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L'article circonflexe. Wenn das Denken durch die Sprache an Akzenten verlieren soll

Essay 2016 2 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Wenn das Denken durch die Sprache an Akzenten verlieren soll

Die Maschinerie des Terrorismus wütet und die Masse der Menschen auf der Suche nach Exil bekommt den wirtschaftlich kompakten Namen ‘Flüchtlingskrise’. Der Nachhall des Anschlags auf das Pariser Gesellschaftsleben ist noch nicht verklungen, während die französische Rechtschreibereform nach 26 Jahren im Februar 2016 erneut an Aktualität gewinnt. Neben zwei weiteren Änderungen mit der französischen Rechtschreibereform wird insbesondere eine Reduzierung des accent circonflexe diskutiert. Vergleichbar mit der Veränderung des Schriftbildes im Deutschen, durch die Reduzierung der Anwendungsfälle für das sprachliche Symbol ‘ß’, gilt für den accent circonflexe ab September diesen Jahres, manifestiert in den Schulbüchern, ein minimierter Gebrauch.

Weder der accent circonflexe noch dasßwerden zunächst gänzlich aus der Schrift, untrennbar von der Sprache, aber eben auch dem Denken französischer und deutscher Sprecher verschwinden. Beide Reformen sind in der 90er Jahren angesetzt und finden Ihre Durchsetzung in der aktuellen Gegenwart. Wobei der verminderte Gebrauch des Symbolsßim Jahre 2004 realisiert wurde und sich gegenwärtig nur noch als eine Rarität der Sprache darstellt. Ähnlich wird es wohl dem accent circonflexe ergehen. Ob die reduzierte Anwendung einem tatsächlichen Ausschleichen der Zeichen entspricht, wird sich erst einige Generationen und Reformen später zeigen, bisher kann nur eine dahingehende Tendenz beobachtet werden. Zunächst jedoch ist die öffentliche Resonanz stark.

Es ließe sich an dieser Stelle, wie so oft diskutieren, warum das Augenmerk der Öffentlichkeit auf eine Rechtschreibreform fokusiert wird, während der globale Zustand einem einzigen Epizentrum gleicht und es die Menschenrechte täglich neu zu verhandeln gelte. Sprache bildet und formt sich ständig, wobei sich die Sprecher durch die sie umgebende Sprachwelt beeinflusst werden. Sie steht in einem direkten Zusammenhang mit der gelebten Realität und formt sich durch ihren Gebrauch. Reformen können zunächst als eine Spur in der Schriftsprache als Zeichen der Wandlungsfähigkeit gesehen werden. In einem weiteren Sinne werden Änderungen jedoch innitiiert. Die Gleichmachung der Sprache, wie es als Motiv aus Aldous Huxleys ‘Brave New World von 1932 oder George Orwells ‘1985’ aus dem Jahre 1948 bekannt ist, zeigt die Gefahr als literarisches Motiv. Reformen werden hier genutzt, um die Denkweise der Sprecher aktiv zu manipulieren. Dieses Beispiel wirft die Frage auf, in welcher Weise die in Reformen manifestierten Veränderungen der Sprache tatsächlich funktionieren.

Verwandlungen im Schriftbild zeichnen auch historische Tendenzen ab. Die Ersetzung durch ein doppeltes s, des scharfen S oder auch Eszett genannt, verweist auf eine Wiedereinführung des Doppelautes, der dem Zuge antifaschistischer Massnahmen im Sinne der historischen Hypothek latent unterläuft, um weiter zu denken sogar konterkariert. Als Beispiel sei hier angezeigt, dass es deutschen Kraftfahrzeugbesitzern auch aktuell noch untersagt wird Zeichen wie SS oder HJ auf ein Wunschnummernschild zu drucken.

Akzente stehen im allgemeinen Verständnis für Zwischentöne und Spielräume die Deutungsmustern als strenge Kategorien entschärfen. Der accent circonflexe selbst ist eine Spur in der Sprache. Ursprünglich steht er, wo die französische Sprache sich von der lateinischen differenziert. Die Durchsetzung der französischen Reform, die sich im gleichen Zeitfenster wie die verstärkende Rechtstendenz im politischen Geschehen ereignet, wirft eine andere Frage auf, die an dieser Stelle folgendermassen formuliert werden soll:

Was zeigt es über die Entwicklung gesellschaftlicher Denkmuster, wenn die Akzente der Sprache zum Ziel einer Reform werden?

(http://www.20minutes.fr/societe/1779903-20160204-orthographe-non-accent-circonflexe-va-disparaitre-nenufar-f-fait-correct)

Le Monde.fr | 04.02.2016 à 12h48 • Mis à jour le 13.02.2016 à 18h27 |

En savoir plus sur http://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2016/02/04/non-l-accent-circonflexe-ne-va-pas-disparaitre_4859439_4355770.html#mj6MHGmW8UPozxDl.99

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Details

Seiten
2
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668469082
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367351
Note
Schlagworte
wenn denken sprache akzenten

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