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Der Witz-Begriff in Jean Pauls Vorschule der Ästhetik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Etymologie des Witzbegriffs im Überblick
2.1. Witz
2.2. Ingenium
2.3. Bedeutungsfelder von Witz um 1800

3. Das IX. Programm „Über den Witz“ in der Vorschule der Ästhetik
3.1. Witz und Poesie
3.2. Jean Pauls Unterteilung der Arten von Witz

4. Witz, Scharfsinn, Tiefsinn
4.1. Die Definition des Witz- Begriffes
4.2. Witz, Scharfsinn, Tiefsinn
4.3. Witz als schöpferische Kraft
4.4. Zwischenergebnis

5. unbildlicher Witz
5.1. Wirkungsweise
5.2. Sprachkürze
5.3. Nähe zur Komik
5.4. Zwischenergebnis

6. bildlicher Witz
6.1. Zusammenhang zwischen Innen und Außen
6.2. Körper beseelen und Geist verkörpern
6.3. Die Allegorie
6.4. Zwischenergebnis

7. Zusammenfassung

8. Schluß

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kurt Wölfel nennt Jean Pauls Vorschule der Ästhetik [1] „als theoretische Fundierung und Exegese des eigenen Kunstwollens und –schaffens ein[en] nahezu beispiellose[n] Text“[2] Diese Beispiellosigkeit der Vorschule beruht dabei nicht nur auf der Schwierigkeit sie literaturhistorisch eindeutig einzuordnen. Denn schon die Ästhetik im Titel lässt das Werk homogener und regelkonformer erscheinen, als es wirklich ist. Jean Pauls Vorschule ist weder schlicht eine Ästhetik noch eine Regelpoetik. Sie vereint laut Henckmann „... wenigstens drei Charaktere oder >geistige Lebenszentren< [...] 1. Eine Lehre von der Kunstproduktion (>Poietik<), 2. Eine Geschmackslehre [...], und 3. auch eine Kunstphilosophie ...“[3].

Die Vielfältigkeit der Anliegen des Verfassers gilt auch für das IX. Programm „Über den Witz“, mit dem sich diese Arbeit befassen soll. Das Witz- Programm Jean Pauls gehört zu den meist beachtetsten Abschnitten der Vorschule.[4] Dennoch kann auch eine grundlegende Beschäftigung mit der hier ausgebreiteten Witztheorie sehr erkenntnisreich sein.

Diese Arbeit hat zweierlei Anliegen. Zum einen soll ein Überblick über Jean Pauls Witztheorie gegeben werden, d.h. über die von ihm unterschiedenen Witzarten und ihre Wirkungsweise. Diese Ausführungen würden in der heutigen Zeit einige Verständnisprobleme auslösen, da der Witz- Begriff eine wechselhafte etymologische Entwicklung erlebte. Daher soll zum anderen versucht werden, den in der Vorschule gebrauchten Witz- Begriff in seiner Entwicklungslinie zu verorten.

Daraus ergibt sich folgende Gliederung. In dem dieser Einleitung folgenden Abschnitt, d.h. im zweiten, wird ein Überblick über die etymologische Entwicklung des Witz- Begriffes gegeben. Der dritte Abschnitt behandelt allgemein das IX. Programm der Vorschule und seine Unterteilung der Witzarten. Im vierten Abschnitt wird die Definition vom Witz im engeren Sinn und seine Abgrenzung zu Scharfsinn und Tiefsinn betrachtet. Der fünfte Abschnitt ist dem unbildlichen Witz, seiner Wirkungsweise und seinen Besonderheiten zugedacht. Im sechsten Abschnitt wird der bildliche Witz und sein „Doppelzweig“ thematisiert. Der siebente Abschnitt gibt eine Zusammenfassung der Ergebnisse. Der Schluß gewichtet diese Erkenntnisse, bewertet Einschränkungen für diese Arbeit und gibt Ausblicke auf noch zu klärende Fragen.

2. Etymologie des Witzbegriffs im Überblick

Um den in der Vorschule gebrauchten Witzbegriff einordnen zu können, soll hier ein Überblick über die etymologische Entwicklung des Wortes Witz gegeben werden.

Die Rekonstruktion der semantischen Verschiebung geschieht in drei Stufen: Zuerst wird die Entwicklung des Witzbegriffs vom Althochdeutsch bis heute skizziert. Daran schließt sich ein Exkurs über den lateinischen Begriff ‚Ingenium‘, der im 17. Jahrhundert Einfluß auf diese Entwicklung nimmt. In der dritten Stufe werden beide Linien parallel geführt, um eine Zusammenfassung zum Bedeutungsfeld des Wortes Witz in der Konzeptionszeit der Vorschule der Ästhetik geben zu können.

2.1. Witz

Die Bedeutung des Wortes Witz hat sich von den Anfängen im Althochdeutschen bis zur Gegenwart grundlegend gewandelt.[5]

Das Althochdeutsche ‚wizzî‘ sowie das Mittelhochdeutsche ‚witze‘ sind der Ursprung für das neuhochdeutsche Wort ‚Witz‘. Beide Begriffe umfassen die Bedeutungen Wissen, Klugheit, Verstand und Weisheit. Als Urwort des Verstandesbereiches vereint ‚witze‘[6] angeborene Klugheit und erworbenes Wissen gleichermaßen.

Im 17. Jahrhundert tritt eine Bedeutungsverschiebung ein, indem das französische ‚esprit‘ auf den Witzbegriff übertragen wird. Die Aussagekraft von ‚witze‘ wird verengt auf ‚geistreiche Formulierung‘.

Im 18. Jahrhundert verschiebt sich das Wortfeld nochmals und Witz wird ein Synonym für Scherz. Diese Bedeutung ist bis heute erhalten geblieben.

2.2. Ingenium

Das französische ‚esprit‘, welches im 17. Jahrhundert auf das deutsche ‚witze‘ einwirkt, hat selbst „... die Bedeutung des lateinischen >ingenium< in sich aufgenommen und mehr oder weniger abgewandelt fortentwickelt...“[7].

Im ‚esprit‘ überdauert der Aspekt des ‚ingenium‘ als „rhetorische Fertigkeit“[8], wie sie im 17. Jahrhundert vom französischen Adel als gesellschaftliche Umgangsform gepflegt wurde.

Die Bedeutung von ‚ingenium‘ geht jedoch weit darüber hinaus:

>Ingenium< umfaßte ursprünglich das gesamte menschliche Geistesvermögen, einerseits Scharfsinn und Erkenntnisfähigkeit, andererseits Erfindungskraft und Phantasie. Gemeint war die natürliche, intellektuelle und sinnliche Begabung zur Kommunikation und zum praktisch- gesellschaftlichen Handeln, bei der nicht zuletzt die Sprachbeherrschung eine ausgezeichnete Rolle spielte. >Ingenium< bezeichnete nicht umsonst einen der Schlüsselbegriffe der römischen Rhetorik, der den Einfallsreichtum und die Findigkeit des Redners wie die formale Brillianz [sic!] der Rede betraf.[9]

Die durch das französische ‚esprit‘ ausgelöste Bedeutungseinengung von ‚witze‘ auf eine „geistreiche Formulierung“, läßt trotz der indirekten Einwirkung die Aspekte der „... Begabung zur Kommunikation und [...] Sprachbeherrschung“[10] des ‚ingenium‘- Begriffs erkennen.

2.3. Bedeutungsfelder von Witz um 1800

Der vorangegangene Überblick hat die Entwicklungslinie des Witzbegriffs stark akzentuiert dargestellt. Es ist keinesfalls davon auszugehen, dass sich die Bedeutung des Wortes ‚Witz‘ derart schrittweise und abgeschlossen gewandelt hat. Wahrscheinlicher ist, dass zur Entstehungszeit der Vorschule der Ästhetik mehrere Bedeutungen von ‚Witz‘ gültig und geläufig waren.

Dies illustrieren auch die in der Abhandlung von Alfred Bäumler[11] vorgetragene Position des Philosophen Christian Freiherr von Wolff.

Wolff sieht im „W i t z (i n g e n i u m) [...] die Leichtigkeit, Ähnlichkeiten (verschiedener Dinge) wahrzunehmen“[12] Aus dieser Fähigkeiten entstünden seiner Ansicht nach „... Tropen, Allegorien und Metaphern“[13], was die Bedeutung des Witzes für die Kunst ausmache. In diesem Beispiel zeigt sich die Anreicherung von ‚Witz‘ durch Vermögen, die zuvor nur dem ‚ingenium‘ zugeschrieben wurden. Vom ‚witze‘ ist die Verstandesleistung erhalten geblieben, die sich hier in der Fähigkeit des abstrakten Vergleichens äußert. Vom ‚ingenium‘ tritt die Sprachbeherrschung hinzu, die Fertigkeit in sprachlichen Bildern zu reden.

Die Befähigung, die dieser neue ‚Witz‘ gibt, ist die zu einem „sinnreiche[n] Ausdruck“[14] bzw. der bereits oben erwähnten geistreichen Formulierung.

Es läßt sich somit erkennen, das durch die im 17. Jahrhundert angesiedelte Bedeutungsverschiebung Witz nicht länger Urbegriff aller Verstandesleistung ist. Der sich herausbildende Witz vereint ästhetisch- rhetorische Sprachbeherrschung und die verstandesmäßige Befähigung zum Vergleichen und Erkennen von Ähnlichkeiten. Eine Annäherung von Witz hin zur gegenwärtigen Bedeutung als Synonym für ‚Scherz‘ ist für die philosophischen Quellen nicht zu verzeichnen.[15]

Inwieweit sich diese Charakterisierung in der Witztheorie Jean Pauls wiederfindet, soll in den folgenden Abschnitten untersucht werden.

3. Das IX. Programm „Über den Witz“ in der Vorschule der Ästhetik

Es war Jean Pauls eigener Wunsch, dass dem IX. Programm der Vorschule „Über den Witz“ neben den anderen Abschnitten über das Lächerliche, den Humor und die Ironie besondere Beachtung geschenkt werden würde: In der Vorrede zur Ersten Ausgabe empfiehlt er den „... forschenden Richtern ein aufmerksames, ruhiges Durchblättern“[16]. Von den Abschnitten VI-IX. ausgehend sollten „Verknüpfungen“[17], ein Beziehungsgeflecht aufgebaut werden, wie Henckmann es nennt.[18] Innerhalb des IX. Programmes selbst erschafft Jean Paul jedoch ein Gerüst von Begriffen und Bedeutungen. Die einzelnen Zweige dieses Geflechts werden in den folgenden Abschnitten individuell betrachtet. Der zweite Unterpunkt dieses Abschnittes gibt dabei die von Jean Paul unterteilten Arten von Witz wieder. Zuvor soll die Beziehung von Witz und Poesie erläutert werden.

[...]


[1] Ich spreche hier mit den Worten Wolfhart Henckmanns, wenn ich eindeutig festlege: „Redet man von Jean Pauls Vorschule, meint man die zweite Auflage von 1813“: Wolfhart Henckmann: Einleitung. In: Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. Nach der Ausgabe von Norbert Miller hrsg., textkrit. durchges. Und eingeleitet Von

Wolfhart Henckmann. Hamburg: Meiner, 1990. (= Philosophische Bibliothek; Bd. 425). S. VII- L. Hier S. XXI.

[2] Kurt Wölfel: Jean Paul- Studien. Hrsg. von Bernhard Buschendorf. 1. Auflage. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1989.

(Suhrkamp- Taschenbuch Wissenschaft; Bd. 742). S. 40; Veränderung S.W.

[3] Henckmann: Einleitung. S. XII.

[4] Ebd. S. XLII.

[5] Dieser Überblick beruht auf den Artikeln zu „Witz“ im „Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache“ von Friedrich Kluge in drei Ausgaben: 6., verbesserten und vermehrten Auflage. 2. Abdruck. Straßburg: Trübner, 1905. S. 428. Linke Spalte.; 21. unveränderte Auflage. Berlin/ New York: de Gruyter, 1975. S. 865. Rechte Spalte.; 23. Erweiterte Auflage. Bearbeitet von Elmar Seebold. Berlin/ New York: de Gruyter, 1995. S.

895. Rechte Spalte.

[6] Um die verschiedenen ‚Witz‘- Begriffe und ihre Bedeutungen im Rahmen dieses Überblickes besser unterscheiden zu können, wird ‚witze‘ immer dann gebraucht, wenn ‚Witz‘ in seiner alt- bzw. mittelhochdeutschen Bedeutung gemeint ist. ‚Witz‘ hingegen bezeichnet die sich im 17. Jahrhundert etablierende Bedeutung. Die neuhochdeutsche Form von ‚Witz‘ als Scherz ist hier noch nicht relevant, wird aber gesondert gekennzeichnet. Bei Gebrauch des Wortes Witz allgemein, wird dieses kursiv gesetzt, wie auch schon im

vorangegangenen Abschnitt geschehen.

[7] Waltraud Wiethölter: Witzige Illuminationen. Studien zu Ästhetik Jean Pauls. Tübingen: Niemeyer, 1979. (=

Studien zur deutschen Literatur; Bd, 58). S. 3.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd.; Auslassung S.W.

[11] Alfred Bäumler: Das Irrationalitätsproblem in der Ästhetik und Logik des 18. Jahrhunderts (1923). Neudruck.

Darmstadt, 1967. S. 146- 159 und 179- 187.

[12] Ebd., S. 147; Sperrdruck A.B.; Auslassung S.W.

[13] Ebd.

[14] Ebd., S. 149; Veränderung S.W.

[15] Es ist jedoch durchaus denkbar, dass sich diese Bedeutungsverschiebung aus dem umgangssprachlichen Gebrauch von ‚Witz‘ heraus entwickelt hat und darum sich darum auf die sozusagen wissenschaftlichen

Schriften der Philosophen wie Wolff aus der Mitte des 18. Jahrhunderts noch nicht ausgewirkt hat.

[16] Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. Nach der Ausgabe von Norbert Miller hrsg., textkrit. durchges. Und eingel.

Von Wolfhart Henckmann. Hamburg: Meiner, 1990. (= Philosophische Bibliothek; Bd. 425). S. 25.

[17] Ebd.

[18] Henckmann: Einleitung. S. XLIII

Details

Seiten
22
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638362870
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v36752
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,3
Schlagworte
Witz-Begriff Jean Pauls Vorschule Zwischen Klassik Romantik Paul

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