physischen Parametern handelt es sich in den meisten Fällen um die elektrische Hautleitfähigkeit, sowie dem Puls und der Atemfrequenz. Der Personen werden Fragen zu einem Tathergang präsentiert, deren korrekte Beantwortung nur jemandem gelingen dürfte, der oder die selbst Teil des Geschehnisses gewesen ist. Jeweils nur eine der nacheinander präsentierten Antwortmöglichkeiten auf eine Frage ist richtig und verkörpert damit das entsprechende Schuldwissen (Guilty Knowledge). Beispielsweise könnte eine Frage sein, welche Farbe das Fluchtfahrzeug hatte, woraufhin einige Antwortmöglichkeiten (blau, rot, schwarz, gelb, grün) präsentiert würden. Die zugrundeliegende Annahme ist, dass die befragte Person körperlich stärker auf die jeweils richtige Antwort (bspw. schwarz) reagiert, wenn sie im Besitz des entsprechenden Wissens ist – ohne, dass sie überhaupt eine Antwort aktiv auswählen muss. Denn auch, wenn die Person zwar im Besitz des Guilty Knowledges ist (schwarz), jedoch eine andere Antwort (rot) als richtig auswählt und damit lügt, würde der Polygraph eine stärkere Reaktion bei der Präsentation der eigentlich richtigen Antwort (schwarz) anzeigen. Personen, die nicht im Besitz des jeweiligen Tatwissens sind, soll es nicht möglich sein, die zutreffende Antwort von den Übrigen zu unterscheiden. Neben den Fragen zum entsprechenden Geschehnis werden den Versuchspersonen außerdem eine Reihe unkritischer Fragen gestellt, die in der späteren Analyse als Baseline dienen. Der GKT bietet damit eine gute Absicherung gegen falsch positive Schlussfolgerungen (Alpha-Fehler).

Getestet wurde dieses Verfahren erstmals in einer Studie von Lykken (1959) mit 49 männlichen Studenten, die randomisiert in vier Gruppen eingeteilt wurden. Jeweils eine dieser Gruppen nahm an einem von zwei inszenierten Verbrechen teil. Eine Gruppe nahm an beiden Szenarien teil und die vierte Gruppe an keinem. Mit Hilfe eines GKT, wie oben beschrieben, konnten 89,8% der Versuchspersonen im Nachhinein jeweils der richtigen Gruppe zugeordnet werden.

Während alle Versuchspersonen, die nicht Teil eines Szenarios waren, korrekt als unschuldig klassifiziert wurden, konnte die Schuld einer Versuchsperson nur in 44 der 50 Befragungen identifiziert werden (Teilnehmer beider Szenarien wurden auch zu beiden befragt). Das Ausbleiben erhöhter Responsivität auf eine richtige Antwort beim GKT kann also nicht abschließend zur Klassifizierung unschuldig herangezogen werden. Damit bietet der GKT eine eher schlechte Kontrolle von falsch negativen Schlussfolgerungen (Beta-Fehler).

3. Zielsetzung

Wie bereits einleitend beschrieben bringen herkömmliche Polygraphen, die mit biologischen Parametern des ANS wie dem Herzmuskeltonus arbeiten, einige Einbußen hinsichtlich ihrer Verlässlichkeit mit sich (bpsw. Ben-Shakhar & Furedy, 2012; Furedy, 1986; Horvath & Reid, 1971; Lykken, 1981). Bestimmte Potentiale innerhalb eines ERPs gehen laut Donchin (1981) oder Donchin & Coles (1988)[1] mit spezifischen Prozessen der Informationsverarbeitung einher, die nicht direkt kontrollierbar sind, und lassen so auf das Aktivitätsniveau eines Menschen schließen. Dieser Annahme entsprechend stellen auch die Komponenten eines ERPs unwillkürliche biologische Parameter dar, die aufgezeichnet und innerhalb einer Interrogation entsprechend ausgewertet werden können. Aus diesem Grund wird die Aufzeichnung und Auswertung eines ERPs nicht nur als ebenfalls geeignet zur Interrogativen Polygraphie angesehen, sondern könnte der herkömmlichen Polygraphie hinsichtlich der Reliabilität sogar überlegen sein. Die Zielsetzung der Studie von Farwell und Donchin (1991) ist es demnach, zu untersuchen, ob die P300-Komponente des ERPs tatsächlich ein verlässlicher Parameter innerhalb der interrogativen Polygraphie ist. Hieraus leitet sich folgende Forschungsfrage ab:

F1: Lässt sich die ERP-Komponente P300 zur Interrogativen Polygraphie verwenden?

Die Erhebung von Daten innerhalb einer Interrogation dient dabei vordergründig dazu, herauszufinden, ob eine Person wissentlich Informationen zurückhält; also lügt (Barland & Raskin, 1975). Hierzu verwenden Farwell und Donchin (1991) eine abgewandelte Form des oben beschriebenen Oddball-Paradigmas (Fabiani u. a., 1987) in Zusammenhang mit dem ebenfalls vorgestellten klassischen Guilty Knowledge Test (1959, 1960). Aus diesem im folgenden Kapitel beschriebenen Untersuchungsdesign werden hier ebenfalls spezielle Hypothesen abgeleitet. Jedoch lässt sich bereits an dieser Stelle festhalten, dass die Grundannahme der Studie der Anstieg des Aktivitätsniveaus (P300) bei bestimmten Items (Guilty Knowledge) in der Befragung ist, was als Zeichen für dessen tiefere kognitive Verarbeitung angesehen werden kann. Dies deutet auf eine höhere Bedeutung dieses Items für die betreffende Person als die der Vergleichsitems hin.

4. Methodisches Vorgehen

Farwell und Donchin behandeln in ihrer Studie (1991) also vor allem die Frage, ob und inwieweit ein P300-basierter Polygraph reliable Ergebnisse liefert, und so auch in der Praxis Entscheidungshilfen über die Schuld oder Unschuld einer Person liefern könnte, die verlässlicher sind als die bisheriger Lügendetektoren. Es handelt sich demnach um eine Machbarkeitsstudie. Auf Basis der vorher dargelegten theoretischen Grundlage werden nachfolgend die experimentellen Designs der beiden Experimente von Farwell und Donchin (1991) beschrieben, wobei insbesondere das veränderte Oddball-Paradigma, die Untersuchungsabläufe mit den entsprechenden Stichproben, sowie die Datenakquise und –vorbereitung vertieft werden. Im Verlauf werden ebenfalls theoriebezogene sowie experimentbezogene Hypothesen vorgestellt, die mitunter als Kriterien der Einsetzbarkeit eines P300-basierten Polygraphen verstanden werden können. Aufgrund des starken Bezugs zum experimentellen Design werden diese hier erst nach der Beschreibung des Designs vorgestellt.

4.1. Experiment 1

Das erste der zwei Experimente von Farwell und Donchin (1991) gliederte sich in zwei Untersuchungstage. Am ersten Tag nahmen die Versuchspersonen am Training eines von zwei inszenierten Spionageszenarios teil, ohne von der Existenz des zweiten Szenarios zu erfahren. Anschließend daran führten sie ebendieses trainierte Szenario tatschlich aus. Die Durchführung eines veränderten Oddball-Tasks als das eigentliche Experiment mit der P300-basierten Polygraphie fand am zweiten Untersuchungstag statt. Insgesamt nahmen am ersten Experiment zwölf Frauen und acht Männer im Alter von 19 bis 27 Jahren teil. Diese 20 StudentInnen und AbsolventInnen der University of Illinois erhielten für ihre Teilnahme eine Vergütung in uns unbekannter Höhe.

Da es sich hier um das Erkennen von willentlich zurückgehaltenem Wissen (Guilty Knowledge) bzw. die Erkennung von Lügen zu einem Sachverhalt handelt, war es aus Gründen der Objektivität und Vergleichbarkeit unabdingbar, dass die Versuchspersonen zum gleichen Sachverhalt befragt wurden. Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass zufällig 20 Studierende der University of Illinois das exakt gleiche Wissen zu einem Geschehnis besitzen, in dem sie die exakt gleiche Rolle einnahmen, und sich diese auch noch zu diesem Experiment bereit erklären würden, extrem klein. Deshalb wurde im ersten Experiment von Farwell und Donchin (1991) im Vorlauf ein Spionageszenario durchgeführt, das nicht nur eine Vergleichbarkeit der oben genannten Konditionen bietet, sondern auch für den gleichen zeitlichen Abstand des Geschehnisses zum Experiment sorgt. In vielerlei Hinsicht ist eine inszenierte Situation für die Testung eines Lügendetektors echten, variierenden Verbrechen vorzuziehen.

Im Szenario mussten die Versuchspersonen an einen bestimmten Ort gehen, um dort eine andere Person (keine Versuchsperson) zu treffen. Von dieser anderen Person erhielt die Testperson gegen ein vorher festgelegtes Passwort eine spezielle Akte. Um diese inszenierte Mission erfolgreich absolvieren zu können, wurde jede Versuchsperson im Vorlauf trainiert. Insgesamt erhielt jede Versuchsperson sechs exakte Instruktionen zu ihrem der beiden Szenarios. Als Überprüfung wurden diese Instruktionen anschließend mit Hilfe eines Multi-Media-PCs abgefragt. Eine Versuchsperson wurde erst zur Mission zugelassen, wenn sie mindestens fünfmal hintereinander die richtige Antwort auf alle Fragen bzgl. der Instruktionen gegeben hatte. Hatte die Versuchsperson die Instruktionen nachweislich verinnerlicht, begann das Szenario und die Mission wurde durchgeführt. Im Experiment gab es zwei verschiedene Szenarien, die sich zwar im Tathergang nicht unterschieden, aber verschiedene Details aufwiesen. So ging es im ersten Szenario bspw. um die Akte „ Rain File “ in der „ Perch Street “, dagegen im zweiten Szenario um die Akte „ Owl File “ in der „ Lion Street “ (vgl. Farwell & Donchin, 1991, S. 547). Die Zuordnung der Versuchspersonen zu jeweils einem der Szenarios erfolgte zufällig.

Am darauffolgenden Untersuchungstag fand das eigentliche Experiment statt. Hierbei absolvierte jede Versuchsperson einen veränderten Oddball-Task in insgesamt sechs Blöcken (drei Blöcke je Szenario). Jeder Block beinhaltete jeweils sechs Probes und Targets , sowie 24 Irrelavants, die nach einmaliger Präsentation jedes Items (also alle 36 Trails) neu randomisiert wurden. Dies geschah insgesamt viermal je Block, so dass ein Block insgesamt aus 144 Trails bestand. Währenddessen wurde ein EEG aufgezeichnet, das schlussendlich bzgl. der P300-Komponente ausgewertet wurde.

Der veränderte Oddball-Task kann als eine Kombination aus dem klassischen Oddball-Paradigma (Fabiani u. a., 1987) und dem Guilty-Knowledge-Tests (Lykken, 1959) verstanden werden. Wie in Kapitel 2.2 beschrieben, werden den Versuchspersonen im klassischen Oddball-Paradigma Stimuli präsentiert, die anhand einer vorher bekannten Regel einer von zwei Kategorien zugeordnet werden sollen: Targets oder Irrelavants (ebd.). Farwell und Donchin (1991) fügten für ihren Versuch noch eine weitere Kategorie hinzu: die sog. Probes. Diese Items stellen das Guilty Knowledge dar und waren in diesem Fall die sechs vorher erlernten Instruktionen eines Szenarios. Ohne das entsprechende Guilty Knowledge zum jeweiligen Szenario waren die Probes nicht von den Irrelavants zu unterscheiden. Von allen Versuchspersonen (egal ob „ guilty“ oder nicht) sollten die Probes in die häufiger vorkommende Kategorie der Irrelavants eingeordnet und damit wie tatsächliche Irrelevants behandelt werden. Die Aufgabe der Versuchspersonen war demnach die gleiche wie im klassischen Oddball-Paradigma: sie sollen die präsentierten Items in einer von zwei Kategorien anhand einer Regel zuordnen. Diese Regel wurde den Versuchspersonen in Farwell und Donchins (1991) Experiment im Rahmen eines weiteren Trainings erläutert, bevor die EEG-Aufzeichnung und der Oddball-Task durchgeführt wurden. Das Training bestand aus dem Vorlesen einer Liste mit allen (sechs) Targets durch den Versuchsleiter. Nachdem auch die Versuchsperson die Liste selbst laut vorgelesen hatte, musste diese alle sechs Targets frei erinnern, bevor sie zum Experiment zugelassen wurde. Im Experiment mit EEG-Aufzeichnung wurden die Targets (6) , Irrelavants (24) und Probes (6) randomisiert auf einem Bildschirm präsentiert. Jeder Versuchsperson wurde die Aufgabe gegeben, die präsentierten Wörter per Tastendruck in die Kategorie Target oder Irrelevant einzuordnen. Den Versuchspersonen wurde nicht mitgeteilt, dass sich die am Tag zuvor erlernten Instruktionen ihres durchgeführten Szenarios (Probes) ebenfalls unter den Wörtern befanden. Die Instruktionen der beiden Szenarien wurden innerhalb eines Testblocks nicht durchmischt. Da es zwei verschiedene Szenarien gab, jede Versuchsperson aber nur an einem der beiden Szenarien teilgenommen hatte, ergaben sich zwei verschiedene Konditionen des veränderten Oddball-Paradigmas: die Guilty- und die Innocent-Condition. In der Innocent-Condition waren die Probes für die Versuchspersonen, die nicht am entsprechenden Szenario teilgenommen hatten, nicht von den Irrelevants zu unterscheiden. Insgesamt gab es für beide Konditionen jeweils drei Experimentalblöcke.

Ebenso wie der klassische Guilty-Knowledge-Test bietet auch diese Version zusammen mit dem veränderten Oddball-Paradigma eine gute Absicherung gegen Alpha-Fehler, da die unkritischen Wörter (Irrelevants) als Baseline dienen. Die Schwäche des klassischen GKT stellt eine schlechte Absicherung gegen falsch negative Schlussfolgerungen (Beta-Fehler) dar (Lykken, 1959). Durch das Design von Farwell und Donchin (1991) jedoch ist eine gute Absicherung gegen Beta-Fehler durch die Targets gegeben. Diese unterstützen die Identifikation des Empfänglichkeitslevels der Versuchspersonen für aufgabenrelevante Stimuli; sie stellen also eine Art zweite Baseline für eine erhöhte Erregung dar.

[...]


[1]We view the P300, and all ERP components, much the same way we view the whirring noise in the foregoing example. We assume that the component is generated as a byproduct of the activation of a neural process whose function is the transformation of information. “ (Donchin & Coles, 1988)

Details

Seiten
35
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668456549
ISBN (Buch)
9783668456556
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v366928
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Psychologie
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: Über die Verwendung von P300-basierten Polygraphen zur Lügendetektion