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E.T.A. Hoffmanns 'Das Fräulein von Scuderi' - Eine Detektivgeschichte?

Seminararbeit 2004 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Merkmale der Detektivgeschichte
2.1 Das Verbrechen
2.2 Der Detektiv
2.3 Die Aufklärung des Falles
2.4 Die Verdächtigen
2.5 Der Täter

3. „Das Fräulein von Scuderi“ – Eine Detektivgeschichte?
3.1 Die Fälle
3.2 Die Detektivin und die Aufklärung des Falles
3.3 Die Verdächtigen und der Täter

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich mich mit der, in der Forschungsliteratur schon so häufig und so gegensätzlich beantworteten Fragestellung befassen, ob „Das Fräulein von Scuderi“ von E.T.A. Hoffmann zur Gattung der Detektivgeschichten gezählt werden kann, und ob sie vielleicht tatsächlich der Vorreiter aller Detektivgeschichten überhaupt ist. Dazu werde ich zunächst die am häufigsten aufgeführten Merkmale von Detektivgeschichten beschreiben und erläutern. Im Anschluss daran werde ich versuchen, diese Merkmale auf `Das Fräulein von Scuderi`zu beziehen, um so eine Antwort auf meine Frage zu erhalten. Gerade weil die Detektivgeschichte seit einer nun schon recht langen Zeit eine enorme Popularität genießt, halte ich es für ebenso spannend wie sinnvoll, einen neuen Klärungsansatz zu versuchen, ob die Scuderi als „echte“ Detektivin betitelt werden kann.

2. Merkmale der Detektivgeschichte

Auch wenn, trotz der nun schon recht langen Tradition der Detektivgeschichte, noch immer keine eindeutige Definition dieser Form von Erzählung existiert[1], lassen sich doch zahlreiche, immer wiederkehrende Merkmale aufweisen, die eine Geschichte klar zu einer Geschichte detektivischer Art werden lassen. Diese Merkmale sollen im Folgenden benannt und erläutert werden. Bei meinen Ausführungen werde ich durchgehend den Begriff des Detektiven benutzen, betrachte diesen aber asexuell, so dass dieser Ausdruck selbstverständlich grundsätzlich auch durch die feminine Form ersetzt werden kann.

2.1 Das Verbrechen

Da die Detektivgeschichte „die Geschichte der Aufklärung eines Verbrechens erzählt“[2], stellt das Verbrechen an sich die Vorraussetzung und Basis zur Entwicklung zur Detektivgeschichte dar. Dabei erweitert S.S. van Dine dieses Merkmal zusätzlich, indem er einschränkend erläutert, dass in jedem Fall das Verbrechen des Mordes aus persönlichen Gründen vorhanden sein muss und sich dieser sich nicht nachträglich als Selbstmord oder Unfall entpuppen darf.[3]

2.2 Der Detektiv

Der Detektiv, der die Detektivgeschichte zu ihrem Namen brachte und somit die Essenz dieser literarischen Gattung auszumachen scheint, darf natürlich keinesfalls fehlen. Dieser aber muss, um in einer richtigen Detektivgeschichte fungieren zu können, zahlreiche Kriterien erfüllen. Die oberste Priorität seiner Handlungen sollte die Aufklärung des Mordes sein, der die geordnete Welt, in der das Verbrechen stattfand, durcheinanderbrachte.[4] Insbesondere ist dabei die Frage nach dem Täter zu beantworten, wobei diese nicht zwingend die erste Frage sein muss, die sich der Detektiv stellt, letzendlich aber doch immer diejenige bleibt, die zuletzt beantwortet wird.[5] Das Agieren des Detektivs wird automatisch durch die „Anatomie des Detektivromans“[6] bestimmt, die aus einem dialogisch aufgebauten Frage-Antwort-System besteht. Demzufolge übernimmt der Detektiv die Funktion, nach Indizien zu suchen, um die sich bildenden Fragen zu beantworten.[7] Wichtig ist zudem, dass er stets eine zunächst unbeteiligte Person darstellt, die von außen an das Geschehen herantritt, also nicht zu dem Personenkreis gehört, in dem der Mord stattfand.[8]

Der Detektiv steht während der gesamten Geschichte in einem klar definierten Verhältnis zum Leser. Dieser muss die gleichen Möglichkeiten haben, den Fall zu lösen, ohne vom Erzähler oder vom Detektiv selbst „hinters Licht geführt zu werden“.[9] Der Leser wird genauso wie der Detektiv auf die falsche Fährte geleitet, findet bei genauer Betrachtung und Überlegung Hinweise und Indizien zur Aufdeckung des Falles und erhält also im Laufe der Geschichte mehr und mehr Antworten auf die Verbrecherfrage.[10]

2.3 Die Aufklärung des Falles

Auch das Lösen des Falles unterliegt einigen Regeln. Die wichtigsten Kriterien dabei sind, dass die Methode der Aufklärung „rational und wissenschaftlich“[11] ist, der Detektiv sich also keiner übernatürlichen Kräfte bedient, und dass der Fall durch reine Logik gelöst wird. Dies impliziert, dass der Detektiv einen scharfen Verstand besitzen muss und diesen sinnvoll einzusetzen weiß. Im Zuge seiner Arbeit muss der Detektiv immer auf der Suche nach Indizien und Spuren sein, die ihm die Lösung näher bringen. Für diese Hinweise hat sich im Laufe der Geschichte der Detektivgeschichte der Fachbegriff „Clue“ aus der englichen Fachliteratur entwickelt. Clues umfassen alle Gegenstände, die zunächst Fragen aufwerfen, zugleich aber auch eine Antwort mit sich führen und dementsprechend einen Fortschritt bei der Aufdeckung des Mordes ermöglichen. Sie zeichnen sich grundsätzlich durch kleine Abweichungen von der Normalität aus, so dass Detektiv und Leser die Möglichkeit haben, darauf zu stoßen.[12] In jeder Geschichte müssen zahlreiche dieser Hinweise vorhanden sein, die vor allem im Nachhinein logisch erscheinen, so dass der Fall für den Leser gefühlsmäßig hätte wahr sein können. Clues haben auf der anderen Seite aber auch die Eigenschaft, den Detektiv zeitweise in die Irre zu führen. Auf diese Weise entwickelt sich ein weiteres typisches Merkmal der Detektivgeschichte: das Merkmal der Verdächtigungen.

2.4 Die Verdächtigen

„Jeder ist verdächtig.“[13]

Ausgehend von dieser Arbeitshypothese und aus der Masse dieser Verdächtigen kristallisiert sich immer eine, sich später als unschuldig erweisende, Person heraus, die besonders verdächtig erscheint; meist bleibt diese Verdächtigung bis zum Ende der Erzählung bestehen. Die Tatsache, dass auch die Protagonisten im Zuge der Geschichte realisieren, dass jeder verdächtig ist und jeder und alles etwas anderes oder jemand anders sein könnte als es zunächst scheint, stellt den Detektiv vor zusätzliche Schwierigkeiten. Hier wird außerdem deutlich, dass sich das Frage-Antwort-System nicht lediglich auf den Detektiv und mögliche Mörder beschränkt. Auch andere Personen stellen Fragen, so dass auch sie, wie Detektiv und Leser, immer mehr erfahren. Unter diesen Personen findet sich auch immer mindestens ein Mitwisser des Verbrechers. Entweder ist dieser dem Täter gut gesinnt und verschweigt sein Wissen aus diesem Grund, oder er ist ein solcher Mitwisser, der als Erpresser auftritt und sich seine Schweigsamkeit vom Täter dementsprechend bezahlen lässt.[14]

[...]


[1] Becker, Jens P. Und Buchloh, Paul G: Der Detektivroman.Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1973. S. 3.

[2] Alewyn, Richard: Anatomie des Detektivromans. In: Vogt, Jochen: Der Kriminalroman II. München: Wilhelm Fing Verlag, 1971. S. 375.

[3] Dine, S.S. van: Zwanzig Regeln für das Schreiben von Detektivgeschichten. In: Vogt, Jochen: Der Kriminalroman I. München: Wilhelm Fing Verlag, 1971. S. 144

[4] Alewyn, Richard: Anatomie des Detektivromans. In: Vogt, Jochen: Der Kriminalroman II. München: Wilhelm Fing Verlag, 1971. S. 398.

[5] Ebd., S. 382.

[6] Ebd., S. 382.

[7] Dine, S.S. van: Zwanzig Regeln für das Schreiben von Detektivgeschichten. In: Vogt, Jochen: Der Kriminalroman I. München: Wilhelm Fing Verlag, 1971. S. 144.

[8] Alewyn, Richard: Anatomie des Detektivromans. In: Vogt, Jochen: Der Kriminalroman II. München: Wilhelm Fing Verlag, 1971. S. 385.

[9] Dine, S.S. van: Zwanzig Regeln für das Schreiben von Detektivgeschichten. In: Vogt, Jochen: Der Kriminalroman I. München: Wilhelm Fing Verlag, 1971. S. 143.

[10] Alewyn, Richard: Anatomie des Detektivromans. In: Vogt, Jochen: Der Kriminalroman II. München: Wilhelm Fing Verlag, 1971. S. 382.

[11] Dine, S.S. van: Zwanzig Regeln für das Schreiben von Detektivgeschichten. In: Vogt, Jochen: Der Kriminalroman I. München: Wilhelm Fing Verlag, 1971. S. 144.

[12] Alewyn, Richard: Anatomie des Detektivromans. In: Vogt, Jochen: Der Kriminalroman II. München: Wilhelm Fing Verlag, 1971. S. 388.

[13] Ebd., S. 391.

[14] Alewyn, Richard: Anatomie des Detektivromans. In: Vogt, Jochen: Der Kriminalroman II. München: Wilhelm Fing Verlag, 1971. S. 395.

Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638362566
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36714
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,0
Schlagworte
Hoffmanns Fräulein Scuderi Eine Detektivgeschichte Thema: Das Fräulein von Scuderi

Autor

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Titel: E.T.A. Hoffmanns 'Das Fräulein von Scuderi' - Eine Detektivgeschichte?