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Tabakkonsum: Konzepte der Gesundheitsprävention und -intervention

Hausarbeit 2001 61 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Definition und Gegenstandsbereich der Gesundheitspsychologie
2.2 Tätigkeitsbereiche der Gesundheitspsychologie
2.2.1 Gesundheitserziehung
2.2.2 Gesundheitsförderung
2.2.3 Public Health
2.3 Definitionen von Gesundheit
2.4 Gesundheitsmodelle und gesundheitsbezogene Kognitionen
2.4.1 Gesundheitsbezogene Kognitionen
2.4.2 Variablenübergreifende Modelle zum Gesundheitsverhalten

3. Tabakkonsum
3.1 Entwicklung des Zigarettenkonsums und DSM-IV Klassifikation der Nikotinabhängigkeit
3.2 Gesundheitliche Folgen des Zigarettenrauchens
3.3 Epidemiologie
3.4 Determinanten des Zigarettenkonsums
3.4.1 Soziodemographische Merkmale
3.4.2 Umgebungsbedingte und personale Faktoren
3.5 Rauchen aus funktionaler Perspektive

4. Prävention und Intervention des Zigarettenkonsums
4.1 Allgemeine Grundlagen der Gesundheitsprävention und -intervention
4.2 Allgemeine Methoden der Prävention
4.2.1 Gesundheitsaufklärung
4.2.2 Gesundheitsberatung
4.3 Prävention des Zigarettenkonsums
4.3.1 Ansatz zur Veränderung von Einstellungen
4.3.2 Ansatz zum sozialen Einfluss (‚Social Influence Approach‘)
4.3.3 Ansatz zur generellen Kompetenzentwicklung
4.4 Intervention bei manifestem Zigarettenkonsum
4.4.1 Behandlung der physiologischen Tabakabhängigkeit
4.4.2 Spezifische Interventionsansätze
4.4.3 Multimodale Interventionsansätze
4.4.4 Selbsthilfematerialien
4.4.5 Einige Beispiele durchgeführter Interventionsmaßnahmen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Tabakpflanze (Nicotana tabacum L., benannt nach Jean Nicot, der die Tabakpflanze in Frankreich einführte) wurde im Jahre 1492 von Christoph Columbus entdeckt und zu Beginn des 16. Jahrhunderts nach Europa importiert. Im deutschsprachigen Raum wird die Tabakpflanze erstmalig 1579 in Schriften über den Tabakanbau erwähnt (Immensack, 1996). Während Tabak bei den Einwohnern Nordamerikas vor allem bei religiösen und rituellen Zeremonien verwendet wurde, entwickelte sich Tabak in Europa zu einem weitverbreiteten Genuss- und Rauschmittel. Schon im 17. Jahrhundert wurde der Tabakkonsum mit Ruhe, Entspannung und Besinnlichkeit gleichgesetzt und viele versprachen sich durch den Tabakkonsum eine erhöhte Konzentrationsfähigkeit und Schärfung der Gedanken. Während zu dieser Zeit der Tabakkonsum noch relativ aufwendig war, da der Tabak in einer Pfeife geraucht und beim Rauchen am Ausgehen gehindert werden musste, wurde der Tabakkonsum im 19. Jahrhundert durch die Einführung der Zigarre und der Massen­anfertigung der Zigaretten erheblich vereinfacht, erhielt dadurch Einzug in immer mehr Gesellschaftsschichten und entwickelte sich zu einem globalen Genussmittel und zu der weitverbreitetsten Suchtform der westlichen modernen Kulturen.

Während dieser Jahrhunderte wurde der Schaden und der Nutzen des Tabakkonsums heftigst und kontrovers diskutiert. Zeitweilig wurde Tabak als Medizin genutzt, so zu Beginn des 17. Jahrhundert, als man sich dadurch vor der Pest zu schützen versuchte. Zu anderen Zei­ten wurde der Tabakkonsum mit hohen Strafen verfolgt, seit Beginn des 20. Jahrhunderts wie­sen Mediziner dann jedoch auf die erheblichen gesundheitlichen Schäden des Tabakrauchens hin.

Als Folge des Tabakkonsums erkranken jährlich hunderttausende Menschen vor allem an Krebs- und Herz-Kreislauferkrankungen; Im Zeitraum zwischen 1950 und 2000 werden in Deutschland dem Tabakkonsum rund 4,8 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sein. Und obwohl in den entwickelten Ländern das Rauchen als die häufigste vermeidbare Todesursache bezeichnet wird, wird geschätzt, dass mehr als 17 Millionen Deutsche, 46 Millionen Amerikaner sowie 300 Millionen Asiaten regelmäßig rauchen. Die Kosten, die durch Raucher den Trägern der Sozialversicherungen, den Krankenkassen sowie der Volkswirtschaft entstehen, sind immens (Kraus, 1996).

Diese erschreckenden Zahlen der Tabakkonsumenten und durch das Rauchen verursachten Krankheiten und Todesfälle machen deutlich, wie wichtig und bedeutsam eine effektive Raucherprävention und -Intervention ist, um sowohl den Beginn von Zigarettenkonsums zu verhindern als auch die Aufgabe des Rauchens zu fördern. Hierdurch könnten zum einen viele Krankheiten und Todesfälle vermieden und zum anderen Krankenkassen und Sozialversicherungsträger stark entlastet werden. Thema dieser Arbeit ist daher die Prävention und Intervention des Tabakkonsums aus gesundheitspsychologischer Sicht.

Im folgenden Kapitel dieser Arbeit werden die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit erläutert, zum einen werden die allgemeinen Grundlagen der Gesundheitspsychologie dargestellt, zum anderen Gesundheitsmodelle, die für die Erklärung und Vor­her­sage des Zigarettenkon­sums von Bedeutung sind. Anschließend folgt ein Überblick über den Tabakkonsum. Hierbei geht es um die gesundheitlichen Folgen und die Epidemiologie des Rau­chens, sowie um die Entwicklung einer Raucherkarriere und verschiedene Deter­mi­nanten des Zigarettenkon­sums. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit Konzepten der Prävention und Intervention von Zigaretten­konsum. Das letzte Kapitel dieser Arbeit bildet die Schlussfolgerung der zuvor vor­ge­stellten Konzepte und Aspekte.

2. Theoretische Grundlagen

Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen zu dieser Arbeit. Zunächst werden der Gegenstandbereich der Gesundheitspsychologie und deren Aufgaben dargestellt, gefolgt von einer Erläuterung der Tätigkeitsbereiche der Gesundheitspsychologie. Anschließend folgt ein Definitionsversuch des Gesundheits- und Krankheitsbegriffes, welcher für die weitere Diskussion notwendig ist. Anschließend hieran werden die in Bezug auf den Zigarettenkonsum und dessen Prävention und Therapie wichtigen Gesundheitsmodelle und gesundheitsbezogene Kognitionen erläutert.

2.1 Definition und Gegenstandsbereich der Gesundheitspsychologie

Ganz allgemein kann die Gesundheitspsychologie als ein Teilgebiet der Psychologie charakterisiert werden, das sich vor allem mit menschlichem Verhalten in Kontext zu Gesundheit und Krankheit beschäftigt (Weinman 1990). Eine spezifische Definition der Gesundheitspsychologie liefert Schwarzer in Anlehnung an eine Definition von Matarazzo (1980, S. 815):

„Gesundheitspsychologie ist ein wissenschaftlicher Beitrag zur

1. Förderung und Erhaltung von Gesundheit
2. Verhütung und Behandlung von Krankheit
3. Bestimmung von Risikoverhaltensweisen
4. Diagnose und Ursachenbestimmung (Ätiologie) von gesundheitlichen Störungen
5. Rehabilitation und
6. Verbesserung des Systems gesundheitlicher Versorgung.

Sie befasst sich vor allem mit der Analyse und Beeinflussung gesundheitsbezogener Verhaltensweisen des Menschen auf individueller und kollektiver Ebene sowie mit den psychosozialen Grundlagen von Krankheit und Krankheitsbewältigung“ (Schwarzer, 1990, S.3).

Diese Definition des Gegenstandsbereichs der Gesundheitspsychologie lässt die Vielfältigkeit der Disziplin erkennen; die Gesundheitspsychologie befasst sich hiernach nämlich sowohl mit Gesundheit als auch mit Krankheit, mit Diagnose, Ätiologie, Behandlung und Prävention sowie mit anwendungsbezogenen und wissenschaftlichen Aspekten. Die Vielfalt der Themenbereiche und Fragestellungen der Gesundheitspsychologie lassen sich besser einordnen, wenn zwischen einer engen und einer weiten Definition der Gesundheitspsychologie unterschieden wird, wie Schmidt und Schwenkmezger (1992) vorschlagen.

Die engere Definition begrenzt die Gesundheitspsychologie ganz auf Gesundheitsförderung und primäre Prävention, sie befasst sich also mit der Aufrechterhaltung von Gesundheit, sowohl auf gesellschaftlicher als auch individueller Ebene. Außerdem werden ökologische Aspekte d.h. die Beziehungen des Menschen zu dem Gesamt seiner biotischen und abiotischen Lebensbedingungen, mit in die Betrachtung einbezogen. Die wissenschaftliche Forschung im Rahmen des engeren Begriffs der Gesundheitspsychologie beschäftigt sich vor allem mit der Erhaltung und Förderung von Gesundheit, mit der Verbesserung des Gesundheitssystems sowie mit der Krankheitsverhütung und der Determination von Risikoverhaltensweisen. Die weitere Definition der Gesundheits­psychologie umfasst außerdem die Bereiche der Behandlung von Krankheiten und ihrer Bewältigung, der Diagnose von gesundheitlichen Störungen sowie psychologische Aspekte der Rehabilitation.

Der Gegenstandsbereich der Gesundheitspsychologie ist daher in einem engen Bezug zu vielen weiteren Teilgebieten, wie der allgemein-, sozial-, bio-, differential-, entwicklungs-, und ökopsychologischen Forschung zu sehen und umfasst zusätzlich noch Fragestellungen und Aufgaben, die ursprünglich zur Medizinischen und Klinischen Psychologie gehörten. Während die Gesundheitspsychologie auch Überlappungen zu anderen Disziplinen und Teilgebieten der Psychologie, wie z.B. Verhaltensmedizin und Arbeits- und Organisations­psychologie aufweist, ist es wichtig, eine Abgrenzung zur Klinischen Psychologie vorzunehmen. Die Klinische Psychologie bezieht sich - stärker als die Gesundheitspsychologie - auf die psychische Gesundheit, auf psychotherapeutische Intervention und erkrankte Menschen, während die Gesundheitspsychologie Individuen mit allen Krankheitszuständen in ihren Themenbereich und ihre Fragestellung mit einschliesst. In der Klinischen Psychologie stehen Krankheitsmodelle im Zentrum der Betrachtung, während in der Gesundheitspsychologie präventivorientierte Modelle vorherrschend sind und vor allem die kompensatorischen und gesunden Anteile betont werden, was an den drei großen Themenbereichen der Gesundheitspsychologie zu erkennen ist: der Gesundheitsförderung, Vermeidung von Risikoverhalten und Prävention von gesundheit­lichen Störungen. Zusammenfassend liegt der Unterschied zwischen der Klinischen und der Gesundheitspsychologie darin, dass bei der letzteren die Gesundheit, bei der Klinischen Psychologie hingegen die Entstehung von Krankheit im Fokus der Betrachtung liegt.

2.2 Tätigkeitsbereiche der Gesundheitspsychologie

Zu den spezifisch gesundheitspsychologischen Inhalten gehört die Prävention, d.h. das Vorbeugen von Krankheiten und ihren Folgen, sowie die Behandlung und Therapie von Krankheiten. Innerhalb des Aufgabenbereichs der Prävention und Behandlung gibt es drei Schwerpunkte der gesundheitspsychologischen Tätigkeit: die Gesund­heits­­erziehung, die Gesundheitsförderung und Public Health.

2.2.1 Gesundheitserziehung

Die Maßnahmen der Gesundheitserziehung, die älter sind als die Gesundheitspsychologie selbst, haben heute vor allem zum Ziel, über gesundheitlich relevante Themen aufzuklären und zu informieren, vor allem in Bezug auf gesundheitliches Risikoverhalten. Diese Maßnahmen könne sich sowohl an Individuen als auch an kleinere Gruppen von Personen richten.

2.2.2 Gesundheitsförderung

Der Bereich der Gesundheitsförderung erweiterte die Maßnahmen der Gesundheits­erziehung und ist daher mehr als bloße Aufklärung und Informations­vermittlung. Gesundheits­förderung zeichnet sich dadurch aus, dass verschiedene erzieherische Bemühungen und Maßnahmen zu Förderung der Gesundheit kombiniert werden und Unterstützung auf organisatorischer, ökonomischer und Umweltebene vorhanden ist (vgl. Green, 1984). Die Maßnahmen der Gesundheitsförderung sprechen Individuen, Gruppen von Individuen und Organisationen an und sind durch gemeindeorientierte Aktivitäten gekennzeichnet. Vor allem konzentrieren sie sich auf Individuen und Gruppen von Individuen die entweder ein gesundheitliches Risiko eingehen, z.B. durch falsche Ernährung, Bewegungsmangel oder Suchtmittelkonsum (Alkohol, Tabak, illegale Drogen), einem gesundheitlichen Risiko ausgesetzt sind, wie z.B. durch Umweltverschmutzung oder toxischen Substanzen am Arbeitsplatz oder aber auf Menschen, die einer bestimmten Risikogruppe angehören, wie z.B. Raucher oder Bluthochdruckpatienten. Im Unterschied zur Prävention liegt ihre Zielsetzung nicht nur in der Vorbeugung von Krankheiten und deren Folgen, sondern darin, Gesundheit aktiv zu fördern und zu erhalten. Zu den thematischen Hauptbereichen auf deren Veränderung die Maßnahmen der Gesundheitsförderung abzielen, gehören vor allem der Alkoholkonsum, Stress, Ernährung, Tabakkonsum, Bewegung, und Unfälle (vgl. Matarazzo et al., 1984). Diese Aspekte stehen deshalb besonders im Zentrum der Maßnahmen, da sie verhaltensbedingt und daher grundsätzlich modifizierbar sind.

2.2.3 Public Health

Der Begriff ‚Public Health’ ist in seiner Bedeutung vor allem im deutschen Raum noch nicht hinreichend definiert worden. Rosenbrock (1992) definiert Public Health als: „Theorie und Praxis der auf Gruppen bzw. Bevölkerungen bezogenen Maßnahmen und Strategien, der Verminderung von Erkrankungs- und Sterbewahrscheinlichkeiten sowie der Gesundheits­förderung. Dazu gehört auch die Steuerung der Krankenversorgung. Public Health analysiert und beeinflusst hinter den individuellen Krankheitsfällen epidemiologisch fassbare Risikostrukturen, Verursachungszusammenhänge und Bewältigungs­möglichkeiten.“ (Rosen­brock, 1992, S.82). Public Health weist also Überlappungen mit der Gesundheits­förderung auf. Ein Unterschied besteht darin, dass die Gesundheitsförderung auf bestimmte Zielpopulationen gerichtet ist, während die Maßnahmen im Rahmen der Public Health eher auf institutioneller und organisatorischer Ebene angesetzt sind (z.B. Verordnungen, Gesetze, strukturelle Maßnahmen), wobei Gesamt- und Teilpopulationen angesprochen werden (Runyan, 1985) und vor allem die kollektiven Anteile an der Verantwortung für Gesundheit analysiert. Zusammenfassend wird deutlich, dass die Gesundheitspsychologie vor allem im Rahmen der Förderung der Gesundheit, somit auch der Prävention von gesundheitlichen Störungen und Vermeidung von Risikoverhalten tätig wird.

2.3 Definitionen von Gesundheit

Vor einer Diskussion über Interventions- und Präventions­maßnahmen scheint die Wahl der Definition von Gesundheit von grundlegender Bedeutung zu sein, da die Definition von Gesundheit (mehr oder weniger) implizit über die Interventionsstrategien, Maßnahmen und Herangehensweisen zur Erreichung dieses Zustandes entscheidet. Je nach Fokus und Standpunkt lässt sich eine große Vielfalt von Definitionen des Gesundheits- und Krankheitsbegriffes unterscheiden. Im Folgenden werden daher nur einige wenige Definitionen exemplarisch vorgestellt und diskutiert.

Frühe Definitionen charakterisierten Gesundheit als das Fehlen und die Abwesenheit von Krankheit (Hartman et al. 1959). Dies ist eine negative Begriffsbestimmung, denn Gesundheit wird nicht als ein eigenständiger Zustand definiert, sondern nur vom Krankheitszustand abgegrenzt. Fragestellungen und Aufgaben der Gesundheits­psychologie zur Gesundheitsförderung sind nach dieser Definition überflüssig, Maßnahmen zur Krankheitsvermeidung stehen im Vordergrund.

Wichtig und wegweisend für die gesundheitspsychologische Arbeit war die von der World Health Organisation (WHO) 1946 formulierte Definition in Abgrenzung zu einer rein medizinischen Sichtweise: Gesundheit ist ein „Zustand des vollkommenen geistigen, sozialen und körperlichen Wohlbefindens, und nicht nur das Fehlen von Krankheit und Gebrechen“ (WHO, 1947). Diese Gesundheitsdefinition stellt eine positive Begriffsbestimmung dar, und betont ausserdem neben der rein körperlichen bzw. medizinischen Dimension auch die psychische und soziale Seite des Wohlbefindens. Trotzdem weist auch diese Definition einige Schwachstellen auf. Zum einen betont sie einen Zustand, obwohl auch die Dynamik von Gesundheit von großer Bedeutung ist (Sassen, 1987). Zum anderen wird der Zustand als ‚vollkommenes Wohlbefinden‘ hervorgehoben, womit der Geltungsbereich der Definition erheblich eingeschränkt ist; d.h. wenn z.B. irreparable gesundheitliche Schäden vorliegen, würde dies nicht als Gesundheit gelten, sondern nur in relativer Annäherung als solche verstanden werden. Außerdem wird sowohl auf die mangelnde Operationalisierbarkeit der Definition (Brandstädter, 1982) als auch auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die die Hervorhebung der subjektiven Aspekte von Gesundheit in dieser Definition bereitet. Denn es kann auch bei einer subjektiv als vollkommen empfundenen Gesundheit eine gravierende Gesundheitsgefährdung vorliegen (wie z.B. beim Rauchen).

Diese Probleme werden in einer Gesundheitsdefinition von Hurrelmann (1990) umgangen, weshalb diese als theoretische Grundlage des weiteren Textes verwendet wird. Gesundheit ist hiernach ein ‚Zustand des objektiven und subjektiven Befindens einer Person der gegeben ist, wenn diese Person sich in den psychischen, physischen und sozialen Bereichen ihrer Entwicklung im Einklang mit den eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen äusseren Lebens­bedingungen befindet.‘ Weiterhin wird Gesundheit definiert als ein ‚aktuelles Ergebnis der jeweils aktiv betriebenen Herstellung und Erhaltung der sozialen, psychischen und körperlichen Aktionsfähigkeit eines Menschen im gesamten Lebenslauf.‘ (S.62).

Positiv an dieser Definition ist vor allem die Vermeidung des Anspruchs eines ‚vollkommenen Wohlbefindens’, aber auch die Relativierung des subjektiven Wohlbefindens. Dass auch die persönlichen Möglichkeiten eines Menschen und dessen Handlungs­fähigkeit miteinbezogen werden, ist außerdem positiv zu beurteilen. Hiernach wäre somit auch ein Individuum, welches irreparable gesundheitliche Schäden hat, sich aber im Einklang mit seinen Möglichkeiten und Lebensbedingungen befindet, gesund. Ausserdem wird durch die Relativierung des subjektiven Wohlbefindens das Problem gelöst, dass auch bei subjektiver Gesundheit Gefährdungen vorliegen können, wie z.B. beim Konsum von Tabak oder anderen Drogen.

2.4 Gesundheitsmodelle und gesundheitsbezogene Kognitionen

Die theoretischen Grundlagen der Gesundheitspsychologie sind vielfältig und gut ausgearbeitet, sie unterscheiden sich in ihrer Zielsetzung und ihren zugrundeliegenden Ansätzen. Die Modelle und Theorien lassen sich im wesentlichen drei Hauptkategorien zuordnen: Modelle der Gesundheit, Modelle des Gesundheitsverhaltens und Modelle zur Planung von Gesundheitserziehung, -förderung und -­beratung. Für die vorliegende Arbeit zur Gesundheitsprävention und –intervention in Bezug auf den Konsum von Tabak ist vor allem die zweite Kategorie von Bedeutung. Denn Modelle und Theorien des Gesundheitsver­haltens geben Hinweise darauf, wie Risikover­halten zustande kommt und versuchen Gesundheitsverhalten zu erklären. Hierbei lassen sich zwei verschiedene theoretische Herangehensweisen unterscheiden: Zum einen gibt es Modelle und Theorien, die variablen­übergreifend verschiedene Faktoren integrieren. Zum anderen gibt es einige Ansätze die kognitiven Konstrukten den entscheidenden Einfluss auf gesundheitsbezogenes Verhalten und Handeln zuschreiben.

Im folgenden werden zuerst solche, als ausschlaggebend bezeichnete kognitive Variablen wie Selbstwirksamkeit, Kontrollüberzeugungen und Risikowahrnehmung dargestellt. Im Anschluss daran folgt die Vorstellung von Modellen zur Analyse, Vorhersage und Veränderung von Gesundheitsverhalten.

2.4.1 Gesundheitsbezogene Kognitionen

Unter den gesundheitsbezogenen Kognitionen werden verschiedene kognitive Haltungen, Einstellungen und Strukturen einer Person verstanden. Wichtig ist hierbei, dass die Zuordnung zur kognitiven Dimension darauf begründet ist, dass in den meisten Fällen eine kognitive Orientierung vorrangig ist, obwohl zumeist auch emotions- bzw. verhaltensorientierte Komponenten mitbeteiligt sind. Zu den gesundheitsbezogenen Kognitionen gehören z.B. die Selbstwirksamkeit, die Kontrollüberzeugungen, die Risikowahrnehmung, der Optimismus einer Person, die Symptomwahrnehmung, die primäre und sekundäre Einschätzung sowie Attributationsstile. Im Folgenden werden zwei kognitive Konstrukte vorgestellt, zum einen die Selbstwirksamkeitserwartung und zum anderen die Kontrollüberzeugungen, da diese im Kontext der Prävention von Zigarettenkonsum diskussionwürdig sind. Weitere kognitive Konstrukte werden im nächsten Abschnitt (2.4.2) innerhalb der Darstellung variablenübergreifender Modelle zum Gesundheitsverhalten thematisiert, und deshalb hier nicht gesondert vorgestellt.

Selbstwirksamkeit

Das Konzept der wahrgenommenen Selbstwirksamkeit (‚self-efficacy’) (Bandura, 1977) beschreibt die Überzeugung einer Person, selbst über die Fähigkeiten und Handlungs­kompetenzen zu verfügen, um ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen. Selbstwirksamkeits­annahmen beziehen sich auf ‚Annahmen des Individuums über die Realisierungs­möglichkeit einer bestimmtem Verhaltensalternative unter bestimmtem situativen Randbedingungen‘ (Krampen, 1989, S. 35). Sie richten sich auf die individuelle und subjektive Wahrnehmung der eigenen Kompetenzen. Selbstwirksamkeit wird daher oft auch als Kompetenzerwartung bezeichnet.

Selbstwirksamkeit hat eine Reihe von motivationalen, kognitiven und emotionalen Folgen, die für das gesundheitsbezogene Handeln von Bedeutung sind. Denn sowohl die Überzeugung an sich und die Stärke der Überzeugung, dass man in der Lage ist, gesundheitsbezogenes Handeln erfolgreich auszuführen, bestimmt über die Art, Dauer und das Ausmaß der Verhaltensausführung. Selbstwirksamkeits­erwartungen lassen die aktuelle Selbstwahr­nehmung einiger Kompetenzen im Bereich des Gesundheitsverhaltens erkennen und stellen damit einen wichtigen Prädikator für die Durchführung gesundheitsbezogenen Verhaltens dar. Die Annahme ist hierbei, dass die Erwartung und Überzeugung über die erforderlichen Kompetenzen zu verfügen, auch die Wahrscheinlichkeit zur Verhaltens­ausführung erhöht.

In mehreren Studien wurde ein positiver Einfluss der Selbstwirksamkeitserwartungen für verschiedene gesundheitsbezogene Verhaltensweisen festgestellt, wie beispielsweise für den Bereich der Gewichtsreduktion (Bernier und Avard, 1986; Moss und Dadds, 1991), für den Bereich der sportlichen Aktivität (Sallis et al., 1986) und auch für die Aufgabe des Rauchens (Condiotte und Lichtenstein, 1981; Lawrence, 1985). Das Selbstwirksamkeitskonzept kann daher als eine wichtige Prädikatorvariable in bezug auf das Gesundheitsverhalten angenommen werden, sowohl für die Verhaltensinitiierung wie auch für die Verhaltensaufrechterhaltung.

Kontrollüberzeugungen

Das Konzept der Kontrollüberzeugungen (Rotter, 1966) ist ein bedeutsames und oft zitiertes Konstrukt unter den Kognitionen zur Erklärung des Gesundheitsverhaltens. Kontroll­überzeugungen werden die Annahmen einer Person darüber verstanden, in wie weit auftretende Ereignisse durch eigene Handlungen kontrollierbar sind. Kontrollüberzeugungen lassen sich in internale Kontroll­überzeugungen und externale Kontrollüberzeugungen unterscheiden. Die internale Kontrollüberzeugung beschreibt die Annahme, dass auftretende Ereignisse durch eigenes Handeln und Verhalten kontrollierbar sind. Bei externalen Kontrollüberzeugungen gehen die Personen davon aus, dass Ereignisse von externen Einflüssen abhängig sind. Es gibt zwei Formen von externalen Kontrollüberzeugungen: zum einen die Annahme, dass fremdes Handeln bei der Ereigniskontrolle entscheidend ist (sogenannte sozial-externale Kontrollüberzeugung), und zum anderen die Annahme, dass Ereignisse unabhängig sind vom menschlichen Handeln, dem Schicksal oder dem Zufall zuzurechnen und damit unkontrollierbar sind (sogenannte fatalistisch-externale Kontroll­überzeugung) (vgl. Krampen, 1989; Levenson, 1972, 1974). Da also eine Person mit einer internalen Kontrollüberzeugung auftretende Ereignisse als Konsequenzen des eigenen Handeln wahrnimmt und versteht, wird angenommen, dass Menschen mit einer stärker ausgeprägten internalen Kontrollüberzeugungen sich eher gesundheitsförderlich und gesund­heitsbewusst verhalten werden als Personen mit externalen Kontrollüberzeugungen.

Die Ergebnisse der Forschung zur Kontrollüberzeugung ergeben insgesamt allerdings kein eindeutiges Bild. Einige Autoren weisen darauf hin, dass die Zusammenhänge zwischen Verhalten und Kontrollüberzeugungen entweder gar nicht existent oder nur sehr schwach sind (vgl. Schwenkmezger und Schmidt 1994). Andere Studien hingegen weisen mit ihren Ergebnissen darauf hin, dass zwischen internalen Kontrollüberzeugungen und gesundheits­fördernden Verhaltensweisen ein positiver Zusammenhang besteht. Belege dieser Art fanden sich für das Ausmaß sportlicher Aktivität (Ferring und Filipp, 1989), für die Teilnahme an Selbsthilfegruppen (Volle et al., 1990) sowie für die Fähigkeit, mit dem Rauchen aufzuhören (Steffy et al., 1970).

Neben diesen kognitiven Konstrukten zur Erklärung gesundheitsbezogenem Handelns gibt es andere Modelle zum Gesundheitsverhalten, welche variablenübergreifend sind, d.h. verschiedene Faktoren und kognitive Konstrukte miteinander zur Vorhersage, Erklärung und Veränderung von gesundheitsrelevantem Verhalten in einem Modell verknüpfen. Im Folgenden werden daher einige dieser Modelle exemplarisch dargestellt.

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Details

Seiten
61
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638362665
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36726
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Schlagworte
Tabakkonsum Konzepte Gesundheitsprävention

Autor

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Titel: Tabakkonsum: Konzepte der Gesundheitsprävention und -intervention